Ekkehards Casus Sancti Galli

Ekkehard IV. war ein bedeutender Mönch des Klosters St.Gallen und ein begnadeter Dichter. Er verfasste nach 1035 seine Casus Sancti Galli, die an die gleichnamige Klosterchronik des Mönchs Ratpert (um 855−um 911) anschließt. Ekkehards »Klostergeschichten« behandeln die Geschicke der Abtei St.Gallen zwischen 870 und 972. Obwohl die Erzählungen historisch nicht immer ganz zuverlässig sind, so enthalten sie doch etliche spannende Informationen, die für die Erforschung der Galluspatrozinien nützlich sind.

Die folgende vollständige Übersetzung von Ekkehards Casus Sancti Galli folgt der Übersetzung von Gerold Meyer von Knonau († 1931): G. Meyer von Knonau, Ekkeharts IV. Casus Sancti Galli nebst Proben aus den übrigen lateinisch geschriebenen Abtheilungen der St. Galler Klosterchronik, in Geschschr. dt. Vorz., 38 (1925, 3. Aufl.)


Inhalt

1. Salomons Laufbahn.
2. Marcus und Moengal; die Schulen.
3. Salomon als frater conscriptus; Salomons Besuche als Weltgeistlicher.
4. Schenkungen Salomons; die St. Mangkirche.
5. Salomons versteckte Einschleichung; Salomons Entdeckung durch Rudker.
6. Die Unterredung der Mönche über Salomon; Verständigung mit Salomon; seine Spenden.
7. Verbrüderte Gönner: König Karl, Bischof Adalbero.
8. Bischof Petrus von Verona; Gaben aus Verona.
9. Abt Hartmuts Rücktritt; Bischof Landaloh und Abt Hartmut.
10. Salomon auf Rudkers Rat Mönch.
11. Salomon Abt und Bischof; Erzbischof Hatto.
12. Salomon und Hatto und die Kammerboten; Salomons Flucht vor den Kammerboten; Versöhnung.
13. Salomons Gastmahl und die neue Entzweiung.
14. König Konrad als Gast in St. Gallen; Konrad im Speisesaal der Mönche.
15. Verspottung der Kammerboten.
16. Konrads Verbrüderung; Konrads Abreise.
17. Der Streit über Stammheim; Überfall Salomons durch die Kammerboten.
18. Salomon als Gefangener bei Perchta.
19. Ergreifung der Kammerboten; Salomons Befreiung; Salomons Nachsicht für Perchta und Rückkehr.
20. König Konrads Maßregeln gegen die Friedensbrecher; Strafe der Kammerboten.
21. Sühneakte für Othmar; Wallfahrten der Welfen nach St. Gallen, Salomons nach Rom; die Pelagius-Reliquien.
22. Salomon und Hatto; Hattos Überlistung durch Salomon; Raub der Schätze; Salomons Kunstwerke; Tutilo, Sintram.
23. Hattos Rückkehr und peinliche Überraschung; Hattos Versöhnung mit Salomon, Abreise und Tod.
24. Salomons Gaben für Hatto und für seine Kirchen; Salomons Palmsonntagsbesuch in St. Gallen.
25. Erwerbung von Rechten für St. Gallen: Pfäfers.
26. Salomons letzter Besuch in St. Gallen; Salomon und die Klosterschüler.
27 Salomons Tod und letzte Verfügungen.
28. Salomons Persönlichkeit.
29. Salomons schöne Tochter.
30. Isos Eltern; Busse und Wiederaufnahme in die Kirche.
31. Eusebius‘ Traumdeutung; Iso als Mönch und Lehrer; Iso als Lehrer und Wundertäter in Grandval.
32. Iso als Lehrer und Wundertäter in Grandval.
33. Die drei Freunde; Notker, Tutilo.
34 Tutilo in seiner Vielseitigkeit; Ratpert.
35. Sindolfs Anzettelungen voran gegen Notker.
36. Nächtliche Ergreifung des lauschenden Sindolf; Sindolfs Entschädigung.
37. Weitere hervorragende Mönche; Notkers Milde; seine Lehre und Weisheit.
38. Göttliche Bestrafung des Notker höhnenden Höflings.
39. Sindolf im Wunder des Trinkgefäßes beschämt.
40. Tutilo und seine Reise nach Mainz; Tutilos Zuchtamt zu St. Alban; Tutilos Sieg über die Räuber.
41. Des Teufels Züchtigung durch Notker; Zerschlagung des heiligen Krummstabes.
42. Notker und der Teufel in der Kirche.
43. Wolos tödlicher Unfall.
44. Wolos Bestattung und wunderbare Lossprechung; Ratperts Tod.
45. Tutilo und die Jungfrau Maria; Tutilos Ende.
46. Notkers Epistel-Abschrift; dichterische und musikalische Leistungen von Mönchen.
47. Abt Hartmann; das römische Antiphonar; die römischen Sänger und ihre Lehre; musikalische Leistungen der St. Galler: Notker.
48. Trotz der Meier.
49. Engilbert, Hartmanns Nachfolger; König Konrads Tod und Wahl Heinrichs.
50. Der Aufstand der Herzöge; Konrad Churzibolt; Herzog Purchard von Schwaben und Wiborada.
51. Abt Engilbert und die Ungarngefahr; Engilberts Vorsichtsmaßregeln.
52. Die Ungarn in St. Gallen und Heribald.
53. Das Treiben der Ungarn im Kloster.
54. Der Ungarn Späße mit Heribald; der Schmaus der Ungarn.
55. Der Aufbruch; der Abzug der Ungarn und Abt Engilbert.
56. Engilberts Rückkehr nach der Feste; Heribalds Ankunft; Verstärkung der Feste.
57. Bischof Ulrich; Wiborada und der Klosterschüler Ulrich.
58. Ulrichs Frömmigkeit.
59. Ulrich als Bischof von Augsburg und Freund St. Gallens; die wunderbare Weinrettung; die Magnusprozession; Heilungswunder.
60. Kritik der Biographen Ulrichs; Wunder Ulrichs.
61. Ulrich und Hugo; Hugos Strafe; Ulrich und seine Schwester in Buchau.
62. Die Mönche in der Feste; Heribalds Erzählungen.
63. Rückkehr in das Kloster; Engilberts Walten.
64. Thieto, Engilberts Nachfolger; Held Hirminger; Hirmingers Sieg und Abzug der Ungarn.
65. König Konrad und die Sarazenen und Ungarn; Selbstvertilgung der Barbarenheere in Burgund.
66. Thietos Abteileitung; Ekkehart IV. zu Ingelheim; Ekkeharts IV. Ehre.
67. Die Brandstiftung in St. Gallen; die Feuersbrunst in St. Gallen.
68. Der Zucht nachteilige Folgen der Brunst.
69. Viktor und Craloh; Thietos Abdankung.
70. Abt Cralohs wachsende Verfeindung mit Viktor; Enzilinus‘ Beleidigung.
71. Cralohs Flucht zum König; Annos Bestellung als Abt durch Herzog Liutolf.
72. Cralohs Leiden am Hof; Begegnung mit Enzilinus.
73. Craloh in Ottos Ungnade; die Pfäferser Frage; Cralohs Verabschiedung mit Bischof Uodalrichs Hilfe.

74. Cralohs widerwärtige Rückkehr; der Laie Amalung.
75. Die Klagen der Mönche; des Dekan Walto Beschwerde an Uodalrich; Uodalrich mit Viktor versöhnt.
76. Friedensvorbereitung; Verhandlungen mit Craloh; Vollendung der Versöhnung; Viktors Groll.
77. Viktors Fluchtversuch und Blendung; Cralohs Maßregeln.
78. Viktor in Straßburg; Viktors Tod.
79. Cralohs Rechtfertigungsversuch; die Eingeschlossenen Kerhild, Rachild, Perchterat.
80. Ekkehart als Dekan; seine Wallfahrt nach Rom; Ekkeharts Dichtungen; das Waltharius-Lied; Ekkeharts vier Neffen; Beklagung seines Todes.
81. Cralohs Tod; Purchard statt Ekkeharts Nachfolger.
82. Wendilgart als Graf Uodalrichs vermeintliche Witwe; Wendilgart bei Wiborada.
83. Rachilds Heiligkeit.
84. Uodalrichs Rückkehr aus der Gefangenschaft.
85. Die Wiedervermählung; Purchards Geburt; Purchard »der Ungeborene« in St. Gallen.
86. Purchard bei Otto am Königshof in Mainz; Purchard als Abt durch Otto bestätigt.
87. Purchards Wandel; Ekkehart IV wider die Neuerer; Purchards Almosen.
88. Der Dekan Ekkehart als Almosener; die Verbrühung des welschen Scheinlahmen.
89. Ekkeharts II Vorzüge und Leistungen; Ekkehart II in Mainz.
90. Die Herzogin Hadwig; Hadwig und Ekkehart II. auf dem Twiel; Hadwigs Gaben.
91. Der Reichenauer Abt Ruodmann; seine Verleumdung und Hinterlist; Ruodmann von Ekkehart II in St. Gallen entlarvt.
92. Verhandlung der Mönche mit Ruodmann.
93. Ekkeharts II Besuch bei Abt Ruodmann; Ekkeharts Rückkehr zu Hadwig; Otkers Klugheit.
94. Die Herzogin und der Klosterschüler Purchard.
95. Erörterung über Ruodmanns Angelegenheit.
96. Ruodmann vor dem Gericht der Herzogin.
97. Abt Purchards Unfall durch Hadwigs Zelter.
98. Ekkehart II am Königshof; Ruodmanns Neid.
99. Ruodmanns neue Erfolge gegen St. Gallen; die Bestellung der Prüfungsbotschaft vom Hofe.
100. Reden der Bischöfe Arnolf und Hiltebald vor Otto.
101. Abt Purchards Schreiben an die Könige.
102. Ankunft der Botschaft in St. Gallen; Besichtigung des Klosters.
103. Vorbereitungen zur Beratung.
104. Deren Eröffnung durch Erzbischof Heinrich.
105. Erörterung über die Speisevorschriften.
106. Übergabe der Beratung an den Abt Purchard; Beratung und Beschluss des Abtes und der Brüder.
107. Des Abtes Ekkeharts II Berichte an die Gesandten.
108. Zustimmung und Geldspende der Gesandten.
109. Ruhm der Brüder, besonders Ekkeharts II.
110. Aufnahme der Gesandten als verzeichnete Brüder; das Mahl mit den Brüdern; Milos Scherz.
111. Abbitte vor den Brüdern.
112. Besuch der Schatzkammer; fröhliches Zusammensein; letzte Maßregeln.
113. Abschied der Gesandten; Gaben einzelner Bischöfe.
114. Ekkeharts II. Zusammentreffen mit Ruodmann.
115. Otkers Unterredung mit Ruodmann.
116. Der Boten und Ekkeharts II. Reise nach Speyer; Ruodmanns Abweisung.
117. Der Hoftag in Mainz; Berichte der Boten und Ekkeharts II. vor den Ottonen.
118. Aufschub des Entscheides; Einmischung der Hadwig; Verhandlungen in Worms nach Pfingsten.
119. Sendung des Lorscher Abtes Kebo; Kebos Aufenthalt in St. Gallen.
120. Kebos Abschied; Wankelmut der Hadwig betreffend Saspach.
121. Konstanzer Spenden; die Speiseeinrichtungen.
122. Abt Purchards Abdankung und Ende.
123. Notker Pfefferkorn als Maler und Dichter; als Arzt.
124. Gerald als Lehrer und Priester; Anklage der Erzpriester.
125. Geralds Todesahnung; Geralds letzte Lebensstunden; Geralds Tod.
126. Der Dekan Walto und die Sarazenen.
127. Chunibert; Chuniberts Heimkehr, Unfall und Tod.
128. Reise des Erwählten Notker; die Botschaft der St. Galler vor Otto.
129. Otto II durch Ekkehart II. für Notker gewonnen; Fürsprache für die St. Galler bei Otto I.
130. Vorlesung des Briefes des Abtes Purchard.
131. Vorladung der St. Galler vor den Kaiser.
132. Ihre Vorstellung und Bitte vor demselben; Notkers Vorführung vor Otto I.
133. Ottos I. neue Zögerung; Ekkeharts Flehen; Investitur des Abtes Notker; Notkers Entlassung.
134. Übernahme der Abtei; Notkers gesegnete Abteiverwaltung; Sorge für die Zucht.
135. Notker und die Laien; gewisse unregelrechte Nachsicht des Abtes.
136. Bewirtung von Laien in der Klausur; weitere Einrichtungen Abt Notkers.
137. Sandrats Ankunft und Entlarvung.
138. Sandrats Klagen über die Anordnungen.
139. Abt Notker und Sandrat.
140. Die Woche der Prüfung durch Sandrat.
141. Sandrats Trunkenheit und Maßlosigkeit; Sandrats Händel im Kloster.
142. Sandrats Reue und neue Ungebühr; seine Geißelung.
143. Sandrats Schlemmerei; seine Entlarvung und Flucht.
144. Bericht über Sandrat an den Hof.
145. Tröstungen vom Hof für das Erlittene; Ankündigung des königlichen Besuches.
146. Ankunft der beiden Otto in St. Gallen.
147. Der Könige Ehrfurcht vor Notker Pfefferkorn.


Hier beginnen die Bücher über die Vorfälle des Klosters

1. Salomons Laufbahn.
Da des dritten Salomon Eltern von hervorragender und ansehnlicher Stellung waren, übergeben sie ihn dem Mönch des heiligen Gallus, Iso, dem zur damaligen Zeit namhaftesten Lehrer, zur Ausbildung und zur Einführung in den geistlichen Stand. Dieser selbst unterrichtete den Salomon, wie versichert wird, in vorzüglicher Weise, gab ihm aber auch vor der Stellung der Mitmönche Notker, Tutilo, Ratpert, Hartmann einen Vorzug und erzog ihn wie einen Domgeistlichen mit weniger Strenge. Daraus jedoch waren unter den mit den höchsten Anlagen ausgestatteten Mitschülern heimliche Regungen des Neides erwachsen, und weil sie nach Abstammung und Geisteskraft gleichmäßig edler Art waren, so ertrugen sie, wie dieses Alter es mit sich bringt, einmütig nicht mehr, dass ein Fremder ihnen, den Brüdern, vorgezogen werde und dass derselbe sie, welche doch ihren Geburtsrechten nach nicht geringer waren, an Fortschritten in den Wissenschaften überhole. Noch steht Salomon im Knabenalter, als seine Eltern sterben; endlich aber folgt auch sein Bruder ihnen im Tode nach, und er selbst, der seinen Sinn nach den höchsten Zielen gerichtet hatte, wird, zur Erbschaft des Vermögens gelangt, aus den Schulen genommen und durch die Hilfe unseres Abtes Grimald, des Erzkaplans des Königs Ludwig, bei demselben Kaplan. Dessen Gunst nun gewinnt er in kurzer Zeit in vorzüglichem Masse und wird, noch als Weltgeistlicher, zuerst Ellwangen vorgesetzt; nachher wird er auch den Kemptenern als Vorsteher gegeben, wobei aber verschiedene Verluste für ihn selbst und für den Platz ihn in den Schatten stellen. In der Folgezeit aber kommt Salomon, indem Erzbischof Hatto von Mainz, ihm in größter Freundschaft wegen der sehr scharfsinnigen Anschlägigkeit seines Geistes verbunden, Hilfe leistet, an sehr vielen Orten an die Leitung, endlich auch bei uns. Zuletzt jedoch wird er auch zu Konstanz Hirt und Bischof. Nachdem wir dieses teilweise im Vorbeigehen vorausgenommen, wollen wir zur Reihenfolge des begonnen Werkes zurückkehren. 

