Weer

Bereits im 8. Jahrhundert wurde in Weer die erste Steinkirche errichtet. (2014)
1778–1781 erweiterten die Weerer ihre Kirche mit großem Aufwand. Nur Chor und Turm wurden vom bisherigen, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Bau übernommen. (2014)
Die im Rokoko-Stil eingerichtete Sankt Gallus-Kirche von Weer zählt mit gutem Grund zu den schönsten Landkirchen Tirols. (2014)
Der eindrückliche Hochaltar trägt ein Bild des heiligen Gallus, das von lebensgroßen Heiligenfiguren umrahmt wird. Ganz rechts die Statue des heiligen Kaisers Heinrich II., der in Weer eine besondere Verehrung genießt. (2014)
Über der gotischen Sakristeitür ist auf einem großen Gemälde die Glorie des heiligen Gallus dargestellt. Im unteren Abschnitt ist die Weerer Sankt Gallus-Kirche zu sehen, im Vordergrund der Bär. Das Bild stammt vom Schwazer Maler Johann Endfelder (1791–1864). (2018)
Das Fresko über dem Chor zeigt den Weerer Heiligenhimmel. Unter der Dreifaltigkeit sitzt die Gottesmutter, die von den Heiligen Gallus und Leonhard, Josef, Heinrich II. sowie den 14 Nothelfern umrahmt wird. (2014)
Das mittlere Deckenfresko zeigt die Heilung der besessenen Herzogstochter Fridiburga in Überlingen. (2014)
Das Fresko über der Empore zeigt den Glaubensboten Gallus. Links neben ihm ist eine gestürzte Götzenstatue zu sehen, während rechts ein Baumeister die Pläne für ein Gotteshaus präsentiert. (2014)
Schon in der Karolingerzeit wurden in Weer Tote bestattet. Die Totenkapelle auf dem heutigen Friedhof (im Vordergrund) wurde um das Jahr 1520 gebaut. (2014)
Die letzte große Kirchenrestaurierung wurde in den Jahren 1987–1992 durchgeführt. Im November 2013 konnte in Weer ein attraktives Kinder- und Pfarrzentrum eingeweiht werden. (2014)
Schlanke, spitz in den Himmel ragende Kirchtürme prägen das »heilige Land Tirol«. Jener von Weer ist 58 Meter hoch. Im Hintergrund die Kirche Sankt Peter auf Weerberg. (Bild: Erwin Weiss, Weer, 2014)

In Weer im Tiroler Unterinntal wurde bereits im 8. Jahrhundert die erste Steinkirche errichtet. Vielleicht gehörte sie als Eigenkirche zu einem großen Gutshof, vielleicht diente sie aber auch als Hospizkapelle, denn Weer liegt an einer alten Handels-, Heer- und Pilgerstraße. Lange Zeit war die Weerer Kirche eine Filiale der Inntaler Urpfarrei Kolsass; erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie selbständig.

Kirchenpatron von Weer ist Sankt Gallus. Die karolingische Kirche, deren Grundmauern bei archäologischen Grabungen im Jahr 1991 entdeckt wurden, dürfte allerdings noch ein anderes Patrozinium gehabt haben. Es ist jedenfalls kaum vorstellbar, dass schon im 8. Jahrhundert Gallusreliquien nach Weer gelangt sein könnten, hatte doch das Kloster St.Gallen damals keinerlei Einfluss oder Beziehungen in dieser Gegend. Das Galluspatrozinium dürfte eher auf das Benediktinerkloster St. Georgenberg (heute in Fiecht) zurückzuführen sein, dem die Pfarrei Kolsass – und damit auch die Filiale Weer – im Jahr 1265 inkorporiert wurde. Dieses im 10. Jahrhundert entstandene Kloster verfügte über einen enormen Reliquienschatz, darunter auch solche des heiligen Gallus, die möglicherweise um die Regierungszeit Kaiser Heinrichs IV. (1084–1105) nach St. Georgenberg gelangten.

Die Archäologen und Bauforscher konnten anlässlich der Ausgrabungen von 1991 insgesamt sechs Bauphasen der Weerer Kirche nachweisen. Die älteste Steinkirche aus dem 8. Jahrhundert (Phase 1) wurde – wohl nach einem Brand – im 10. Jahrhundert renoviert (Phase 2). Im 12. Jahrhundert entstand über dem frühmittelalterlichen Bau eine vollständig neue, romanische Kirche (Phase 3). Diese wurde im 14. Jahrhundert wieder vollständig abgetragen und durch einen neuen, fast doppelt so großen gotischen Bau ersetzt (Phase 4). Im Rahmen dieses Neubaus, der bereits in die St. Georgenberger Zeit fällt, könnte auch der Patrozinienwechsel zu Sankt Gallus stattgefunden haben.

Im 15. Jahrhundert nahm die Bevölkerung von Weer zu, und das Dorf gelangte zu einem gewissen Wohlstand. Am Weerbach entstanden zahlreiche Schmelzhütten, in denen das im nahe gelegenen Schwaz abgebaute Silber verhüttet wurde. Mit dem Dorf entwickelte sich auch die geistliche Versorgung der Bevölkerung. Weer erhielt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wichtige kirchliche Privilegien zugesprochen, 1491 beispielsweise einen eigenen Kaplan. Dieser durfte an jedem dritten Sonntag eine Messe in der Sankt Gallus-Kirche feiern, an den übrigen Sonntagen mussten die Weerer den Gottesdienst aber weiterhin in der Pfarrkirche von Kolsass besuchen. Mit der Errichtung der Kaplanei gingen erneute Bautätigkeiten an der Weerer Sankt Gallus-Kirche einher. Um 1500 entstanden ein neuer Chor und ein neuer, hoher Turm (Phase 5), die bis heute erhalten geblieben sind.

