Kirchzarten

Die Sankt Gallus-Kirche von Kirchzarten bildete seit dem Frühmittelalter das Zentrum der Großpfarrei Zarten. Das Kloster St.Gallen kümmerte sich um die Seelsorge im weit entfernten Dreisamtal. (2014)
Kirchzarten blieb auch nach dem Ende der St.Galler Herrschaft Zentrumsort im Dreisamtal. ›Die Talvogtei‹, hervorgegangen aus dem St.Galler Dinghof, ist heute Sitz der Gemeindeverwaltung und ein beliebtes Kulturzentrum. (2015)
Der Turm der Kirchzartener Sankt Gallus-Kirche geht in seinen ältesten Bauteilen wohl ins 11. Jahrhundert zurück. Das obere Glockengeschoß entstand kurz nach 1500, gleichzeitig mit dem gotischen Chor. (2014)
1934 wurden bei Renovierungsarbeiten an der Nordwand des Langhauses kleine romanische Rundbogenfenster entdeckt. Eines von ihnen wurde freigelegt. (2015)
Der Kirchzartener Hochaltar ist ein Werk des einheimischen Bildhauers Franz Hauser und des Schreiners Michael Münzer. Er stammt aus dem Jahr 1683 und ist der einzige größere Altar aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der sich im Breisgau erhalten hat. (2014)
Die Seitenaltäre im Rokoko-Stil stammen von Franz Anton Xaver Hauser, dem Sohn des vorhin genannten Franz Hauser. Sie sind inspiriert von den Arbeiten des berühmten Freiburger Architekten, Malers und Bildhauers Johann Christian Wenzinger, des Erschaffers der St.Galler Stiftskirche. (2014)
Die Chorfenster stammen aus den 1960er Jahren. Jenes auf der linken Seite zeigt Szenen aus dem Leben des hl. Gallus: Gallus als Schüler Columbans; Abschied von Irland; Begegnung mit dem Bären; Heilung der Fridiburga; Gebet und Arbeit; Gallus auf dem Sterbelager (von unten links im Gegenurzeigersinn). (2015)
Das Oberbild des Hochaltars zeigt Sankt Gallus mit Abtsstab, Buch und Bär. Links im Hintergrund ist die Kirchzartener ›Talvogtei‹ abgebildet, ein Hinweis auf die historische Bedeutung der Gemeinde und ihre Verbindung zu St.Gallen. (2014)
Während mehr als 500 Jahren hat sich der Benediktinerorden um die Seelsorge im Dreisamtal gekümmert. Daran erinnern die Statuen der Benediktinerheiligen Benedikt, Gallus und Scholastika auf der rechten Seite des Kirchenschiffs. (2014)
Schon während der St.Galler Herrschaft im Dreisamtal waren die Herren von Falkenstein Lehensträger des Dinghofs zu Kirchzarten. Von Kuno von Falkenstein († 1343), der in der St.Gallus-Kirche von Kirchzarten seine Ruhestätte fand, berichtet eine herrliche Sage. (2015)
Blick von Westen; links die ›Talvogtei‹. Obwohl die Bevölkerung heute stark nach Freiburg orientiert ist, erfreut sich Kirchzarten immer noch einer lebendigen Dorfkultur. (2014)

Kirchzarten liegt im Dreisamtal, das sich östlich von Freiburg im Breisgau in den Schwarzwald hinein erstreckt. Die fruchtbare und breite Tallandschaft – das ›Zartener Becken‹ – liegt etwa 380 Meter über dem Meeresspiegel. Daneben erhebt sich das Gelände bis zu den höchsten Gipfeln des Schwarzwalds: Feldberg (1493 m ü. M.), Schauinsland (1284 m ü. M.) und Kandel (1241 m ü. M.).

Die Sankt Gallus-Kirche von Kirchzarten verbindet eine enge Beziehung mit dem Kloster St.Gallen. Bereits im Jahr 765 schenkte ein gewisser Drutbert dem Kloster seine Besitzungen im Dorf und in der Mark Zarten, welche damals das gesamte Einzugsgebiet der Dreisam umfasst haben dürfte. Weitere Schenkungen folgten und bescherten dem Kloster schöne Einnahmen.

Die Mönche von St.Gallen kümmerten sich im Gegenzug um die Pfarreiorganisation in der Zartener Mark. Sie gaben der Pfarrkirche, die zum spirituellen Zentrum der Region wurde, einen prominenten Patron: den heiligen Gallus. Der Einfluss des aufstrebenden Gallusklosters im Dreisamtal sollte in diesem Gotteshaus sinnfällig werden. Mit ihren Maßen von über 25 x 10 m übertraf sie andere Dorfkirchen um das Doppelte.

Für den Pfarrort der Mark Zarten setzte sich nun der Name ›Kirchzarten‹ durch (1125 erstmals urkundlich erwähnt). Kirchzarten entwickelte sich nicht nur zum kirchlichen Mittelpunkt, sondern auch zum Verwaltungszentrum des Dreisamtals. Das Kloster St.Gallen errichtete hier einen Dinghof zur Verwaltung seiner Güter in der Region. Auch der Landausbau im damals noch kaum besiedelten Schwarzwald dürfte von hier aus Impulse erhalten haben. Im Hochmittelalter führte das Kloster den Kirchzartener Dinghof allerdings nicht mehr selber, sondern verlehnte ihn an weltliche Personen. Seit dem 13. Jahrhundert sind die Herren von Falkenstein als Lehensträger nachweisbar.

Über 500 Jahre dauerte die Herrschaft des Klosters St.Gallen im Dreisamtal. Im Jahr 1297 sah sich Abt Wilhelm von Montfort jedoch gezwungen, zur Linderung der Schulden, die damals auf seinem Kloster lasteten, diesen weit entfernten Besitz abzustoßen. Um 125 Mark verkaufte er sämtliche Herrschaftsrechte an das Johanniterhaus in Freiburg.

Die kirchliche Sorge für Kirchzarten verblieb nunmehr für ein weiteres halbes Jahrtausend beim Johanniterorden. Die weltliche Herrschaft ging 1491/96 an die Stadt Freiburg über, die den bisherigen, aus dem St.Galler Dinghof hervorgegangenen Verwaltungssitz von Kirchzarten in ein stattliches Wasserschloss verwandelte und zur Residenz des Freiburger Talvogts machte.

Die Bausubstanz der Kirchzartener Pfarrkirche reicht teilweise bis in die Zeit der St.Galler Herrschaft zurück, nämlich die unteren Geschosse des Kirchturms (um 1100 bzw. um 1200) sowie Teile der Nordmauer des Langhauses, wo bei Renovierungsarbeiten in den 1930er Jahren romanische Rundbogenfenster zum Vorschein kamen. Entscheidende Erweiterungen erfuhr die Kirche im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts (Errichtung des gotischen Chors, Verbreiterung des Kirchenschiffs) sowie in den Jahren 1670/71 (Verlängerung des Kirchenschiffs). Im 18. Jahrhundert wurde der Innenraum im barocken Stil umgestaltet und erhielt weitgehend sein heutiges Aussehen.


Panorama
 
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Literatur

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Stand: Dezember 2017