2. Marcus und Moengal; die Schulen.
Zu den Zeiten des Abtes Grimald, eines Weltgeistlichen, als Hartmut gewissermaßen dessen Ersatzabt war, besucht Marcus, ein gewisser Bischof schottischer Abkunft, von Rom zurückkommend, den Gallus gleichsam als seinen Landsmann. Ihn begleitet seiner Schwester Sohn Moengal, der nachher von den Unsrigen Marcellus genannt wurde, so in verkleinernder Weise nach seinem Oheim Marcus. Dieser war gar wohl unterrichtet in göttlichen und menschlichen Wissenschaften. Der Bischof wird gebeten, an unserer Stätte einige Zeit zu verharren, nachdem der Neffe schon dafür gewonnen worden war. Indem sie sich lange miteinander berieten, hatten sie endlich mit Mühe sich geeinigt, und am festgesetzten Tag verteilt Marcellus durch das Fenster viel Geld seines Oheims, voll Furcht, er möchte von den Empfängern zerrissen werden; denn sie schnaubten gegen ihn, als ob auf seine Überredung hin der Bischof zurückbliebe. Die Pferde und Maultiere übergab der Bischof dem Namen nach aufrufend denen, welchen er selbst dieselben geben wollte; die Bücher jedoch, das Gold und die Gewänder behielt er für sich und den heiligen Gallus zurück. Endlich segnete er die Weggehenden, mit der Stola angetan; allein mit vielen Tränen ging man gegenseitig auseinander. Der Bischof war mit dem Neffen und wenigen Dienern von seiner Sprache zurückgeblieben. Nach der Zeit werden dem Marcellus die Schulen des Klosters übergeben mit Notker, der später den Beinamen »Stammler« erhielt, und den übrigen das Mönchskleid tragenden Knaben, die äußeren Schulen aber, das heißt die für die Weltgeistlichen bestimmten, dem Iso, mit Salomon und denjenigen seinesgleichen. Erfreulich ist es zu erwähnen, wie hoch die Zelle des heiligen Gallus unter diesen Führerschaften zu wachsen begonnen hat und endlich in Blüte gekommen ist, als Hartmut dieselbe als Stellvertreter des Grimald und endlich als Abt auf alle Weise hob. 

3. Salomon als frater conscriptus; Salomons Besuche als Weltgeistlicher.
Endlich bat Salomon, wie er allbereits als Jüngling wohl unterrichtet war, dass er als würdig erachtet werden möchte, unser verzeichneter Bruder zu werden, und da Grimald das befahl und Hartmut dazu half, erlangte er es von den Vätern. Er übergab aber von den Gütern, an denen er Überfluss gehabt hatte, dem heiligen Gallus den Ort, welcher Goldach genannt wird, unter Eingehung eines Tausches für sich, so dass er den Jahresunterhalt eines Mönches und den Platz eines Gastes im Speisesaal sein Leben lang haben und einen gewissen Hügel (St. Mang), der jenseits der Ira (kleiner durch St. Gallen fließender Bach) ihm anmutiger zu liegen schien, mit den anliegenden Wiesen und Ackerstücken für sich besitzen sollte, um mit Hilfe des dort bereiteten Absteigeplatzes bei seinen häufigen Besuchen als ankommender Bruder dem Abt nicht lästig zu werden, noch dem Gesinde unbequem. Während solches dem schon damals gleichsam mit dem Glück spielenden Menschen nach seinem Wunsch zu Teil wurde, gelangte er, wie wir gesagt haben, an den Hof des Königs Ludwig. Nachdem er zu dessen Kaplan gemacht worden, wird er sein nächster Vertrauter und den vorerwähnten Abteien ohne Mühe vorgesetzt. Unsere Stätte aber, die bei ihm vor allem galt, besuchte er wiederholt, und weil er mächtig war, betrat er täglich ohne Führer und, was zu großer Unordnung damals gereichte und noch gereicht, im leinenen Gewand das Innere des Klosters. Daher erhebt sich gegen ihn, ohne dass er es weiß, Murren von seinen Neidern; wie es zu geschehen pflegt, begleitet dasselbe Tadel gegen den Abwesenden. Als reich an Vermögen bereitete Salomon den Brüdern sehr viele Vorteile. Wie er einem derselben und zwar, wie damals die meisten waren, einem ehrwürdigen, einen Pelz übergab und ihn bat, seiner bei Gott eingedenk sein zu wollen, sagte derselbe: «Deinen Pelz werde ich, wenn nur Du gewollt haben wirst, aufs Beste im Werte Dir zurückgeben. Denn ich habe vom Abt zwei Kutten, von denen ich Dir eine zum Anziehen hinwieder schenke, damit Du in ihr anständiger mit uns in das Kloster eintretest.« Da sprach jener: «Ei, ja! Das hatten unter allen Umständen Tutilo und Ratpert oder andere, die Missgunst gegen mich hegen, Dir in den Mund gelegt. Schreitet denn, ich bitte Dich, nicht auch Euer Abt in so vielen Jahren im Leinenkleid in das Kloster?« Da entgegnete der erste: «Die inneren Klosterräume der Deinigen freilich, welche Dich als Abt in dessen Tracht empfangen hatten, entweder für ihre Sünden, oder durch irgendeine Zulassung Gottes, betrittst auch Du allerdings, wenn auch nicht mit Unbedacht, doch entsprechend Deiner Macht! Wir aber nehmen in die Brüderschaft mitunter auch Laien auf, mit denen wir jedoch, wenn sie im Laienkleid sind, keineswegs im Innern des Klosters unpassenden Umgang haben«, so erwiderte er. 

4. Schenkungen Salomons; die St. Mangkirche.
Da wich der an Kunstgriffen so reiche Mann zurück nach der Weise eines Arglosen, als wäre er überwunden. Er ging aber, bei sich überlegend, dass ein Mann von solchem Verdienste nur im Geiste Gottes derartiges ihm vorausgesagt habe. Er enthielt sich endlich, in das Kloster, ohne einen der Väter, so wie es Sitte ist, als Führer zu nehmen, einzutreten. Während er aber öfter, wie wir gesagt haben, soweit es ihm von den Königen und seinen Klöstern gestattet war, an der Stätte des heiligen Gallus weilte, gab er fröhlich den Brüdern, was er konnte, vorzüglich dem Lehrmeister Iso. Auch Grimald, der schon hinfällig wurde, und Hartmut waren vorsichtig mit ihm verfahren, um nicht in etwas den Sinn des teils an sich schon reichen, teils im Reiche mächtigen Mannes zu verletzen. Derselbe beginnt also endlich auf dem Hügel, den er für sich eingetauscht hatte, eine Kirche zu Ehren und nach Gestalt des heiligen Kreuzes zu bauen, in welche er auch nach ihrer gänzlichen Vollendung einen Arm des heiligen Magnus, von Bischof Adalbero ihm gegeben und gewidmet, hinüberbrachte, nachdem derselbe von Füssen hinweggenommen worden, unter großem Frohlocken von hier und dort, wie bei einem Siegeszug, und er weihte die Kirche zur Ehre des heiligen Kreuzes und eben dieses unseres eigentümlichen Schirmherrn, und er hatte sie mit seinen Gütern, das ist Degenau, Bernhardzell, Sitterdorf, auch mit Goldach, das er, wie wir gesagt haben, durch Tausch schon St. Gallen übertragen hatte, und einigen anderen ausgestattet. Mit Erlaubnis Hartmuts, der ja damals Abt war, hatte er festgestellt, dass am Tage des Heiligen selbst die Brüder ein Gastmahl haben sollten; von sich auch sagte er, er wolle, wann es Gott gefiele, da begraben werden. 

5. Salomons versteckte Einschleichung; Salomons Entdeckung durch Rudker.
Es trug sich aber nach ein wenig Zeit zu, dass Salomon, von der königlichen Pfalz kommend, die vierzigtägigen Fasten an unserer Stätte als an einem für diese Zeit sehr passend erscheinenden Ort zu verbringen sich erlas, und heimlich schreitet er in den Nächten, ein guter Dieb, barfuß, mit der Kappe zwar angetan, damit er für einen der Brüder gehalten werden möchte, in die innersten Räume des Klosterinnern. – Notker, Ratpert und Tutilo hatten ihn bemerkt und eine Zeit lang den frommen Betrug verdeckt. Doch war und ist es, wie wir schon gesagt haben, immer allzu sehr wider die Gewohnheit, dass irgendjemand, außer in unserer Mönchstracht, die innersten Teile unseres Klosters, vorzüglich bei Nachtzeiten, betrat. Man schreitet zur Beratung, damit nämlich, weil es der Sitte entspricht, dass für uns zwei Brüder die Wache des inneren Klosters versehen, diese Wächter selbst jenem, wann er einträte, mit dem Lichte entgegengingen – ihnen allein nämlich war das Sprechen erlaubt – und ihn leise fragen würden, wer er wäre. Denn sie scheuten den Mann aus der Pfalz, der schon gewisse Abteien als Weltgeistlicher besaß, dass er etwas Unregelmäßiges, wie es vielleicht vorkommt, erblicken und sich bei dem König durch diese Gelegenheit den Weg auch zu der Abteiwürde in unserem Kloster zu eröffnen den Versuch machen möchte, während jetzt nach Äbten, die der Weltgeistlichkeit angehört hatten, ein Mönch als Vater des Hauses Vorsteher war, Hartmut, der Mann von bester Gesinnung. Abermals tritt, wie gestern und vorgestern, jener Dieb ein, welcher immer auszuweichen suchte; Ratpert und Tutilo sind wachsam. Einer von ihnen ging herum; der andere passte auf den Eintritt jenes Verborgenen auf. Unterdessen schreitet Vater Rudker, zu dieser Zeit von den Unsrigen bei Gott der Mächtigste, zu den Gräbern des Kirchhofs vor, um zu beten, der festgesetzten Stunde vorgreifend, und aus Ehrfurcht vor seinem würdevollen Ernste weichen die Wächter ein Weilchen vom Platz. Jener Vater hatte nach kurzem den Schritt für Schritt Wandernden, ohne zu wissen, wer es sei, bemerkt; als einen Dieb bringt er durch Kennzeichen der Stimme und Lärm mit den Füssen denselben zur Anzeige; sogleich eilen die Wächter mit dem Licht herzu. Salomon ist erkannt, und auf der Stelle sagt jener Vater: «Beim Verdienst des heiligen Gallus!« – denn so schwuren die Väter – »in seinem Kloster leiden wir diese Tracht zu diesen Stunden nicht!« Da schwiegen jene Wächter nach Beschaffenheit der Dinge, da sie nach dem Bruch des Stillschweigens einen so gewichtigen Mittler hatten. Salomon jedoch, durch die zu solcher Zeit ihm ungewohnten Worte des wohlbekannten Mannes in Schrecken gebracht, entgegnete: »Ehrwürdiger Vater, lass mich wenigstens in die Kapelle des heiligen Petrus, welche zunächst liegt, hinein gehen! Wann ich werde dort gebetet haben, werde ich niemals wieder in dieser Tracht in das Innere des Klosters eintreten, außer, wie es das Gesetz der Stätte enthält, unter Führung eines der Vorsteher. Mit Deiner Hilfe aber und derjenigen der Brüder, welche dazu geschickt sind, nehme ich mir vor, morgen den Abt zu bitten, dass es mir gestattet sei, im Mönchskleide in das Kloster zu gehen, wie ein Mönch mit Euch in demselben zu verkehren und mich wieder hinweg zu begeben, draußen aber vor meinen Kriegern und den Übrigen in der Kleidung des Weltgeistlichen, wie gewöhnlich, mich zu bewegen.« Jener versetzte: »Vielmehr möge es Dir der heilige Gallus in das Herz senden, dass Du, wenn Du das Mönchskleid einmal anziehst, niemals, so lange Du lebst, es ablegst, außer in der für die Mönche gewohnten Zeit.« 

6. Die Unterredung der Mönche über Salomon; Verständigung mit Salomon; seine Spenden.
Die Gesinnung und die Bitte des Mannes werden dem Abt kundgetan, indem Rudker beipflichtet und einige der Übrigen, aber freilich nicht alle. Damals sicherlich war der Senat unseres Gemeinwesens von höchster Heiligkeit. Es werden beraten Hartmann, der groß im Rat war, jener nämlich, der die Tonweise gemacht hatte: »Humili prece«, Notker, der die Sequenzen, Ratpert, der »Ardua spes mundi«, Tutilo, der »Hodie cantandus est« und sehr viel anderes gedichtet, welche endlich, wie wir gesagt haben, in ihrer Eigenschaft als Mitschüler den Sinn Salomons kennengelernt hatten und seine Kunstgriffe bei der Durchführung von Dingen, welche er beabsichtigte, und sie wurden geheißen, sich zu äußern. Da spricht Hartmann: »Unsere Regel verlangt nicht das ähnliche Bild eines Mönches, sondern den Mönch selbst.« Notker entgegnet: »Mir würde diese vorbedeutende verbrämte Toga, mit welcher er über den Kleidern eingehüllt zu werden wünscht, wenn sie nämlich die wirkliche Toga vorausgehend bedeutete, nicht schlechterdings missfallen.« Ratpert äußert: »Feindlich unserem Heim ist fein ein Angriff bereitet, oder es lauert versteckt hier ein Trug.« Tutilo sagt: »Die Bruderschaft haben wir jenem vorher ungekürzt zugesagt. Diese, so viel an mir ist, mein Abt, verweigere ich ihm nicht. Wenn er aber im Schaffell den Wolf anzuziehen sucht, so mag er das durch eines anderen als durch meine Zustimmung vollenden.« Wie der Abt hört, was sie an dem Mann beargwöhnten, nämlich, dass derselbe in dieser Tracht verhüllt der Herrschaft über die Abtei näher stehen möchte, hinsichtlich deren wir doch durch Hartmut selbst damals zum dritten Mal fürwahr eine urkundliche Versicherung erhalten haben, spricht er: »Ich weiß, Brüder und Söhne, was Ihr von jenem befürchtet; aber auch ich merke etwas davon. Doch ist meine Ansicht, dass für uns sich die Dinge besser gestalten werden, wenn jener, der so bei uns anfänglich aufgenommen worden ist, sich einmal als Glied unseres Mönchsverbandes erklärt, damit wir nicht abermals einem Weltgeistlichen untergeben werden, wie früher. Mich gefällt also, dass wir mit jenem unterhandeln, damit er in Tat und Wahrheit seine Tracht vom heiligen Gallus nehme, so dass, wenn durch seine Kunst geschehen sein wird, was wir fürchten, er doch unser Bruder und Mönch sei.« So wird zu jenem Rudker mit einigen andern abgesandt, um ihn zu der Sache zu überreden. Salomon verspricht durch Gottes Eingebung, er wolle im Fortgang der Zeit tun, was verlangt wird; nur sollte ihm inzwischen – das bittet er – aus Ehrfurcht vor dem Kloster eine solche Tracht gestattet sein. Mit Mühe wird endlich nach mannigfachen Verhandlungen der Brüder hinüber und herüber das Zugeständnis gemacht und ein Ort ihm bezeichnet, den wir heute mit viereckigen Steinen bezeichnet sehen, auf denen er beim Eintritt das Mönchskleid anziehen, beim Austritt wieder ablegen sollte, und bei Tag und Nacht schreitet er nun als unser Zukunftsmönch in das Kloster, höchst erfreut über die Erlaubnis einer solchen Genossenschaft. Für diese Wohltat schaffte er aber dem heiligen Gallus ein ausgezeichnetes Kreuz an, welches, mit teilweise vergoldetem Silber bekleidet, von ihm auf das Lesepult für die Nacht gestellt wurde. Zu unseren Zeiten hat unser Norbert dieses Kreuz, nachdem es einer versilberten Säule eingefügt worden, auf den Hochaltar gestellt. 

