Wasserburg (Bodensee)

Wasserburg und seine Kirche werden in einer Urkunde aus dem Jahr 784 (oder 787) erstmals schriftlich erwähnt. Der hübsche Zwiebelturm der Kirche, der heute das Bild von Wasserburg prägt, stammt aus dem Jahr 1656. (2016)
Blick von der Anlegestelle der Bodenseeschiffe Richtung Pfarrhaus und Kirche. Von hier aus lässt sich der im 18. Jahrhundert verlorengegangene Inselcharakter von Wasserburg noch nachvollziehen. (2016)
Obwohl aufgrund eines Dachstockbrandes im Jahr 1815 nicht mehr alle Ausstattungsteile zeitgenössisch sind, macht die Wasserburger Kirche immer noch einen sehr barocken Gesamteindruck. (2014)
Das Deckengemälde im südlichen Seitenschiff zeigt die Evakuierung der St.Galler Greise und Kinder vor dem Ungarneinfall von 926. Motto: »Als die Hunnen drohten mit Feuer und Schwert – nahm die Flüchtlinge auf Abt Engelbert.« (2016)
Das Bild der Auferstehung Christi am barocken Hochaltar stammt von den Gebrüdern Haugg aus Ottobeuren. Es ersetzte 1920 das ursprüngliche Gemälde des Kirchenpatrons Georg, woran noch die Inschrift »Hl. Georg, bitte für uns« erinnert. (2016)
Noch aus der Barockzeit stammen die beiden lebensgroßen Figuren am Hochaltar, die auf die jahrhundertelange Verbindung Wasserburgs mit dem Kloster St.Gallen hinweisen. Auf der linken Altarseite steht Sankt Gallus mit dem Bär. (2016)
Auf der rechten Seite des Hochaltars ist die Figur von Sankt Otmar mit Abtsstab und Weinlägel zu sehen. Das Kloster St.Gallen war noch bis zu seiner Auflösung Patronatsherr der Wasserburger Kirche. (2016)
Die Nordseite des Kirchturms ziert ein Bild von Sankt Georg, dem Patron der Wasserburger Kirche. Noch bis ins 18. Jahrhundert erscheint Sankt Gallus als Mitpatron des Drachentöters. (2016)
Am Hafenquai erinnert eine Wappenskulptur an die vielen weltlichen Herren, die Wasserburg in seiner langen Geschichte erlebte. Unter dem aktuellen Wasserburger Wappen sind hier die Wappen des Klosters St.Gallen und der Herren von Kißlegg zu sehen. (2014)
An den Säulen im Langhaus der Wasserburger Kirche erinnern Inschriften an die ›Seegfrörnen‹, bei denen der Bodensee mit einer dicken Eisschicht bedeckt war. Letztmals war der Bodensee 1963 vollständig zugefroren. (2016)

Wasserburg am Bodensee war bis im 18. Jahrhundert eine Insel. Erst um das Jahr 1720 hat man sie durch einen Damm mit dem Festland verbunden. Dieser Damm wurde in der Folge mehr und mehr aufgeschüttet, und aus der einstigen Insel entstand die heutige Halbinsel.

Wasserburg hatte eine große Bedeutung für das Kloster St.Gallen und war schon früh dessen wichtigster Verbindungsort am nördlichen Bodenseeufer. Als im Jahr 926 ein ungarisches Reiterheer in St.Gallen einfiel und das Kloster verwüstete, ließ Abt Engilbert Greise und Kinder in Wasserburg in Sicherheit bringen. Die befestigte Insel war für die auf den Kampf zu Pferd spezialisierten Ungarn nicht einnehmbar. Die Evakuierung St.Gallens konnte dank der Warnung der heiligen Wiborada gerade noch rechtzeitig erfolgen, und Abt Engilbert gab den Flüchtenden genügend Nahrungsvorräte mit, damit sie selbst eine längere Belagerung überstanden hätten. So berichtet uns Ekkehard IV. im 51. Kapitel seiner Casus Sancti Galli.

