Grünkraut

Von der ersten Kirche von Grünkraut ist zwar nichts mehr zu sehen, ihr Alter könnte jedoch durchaus noch vor das Jahr 1000 zurückreichen. Wer die Kirche gegründet hat, ist unklar. In Betracht zu ziehen ist vor allem das Adelsgeschlecht der Udalrichinger. Aber auch eine Beteiligung des Klosters St.Gallen ist nicht ausgeschlossen. (2015)
Verschiedene Epochen bauten an der Kirche Sankt Gallus und Nikolaus von Grünkraut. Der gotische Chor stammt aus dem Spätmittelalter, der obere Teil des Turms aus der Zeit nach 1685. Das Langhaus wurde 1844 errichtet. (2014)
Der großzügige Kirchhof wurde 1844 angelegt und zusammen mit der erweiterten Pfarrkirche geweiht. (2014)
1970 wurde der Innenraum der Kirche an die Bestimmungen der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils angepasst. Das Aussehen des Kirchenraums veränderte sich dadurch grundlegend. (2014)
Die Deckengemälde im Chor stellen die beiden Grünkrauter Kirchenpatrone Sankt Gallus (rechts) und Sankt Nikolaus dar. Sie stammen aus der Zeit der Errichtung der spätgotischen Pfarrkirche in den 1480er-Jahren. (2015)
Die Figur des heiligen Gallus zierte einst den Hochaltar der Grünkrauter Kirche. Nach dessen Ausbau im Jahr 1970 fand sie an der linken Langhauswand einen Platz. (2014)
Nachdem die Grünkrauter Kirche 1896 vier neue Bronzeglocken erhalten hatte, mussten bereits 1916 drei davon für Kriegszwecke abgegeben werden. 1922 konnte das Geläut dann wieder vervollständigt werden. (2014)
Die 1922 gegossenen Glocken waren aus wirtschaftlichen Gründen nicht aus Bronze, sondern aus Gusseisen. Das bewahrte sie 1942 vor einem erneuten Abtransport für Kriegszwecke. (2014)
Ensemble von Kirche und Pfarrhaus. Lange Zeit bestand der Kirchort Grünkraut lediglich aus Kirche, Pfarrhaus, Mesnergut und Widumshof. Die Pfarrgenossen lebten in der Umgebung auf Höfen und in Weilern. (2014)
Heute ist Grünkraut eine attraktive Wohngemeinde mit einem guten Angebot für Familien. (2014)

Am 18. Mai 834 überließ ein gewisser Engilbert dem Kloster St.Gallen seinen Besitz in Engilbertisriuti und ließ darüber eine feierliche Urkunde ausstellen. Seine Schenkung knüpfte er an die Bedingung, dass ihm das Kloster die Güter gegen einen jährlichen Zins zurückverleihen und sie zu den gleichen Konditionen auch einem allfälligen Erben überlassen müsse. Der Ortsname Engilbertisriuti hat sich im Laufe der Jahrhunderte zu Engilsreute verkürzt, was sich leichter aussprechen lässt. Engilsreute ist heute ein Ortsteil der oberschwäbischen Gemeinde Grünkraut.

Die Schenkung des Engilbert ist die einzige Kunde, die wir aus frühmittelalterlicher Zeit aus dem Gemeindegebiet von Grünkraut besitzen. Grünechrut selbst wird erst im 13. Jahrhundert (1236) erstmals schriftlich fassbar. Der Ort dürfte damals bereits eine Kirche und einen Priester (rector ecclesiae) besessen haben. Der Kirchenheilige – Sankt Gallus – erscheint zwar erst später in der Überlieferung, dürfte aber durchaus der ursprüngliche Patron von Grünkraut sein.

Wann aber wurde die Kirche von Grünkraut errichtet? Das lässt sich nicht genau bestimmen. Wir dürfen aus dem Galluspatrozinium nicht automatisch schließen, dass die Kirche um das Jahr 800 vom Kloster St.Gallen gegründet wurde – auch wenn uns diese Meinung in der älteren Literatur bisweilen begegnet. Es ist fraglich, ob der Einfluss des Klosters in Grünkraut groß genug war, um hier eine Kirche zu errichten. Frühmittelalterlicher Grundbesitz des Klosters St.Gallen ist, wie wir gesehen haben, jedenfalls nur im Ortsteil Engilsreute belegt.

Der Liber taxationis des Bistums Konstanz aus dem Jahr 1353 nennt als Patronatsherren der Grünkrauter Kirche die Grafen in Bregenz. Sie bzw. ihre Vorfahren, die Udalrichinger, kommen als Gründer der Grünkrauter Kirche genauso in Betracht wie das Kloster St.Gallen, ja vielleicht sogar noch eher. Die Udalrichinger waren im Argengau, zu dem Grünkraut damals gehörte, sehr aktiv und übten hier wiederholt das Grafenamt aus. Ihr Verhältnis zum Kloster St.Gallen war zwar nicht immer ungetrübt. Doch in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts waren die Verbindungen sehr eng, ja sogar familiär: Ulrich (VI.), der erste in Bregenz residierende Graf aus dem Geschlecht der Udalrichinger, war ein Bruder des St.Galler Abts Purchart (958–971). Diese Verbindung zum Kloster St.Gallen könnte die ausgesprochene Verehrung des heiligen Gallus durch die Udalrichinger/Grafen von Bregenz erklären und nicht nur der Grund für das Galluspatrozinium in Grünkraut, sondern auch weiterer Gotteshäuser in der Region (Bregenz, Gestratz, Tettnang) sein.