7. Verbrüderte Gönner: König Karl, Bischof Adalbero.
An zwölf Tagen im Jahr, das ist an den ersten Tagen der Monate, pflegte unser Bruder in der Toga der Verheißung, solange als er in der Welt lebte, fröhlich den Brüdern Mahlzeiten zu bereiten, bei welchen auch er selbst, wenn er zugegen war, als Diener einherschritt. Auch gewisse andere verzeichnete Brüder hatten aber die Gewohnheit, eben dasselbe den Unsrigen als ein Zeichen der Liebe zu verrichten. Vor allen zwar der König Karl selbst, welcher durch drei Tage in eigener Person als Speisevorleger und Schenk aus den Erzeugnissen vom Dorf Stammheim in der Woche des heiligen Othmar uns bediente und uns Geflügel essen ließ. Allein auch Adalbero, der oben erwähnt ist, lange Zeit Vorsteher zu Augsburg, der am Tag des heiligen Gallus zum Gebet an den Platz herbeikam, weil er von sehr vielen die Zeichen und Kräfte des heiligen Gallus vernahm, und, wie er während seiner Anwesenheit mehreres erblickte, es aussprach: »Grösser ist die Gnade dieser Stätte, als das Gerücht, das ich vernommen habe.« Er gelobte aber, nachdem er den Brüdern den Segen erteilt, im andern Jahr, wenn er das Leben behielte, wieder zu kommen und gewiss dann wenigstens keineswegs mit leeren Händen sich einzustellen. Er kehrte nach Hause zurück, und eines Tages von den Seinen unter anderem befragt, ob unter uns, wie das Gerücht es verbreitet, frommer Sinn mit Gelehrsamkeit, Strenge mit Zucht zu finden sei, erwiderte er: »Was die Übrigen denken, weiß ich nicht; wie es mir um das Herz ist, spreche ich offen aus. Einen einzigen Heiligen, und das einen verstorbenen, habe ich gesucht; aber die heiligsten Brüder, um die Wahrheit zu gestehen, habe ich am Leben gefunden. Ihre Wissenschaft jedoch und Zucht kann man in den Werken ihrer Tugenden erblicken. Denn es freut mich, an solche mich zu erinnern, welche wieder zu sehen ich wahrlich mit Mühe erwarten kann. Allein es ist notwendig, dass ich mit der Beihilfe aller Meinigen mich vorbereite, damit ich so, wie es sich für mich und die Meinigen schickt, zum nächsten heiligen Gallustag die Männer Gottes besuche, der verzeichnete Bruder derselben werde und ihre Liebe, soweit mein Vermögen reicht, dankend vergelte.« Am genannten Tag war der Erwählte Gottes gekommen, wie er verheißen hatte. Wie großartig er aber gekommen ist und wie er sich in Gaben an den heiligen Gallus den Brüdern und dem Gesinde erwiesen hat, das eröffnet vollständiger das Kapitel, welches zu seinem Gedächtnis in den Band unserer Regel hinzugeschrieben ist. 

8. Bischof Petrus von Verona; Gaben aus Verona.
Nicht lange Zeit nachher trug es sich auch zufällig zu, dass Petrus, Bischof von Verona, von der Pfalz zurückkehrend, gleichfalls in ähnlicher Gunst für das Kloster unvermutet kam; die Brüder aber, indem sie ihn aufnahmen, boten ihm, was sie besseres gerade hatten, ein Evangelium dar. Jener jedoch, in der Meinung, er werde verächtlich behandelt, weil er den großen Ruf der Stätte vernommen hatte, schwankte über die Geringfügigkeit des Buches bei sich hin und her. Zu den Messen wird ihm auch ein Kelch von Silber, der für besser gehalten wird, vorgesetzt, und nach deren Vollendung erwägt er bei sich etwas Widerwärtiges auch über den Kelch. Eine Mahlzeit wird ihm mit vielem Aufwand ausgerichtet; wie er vom Tisch sich erhebt, forderte er eine Unterredung mit den Brüdern. Als diese versammelt waren – denn der Abt war vom Ort abwesend – sagte er: »Gut habt Ihr, meine Herren, mit mir in Abwesenheit Eures Abtes gehandelt; aber vor dem Evangelium und dem Kelche, diesen geringeren von Euch mir vorgesetzten Dingen, taucht mir etwas auf. Obschon ich nämlich selbst gering und unwürdig bin, so werde ich doch nicht eines geringen Ortes Bischof genannt.« Während jene beständig nachdrücklich versicherten, dass der heilige Gallus Besseres nicht habe, hatte sich der Geist des Mannes ein wenig beruhigt, und indem er endlich etwelche der Brüder zur Seite nahm, sagte er heimlich sprechend zu ihnen: »Sendet hinter mir nach Verona die sechs vertrautesten Boten, welche Ihr habt, und diese sollen je zwei und zwei auf den drei Wegen, die von hier dahin führen, zu mir gelangen und sich durch ihre Tracht und ihre Worte als Pilger ausgeben; einzeln aber sollen sie sich mir je zwei und zwei zeigen und so mit in die Hand zurückgebogenen Daumen ein Almosen verlangen. Dann, vor den Meinigen, werde ich allein dieselben, die gleichfalls allein sein werden, wie ich es mit Anderen halte, in ein gewisses inneres Gemach bei mir führen und sie bekleiden. Aber ich werde Gold, wovon ich Euch jetzt das Gegengewicht gebe, mit kleinen Binden um ihre Schienbeine herum befestigen und sie entlassen, damit sie zu Euch unter dem gleichen Kunstgriff, wie sie gekommen waren, indem das Glück sie geleite, zurückkehren.« So ist es geschehen, wie der feine Geschenkspender lehrte. Dem heiligen Gallus ist ein schweres Gewicht veronesischen Goldes gebracht; das Gewicht stimmt mit dem Gegengewicht überein; aus dem Gold des Petrus werden eine Hülle eines Evangeliums, ein Kelch, eine Kapsel gemacht. – Und all das hat Salomon, zuerst unser verzeichneter Bruder, wie wir vorausgeschickt, dann auch Mönch, endlich Abt, an Edelsteinen und an Kunst dem Gallus verschafft. 

9. Abt Hartmuts Rücktritt; Bischof Landaloh und Abt Hartmut.
Hartmut aber, für Grimald, wie auch Ratpert schreibt, unser Gemeinwesen betriebsam lenkend, auch durch sich selbst in nicht unerheblicher Weise erhöhend und schon alternd, übergibt unserm Mönch Bernhard seine Abtwürde durch König Karl in gemeinsamer Wahl der Brüder. Er selbst jedoch behielt Herisau mit Waldkirch und Niederbüren für sich zurück und für spätere Äbte, welche vielleicht ihre Gewalt niederlegen würden, unter der kaiserlichen Ermächtigung Karls selbst. Allein, als Hartmut nach vielen wohlwollenden Verfügungen, die er durch sich aufgestellt und durch Bernhard für die Brüder und das Gesinde erlangt hat, starb, verlangte er in der Umgebung des Bischofs Landaloh, der in der Kirche der Apostel beigesetzt war, seines Verwandten und Freundes, doch außerhalb der Wand, begraben zu werden. – Über diesen heiligen Landaloh selbst, der Erzbischof von Treviso gewesen war, halte ich Weniges zu schreiben für notwendig. Ein Schwabe nämlich und von edler Abstammung, war dieser beim heiligen Gallus erzogen und unterrichtet worden, und sein Erbteil war nebst vielem anderen Windisch. Er pflegte also, nachdem er Bischof geworden, nach Rom zu gehen; über den Jupitersberg (Großer St. Bernhardpass) schreitend nahm er den Weg; über den Septimer aber zurückkehrend begrüßte er Gallus und seinen Hartmut. Er hatte auch gelobt, dem heiligen Gallus das Dorf Nollingen zu geben; aber da seine Blutsverwandten widerstrebten, übergab er unter Vertauschung einige Orte, die er erworben hatte, an einen gewissen Grafen Udalrich, dergestalt, dass derselbe dem Gallus Aadorf mit eben denselben Orten zuordnete. Endlich jedoch kam er einmal von Rom zurück, und zu seinem Gallus den Weg richtend, vermochte er, durch die Schuld der italienischen Luft vom Fieber ergriffen, kaum nach Rorschach zu gelangen, und er beschloss sein Leben in edler Weise, nachdem er Hartmut mit den Brüdern zu sich hatte rufen lassen. Er erteilte also noch beim Leben an die Kirche des heiligen Petrus, zu dem er sich schon auf dem Weg befand, welche auf dem Kirchhof des heiligen Gallus steht, die Reliquienkapelle, deren er sich auf seinen Reisen bediente, mit den Reliquien und Büchern und allen heiligen Geräten; und in der Kirche ist auch sein Körper mit aller Ehre beerdigt worden. Wie es heißt, stand an seinem siebten Tage ein Gehirnkranker, welcher über seinem Grabe zusammensank, gesund auf, und nach der Überlieferung sind oft auch andere Krankheiten dort durch seine Verdienste geheilt worden. 

10. Salomon auf Rudkers Rat Mönch.
Aber um zu dem, wovon wir abgeschweift sind, zurückzugehen: Salomon, unser Zukunftsmönch, verharrte immer als derselbe für unsere Stätte und die Brüder bei Gott und den Menschen. Den Rudker jedoch hatte er stets vor den Augen, den er sich als Führer und Wächter in diesen Dingen, die zu den göttlichen Angelegenheiten gehörten, erlesen hatte. Eines Tages kam er vom Hof und wurde von demselben mit einem Segenspsalm empfangen; da erhob er sich, um von dem Vater den Kuss zu erhalten, und rühmte sich unter anderen Dingen über die Geschenke des Königs Arnolf, von denen er die Übergabe an den heiligen Gallus als seinerseits bevorstehend erwähnte. Denn wie diese Art von Menschen ist, war er in gewissen Hinsichten sehr gierig nach Lob; dadurch kam er, wie nachher erhellen wird, einmal in Gefahr. Es war jenes Geschenk eine gediegene aus Gold bereitete Kapsel, durch Edelsteine in königlicher Weise ausgezeichnet, mit den höchsten Reliquien angefüllt, nach Gestalt einer Kapelle gemacht, deren gleichen wir wahrlich nichts jemals gesehen haben; die Überschrift derselben ist:
»Kapsel, dem Kreuz mit den Heiligen, der frommen Maria gewidmet: Karl erkieste Dich, sieh, für sich als höchste Kapelle.«
Rudker überredet den Mann, nicht Gold, sondern sich selbst, wie er oft versprochen, seinem Gallus darzubieten und sich nunmehr endlich als dessen Mönch in Wahrheit völlig darzustellen. Wie der Bote des großen Ratschlages ermahnt hat, ist es geschehen. Nachdem Salomon dem König, seinem Geber, endlich sein Gelübde eröffnet hatte, ging er eines Tages, die Kapsel selbst um den Hals sich hängend, angetan mit der Tunika und der Kutte des Mönches, barfuß zum Altar des heiligen Gallus hin, indem Bernhard es zugab, beweinte seine Sünden, und er wird, der Welt abschwörend, ein Mönch des heiligen Gallus. Als einen Mönch aus der Pfalz behandelte der Abt ihn milder und hielt ihn vor allen, die unter ihm dienten. Nicht viele Zeit später jedoch, als es durch den ganzen Staat hallte, man könne dieses Mannes Räte nicht entbehren, nahm ihn der König mit Erlaubnis seines Abtes wiederum an den Hof und stellte ihn im Stande der früheren Ehren her; zuletzt auch erhöhte er ihm noch dieselben. Denn das Reichenauer Kloster übergab er ihm damals. Es versichern aber einige, der vom Glück begünstigte Mann habe endlich zwölf Abteien geleitet. 

11. Salomon Abt und Bischof; Erzbischof Hatto.
Nachdem also Abt Kerhald, wie anderswo berichtet worden ist, abgesetzt worden war, ist Salomon durch den Erzbischof Hatto uns angetan worden und hat er unsere Stätte zur Leitung übernommen. Dieselbe hat er nachher vor allen Orten, welche er verwaltete, bei Gott und den Menschen zu erhöhen Sorge getragen. Aber als er anderthalb Jahre unser Vorsteher war, ist er endlich als Vorgesetzter Gottes zu Konstanz zum Hirten und Bischof gemacht worden. So hatten auch er selbst und jener Hatto, Erzbischof von Mainz, welcher ihm stets sehr freundschaftlich verbunden war und welchen sie »Herz des Königs« nannten, während auch dieser, wie es heißt, zwölf Abteien vorstand – denn auch Mönch und Abt von Fulda war Hatto gewesen -, nach dem König die Herrschaft in den Händen gehabt. Hatto hatte auch Mainz selbst von seinem alten Ort verlegt und näher am Rhein erbaut und in diesem und in vielem anderem die Großartigkeit seiner Seele gezeigt. Noch war zu jener Zeit Schwaben nicht in ein Herzogtum verwandelt; sondern es war eigentümlich dem königlichen Schatz unterworfen, so wie heute auch Franken. Die beiden Länder verwalteten Boten der Kammer – so hieß man sie – : Adalbert mit Werner Franken, die Brüder Berchtold und Erchinger aber Schwaben. Durch die Akte königlicher Freigebigkeit wurde nach der Seite der zwei Bischöfe hin vieles der Botmäßigkeit dieser beiden Beamtungen entzogen; daraus erheben sich Ausbrüche des Neides und Hasses jener beiden Paare von Kammerboten gegen die zwei Bischöfe. Abgesehen von den gegen die Könige selbst bewerkstelligten verbrecherischen Versuchen, haben jene Franken oft gestrebt, den Hatto zu verderben. Doch wie sie durch die List des Mannes auf die vermeintliche Gnade des Königs hin mit Überredung gelockt worden sind und auf welche Weise Adalbert durch den Betrug desselben von der Burg Babenberg hinweggezogen und enthauptet worden ist – der andere nämlich war an Krankheit gestorben -, das erspare ich mir zu schreiben, weil allenthalben davon gesungen und gesagt wird. 

