Die Bauernhöfe im weitläufigen ›Oberwald‹ gehören seit alters zu Waldkirch. Nachdem die Gemeinde hier ein Schulhaus hatte errichten lassen, um den Kindern den langen Schulweg ins Dorf zu ersparen, kam auch der Wunsch nach einer eigenen Kapelle auf. Die Bewohner aus dem Gebiet von Oberwald verabschiedeten am 20. Mai 1885 ein Bauprojekt und gründeten eine Kapellkommission, wobei sie von Adolph Fäh, dem damaligen Kaplan von Waldkirch, tatkräftige Unterstützung erhielten.
Vor Baubeginn waren noch etliche Hürden zu überwinden – nicht nur die umstrittene Frage nach dem Bauplatz für die Kapelle, die schließlich unmittelbar neben dem Schulhaus beim Weiler Obergrimm errichtet wurde. Es galt auch die Finanzierung sowie den langfristigen Unterhalt des Gotteshauses zu sichern. Die Sammlung von freiwilligen Beiträgen für den Bau startete erfreulich, und die Kirchgemeinde Waldkirch (zu der Oberwald weiterhin gehörte) stimmte dem künftigen Unterhalt der Kapelle zu. Der Kaplan von Waldkirch sollte dort in Zukunft wöchentlich eine Messe lesen, wofür ihm die Kirchgemeinde eine Lohnerhöhung in Aussicht stellte.
Der Administrationsrat (die Oberbehörde der St.Galler Katholiken) stellte seine Zustimmung jedoch unter die Bedingung, dass noch mehr Kapital für die Errichtung der Kapelle gesammelt werde. Die vom Architekten veranschlagten Kosten erschienen der Behörde als zu niedrig bemessen, eine Befürchtung, die sich bewahrheiten sollte. Der Kapellbau kostete fast doppelt so viel wie ursprünglich geplant, konnte aber dank der Hilfe von Privaten und zahlreichen Kirchgemeinden der Region dennoch finanziert werden.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 20. Juni 1886. Die Pläne für das Gotteshaus lieferte Architekt Studerus aus Augsburg, der wenig später auch die Wallfahrtskirche St. Pelagiberg errichten sollte. Am 11. September 1887 weihte der Pfarrer von Waldkirch, Theodor Angehrn, die Kapelle Oberwald im Auftrag des St.Galler Bischofs Augustinus Egger ein. Das erste Messopfer durfte Kaplan Adolph Fäh feiern. Zum Patron erhielt die Kapelle den heiligen Landesvater Gallus, dessen Verehrung das Bistum St.Gallen damals sehr propagierte. Um aber auch die Gottesmutter gebührend zu berücksichtigen, erhielt die Kapelle zusätzlich den Titel ›Maria-Hilf‹.
Die im neugotischen Stil errichtete Kapelle im Oberwald wurde 1889, nachdem das Mauerwerk getrocknet war und die Kapellkommission das nötige Geld gesammelt hatte, von Kunstmaler Josef Eichholzer aus Bazenheid ausgemalt. Das Bildprogramm hatte Adolph Fäh, der unermüdliche Spiritus Rector des Gotteshauses, konzipiert. Um Patron und Titel der ›Sankt Gallus-Kapelle Maria-Hilf‹ gerecht zu werden, stellten die Gemälde die Marienverehrung im Kloster St.Gallen von seiner Gründung bis zur Aufhebung dar. Dieser für die St.Galler Kultur- und Frömmigkeitsgeschichte des 19. Jahrhunderts sehr aufschlussreiche Bilderzyklus wurde allerdings 1946 wieder entfernt, die ursprüngliche Gipsdecke durch eine Holzdecke ersetzt. Die künstlerische Neugestaltung der Kapelle war damals dem St.Galler August Wanner anvertraut, der eine recht schlichte Ausstattung mit Glasfenstern der St.Galler Heiligen und einem Chorgemälde einer Schutzmantelmadonna schuf. Im Jahr 1977 fiel dann auch noch der ursprüngliche, neugotische Altar einer Renovierung, bei der die Kapelle der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils angepasst wurde, zum Opfer. Außensanierungen der Kapelle fanden 1931 und 2002 statt.
Seit 1978 wird im Oberwald keine Schule mehr gehalten. Heute holt ein Schulbus die Kinder der Höfe und Weiler ab. In der Sankt Gallus-Kapelle Maria-Hilf finden zwar nicht mehr wöchentlich, aber doch noch regelmäßig Eucharistiefeiern statt.