Über den Abt Puchart – der möglicherweise die Reliquien zur Verfügung stellte – wäre das Kloster St.Gallen dann also doch an der Gründung der Grünkrauter Kirche beteiligt gewesen, auch wenn diese wohl als Eigenkirche der Udalrichinger und nicht des Klosters St.Gallen errichtet wurde. Die Stiftung des Gotteshauses wäre demnach zwar nicht bereits um 800, aber vielleicht doch noch vor Ende des ersten Jahrtausends anzusetzen.

Über das älteste Gotteshaus von Grünkraut gibt es keine archäologischen Befunde. Schriftliche Quellen unterrichten uns darüber, dass die Pfarrkirche 1480 stark baufällig oder vielleicht sogar ganz zerstört war. Jedenfalls wird sie damals in einem Verzeichnis des Bistums Konstanz als ruinosa bezeichnet. Weil auch ihre Altäre zerstört waren, musste das Messopfer außerhalb der Kirche auf einem Tragaltar gefeiert werden. Ende 1482 konnte der Gottesdienst wieder in der Kirche stattfinden.

Der Chor des 1480–82 neu errichteten Gotteshauses besteht bis heute. Er ist der Stolz der Grünkrauter Sankt Gallus-Kirche, die einst eine der schönsten weit und breit gewesen sein soll, – bis sie 1632 von den Schweden niedergebrannt wurde. Im Jahr 1685 zerstörte erneut ein Brand die Kirche. Ein unvorsichtiger Bauer hatte in seinem Garten ein Feuer entfacht, das auf die Kirche, den Pfarrhof, das Mesnerhaus und den eigenen Hof übergriff und fünf Menschen tötete. Nach dieser wiederholten Katastrophe musste der obere Teil des Kirchturms abgetragen werden und erhielt in der Folge sein heutiges Aussehen.

Im Jahr 1560 hatte das Kloster Weißenau das Patronatsrecht der Grünkrauter Kirche erworben; die Pfarrei wurde dem Kloster inkorporiert. Fast ein Vierteljahrtausend lang stellten jetzt Klostergeistliche die Seelsorge sicher. Die Säkularisierung von Weißenau im Jahr 1803 brachte auch für Grünkraut große Veränderungen, obschon der Gemeinde der letzte aus dem Kloster stammende Geistliche noch bis 1834 erhalten blieb: Pfarrer Johannes Bezet. Dieser war wesentlich am Aufbau einer neuen Pfarreiverwaltung beteiligt, wie sie die neue württembergische Regierung nach evangelischem Vorbild jetzt auch den Katholiken vorschrieb.

Die Pfarrei Grünkraut zählte 1832 schon fast 1000 Seelen, Tendenz steigend. Die Kirche war zu klein für die Gemeinde und darüber hinaus in einem schlechten Zustand. Doch der Oberkirchenrat in Stuttgart bewilligte eine Vergrößerung der Grünkrauter Kirche erst nach zehnjährigem Ringen. Das Kirchenschiff wurde abgebrochen. Um größere Unkosten zu vermeiden, mussten Chor und Kirchturm aber stehen bleiben. Auch die alten Altäre, Bilder und die Kanzel wurden wieder verwendet. 1844 konnte die erweiterte Kirche samt neuem Friedhof geweiht werden.

Größere Innenrenovierungen erfuhr die Grünkrauter Sankt Gallus-Kirche, die wahrscheinlich seit dem Neubau von 1480/82 Sankt Nikolaus als Kompatron hat, in den Jahren 1930 und 1970. Die Renovierung von 1970 brachte große Veränderungen, da auf Geheiß des Denkmalamts und der Diözese alle Altäre, Bilder, die Kommunionbank sowie viele Statuen entfernt werden mussten. Die Purifizierung der Kirche und ihre Anpassung an die vom Zweiten Vatikanischen Konzil reformierte katholische Liturgie wurden von der Mehrheit der Grünkrauter Pfarreimitglieder als ›Bildersturm‹ empfunden. Der 1970 ausgebaute Hochaltar wurde 1996 für 35 Jahre an die Kirche von Ehingen Altseußlingen verliehen.


Panorama
 
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Literatur

Catalogus personarum ecclesiasticarum et locorum dioecesis Constantiensis, Konstanz 1755.

Catalogus personarum ecclesiasticarum et locorum dioecesis Constantiensis, Konstanz 1769.

Birlinger, Anton, Die Sprache des Rotweiler Stadtrechtes, in: Sitzungsberichte der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München Anhang (1865), S. 1–72.

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Fox, Wilhelm, Zur Geschichte der Reichsabtei Weißenau, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 43 (1914), S. 25–38.

Gemeinde Grünkraut (Hg.), Heimatbuch Grünkraut. Von Gruonencrut bis Grünkraut, Biberach 2008.

Haid, Wendelin, Liber decimationis cleri Constanciensis pro Papa de anno 1275, in: Freiburger Diözesanarchiv 1 (1865), S. 1–303.

Hoffmann, Gustav, Kirchenheilige in Württemberg, Stuttgart 1932 (Darstellungen aus der Württembergischen Geschichte 23).

Sambeth, J. G., Das Landkapitel Ailingen-Theuringen der ehemaligen Konstanzer und das Landkapitel Tettnang der jetzigen Rottenburger Diözese, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 15 (1886), S. 43–102.

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

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Stand: Dezember 2017