12. Salomon und Hatto und die Kammerboten; Salomons Flucht vor den Kammerboten; Versöhnung.
Ich kehre zu Salomon zurück. Wie wir gesagt haben, suchten die Kammerboten, als demselben von den Königen etwas zu Bodman, einem ihrer Botmäßigkeit zustehenden Platz Gehörendes geschenkt wurde, auch ihn zu verfolgen, so wie Wernher und Rudhart den Herrn Othmar verfolgt hatten. Aber jener, vielfach reich, wie er durch das Bistum und die Abteien war, und stärker durch die Schar mannigfaltiger Krieger, war zufällig einmal den Männern begegnet; indem er ihnen im Friedenswunsch zuvorkommt, wenn sie ihn etwa wieder grüßen wollen, erwartet er vergebens ihren Gegengruß; Boten, die ihnen nachgeschickt werden, um die Sache zu betreiben, verweigerten sie den Friedensschluss. Während jedoch Salomon vor allem stets dem Kloster des heiligen Gallus verharrte, wurde er in einer Nacht vorherberichtet, dass ihm von jenen, wenn er nicht fliehen würde, Gewalt angetan werden möchte; da wich er sicher hinweg in den Wald von Turbenthal, der freilich in dieser Zeit ganz eine Einöde war. Die Kammerboten aber wollten, indem sie beim heiligen Gallus feindlich eindrangen, den Bischof ergreifen, wenn er da wäre. Allein dieser hatte in jener Einsamkeit auf den Namen des heiligen Gallus eine kleine Kapelle errichtet und war den meisten von den Seinigen, die zur Zeit nicht wussten, wo er wäre, während Boten an den Hof gerichtet wurden, verborgen. Da werden der Bischof und die Kammerboten selbst vom König – damals war Arnold König – geheißen, unter dem Bann des Friedens an den Hof, der zu Mainz war, zu kommen; und nachdem da die Angelegenheit öffentlich verhandelt worden war, werden jene, da ihnen das Urteil als Angeklagte auf Majestätsverbrechen gefällt war, in Ingelheim dem König in Gewahrsam gegeben, bis ihre Bestrafung durch Verbannung oder durch Tod erfolgen würde. Da betrieb endlich Salomon zugleich mit dem Bischof Hatto ihre Befreiung, weil er ängstlich war, es möchte seine eigene Person etwa als die Ursache ihrer Ermordung erscheinen. Beide gehen im Geheimen mit flehentlicher Bitte zur höchsten Gewalt; sie erweichen des Königs Herz; sie führen jene Feinde in die Gnade zurück; vor allen werden dieselben, nachdem sie sich gedemütigt, mit Salomon in Frieden gebracht; mit dessen eigener Hilfe werden sie in ihre frühere Macht wieder eingesetzt. Endlich kehren sie, wie in größter Freundschaft stehend, nach Hause zurück, nachdem vor dem der Eid gegeben worden war, auf dass sie niemals den Bischof verletzten, dass sie nämlich zu keiner Zeit den Bischof in den ihm zum Geschenk übergebenen fiskalischen Besitzungen kränken wollten. 

13. Salomons Gastmahl und die neue Entzweiung.
Nach diesem werden die Männer vom Bischof nach Konstanz zu einem Gastmahl und zu Geschenken eingeladen. Man setzt sich zu Tisch, und, wie das geschieht, da sie zwischen den Ergötzungen des Trinkens die künstliche Arbeit an den goldenen und silbernen, besonders aber an gläsernen Gefäßen bewunderten, brachte der Bischof, des Lobes, wie wir gesagt haben, wohl etwas allzu begierig, indem er unter den übrigen Reichtümern, die er von den Königen habe, gewisses heraushob, den geschickt schweigenden Gästen Worte des Lobes auch über die großen Dinge des heiligen Gallus vor, durch die er nun die schon längst verwundeten Gemüter verletzte. Während jedoch dieselben geringfügig waren, schürten sie schwere Übel an. Denn er hatte jenen, Possen treibend ohne Unterschied, wie er es eben tat, gesagt, dass er beim heiligen Gallus einen Ofen habe, der ihnen beiden von einmaligem Heizen Brot für ein Jahr backen würde; denn tausend Brote könnten gebacken werden, heißt es. Und da er etwas Ähnliches auch über den großen ehernen Kessel und die für hundert Malter Hafer bequeme Darre hingeworfen hatte, fügte er hinzu, er habe bei den Herden Hirten, vor welchen sogar sie, wenn sie die Männer sehen würden, sich neigen würden, indem sie die Hüte von den Köpfen zögen. Geduldig ertrugen die Leute des betrügerischen Bischofs Ruhmredigkeit bis zu den Hauptverbeugungen gegenüber den Hirten; denn das – so sagten sie, indem sie es als irrig zurückwiesen – könne niemals geschehen. Doch es werden den hochgemuten Männern endlich, da sie sich wieder entfernen wollten, teure Geschenke gebracht, unter denen zwei über die Massen ausgezeichnete gläserne Gefäße waren, welche sie selbst vorher bei dem Mahl vor den übrigen bewunderten. Sie nahmen nun dieselben in die Hände, aber jeder ließ das seinige nach verborgenem Entschluss zur Erde fallen und lachte über die zerbrochenen Stücke. Von allem Übrigen hielten sie sich, indem sie dem Bischof tausend Dank zurückgaben, kluger Weise ferne. Als endlich der Bischof ihnen den Abschied gegeben hatte und sie zum Kuss zog, sagte er: »Euer Eigentum war es; also hat es Euch nicht verdrossen, Trinkgeschirre von solchem Wert zu zerbrechen. Aber Euren Seelen konntet Ihr viel Heil verschaffen, indem Ihr, statt Geldes sie dahingebend, dieselben den Armen geschenkt hättet.« »Gläserne Freunde«, entgegnen sie, »sind mit Glas zu beschenken; wir aber, die wir nicht gläsern sein wollen, haben das Glas zerbrochen« –, und sie scheiden fröhlich, nachdem nach der Sitte Minne geküsst und getrunken worden war. 

14. König Konrad als Gast in St. Gallen; Konrad im Speisesaal der Mönche.
Nicht viele Zeit nachher feierte Konrad, damals König zu Konstanz, des Herren Geburtsfest. Am selben Tag nach Tisch, als ihm der Bischof die abendlichen Prozessionen jener drei Tage beim heiligen Gallus lobte, sagte der König: »O, dass wir doch dort wären! Und weshalb werden wir, mein Herz, nicht morgen früh dorthin gehen?« Alsbald werden die Schiffe bereitet, und nachdem der König dieselben früh mit den Bischöfen und dem übrigen Gefolge bestiegen, erreichte er um Mittag unser Ufer, und indem er dem heiligen Gallus mit Frohlocken sich näherte, wurde er unter Verkündung neuer Lobgesänge ruhmvoll an der Stätte empfangen. Und nachdem er drei Nächte in aller Fröhlichkeit an dem Ort verbracht, kam er endlich am vierten Tag bei Nacht nach Arbon. Es wäre lange zu sagen, mit welchen Ergötzlichkeiten er diese Tage und Nächte verlebt hat, vorzüglich bei dem feierlichen Aufzug der Kinder; diesen ließ er Äpfel mitten auf den Estrichboden der Kirche vorstreuen, und da er auch nicht eines der Kleinsten sich bewegen, noch nach den Früchten seine Aufmerksamkeit richten sah, bewunderte er deren Zucht. Als er am Tag der Kindlein mit zwei Bischöfen zur Tischstunde auch in den Speisesaal der Brüder eingetreten war und mehrere fröhliche Worte zu den vor ihm sich Erhebenden gesprochen hatte, sagte er: »Mit uns werdet Ihr, Ihr möget wollen oder nicht, zu teilen haben.« Den Dekan aber, welcher seinetwegen vom Tisch des Abtes zu gehen sich anschickte, umarmend und zurückhaltend, setzte er sich nieder und das ihm Vorgesetzte zu sich nehmend sagte er, alle ringsum sich betrachtend und anlachend: »Lasst uns inzwischen hieran teilnehmen!« Er schickte aber auf das geschwindeste zu Salomon, derselbe möchte nicht dazukommen, sondern ein jeder für den andern Tafel halten. Als er dann dem Propste befahl, dass ihm nichts als das, was den Brüdern bereitet wäre, vorgesetzt werde, sagte dieser: »O König, unser Unglück! Dass Du nicht den folgenden Tag abwartetest; denn morgen werden wir vielleicht Brot und enthülste Bohnen haben, aber heute nicht also.« »Fürwahr«, sprach jener, »auch morgen wird sich Gott über Euch erbarmen können.« Indem hernach die Kinder der Reihe nach lasen und vom Lesepult herabstiegen, hob sie der König zu sich auf und legte ihnen goldene Münzen in den Mund, und als einer der sehr kleineren unter ihnen das Gold heftig schreiend wieder spie, sagte er: »Der wird, wenn er das Leben behält, einmal ein guter Mönch sein.« Als er sich endlich vom Tisch erhob, sprach er freudig vieles zu den Brüdern und ermahnte sie, bester Hoffnung zu sein, weil, wenn er am Leben bliebe, er solche Tischgenossen fröhlich machen wollte. Er ging also zu den Seinigen zurück, nachdem er vor Salomon und allen sich gerühmt, dass er niemals fröhlicher ein Gastmahl gehalten habe. 

15. Verspottung der Kammerboten.
Unterdessen aber fand er Berchtold und Erchinger traurig und bitter gereizt vor. Fröhlich frug er nach der Ursache; diese indessen war die Folgende. Zwei Meister der Hirten, schlechterdings im Wald lebende Menschen, struppig und mit sehr langen Bärten, wie dieses Geschlecht vielmals gesehen zu werden pflegt, nahezu ehrwürdig, hatten, da solche am Tag vorher geheißen wurden, bei Tag und Nacht für Wildbret sich zu bemühen, einer einen Bären, der andere einen Hirsch frisch getötet aus der Wildbahn hergebracht. Als das die Diener über Tisch im Stillen Salomon ankündigten, befiehlt er diesen Leuten, das Wild jenen Brüdern, welche damals ja als zu den Vornehmsten zählend ohne weiteres seinen Tisch benutzten, durch Überreichung in eigener Person darzubieten; dabei gab man aber vor, jene seien Nachbarn und freie Leute. Und weil sie als solche angesehen wurden, erhoben sich die Brüder vor ihnen, und nachdem sie die Hüte abgezogen, verbeugten sie sich ehrerbietig und dankten den Jägern. Als das der Bischof sah, freute er sich bei sich, des vorher Gesagten eingedenk; allein jene, nun mit der Sache bekannt gemacht, hatten vor dem Bischof das Wild niederlegen lassen, indem sie sagen ließen: »Dir sei das Deinige; uns ist es genug, zum Spott hergenommen zu werden.« Doch aus Furcht vor dem Reichshaupt hatten sie, ihren Sinn nicht aufkommen lassend, den Zorn überwältigt. Diese Sache linderte der weise König durch klugen Rat: »Da wir ja zu Freuden doch zusammengekommen sind«, sprach er, »so ist es meines Rechtes, alle Scherze, auch die von so gut wie keiner Gefahr, fern zu halten und, wenn sie bis zu Händeln gelangt sind, durch Beschluss von Reiches wegen zu Nichte zu machen. Deswegen will ich, meine Richter, dass Ihr beide gelassenen Mutes seid und in Freundschaft mit dem Bischofe zurückkehrt.« Zum zweiten Male nämlich werden sie dann in gemächlichem Frieden wieder versöhnt. 

16. Konrads Verbrüderung; Konrads Abreise.
Aber als der König einen Abend und eine Nacht fröhlich verbracht hatte, wird er, indem er um Tagesanbruch eine Versammlung der Brüder sich erbittet, weil aller Stimmen günstig fallen, ein verzeichneter Bruder. Er teilte einem jeden der Brüder ein Pfund Silber zu, damit er es für die Kleidung behalte. Den Knaben verordnete er drei Tage zum Spielen, sowohl für jene Zeit gerade, als für die Zukunft, und nachdem er in die Kirche des heiligen Gallus hineingegangen war, bekleidete er die Altäre mit Decken. Auch die Immunität des Ortes, die von Grimald begonnen worden war, aber noch nicht fest stand, stellte er selbst unter Erlaubnis des Bischofs mit eigener Hand und mit dem Siegel als sicher und ununterbrochen bestehend fest. Endlich betritt er das Bethaus des seligen, durch römische Machtvollkommenheit zum Heiligen erhobenen Othmar – denn es waren seine Vorfahren, welche denselben gequält hatten -, und er stellte sich an dessen Altar, als wäre er selbst bei den Ereignissen zugegen gewesen, als den Schuldigen dar; er besänftigte auch mit Decken, mit Gold und Silber den Heiligen. Aber es befanden sich auch um Stammheim, das dem heiligen Othmar von Karl geschenkte Dorf, gewisse Örtlichkeiten, welche noch im Recht des Königs standen. Konrad aber hatte alles, was daselbst dem königlichen Schatz gehörte, ganz in die Hand des Vogtes auf des heiligen Othmars Altar übergeben und mit seinem Siegel bekräftigt. Und zu Salomon gewendet, sprach er: »Unter der Verabredung, dass unsere verzeichneten Brüder für unser gestriges Gastmahl die von Karl festgestellte Woche des Festes dieses meines Herrn auch zu meinem Gedächtnisse reichlicher schmausend feiern sollen« -, und lächelnd sagte er: »Denn auch ich will heute als verzeichneter Bruder mit den Brüdern den Imbiss nehmen und unsere Bohnen aus dem Meinigen pfeffern.« Über diesem Altare werden von den Brüdern dem König rasch Messen gehalten. Früh steht bereit das Mahl; es füllt sich an der Saal; kaum war gekommen der Vorleser zu Satz einmal. Die Liebe, die nichts Falsches tut, verschmähte die Zucht mit freiem Mut. Niemand sprach, das oder jenes sei nie geschehen, obschon es vorher niemals gehört war oder gesehen, nie von einem Mönch in dem Haus war erfahren. Den Geruch von Wild und von Fleisch sie gewahren. Tanzend die Gaukler springen; Saiten klingen zum Singen. Niemals hatte des Gallus Saal nur durch sein Zutun solch Bacchanal. Der König unter dem Tosen so laut, auf die ernsteren Brüder schaut; über der einen verzogene Mienen lacht er, dass ihnen solche Dinge zu ungewohnt schienen. – Zum zweiten Mal verzehren sich jene oft erwähnten Brüder in ihren Herzen vermöge des dem königlichen Schatz verursachten Schadens. Denn über Stammheim hatten sie schon längst einen festen Platz errichtet, welchen sie vor dem König nach dem Eigentumsrecht ihrer Erwerbung für sich in Anspruch nahmen. Da sagte ihnen der König: »Ihr werdet den festen Platz ohne Schaden für die Bewohner des Ortes nicht haben können; aber wenn Ihr etwa denselben in widerrechtlicher Weise begegnen werdet, so werdet Ihr meiner Gnade entbehren.« Am Abend geht der König hinweg, begleitet von den tränenerfüllten Lobsprüchen der Brüder. Wenn ihm weiteres Leben vergönnt sei, hatte er versprochen, werde er denselben nicht nur noch einmal Wohltaten erweisen. 