Wasserburg und seine Kirche werden bereits im Jahr 784 (nach anderer Datumsberechnung: 787) erstmals schriftlich erwähnt. Ein gewisser Craman, der von seinen Mitmenschen offenbar auch Paio genannt wurde, ließ damals eine Urkunde ausfertigen, in der er die Freilassung seiner Hörigen Liupnia und ihrer zwei Töchter Sikifrit und Rotni bestätigte und von Zeugen beglaubigen ließ. Die Freigelassenen sollten künftig niemandem mehr einen Dienst oder eine Abgabe schuldig sein – außer der Kirche von Wasserburg, der die Frauen jährlich einen kleinen Zins zu entrichten hatten. Craman verbesserte damit nicht nur die rechtliche Stellung Liupnias und ihrer Töchter, sondern auch die Einnahmen der Kirche von Wasserburg.

Die Urkunde von 784/787 nennt Sankt Gallus und Sankt Georg als Patrone der Wasserburger Kirche. Diese war möglicherweise schon damals eine St.Galler Eigenkirche. Der Einfluss des Klosters St.Gallen in Wasserburg und Umgebung dürfte schon bald nach dem Tod des Gründerabts Otmar (†759) eingesetzt haben; wichtige lokale Gönner stammten aus der adligen Familie der Patachinger. Im Gegenzug leistete das Kloster einen zentralen Beitrag an die Pfarrorganisation am nördlichen Bodenseeufer. Dazu gehörte auch die Verantwortung für die Pfarrkirche von Wasserburg, deren Dotierung im 8. Jahrhundert offenbar immer noch im Gang war. Jedenfalls werden ihr noch in weiteren Urkunden Güter bzw. Zinsen zugedacht : so am 12. Juni 794/797 von einem gewissen Waltafrid, am 9. Juni 798 von einem Rihart und am 23./24. Juni 798/799 von einem Reginbold.

Diese Dotierungsurkunden werden bis heute im St.Galler Stiftsarchiv gehütet. Sie führen uns die Rolle vor Augen, die das Kloster beim Aufbau und der Aufrechterhaltung einer wohlorganisierten und flächendeckenden Seelsorge am nördlichen Bodenseeufer spielte. Wir dürfen zwar nicht davon ausgehen, dass bereits der Bau der ersten Kirche in Wasserburg auf die Initiative des Klosters St.Gallen zurückgeht. Das Georgspatrozinium weist eher auf eine noch ältere Gründung hin. Doch erst mit der Übergabe in die klösterliche Obhut entwickelte sich das Wasserburger Gotteshaus zur eigentlichen ›Pfarrkirche‹, in der die gesamte Bevölkerung der Umgebung seelsorgerische Betreuung fand. Die materiellen Mittel, die dazu nötig waren, steuerten Privatpersonen wie Liupina, Waltafrid, Rihart und andere bei. Dem Kloster St.Gallen kam die Aufgabe zu, die gestifteten Güter langfristig zu sichern und ihre Erträge für die Seelsorge und den Gottesdienst in Wasserburg einzusetzen.

Seine Verantwortung für die Wasserburger Kirche (aber auch seine Rechte) brachte das Kloster St.Gallen dadurch zum Ausdruck, dass es dem bisherigen Kirchenpatron Georg den heiligen Gallus beigesellte. Allerdings wird Sankt Gallus in der schriftlichen Überlieferung nicht Konsequent als Mitpatron der Wasserburger Kirche genannt. Vergessen ging er deshalb aber noch lange nicht. Noch im Jahr 1779 erscheint Sankt Gallus im offiziellen Schematismus der Diözese Konstanz als Mitpatron der Wasserburger Kirche. Heute wird zwar nur noch der heilige Georg erwähnt, doch ist man sich auf der Halbinsel der sankt-gallischen Vergangenheit noch wohl bewusst.

Weltliche Herren sah Wasserburg in seiner langen Geschichte viele. Die Herren von Kißlegg, die als Ministerialen im Dienste des Klosters St.Gallen standen, verkauften die Lehensherrschaft Wasserburg im Jahr 1280 um 500 Mark Silber an die Brüder Ulrich und Marquard von Schellenberg. Diese befestigten die Insel neu und errichteten darauf einen Turm. Unter Marquard III. von Schellenberg nahmen die Wasserburger 1358 einen Lindauer Schutzjuden gefangen, weil sie hofften, sich so von ihren hohen Schulden freipressen zu können. Diese Geiselnahme war allerdings ein großer Fehler, denn sie gab der Stadt Lindau einen ›legitimen‹ Grund, um Wasserburg anzugreifen und niederzubrennen. Die Schwächung der ›Konkurrenz‹ von der Nachbarinsel kam den Lindauern wohl gar nicht so ungelegen.