Die letzte Bauphase (6) nahmen die Weerer 1778 in Angriff. Dabei bauten Sie ihre Sankt Gallus-Kirche praktisch neu auf, nur der Chorbereich sowie der Kirchturm aus der Zeit um 1500 wurden übernommen. Die Bevölkerung scheute weder Mühe noch Kosten. Das neue Gotteshaus erhielt eine prächtige Rokoko-Ausstattung, die uns auch heute noch in ehrfürchtiges Staunen versetzt. Die Altarblätter und Fresken, die aus dem Leben des Kirchenpatrons Gallus erzählen, stammen vom Reuttener Maler Franz Anton Zeiller (1716–1794). Am 5. Juli 1781 weihte der Fürsterzbischof von Brixen, Joseph Graf von Spaur, die neue Weerer Sankt Gallus-Kirche.

Sowohl im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg verlor das Gotteshaus seine Glocken. Sie wurden abtransportiert und eingeschmolzen. Wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprengten amerikanische Truppen bei Weer eine Tonne Dynamit. Ziel dieser Aktion war es, den gefährlichen Sprengstoff unschädlich zu machen, doch richtete die gewaltige Detonation an der Kirche ziemlichen Schaden an: Fenster, Dach und Fresken wurden teilweise stark beschädigt.

Nach dem Krieg wurde Weer, das seit frühester Zeit zur Pfarrei Kolsass gehört hatte, zur selbständigen Pfarrei erhoben. Seit 1954 ist die Sankt Gallus-Kirche von Weer eine Pfarrkirche. 1987–1992 wurde das Gotteshaus umfassend restauriert, wobei auch archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen durchgeführt wurden. Diese brachten das unerwartet hohe Alter der Kirche an den Tag.


Panorama
 
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Film

Erwin Weiss hat einen Film über die Sankt Gallus-Kirche von Weer ins Internet gestellt und den Link mit sanktgallus.net geteilt:

Literatur

Festschrift zum Abschluß der Renovierung der Pfarrkirche zum hl. Gallus in Weer. Ein Führer zur Baugeschichte und zu den Kunstwerken der Kirche, [Weer] [1992].

Bayerische Benediktinerakademie (Hg.), 50 Jahre Benediktinerabtei St. Georgenberg Fiecht. 1138-1988, St. Ottilien 1987 (Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner Ordens und seiner Zweige Ergänzungsband 31).

Caramelle, Franz, Die Restaurierung der Pfarrkirche von Weer – eine denkmalpflegerische Aufgabe, in: Festschrift zum Abschluß der Renovierung der Pfarrkirche zum hl. Gallus in Weer. Ein Führer zur Baugeschichte und zu den Kunstwerken der Kirche, [Weer] [1992], S. 27–29.

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Fink, Hans, Die Kirchenpatrozinien Tirols. Ein Beitrag zur tirolisch-deutschen Kulturgeschichte, Passau 1928.

Harb, Rudolf, Zur Geschichte der Galluskirche in Weer, in: Festschrift zum Abschluß der Renovierung der Pfarrkirche zum hl. Gallus in Weer. Ein Führer zur Baugeschichte und zu den Kunstwerken der Kirche, [Weer] [1992], S. 10–20.

Harb, Rudolf, Pfarrkirche zum hl. Gallus in Weer, Salzburg 1995 (Christliche Kunststätten Österreichs 264).

Herschl, Benedict, Athos Georgianus, Oenipons 1652.

Institut für österreichische Kunstforschung des Bundesdenkmalamtes, Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs, Tirol, Wien 2009.

Naupp, Thomas, Zur Geschichte der Wallfahrt nach Sankt Georgenberg, in: Gert Ammann, Günther Dankl (Hg.), Heiltum und Wallfahrt. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1988. Prämonstratenserstift Witten und Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht, Innsbruck 1988, S. 94–105.

Naupp, Thomas; Pinggera, Gerd-Klaus (Hg.), Stiftsmuseum Fiecht. Dokumente zur Geschichte von St. Georgenberg-Fiecht, Fiecht 1988.

Pockstaller, Pirmin, Chronik der Benediktier-Abtei St.Georgenberg nun Fiecht in Tirol, Innsbruck 1874.

Schlichtherle, Hermann, Renovierungsbericht, in: Festschrift zum Abschluß der Renovierung der Pfarrkirche zum hl. Gallus in Weer. Ein Führer zur Baugeschichte und zu den Kunstwerken der Kirche, [Weer] [1992], S. 21–25.

Sydow, Wilhelm, Archäologische Untersuchungen in der Pfarrkirche von Weer in Tirol, in: Festschrift zum Abschluß der Renovierung der Pfarrkirche zum hl. Gallus in Weer. Ein Führer zur Baugeschichte und zu den Kunstwerken der Kirche, [Weer] [1992], S. 4–9.

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Stand: Dezember 2017