17. Der Streit über Stammheim; Überfall Salomons durch die Kammerboten.
Nach schwäbischer Ordnung geht der Bischof an drei Tagen mit dem Vogt an die Örtlichkeiten, wie es Recht war, um die Leute des Königsgutes durch Eide für den heiligen Othmar sich anzueignen. Diesen aber drohen die Wächter des festen Platzes, dass es ihnen übel gehen werde, wenn sie nicht ihnen gehorchten, und sie führen die Drohungen tatsächlich aus. Denn als die Königsleute nicht freiwillig Schlachtvieh und das andere, was jene gelüstete, ihnen geben wollten, nahmen sie es mit Gewalt weg. Als der Vogt hierüber sich darnach sowohl in eigener Person, als durch Salomons Worte, und zwar nicht einmal bloß, jenen Brüdern gegenüber beklagte, erlitt er entweder erdichtete oder beleidigende Antworten und wich zurück. Und als der Bischof das beinahe ein Jahr hindurch gelitten, beklagt er sich eines Tages, da er selbst den Männern begegnet, über die Frevel. Da sie nun schon mit Unwillen seine Worte ertragen hatten, fügte der Bischof hinzu, sprechend: »In der Tat, weil Ihr um meinetwillen einmal vor dem König Arnolf in solcher Bedrängnis gewesen seid, woraus ich selbst mit genauester Not euch gerissen habe, ziemte es sich schon, dass Ihr dieses Zeitpunktes stets eingedenk bliebet.« Auf der Stelle spricht Liutfrid, der Sohn der Schwester der beiden Brüder, ein äußerst hartnäckiger Jüngling: »Rühmt sich der Verruchteste der Mönche der seinetwegen Euch zugefügten Gewalttätigkeiten, o Ihr Oheime! Und Ihr leidet, dass er lebe?« Und er hätte mit dem herausgerissenen Schwert den Bischof getötet, würde er nicht von den Beiden aufgehalten. Da aber der Bischof selbst, um den Hals abzuwenden, rascher mit dem Pferde zur Seite wich, wurde er durch die beiden Brüder am Zügel festgehalten und ergriffen. Jedoch einer der Seinigen wurde, wie er auf jenen das Schwert ziehenden Jüngling mit dagegen gezücktem Schwert selbst einrennen wollte, durch die Lanzen der ihn Umringenden durchbohrt und ward des Todes. Der Bischof wird in einen gewissen nahe gelegenen Schlupfwinkel geführt, wo er vom Pferd zu steigen geheißen wurde und sich niedersetzte, bis jene, welche zur Seite gingen, beraten hätten, was sie mit ihm beginnen wollten. Er selbst aber, vertrauend auf den Herrn, schreit unaufhörlich seinen Herrn Gallus an. 

18. Salomon als Gefangener bei Perchta.
Liutfrid rät, ihm entweder die Augen auszureißen oder die Rechte abzuschneiden. Allein der vernünftigere Teil der Krieger fordert in jeder Weise, dass sie nichts Weiteres gegen den Gesalbten des Herrn unsinnig vornehmen sollten; vielmehr sagten sie, es werde das Beste sein, wenn er auch unverletzt erhalten werde. Endlich steht den Brüdern der Ratschluss fest, dass er nach Diepoldsburg geführt würde, wo damals Perchta, Erchingers Gattin, waltete. Denn sie sagten, dass dieselbe, da sie überhaupt anderweitig unternehmend war, zu Listen am scharfsinnigsten sei und dass Salomon, weil sie aus Liebe zu ihrem Gatten demselben oft früher Übles wünschte, ohne Verzug, in welcher Weise immer, bei ihr zu Grunde gehen werde. Dem Manne Gottes wird inzwischen ein geringeres Pferd gesattelt. Schweinehirten aber, als sie den Schwarm erblickten, laufen herzu um zu sehen. Als Berchtold dieselben erblickte, sagte er: »Beuge Dich vor diesen, Verfluchter Gottes, und lecke ihnen die Füße, damit sie Gnade für Dich erflehen!« Jener aber tat, was er geheißen wurde, weil er die Gewalt kennengelernt hatte. Nachdem er endlich Trabanten, welche ihn führen sollten, übergeben worden war, wird ein Schnellbote an Perchta vorausgeschickt, der ihr das Geschehene eröffnete. Allein, wie die Frau den Frevel vernommen hatte, schlug sie an ihre Brust, seufzte auf und sprach: »Das ist der Tag, der unseren Ehren bei Gott und den Menschen ein Ende setzen wird.« Alsbald bereitet sie die Schlosskapelle und den Altar; sie schmückt die Kemenate mit Teppichen und einem Rücklaken. Einigen Priestern, welche zugegen waren, befiehlt sie, den Bischof mit dem Evangelienbuch zu empfangen. Dem Ankommenden schreitet sie selbst vorwärts an das Tor entgegen; sie fasst ihn in ihre Hand und bittet weinend, ob er sie des Kusses für würdig halten möchte. Jedoch die Krieger sagten heimlich zueinander, das geschehe aus Hinterlist. Auf das schnellste wird ein Bad bereitet, damit der Bischof sich vom Staub und dem Schweiß der Ermüdung reinigen könnte. Auch er selbst fürchtete, obschon sonst glückgesegnet, Unheil. Hinter dem Bischofe und den zwei einzigen Priestern, welche anwesend waren, wird die Kemenate geschlossen. Wie er nämlich selbst gesagt haben soll, konnte er die Nacht ruhig verbringen, mit Ausnahme dessen, dass er den Klang der Trompeten und die Rufe der Wachehaltenden ungern sich gefallen ließ. Es schreitet zum Gast die Frau allein mit einer einzigen Dienerin hinein. Sie verspricht dem Mann Rettung und eine beschleunigte Rückkehr zu den Seinigen. Er erfrischt sich mit ihr zugleich; durch das Mägdlein wird ihr, durch die Priester dem Bischofe aufgetragen. 

19. Ergreifung der Kammerboten; Salomons Befreiung; Salomons Nachsicht für Perchta und Rückkehr.
Nachdem jene Männer, wie gesagt worden ist, den Bischof von sich entlassen hatten, bemühen sie sich Tag und Nacht, indem sie Lebensmittel zusammenbringen lassen, den Berg Hohentwiel zu befestigen. Sie selbst handeln inzwischen geheim mit ihren zuverlässigsten Leuten, die sie haben mögen; in weidereichen Wäldern verstecken sie sich bei Nacht. In der dritten Nacht nach der so großen Übeltat werden sie dem Siegfried, dem Sohne des Vatersbruders des Bischofs, verzeigt, und dieser sammelt sogleich Verwandte und Krieger des Bischofs, so viel er, gedrängt durch die Stunde, vermochte, und frühmorgens greift er in einem Walde jene an, während sie noch schlafen. Sie aber, wach geworden, ergreifen in geringer Zahl, wie sie sind, nutzlos die Waffen gegen die durch Panzer und Helme gesicherten Scharen. Dieselben machen die drei Männer selbst, obschon sie mutvoll Widerstand leisten, waffenlos; sie ergreifen sie lebendig und führen sie in Fesseln fort. Sogleich laufen Schnellboten zu Perchta und ihren Burgmännern, um ihnen zu sagen, dass, wenn sie nicht aufs schleunigste den Gesalbten des Herrn der Fesseln entledigten, ihre Herren auf den drei Seiten der Burg auf Schwebewerke gelegt und ihnen vor dem Antlitz an der Sonne geröstet werden sollten. Als die Wächter das vernommen hatten, glaubten sie zuerst, dass man sie täusche, liefen dann aber, als sie genauer berichtet worden, alle aus der von Männern geräumten Burg auseinander. Frei wird der Bischof mit den Priestern zurückgelassen und Perchta mit ihren Dienerinnen weinend und wehklagend. Er selbst jedoch, nachdem er sie nach den Umständen getröstet, fasst sie bei der Hand und schreitet den Seinigen entgegen hinaus an die Tore der Burg. Denn in der letzten Nacht kam sie mit ihm über seine heimliche Entlassung durch ein verborgenes Pförtchen überein, weil ihr durch einen Boten ihres Mannes bekannt geworden, dass in der andern Nacht der Bischof entweder nach dem Hohentwiel, oder, was sie noch mehr fürchtete, zur Vernichtung hinweggeschafft werden sollte. Nachdem die Flucht der Burgleute vernommen worden war, fliegen die Mächtigeren auf ihren Pferden schnell voraus. Als sie den Bischof vor den Toren erblickt, grüßen sie ihn im rufenden Gesange: »Heil Herro! Heil Liebo!« und so fort. Aber der Bischof wollte nicht, wegen der Erhaltung des Besitztums der Frau, dass sie, einige namhaft gemachte ausgenommen, in die Burg einträten. Denn die Schar der Bewaffneten, welche sich auf dem Marsch den Seinigen anschlossen und ihnen folgten, war unzählbar. Darauf wird zur Stunde Erchinger allein zu der Frau, welche ihren Mann zu sprechen wünscht, geführt. Nachdem sie ihn umarmt, wobei ihr vor Weinen das Blut aus der Nase herausfloss, wird sie mit Mühe von dem gleichfalls Weinenden losgerissen. Auch die Feinde bewegte diese so plötzliche Änderung der Dinge. Als aber der Gefesselte vor dem Bischof niederfiel und ihn um Verzeihung für sich anflehte, sagte derselbe: »Was an mir liegt, so gestehe ich sie Dir zu«; und er ruft ihm, der von den erzürnten Wächtern hinweggebracht wird, den Segen nach. Mit seinem Neffen und den Kriegern jedoch verhandelte er, dass die Frau mit Sicherung ihrer Ehre und ihres Vermögens zu den Ihrigen geführt würde. Und als sie hier die Nacht zugebracht hatten, verordnete er selbst, indem er alle ihre Güter seinen Getreuen empfahl, deren Hinwegführung. Sie selbst aber entließ er und lud sie zu sich nach Konstanz ein, wann die Dinge sich zum Besseren neigten, damit sie bei fröhlicherem Geschick, falls sie seiner Treue eingedenk bleibe, ihn kennenlernen könnte. Ein anderer Petrus, aus der Gewalt des Herodes gerissen, kehrte er mit ruhmvollem Geleit nach Konstanz zurück, unter solchem Frohlocken wahrlich von allen, welche ringsumher zusammenkamen, wie nicht einmal, wenn zu Rom einst ein solcher zum dritten Mal selbst vom Himmel gefallen wäre, Cato einen Empfang gefunden hätte. 

20. König Konrads Maßregeln gegen die Friedensbrecher; Strafe der Kammerboten.
Jene drei schädlichen Leute werden dem Hohentwiel übergeben, um für die öffentliche Untersuchung aufbewahrt zu werden, während die Mehrzahl der Leute Salomons jetzt, falls etwa jenen auf dem Weg Gelegenheit zum Entweichen gegeben würde, unter Waffen versammelt worden war. Dagegen trafen nun die Krieger der Abteien und des Bistums zugleich mit den Verwandten des Gesalbten des Herrn durch Umlagerung des Berges Vorsorge. Die Sache wurde Konrad bekannt, welcher damals im Frankenland sich aufhielt. Denn schnelle Amtsboten gingen Tage und Nächte, sowohl nach der Gefangennahme, als nach der Wiedererlangung des Bischofs. Es soll aber Konrad, frühmorgens erwachend, als er das Gerücht von den früheren Boten erfahren hatte, aus dem Bett herausgesprungen und in keiner Weise im Stand gewesen sein, die eines Königs würdige Geduld zu bewahren; nachdem von den folgenden Berichterstattern die Überlegung ihm wieder geschenkt worden, habe er sich auf einen Augenblick ausgeruht. Als er aber wieder zu sich gekommen war und über das Befinden des Gefangenen und wieder Befreiten sich erkundigt hatte sagen sie: »Es steht fest, o König, dass der hart Behandelte sich noch übel befinde, und sicherlich hätte er es Euch durch uns bestellt, wenn er es wüsste, dass er bald kommen könne.« Nachdem der König das vernommen, ging er bei Seite und weinte; denn es brachen ihm die Tränen hervor, und sie ließen sich nicht zurückhalten. Als er hierauf Rat gehalten, kündigte er zuerst ein öffentliches Gespräch zu Mainz an, hernach eine allgemeine Versammlung. Als auf derselben nunmehr jene drei nach dem Gesetz abgeurteilt und geächtet und ihre Güter dem Staatsschatz einverleibt worden waren, wurden sie, als des Majestätsverbrechens angeklagt, zur Enthauptung verurteilt, während gegen alle übrigen, welche dem so großen Verbrechen beiwohnten, als gegen Feinde des Staates der Befehl der Verfolgung erlassen wurde. Unter Beistimmung der Fürsten von Schwaben wird über die Alemannen Burkard, der adligste jenes Volkes und durch die Ausstattung mit Tugenden Bewährteste, als erster Herzog eingesetzt, und es sind demselben auch die eingezogenen Güter der Verurteilten als Lehen übergeben, während die Mitgift der Perchta für dieselbe, weil sie ihrem Mann nicht beigestimmt hatte, durch eine Verordnung ausgenommen und ihr bestätigt wurde. Wiewohl aber der Bischof bei dem Herzog für die Verurteilten Verzug erbat, damit für sie, wenn es geschehen könnte, vom König aus Verbannung einträte, hielt der Herzog dieselben mehrere Tage im Gefängnis. Obschon jedoch der König häufig vom Bischof durch Bitten ermüdet wurde, befahl er endlich, dieselben zu töten. Der Bischof indessen, durch ihren Tod sehr betrübt, gestattete, nachdem er jenen auch im Leben, so viel an ihm lag, Nachsicht erzeigt, denselben die Beerdigung bei der Kirche. 