Marquart III. machte sich sofort an den Wiederaufbau. Doch stürzte er sich dadurch in solche Schulden, dass er Wasserburg 1374 an die Brüder Ulrich und Rudolf von Ebersberg verpfänden musste. Schon bald – 1386 – verkauften die Ebersberger die Herrschaft an Graf Heinrich von Montfort weiter, wozu der Abt von St.Gallen seine ausdrückliche Einwilligung gab. Zwei Jahre später inkorporierte der Konstanzer Bischof die Wasserburger Pfarrkirche dem Kloster St.Gallen. Er begründete diesen Schritt mit Unglück und Pest, die das Kloster in Not gebracht hätten. Das Kloster musste dem Montforter Grafen eine hohe Ablösesumme entrichten, die es erst 1461 vollständig begleichen konnte.

Im Jahr 1537 schenkte der St.Galler Abt Diethelm Blarer von Wartensee die Bauten der alten Feste Wasserburg dem Montforter Grafen Hugo XVI., und zwar aus Dankbarkeit für den diplomatischen Einsatz, den dieser zur Beendigung des Bauernkriegs am Bodensee geleistet hatte. Der Montforter ließ daraufhin auf den Fundamenten der alten Burg ein schönes Renaissanceschloss errichten. Doch schon seine Erben mussten die neue Residenz wieder verkaufen, und zwar an Jakob Fugger. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts verblieb Wasserburg nun im Besitz der Fugger. Als die Familie im 18. Jahrhundert zusehends in die Schulden geriet, spielte das Kloster St.Gallen mit dem Gedanken, die Herrschaft zu erwerben. Zur Finanzierung wurde ein Verkauf der Herrschaft Ebringen, ja sogar ein Aufschub des Neubaus der St.Galler Stiftskirche in Erwägung gezogen. Der Kauf kam aber nicht zustande. Nachdem 1750 ein Brand das Schloss stark beschädigt hatte, verkauften die Fugger die Herrschaft im Jahr 1755 an die Habsburger. 1805 kam Wasserburg zu Bayern.

In der Wasserburger Kirche wurden noch nie umfassende archäologische Untersuchungen gemacht. Von den Vorgängerbauten des heutigen Gotteshauses wissen wir deshalb nichts. Zu den ältesten erhaltenen Bauteilen gehört wahrscheinlich der massive Unterbau des Kirchturms, und der heutige Chor ist wohl noch ein Bestandteil jenes gotischen Baus, der zwischen 1396 und 1409 errichtet wurde. 1607 wurde das Langhaus vergrößert. Nachdem 1653 ein Blitzschlag den Kirchturm beschädigt hatte, entstand 1656 der heutige Zwiebelhelm. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das ganze Gotteshaus barockisiert. Ein Dachstockbrand machte 1815 eine umfassende Sanierung nötig, und 1919/20 entstanden anlässlich einer weiteren Renovierung die heutigen Deckengemälde, die Professor Otto Hämmerle ausführte.


Panorama
 
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Literatur

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Catalogus personarum ecclesiasticarum et locorum dioecesis Constantiensis, Konstanz 1769.

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Duft, Johannes, Klosterbruder Gabriel Looser. Sein Anteil an den Barockbauten des Stiftes St.Gallen, St.Gallen/Sigmaringen 1985 (Bibliotheca Sangallensis 8).

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Lenz, Philipp, Reichsabtei und Klosterreform. Das Kloster St.Gallen unter dem Pfleger und Abt Ulrich Rösch 1457-1491, St.Gallen 2014 (Monasterium Sancti Galli 6).

Oberholzer, Paul, Vom Eigenkirchenwesen zum Patronatsrecht. Leutkirchen des Klosters St.Gallen im Früh- und Hochmittelalter, St.Gallen 2002 (St.Galler Kultur und Geschichte 33).

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Späth, Willi; Kramer, Peter, Die Geschichte von Wasserburg am Bodensee. 784-1984, 1200 Jahre Wasserburg, Wasserburg 1983.

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Stuhler, Werner; Kramer, Peter, Wasserburg, Konstanz 1983.

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Stand: Dezember 2017