21. Sühneakte für Othmar; Wallfahrten der Welfen nach St. Gallen, Salomons nach Rom; die Pelagius-Reliquien.
Der König aber übergab um des so vielen von dort entstandenen Übels willen jenen dem heiligen Othmar verhassten festen Platz zur Zerstörung, und in jedem Jahr, so lange er lebte, schickte er einen Zins an Wachs für sein Haupt an Othmars Grab, als ein Sohn jener Henker, für die Verschuldung gegen Othmar, als wenn es seine eigene wäre. Das nun tat später auch Rudolf, der Vater des Grafen Welfhard, da er nämlich desselben Geschlechtes war, in einem Zinse von Eisen aus dem Bergwerk von Füssen. Aber während dessen Söhne Welfhard und Heinrich diesen selben Zins einige Jahre hindurch entrichteten, unterließ Heinrich nachher denselben gegen den Willen des Bruders, von Scham darüber bewegt, als wenn er durch denselben als ein Zinsmann erschiene. Es geschah aber, dass am Tag der Vorfeier des heiligen Othmar beide Brüder bei der Jagd auf einen Steinbock auf das äußerste Ende eines sehr steilen Felsens geleitet, sich ermüdet niedergesetzt hatten und dass, indem plötzlich der Stein, auf welchem Heinrich saß, zusammenstürzte, dieser Jüngling von großer Anlage, o Schmerz! in die tiefsten Täler herniederbrach und umkam. Kaum vermochte die beraubte Mutter den Lebenshauch festzuhalten. Wir werden jetzt beschreiben, was wir gesehen haben. Noch nicht war die Trauer vollendet, als sie mit den allein ihr Gebliebenen, Sohn und Tochter, zu den Füssen des Heiligen mit Geschenken und dem Eisen, welches zu zahlen unterlassen worden war, kam; was in der Nichtentrichtung des Zinses gesündigt worden, bereuten die drei für sich und den Gestorbenen. – Da aber Salomon sah, dass das Glück nach seiner Art die Spiele des Rades hin und her bewege, vielmehr dass an ihm selbst Gott in nicht verborgenen Zeichen seine Macht beweise, so ging er, ein strenger Ankläger seiner selbst bei der höchsten Gewalt, nachdem ihm die Erlaubnis gegeben worden, nach Rom, weinend und jammernd und sprechend: »Nach Verdienst habe ich dieses gelitten, weil ich vor Gott gegen den Himmel gesündigt habe; Gnade habe ich von ihm zu erbitten, indem Petrus sich meiner erbarmt.« Als er jedoch, vom Papst gütig aufgenommen, daselbst einige Zeit flehentlich bittend verweilte, verlangte er von demselben weinend für sich Gnade, vorzüglich aber deswegen, weil ja um seinetwillen jene drei enthauptet worden seien; er bat den Papst, er möge ihm eine Art der Bereuung, welche er wolle, auflegen. Nachdem er aber endlich von dem Apostolischen Ablass erlangt, machte er sich daran, fröhlich nach Hause zurückzugehen, und beschenkt mit Reliquien von Heiligen, so viel als möglich war, hatte er auf seiner ganzen Heimkehr besonders das in seinem Sinne eifrig erstrebt, in welcher Weise er jene, auf das Geziemendste, wie er nur könnte, wenn er nach Hause komme, verherrlichen möchte, vor den übrigen aber den Leib des Blutzeugen Pelagius, an dessen Tag er nach der Unterwerfung seiner Feinde selbst von den Fesseln befreit worden. Und da dieser durch vieler Wunder Verdienste ausgezeichnet wurde, machte täglich das Gerücht davon, dass nicht allein die nächsten, sondern auch entlegenere Gegenden scharenweise nach Konstanz, um zu beten, zusammenströmten. Ruhmvoll jedoch war es, wie sehr der Gesalbte des Herrn sich nach seiner Rückkehr in Tugenden übte, wie anhaltend Nacht und Tag in Gebeten, wie reichlich im Spenden vorzüglich für die Armen er war, wie bereitwillig und ununterbrochen er sich in Friedensstiftungen betätigte. 

22. Salomon und Hatto; Hattos Überlistung durch Salomon; Raub der Schätze; Salomons Kunstwerke; Tutilo, Sintram.
Es trug sich aber zu, dass, wie jener nämlich nach Hause zurückgekehrt war, der Erzbischof Hatto, sein Freundschaftsbruder schlechterdings, wie sie zueinander sagten, nach Konstanz gelangte, als er nach Italien strebte, um dort das Königsrecht einzufordern. Sie sagten aber, er habe, weil er seinen Mainzern weniger traute, das Ganze, was er an seinen Schätzen hatte, mit sich geführt, um es, bis er zurückkehrte, seinem Freund anzuvertrauen. Es war jedoch das Recht, welches in ihrer Freundschaft galt, weil sie beide sehr scharfsinnig waren, von bewunderungswürdiger Art. Denn ein jeder von jenen beiden pflegte, worin er in Worten und in Dingen den anderen durch Schlauheit täuschen konnte, dies zu tun, wie bei einem gewissen Henkelkrug, dessen Salomon sich bediente, einem goldenen mit Edelsteinen verzierten, von sehr schwerem Gewichte. Als daher beide, wie sie zu tun pflegten, vor den Gästen Wasser, als wenn es Wein wäre, nüchtern tranken, Salomon aber in dem inneren Gemach sich eines gewissen Gefäßes aus Erz, welches wunderbar gestaltet war, zum Holen des Wassers bediente, sprach Hatto im Weggehen unter anderem zu dem Manne: »Jenes Wassergefäß, dessen Du Dich in Deinem Gemache bedienst, teile mir zu, Freund!« Als nun dieser fröhlich zunickte, sagte Hatto heimlich zu dem Schenken: »Den goldenen Kopf (Trinkgefäß) Deines Herren sollst Du, weil dergestalt ich und mein Bruder übereingekommen sind, sogleich meinem Schenken darbieten.« Das hatte jener alsbald, wie er geheißen worden war, getan. Der Kopf ist weggebracht, der Betrug des Freundes inzwischen noch verborgen. Aber Salomon merkte, als er das nächste Mal bei Tisch denselben gefordert hatte, dass er getäuscht sei, und er sagte: »In Wahrheit, wenn ich das Leben haben werde, wird jenem mit dem gleichen Maß wieder gemessen werden.« Wie wir vorausgeschickt haben, hatte der Freund seinem Bruder nachher beim Weggehen seine Schätze unter dem Vertrag besiegelt, dass derselbe, wenn er hörte, er sei gestorben, sie für ihrer beiden Seelen, an welche Leute er immer wollte, nach ihrem Inhalt verwenden dürfte. Kaum war, wie erzählt wird, ein Monat vergangen, und Salomon ließ durch Boten Kaufleute, die aus Italien zurückkamen, vorher erinnern, dass sie verbreiten sollten, Hatto sei gestorben. Und nachdem er zur Stunde Schmerz vorgegeben, schloss er die Schreine auf und verteilte den Armen viele Münzen; nachdem er auch eine Menge von Goldschmieden zusammengezogen, ließ er zuerst den Krug, welcher einst sein gewesen war, zerteilen und jenen prächtigen Sarkophag, welchen wir heute bewundern, für den heiligen Pelagius aus dem Gold und auserlesenen Edelsteinen des Mannes zusammenfügen; die Gebeine des Märtyrers legte er in feierlicher Weise hinein. Auch jenes zu feiernde Kreuz für die heilige Maria schuf er in wunderbarer Weise aus demselben Gold und den Edelsteinen, indem unser Tutilo die halberhabenen Arbeiten zurechtmachte. Den Altar jedoch der heiligen Maria und das Lesepult für das Evangelium, welche durch das Kunstwerk dieses unseres selben Bruders an den passenden Stellen vergoldet worden waren, hieß er aus den Schreinen seines Hatto mit Silber bekleiden und, wie es zu sehen ist, aus auserlesenem Gold betüpfeln. Auch dem heiligen Gallus, in keinen Glückszuständen seiner uneingedenk, brachte er aus denselben Schreinen zwei Tafeln aus Elfenbein herbei; höchst selten sind anderswo solche zu sehen, welche diesen an Größe völlig gleichkommen, als ob der so gezähnte Elefant ein Riese unter anderen gewesen wäre. Es waren aber Tafeln einmal nämlich zum Schreiben mit Wachs überzogen, wovon der Verfasser der Lebensbeschreibung Karls in diesem seinem Leben gesagt hat, jener sei gewohnt gewesen, solche an der Seite des Bettes beim Schlafen niederzulegen. Von diesen beiden Tafeln nun war die eine mit Bildwerk versehen und höchst ausgezeichnet, die andere aber auf der Fläche ganz geglättet, und diese geglättete übergab Salomon unserem Tutilo zum Schnitzen. Für diese Tafeln befahl er unserem Sintram nach dem längeren und dem breiteren Maß ein Evangelium zu schreiben, um dasselbe, welches durch die Tafeln seinen Reichtum bewies, durch das Gold und die Edelsteine Hattos zu schmücken. Dies ist heute ein Evangelium und eine Schrift, welcher keine weiter, wie wir glauben, gleich sein wird, weil Sintram, da ja alle Welt diesseits der Alpen seine Finger bewundert, in diesem einen, wie es berühmt ist, triumphiert. Bewunderungswürdig jedoch ist, dass ein Mann so vieles geschrieben habe, weil an den meisten namhaftesten Orten in diesen Teilen des Reiches Bücher mit Schriftzügen des Sintram als Bürgen des heiligen Gallus besessen werden. Doch auch das war zu bewundern und einzig an dem Manne, dass, da seine köstliche Schrift erfreulich gerade gerichtet war, Du selten auf einer Seite auch nur in einem Worte eine Unrichtigkeit weggekratzt findest. 

23. Hattos Rückkehr und peinliche Überraschung; Hattos Versöhnung mit Salomon, Abreise und Tod.
Jener reiche Mann kehrte aus Italien als der Reichste zurück, und noch nicht hatte er diesen seinen Schaden zu merken bekommen. Denn da ihn, als er vorher wegging, die Wunder des Pelagius, die er angesehen, erschreckten und er, indem er den Pelagius mit großem Lob beehrte, die Anordnung traf, denselben zu verherrlichen, wann er zurückkehren würde, vernimmt er nunmehr, von Como her eilend, die Zersplitterung seines Schatzes und murmelt bei sich, sein Freund sei der verschlagenste aller Menschen, und indem er gegen jenen viel im Geist knirschte, befand er sich in traurigerer Stimmung und wollte zu Chur den mit vielen Leuten ihm entgegenkommenden Salomon nicht anreden. Da wurde er von den Seinigen so angesprochen: »Falls das Euch, Vater, als Kurzweil immer geziemte, wenn Ihr einander stets durch diesen Würfel und das Brett getäuscht habt, so leide nun, dass Du gleichfalls getäuscht seiest, so wie auch jener vielmals, wie wir gut wissen, getäuscht worden ist.« Als aber Salomon ihm Eideshelfer vorstellte, dass er nicht anders, als wie sie miteinander abgemacht, gehandelt habe, vermochte er endlich mit Mühe dessen Zusprache wieder zu genießen. Als Hatto jedoch vernommen hatte, dass der größere Teil ihm noch übrig sei und er dadurch schon etwas ruhiger wurde, sprach Salomon: »Du kannst, Kamerad, sogar in dem Punkte sicher sein, dass ich unschuldig sei an der verletzten Bürgschaft, dadurch, dass ich zuerst meinen Krug, welchen ich doch mit Recht an mich nehmen konnte, für Deine teuerste Seele zerteilt habe. Aber, liebenswerter Bruder, noch mehr möge im Frieden mit Dir zu sprechen gestattet sein. Denn ich will, dass Du weißt, dass im Guten und Besten mit Dir gehandelt worden. Die Almosen nämlich, welche dem Tod voraus gehen, sind gewisser und Gott angenehmer, als die, welche folgen. Wenn Du nun auch zu den Deinigen lebend gekommen sein wirst, was Du nicht weißt, und durch einen Zufall, welcher unbekannt ist, einmal stirbst, so werden sie gewiss Dir aus Deinen Schreinen das wenigste hinter Dir nachgeben.« Endlich kehren sie zu der früheren Freundschaft zurück unter gegenseitigem Übereinkommen, dass keiner den anderen weiter, weder im Ernst, noch im Scherz, betrügen wollte. Wie Hatto nach Konstanz kommt und festlich empfangen wird, tritt er, um zu beten, zum Sarkophag des Pelagius heran. Er bewundert das so große, in so kurzer Zeit durchgeführte Werk; er bewundert auch das Kreuz, wie es von kristallischen Steinen umschlossen war. Den Bruder umarmend bittet er unter Küssen, dass es ihm erlaubt sein möge, von seinem so großen Schatz wenigstens jenes Kreuz für sich davon zu tragen. Und jener antwortet: »Ich könnte es gestatten, wenn ich nicht einen Aufstand der Bürger befürchtete«, und rascher, als es gesprochen war, wird von denjenigen, die es gehört, die Stadt ringsum verschlossen. Die Bürger sagen dem Fragenden, was das in aller Welt wäre, dass ihre Kostbarkeiten, die allergrößten, in dem Kreuz beständen, und dass sie auch nicht, wenn ihr Bischof es befehlen würde, das der heiligen Maria Dargebrachte fahren lassen wollten. Da sagte jener: »Was mein ist, sei mir gestattet hinweg zu führen.« Da aber die Bürger ihm nicht nach Wunsch antworteten, sagte Salomon zu Hatto insgeheim: »Lasse sie; denn zu geeigneterer Zeit werde ich Dir, wenn Du von Deinem Vornehmen nicht abstehst, das Kreuz eingeschlossen in einer Kapsel zu Schiff oder zu Land schicken, wohin Du mir die Anzeige nur geben wirst.« Mit gelassenem Gemüt entließ jener endlich den Menschenhaufen. Dann verließ er Konstanz und ging fort nach Hause. Kurze Zeit nachher aber erreichte er, vom italienischen Fieber aufgerieben, seinen letzten Tag, ohne dass das Kreuz durch ihn abgefordert worden wäre, und so ist es zu den gleichsam weissagenden Worten Salomons wirklich gekommen. Jener jedoch tat für Hattos Seele so viel er nur konnte durch Gebete und durch zeitliche Güter. Die Schreine Hattos freilich dienten demselben nicht für sein Seelenheil, weil dieselben der Königspfalz zugesprochen wurden. Allein mit der uralten Weisheit des ihm gleichnamigen Königs hatte unser Salomon vielleicht die Seele seines Freundes, wie wir gesagt haben, mit dessen Gold, derselbe mochte wollen oder nicht, losgekauft; und dass derselbe es wollte, das hatte der feine Betrüger endlich bewerkstelligt. 

24. Salomons Gaben für Hatto und für seine Kirchen; Salomons Palmsonntagsbesuch in St. Gallen.
Vieles hat auch Salomon durch seine Bemühungen zur Ehre der heiligen Maria, nicht weniger auch des Gallus, seines Einzigen, vollbracht, das ist Bücher, Gefäße, verschiedenartige Gewänder angeschafft, und er ließ auf einigem, welches auf eine längere Zeit hin dauern sollte, die Inschrift anbringen:
Dritter gibt Salomon hier Gaben der heiligen Maria;
Dritter gibt Salomon hier Opfer dem gütigen Gallus.
Und auch das ist sicher nicht zu übergehen, dass er einmal am Tag vor dem Palmsonntag, das ist an dem Samstag, an welchem der Papst nicht Messe liest und das Almosen gibt, mit der ersten Sonne selbst mit eigener Hand allen Armen der Stadt oder Gegend ausgeteilt hatte und hierauf, dadurch ermüdet, so wie er zu tun pflegte, in der Kirche zu Gebet hingestreckt lag. Wie er aber zwischen dem Beten, durch die langen Wachen eingeschläfert, einschlummerte und, schon etwa um die dritte Stunde, wieder aufwachte, ging er eilig in sein Gemach und sprach, die Antiphon »Pater juste« bei sich leise wiederholt singend: »O, mit welchem Eifer und mit was für Stimmen werden meine Brüder beim heiligen Gallus den kommenden Tag begehen! Es soll« – so fuhr er fort – »auf jeden Fall so rasch als möglich mein Zelter gesattelt werden, weil ich selbst am Abend diese Antiphon anstimmen will.« Und indem er jene sehr rasche Stute bestieg, antwortete er, als man ihn fragte, wen er mit sich haben wollte: »O möchten doch alle mit dabei sein!« Seinen Verwaltern aber gebot er, sie möchten ihm nach das Notwendige für den Lebensunterhalt, was sie nur könnten, hinübersenden. Und so war von den Städtern das meiste Volk bei Nacht und am Tag zu Fuß, auf Schiffen, zu Pferd dem Bischof nachgeeilt. Aber jener, vom Geist Gottes getragen, war um die neunte Stunde beim Kloster, und er selbst stimmte die vorher gewünschte Antiphon für das Evangelium an und sang sie mit heller Stimme durch. Den Brüdern bot er in heiterer Weise ein außerordentliches Liebesmahl dar; was vom Tag noch übrig war, verwendete er für die Erfüllung des Gebotes und für die Armen. Indem er aber die Prozession des folgenden Tages zu seiner dem heiligen Kreuz gewidmeten, bei dem Absteigeplatz liegenden Kirche anordnete, ließ er dieselbe auf der nächstliegenden Wiese inne halten. Dort unterwies er das Volk des Herrn im neuen Gesetz als ein Esra von der Höhe hölzerner Stufen. Und was dem alten Esra nicht erlaubt gewesen, er erteilte Ablass. Und nachdem er von den Stufen heruntergestiegen, lud er nach Vollendung der Messe alles Volk, welches anwesend war, auf die Wiese selbst zum Brechen des Brotes ein. Was jener Tag verzehrt hat, das weiß nur der Herr, der als der wahre Wirt bei jenem Imbiss gewonnen und verzehrt worden ist. Wieder gekräftigt gingen sie einzeln nach Hause, sich freuend und Gottes Lob, Dank dem Kloster des heiligen Gallus gebend. 

25. Erwerbung von Rechten für St. Gallen: Pfäfers.
Aber der Mann Gottes sah, dass er an Alter schon sehr zunehme, und er ging nach dem nächsten Osterfest zur Königspfalz und ließ alle Orte, welche er für Konstanz oder für andere klösterliche Stiftungen durch eigene Bemühung oder der Könige Freigebigkeit erworben, durch Briefe und Siegel – des Königs Konrad damals – bestätigen. Es waren aber, was er für unseren Heiligen erworben hatte: die Pfäferser Abtei. Es wäre lange zu sagen, mit was für Kunstgriffen dieselbe durch ihn für den heiligen Gallus gesucht und festgemacht worden sei; noch heute werden nämlich von Pfäfers die Briefe über beinahe sämtliche Örtlichkeiten, welche damals zu jener Abtei gehörten, im Archiv des heiligen Gallus aufbewahrt. Wie aber Pfäfers dem heiligen Gallus genommen worden sei, werden wir an seinem Orte zu sagen haben. Es sind auch viele andere Orte, welche Salomon dem heiligen Gallus erlangt hatte, welche wir unberührt gelassen haben, weil die Greise, die wir in Anfrage setzten, versicherten, es müsse so sehr vieles im Archiv gesucht werden, und nur das behaupten wir in vollster Wahrhaftigkeit, dass Salomon vor allen Klöstern, die er lenkte, seinem Gallus immer Erwerbungen zugewendet hat. König Arnold aber hatte zwar an Salomon eine gewisse Ansiedlung im Aargau, Kölliken genannt, demselben zum Besitz übergeben. Als nun Salomon gebeten wurde, diese an Konstanz zu geben, versprach er, sie seinem Gallus zu schenken und führte das beim Tode durch. Vieles hat er auch durch Tausch für denselben erlangt, was ebenso, wer es wissen will, in den Briefen des Archivs wird lesen können. Für so reichliche Gaben soll Salomons Seele den Frieden haben. Als er auch einmal wegen der Abteien Reichenau und St. Gallen erforscht worden war, welche von beiden er lieber haben wollte, wenn er keine hätte, antwortete er: »Die Abtei auf der Au zwar ist grösser und reicher; aber diejenige des heiligen Gallus ist annehmlicher und reichhaltiger. Die Annehmlichkeit vermag es in der Waagschale. Weil ich diese von meiner Jugend an erforscht habe und ein Liebhaber ihrer Gestalt geworden bin, habe ich sie immer vorangestellt.« Als der Herr also diesen so großen ihm und den Menschen lieben Mann zu sich zurücknehmen wollte, gestattete er dem heiligen Gallus wenigstens noch sein Geburtsfest, so dass Salomon gesund und in voller Fröhlichkeit dasselbe mit uns feiern konnte. 

26. Salomons letzter Besuch in St. Gallen; Salomon und die Klosterschüler.
Und wie Salomon an den vier einzelnen Tagen vor allen Tagen seines Lebens reichlicher im Wort des Herrn, worin er stets reich gewesen war, das Volk weidete, ging er am Morgen nach dem Tag der unschuldigen Kinder, während er den Aufbruch nach Konstanz anordnete, an den Schulen vorüber, nachdem er von den Brüdern Abschied genommen hatte. Es war aber dies der Tag der Schüler. Er öffnete auch die Türe, um wahrzunehmen, wie sie sich verhielten und trat hinein. Es war in jedem Fall das Recht der Schüler, so wie es ja noch heute ist, dass sie, weil sie nämlich an kein Gesetz gebunden sind, die eintretenden Gäste ergreifen, die Ergriffenen so lange, bis sie sich loskaufen, festhalten. Wie aber jener als Herr des Ortes sicher in ihre Mitte vorgeschritten stand, sagen sie unter sich: »Lasst uns den Bischof, nicht den Herrn Abt, gefangen nehmen!« Salomon jedoch entsprach ihrem Willen, indem er das mit aller Freude erduldete, wie immer sie ihn behandeln wollten. Allein, indem sie ihn packten, setzten sie ihn, er mochte wollen oder nicht, auf den Hochsitz des Lehrers. Und er sprach: »Wenn ich auf dem Hochsitz des Lehrers sitze, habe ich auch dessen Recht zu gebrauchen. Alle zieht Euch aus!« Indem sie es ungesäumt tun, bitten sie doch am Ende, dass sie sich von ihm, so wie sie es vom Lehrer gewohnt seien, loskaufen dürften. Als jener beigefügt hatte: »Wie?«, reden ihn die ganz Kleinen lateinisch, so wie sie es konnten, die Mittleren rhythmisch, die Übrigen aber metrisch, gleich wie von der Rednerbühne rhetorisch sogar, an. Weil wir von zweien derselben die Worte von den Vätern erhalten haben, so sagte der eine:
»Was haben Dir wir getan, dass Du uns Böses fügst an?
Zur Königsgewalt wir gehen, da auf unserem Gesetze wir stehen.«
Aber der andere Versemacher sprach:
»Neu willst Gast du uns sein; nicht gab uns der hoffende Mut ein,
dass Du das alte Recht verschlimmern wollest in Unrecht.«
Und jener, da er durch die an der Stätte des heiligen Gallus zu allen Zeiten festgewachsenen Studien, welche zu seinen Zeiten noch gediegen standen, erfreut wurde, hob alle, so wie sie waren, in ihren Linnenhemden in die Höhe, umarmte sie unter Küssen und sprach: »Zieht Euch an!« Er fügte bei: »In der Tat, wenn ich das Leben haben werde, werde ich mich loskaufen und eine solche Anlage mit Geschenken vergelten.« Und nachdem er so rasch wie möglich vor der Türe der Schulen die ersten der Brüder versammelt, stellte er letztwillig für jene Knaben und für die ihnen zu allen Zeiten Folgenden fest, dass sie in den einzelnen Jahren, an den drei von Reichs wegen ihnen beschlossenen Spieltagen in den Gebäulichkeiten der Schulen selbst Fleisch essen und vom Abtshof jeder einzelne jeden Tag mit drei Essen und Trünken beschenkt werden sollten. Da er selbst nämlich in seiner Gegenwart befahl, dass das alljährlich abgetragen werde, so ist es nachher so ausgerichtet worden bis zu den Einfällen der Ungarn, über welche wir an ihrer Stelle reden werden. Endlich ging er hinweg, dahin, wo er angeordnet, nachdem er die Unseren gesegnet und zum letzten Mal – o Schmerz! – ihnen Lebewohl gesagt hatte. 

27 Salomons Tod und letzte Verfügungen.
Nachdem er demnach zu Konstanz am achten Tag nach der Geburt des Herrn die Messe vollendet, klagte er, im Bischofshof sich aufhaltend, über Kopfschmerz. Wie er also nach Gewohnheit vor seinem Mahl die Armen fröhlich getröstet, hielt er mit den Brüdern und den Bürgern sehr reichlich Tisch, ertrug seinen Schmerz mit Fassung und vollendete so den Tag selbst in Freuden. Als jedoch am folgenden Tag die Mattigkeit zunahm, schickte er ringsherum überall hin Amtsdiener und sammelte Priester, Mönche und Domherren so rasch er vermochte, vorzüglich aber die Unsrigen. Am achten Tag also nach St. Johannistag hielt er aufrecht gestützt Messe, und nachdem er öffentlich sein Bekenntnis abgelegt, erbat er sich von allen und gab allen Verzeihung. Nachher aber schenkte er gewisse noch nicht gegebene Orte der Heiligen Maria und dem Pelagius, seinem Gallus dagegen und Othmar die Ansiedlung Kölliken über der Tafel des Bettes nach den gewohnten Rechten der kanonischen Vorschriften, indem er für die Ruhe seiner Seele verfügte, wobei er die Unsrigen vielfach bat, dass sie die von ihm an der Stätte des heiligen Gallus in der Ehre des heiligen Kreuzes und des heiligen Magnus errichtete und unter den Privilegien königlicher Machvollkommenheit beschenkte Kirche beschützen und nicht dulden möchten, dass dabei der Dienst der Chorherren gemindert werde. Am Tage vor Epiphanie ging er dann dahin im vollsten Vertrauen auf den Herrn. In der Kirche seines Sitzes an der rechten Wand wurde er, beweint durch viele Tränen der Seinigen, bestattet.
Ein paradiesisches Leben willst Du, Christus, ihm geben,
wie Du, am Kreuze gestorben, köstlich mit Blut es erworben. 

28. Salomons Persönlichkeit.
Selten jedoch ist ein Mensch im Verfolge zu sehen, auf welchen der Spender aller Güter so viel von seinen Gaben zusammenträgt. Denn abgesehen von der Eigenschaft eines schönen Angesichtes und einer hohen Gestalt, war er ein gelehrter und sehr unterrichteter Mann, zu schreiben kunstfertig mit Zunge und Hand, ein Künstler im Malen der Handschriften und vor allem dessen kundig, in gehöriger Weise die Hauptbuchstaben hervorzubringen, wie in den Zügen L und C des langen Evangeliums als den ersten zu sehen ist, welche der Bischof, wie gesagt wird, als er glaublich machte, was er in solchem noch könnte, ausmalend vergoldete. Im Metrum war er der Erste und vor den Königen sehr häufig zum Scherz mit Anderen Kämpfer um die Wette; im Sprechen war er, abgesehen davon, dass von Natur ihm Angemessenheit inne wohnte, ein Künstler, gleich kraftvoll in Versammlungen der Pfalz und in Synoden; an der Stelle, wo der Apostel die Propheten hinstellt, zeigte sich niemand edler als er, dergestalt, dass er selten als Redner auf den Predigtstufen stand, ohne durch seine gewaltigen Worte den willfährigen Hörern Tränen zu entlocken. Dass er zuweilen die Ohren Begünstigungen hinzuhalten pflegte, klagte er sich selbst an, indem er sagte, das sei ein Übel, welches auch die Gerechten und Besten kaum vermeiden könnten: »Denn wer ist so sehr heilig«, sagte er, »dass er nicht lieber wollte, seine Worte und Taten würden entgegengenommen, als hinweggeworfen? Und auf der Stelle ist jene Pest da, die griechisch Kendoxia genannt wird, große Aufgeblasenheit der Ohren.« Nach den täglichen Erweisungen der Almosen und der Fußwaschung war er ein fröhlicher Schmausbruder nach Zeit, Ort und Personen und lustig, verschwenderisch niemals; für Maria und Pelagius und seinen Gallus und Othmar, wie er zu sagen pflegte, ein ausgezeichneter Liebhaber, in deren Namen auch, wie gesagt wurde, er sterbend aushauchte. 

29. Salomons schöne Tochter.
An der Ferse endlich des Werkchens halte ich nicht für unpassend, auch zu Verschweigendes von dem Manne zu berühren. Als er nämlich ein junger Mensch war und noch Schüler, wurde er, da er Freunde besuchen wollte, in der Gastfreundschaft eines gewissen edlen Mannes aufgenommen und erkannte heimlich dessen jungfräuliche Stieftochter, von der er, als er sie nur einmal, wie es heißt, erkannt, eine Tochter hatte. Diesem Fehltritt folgte eine große Reue der beiden. Indem sie selbst für sich durchaus verlangte, dass ihr der heilige Schleier zu Zürich aufgelegt werde, führte sie ein löbliches Leben. Nachdem sie schließlich hier durch seine Hilfe Äbtissin geworden war, tat sie vieles für ihre eigene und für seine Seele auf jede Weise. Ihre Tochter aber, als sie endlich für einen Mann reif geworden, übergab sie, da dieselbe den ihr dargebotenen Schleier zurückwies, mit Gütern beschenkt einem Mann, einem gewissen Notker aus der Sippschaft Waltrams und Notkers, von deren Herrschaft unsere Berge ihre Namen haben. Vom Geschlecht dieser Frau indessen haben wir tapfere und gute Männer, berühmte Geistliche und tugendreiche Mönche erblickt. Während sie selbst, in der Tat, zu Zürich bei ihrer Mutter eine Zeit lang erzogen, auch wissenschaftlich gebildet, in ihrem Mädchenalter schön erschien, soll sie, als sie insgeheim zu den Umarmungen des Königs Arnolf begehrt wurde, den Werbern um die Kuppelei geantwortet haben: »Solcher Sippschaft des Geschlechtes bin ich weder von der Mutter noch vom Vater, dass es mir ziemte, meine Jungfrauschaft irgend einem, und wäre es sogar der König selbst, preiszugeben.« Und so hatte sie, so lange bis sie sich dem vorgenannten Mann vermählte, den unerlaubten Umarmungen des Königs, indem sie da und dorthin floh und sich verbarg, täuschend sich entzogen.
Es hatte aber Salomon unter fünf Königen, die ihm gleich befreundet waren, Ludwig, Karl, Arnolf, desgleichen Ludwig, Konrad, geglänzt. 

30. Isos Eltern; Busse und Wiederaufnahme in die Kirche.
Danach werde ich mich anschicken, von dem Lehrmeister Iso und von dessen Schülern, Notker dem Stammler, Tutilo, Ratpert, die Lebensläufe, welche, um so zu sagen, nicht zu vernachlässigen sind, zu schreiben.
Iso zwar war der Sohn nicht nur gut geborener, sondern auch heiliger Eltern. Diese nun hatten, wie sie häufig pflegten, unter Enthaltsamkeit von Lebensmitteln und anderen Dingen in Übereinstimmung, um für Gott sich heimzusuchen, einmal durch die vierzigtägige Fastenzeit getrennte Lagerstätten und gebrauchten endlich am heiligen Samstag ein Bad. Beide schmücken sich nach der Zeit der Asche und des Haarkleides zum kirchlichen Aufzug mit den Bürgern, so wie es ihnen als Wohlgeborenen möglich war. Die Frau ging nach dem Bad, durch die Wachen darnieder geworfen, schlafen in ein Bett, das zwar damals nach der Zeit vorzüglicher bedeckt war. Da war durch die Führung des Versuchers ihr Mann zufällig in das Gemach selbst getreten, und indem er zu ihr hinging, lag er mit ihr, während sie selbst sich nicht weigerte an diesem heiligen Tag zusammen. Nach vollendetem Frevel erhebt sich im Gemache selbst ein so großes Wehklagen der beiden, dass das dazukommende Gesinde nicht fragte, was geschehen sei, weil sie selbst unter Anrufung Gottes öffentlich gemacht, was sie getan. Unter Tränen gehen sie beide zum zweiten Mal sich zu waschen; ebenso bekleiden sie sich mit den Bußgewändern, die nach so vielen Wochen abgenützt waren, und mit Asche bestreut werfen sie sich barfuß vor allen Bürgern in den Sporen des Ortspriesters hin. Jener aber, fromm bescheiden, nachdem er ihre Reue hingenommen und das Volk Gott für sie angerufen, gab ihnen Verzeihung, und nachdem er sie emporgehoben, befahl er ihnen diesen Tag und die Nacht vor den Kirchentüren um der Strafe willen ohne Anteil an der Gemeinschaft zu stehen. Endlich gingen sie nach Vollendung des Amtes des Tages zu einem durch den Ruf heiligen Priester eines sehr nahen Dorfes, und im selben Aufzug enthüllen sie ihm und seinen Bürgern unter Klagen ihren Fehltritt und bitten um seine Erlaubnis, dass es ihnen morgen gestattet sein möchte, mit der Gemeinde in Verbindung zu treten. Nachdem sie jener heftig angefahren, klagte er sie der Verwegenheit an; als sie endlich seinen Segen empfangen und nach Hause zurückgekehrt waren, hatten sie nüchtern unter Weinen und Wachen die Nacht verlebt. Der Ostertag war angebrochen; früh morgens standen sie vor den Türen. Als das Kreuz vor der Messe herausgetragen wurde, folgten sie als die Letzten. Der Priester aber hatte sie unter der Bemühung des ganzen Volkes zwischen dem Kyrieeleison hineingeführt, am Ende ihnen Sitze angewiesen. Weil es jenem schon genannten Priester nicht gefiele, erbaten sie nicht die gemeinschaftliche Austeilung des Abendmahles. Als jedoch die allgemeine Austeilung vollendet war und wie der Priester gleichsam, als wenn er eilig seinem Volke nochmals ein Messamt halten wollte, eintritt, nahm er sie bei den Händen und führte sie zum Altar. Nachdem er die Abendmahlsbüchse geöffnet, vereinigte er die von Tränen Überflossenen durch Austeilung mit der Gemeinde, und als ob er schleunig zu den Seinen zurückkehren wollte, befahl er unter Erteilung des Friedenswunsches und von Küssen, dass sie sich wieder bekleiden und Mahlzeit halten sollten und ging nach Hause. Es freuten sich auch alle, dass jene durch eines solchen Mannes Gewähr mit der Kirche wiedervereinigt seien. Und als sie endlich den Tag in Fröhlichkeit und Spendung von Almosen verlebten und jenem heiligen Priester durch einen Reiter Stücke vom Schmause und Geschenke schickten, wurde gefunden, dass derselbe nirgends hin an diesem Tag von den Seinigen hinweggegangen sei; vielmehr ist auch auf einer Synode öffentlich dargetan worden, dass ein Engel des Herrn das Ganze, was geschehen ist, getan habe. Beide erstatteten sie dann Tag und Nacht Gott Dank und der Werke der Tugend, an die sie sich gewöhnt hatten, beflissen sie sich dann noch eifriger. 

31. Eusebius‘ Traumdeutung; Iso als Mönch und Lehrer; Iso als Lehrer und Wundertäter in Grandval.
Aber da jene Frau durch jenes Beilager schwanger war und bei der enteilenden Zeit schon der Geburt nahe stand, hatte sie geträumt, sie habe einen Igel geboren und mehrere Knaben seien herzu gelaufen, um ihm die Stacheln auszureißen, und sie hatte gesehen, dass dieselben damit die Wände beschrieben. Beim Erwachen erzählt sie ihrem Mann über die Massen erstaunt den Traum. Dieser, auf Gott vertrauend, dass jener Traum nichts Böses andeute, ging zu Eusebius, dem auf dem Viktorsberg Eingeschlossenen und bat ihn, dass er der Traumdeuter hierüber sein möge. »Einen Sohn«, sagte dieser, »wird Deine Frau zur Welt bringen, den Du dem heiligen Gallus geloben wirst. Denn bei jenem erzogen, wird er ein rühmlicher Lehrer sein und, selbst hart in Zuchtmitteln, viele Knaben mit Griffeln bewaffnen.« Es ist so geschehen, wie jener Mann, voll vom Geist Gottes und Vaterlandsgenosse des heiligen Gallus, vorausgesagt hatte. Außerdem hatte der Herr durch des Eusebius Prophezeiungen vielen Vieles entschleiert, aber auch gewiss dem Karl selbst, welcher auf dessen Bitte, wie auch Ratpert schreibt, dem heiligen Gallus diesen selben Viktorsberg übergeben hat. Der Knabe, wie er geboren, erzogen war, wird der gelehrteste Mönch des heiligen Gallus, und er unterrichtete, wie wir in dessen Taten schon geschrieben haben, den Salomon, mit den übrigen sehr zahlreichen Schülern. Aber unser Hartmut, der dem König der Burgunder, Rudolf, ganz bekannt, wie auch sein Verwandter war, erbat, als der König für das Kloster Grandval aus den Unsrigen einen Lehrer begehrte, von Grimald auf drei Jahre eben den Iso für den König, indem unter Handschlag der Vertrag verabredet wurde, dass Iso drei Mal im Jahr gestattet würde, den Verschluss seines Klosters auf Kosten des Königs zu besuchen. Als jenes Gefäß des Heiligen Geistes dorthin gekommen war, reichte es, in Provinzen und Reichen berühmt, die süßesten Becher des heiligen Gallus dar. Es glänzte aber dort jene Leuchte des heiligen Gallus zuweilen fürwahr durch Wundertaten. Denn wie er, in den meisten Dingen unterrichtet, Salben zu machen verstand, hatte er Aussätzige und Gelähmte, aber auch einige Blinde besorgt. Nachdem es zwar längere Zeit von ihm verhehlt worden war, dass er durch die Kraft seiner Heiligkeit Größeres vermocht habe, kam das endlich, er mochte wollen oder nicht, zu Tage. Denn während er vernommen hatte, dass ein armer kleiner Blinder an der Türe bettelte, ging er, durch Mitleid für den Kleinen bewogen, während er befahl, eine Salbe herbeizubringe, hinaus, um nachzusehen. Als er diesem mit den Fingern unter Segenserteilung die Augen betastete und mit der Salbe zu bestreichen begann, rief der Knabe laut heraus und sprach: »Ich sehe, Herr ich sehe!« Und indem er während einiger Tage völlig genas, sah er endlich fürwahr ganz klar mit den Augen. Indem Iso jedoch, damit das verheimlicht bliebe, behauptete, es sei durch die Kraft der sehr kostbaren Salbe, die er in der Hand trug, geschehen, hat er nicht etwas Falsches vorgespiegelt. 

32. Iso als Lehrer und Wundertäter in Grandval.
Da solcher Gestalt der Mann Gottes seinen Herrn, den heiligen Gallus, wo immer er war durch seine Tugenden geehrt hatte, schärfte er seine Stacheln für eine größere Zahl von Schülern, da er, selbst durch so große Vorzüge vermögend, dennoch eingehüllt sein wollte wie ein Igel. Nach seinem Unterricht lechzten die Geister von ganz Burgund, nicht weniger auch diejenigen Galliens. Es gab auch einige, die unter den Ihrigen es für genügend hielten, wenn sie wenigstens zur Stunde Schüler Isos hießen, selbst wenn sie an seinen Griffeln nicht geschärft wurden. Denn über ihn war der Ruhm weit und breit, weil er selbst, auch wenn er stumpfe Geister vorfand, ihnen Schärfe verschaffte. Endlich beliebte es auch ihm selbst, sei es wegen der dankbaren Gewohnheiten der Schüler, sei es wegen der zum Tisch zu gebenden Beisteuer, nach den drei dem König eingeräumten Jahren für sich durch eigene Bemühung von seinem Abt noch für andere Jahre Verzögerung seiner Heimkehr zu erbitten. Daher blieb er zuletzt durch mehrere Jahre hin in seiner wohltätigen Pilgerschaft, und indem er in den für ihn feststehenden Zeiten sein Kloster, den Abt und die Brüder besuchte, sah er, durch deren Segen gekräftigt, von seinen Schülern krankhaft erwartet, dieselben von Neuem. Indem aber endlich der, welcher die Ziele gesetzt hat, an denen man nicht vorbeigehen wird, seine Verfügung traf, ging Iso, von Krankheit ergriffen, noch in gutem kräftigem Alter, indem sehr viele hier und dort ihn bedauerten, dahin, schmerzlich darüber betrübt, dass er von seinem Kloster fern sei und dass ihm nicht gestattet wurde, auf dem Friedhof des heiligen Gallus begraben zu werden. Indem aber von überall her seine Schüler sich sammelten, wurde er in der Kirche des heiligen Germanus bestattet. Wie er aber da zuletzt durch Wunder glänzte, wurde sein Körper durch List, wie gesagt wird, nach Burgund in eine gewisse Kirche eines mächtigen Mannes übertragen. Obwohl hierfür nur zweifelhafte Bestätigung vorliegt, haben wir es dennoch nicht übergehen wollen. Es steht aber fest, dass sein Leib in dem Grabmal, worin er beigesetzt ist, nicht enthalten liegt. 

33. Die drei Freunde; Notker, Tutilo.
Von Notker, Ratpert, Tutilo, den Schülern des Iso und Marcellus, weil sie fürwahr ein Herz und eine Seele waren, beginnen wir vermischt, wie die Drei gleichsam nur einen ausgemacht haben, zu erzählen, so viel wir von den Vätern vernahmen. Als diese zwar von Iso in göttlichen Dingen nicht unerheblich geprüft waren, sind sie, wie wir schon gesagt haben, dem Marcellus verbunden worden. Dieser nun, gleich mächtig in göttlichem und menschlichem Wissen, führte sie zu den sieben freien Künsten hin, besonders aber zur Musik. Weil diese Kunst naturgemäßer ist als die übrigen, und, obschon schwieriger erlernt, im Gebrauch wahrlich lieblicher erscheint, vermochten sie endlich in derselben so viel, wie in den Werken der Einzelnen, die wir schon vorher einigermaßen berührt haben, sich zeigt. In der Tat, diese drei waren, obschon sie in ihren Wünschen ein Herz waren, doch durch die Natur, so wie das geschieht, unähnlich. Notker, von Körper, nicht im Geiste, schlicht, in der Stimme, nicht in der Seele, stammelnd, in göttlichen Dingen erhaben, in Widerwärtigkeit geduldig, zu allem mild, war ein scharfer Aufseher in der Zucht der Unsrigen; bei plötzlichen und unvermuteten Dingen schüchtern, von den ihn beunruhigenden Dämonen abgesehen, denen er sich gewiss kühn entgegenzustellen pflegte, war er im Beten, im Lesen, im Dichten sehr fleißig, und damit ich im Kurzen die Gaben seiner ganzen heiligen Erscheinung zusammenfasse, er war ein Gefäß des Heiligen Geistes, wie es zu seiner Zeit nirgends reichlicher sich zeigte. 

34 Tutilo in seiner Vielseitigkeit; Ratpert.
Aber Tutilo war in weit anderer Weise gut und nützlich, ein Mensch von Muskelarmen und von allen Gliedern so, wie Fabius die Athleten auszulesen lehrt. Er war beredt, von heller Stimme, zierlich in erhabener Arbeit und ein Künstler in der Malerei, ein Musiker, wie auch seine Genossen, aber vor allem in der Art aller Saiteninstrumente und Rohrpfeifen; denn er unterrichtete auch die Söhne der Edlen auf den Saiten in einem vom dazu bestimmten Raum. Ein geschickter Bote in die Ferne und Nähe, war er in Bauten und in seinen übrigen Künsten erfolgreich, des Zusammenfügens der Worte in beiden Sprachen mächtig und von Natur darin tüchtig, im Ernst und im Scherz dergestalt gemütlich, dass einst unser Karl denjenigen gescholten hat, welcher einen Menschen von solcher Naturanlage zum Mönch gemacht habe. Aber unter diesem allem war er, was anderem voransteht, im Chor tätig, im Verborgenen voller Tränen, Verse und Melodien zu schaffen voran vermögend, keusch als ein Schüler des Marcellus, der vor den Frauen die Augen geschlossen hat. – Ratpert aber schritt zwischen den beiden, die wir genannt haben, in der Mitte einher. Vom Jugendalter an ein Meister der Schulen, ein verständlicher und wohlwollender Lehrer, in den Zuchtmitteln strenger, selten, weniger noch als die Brüder, den Fuß aus dem Klosterinnern hinaus bewegend, nur zwei Schuhe das Jahr hindurch besitzend, Ausflüge dem Tod gleich benennend, mahnte er oft unter Umarmungen den reisefertigen Tutilo, dass derselbe sich hüten möchte. In den Schulen geschäftig, vernachlässigte er sehr häufig die Gebetsstunden und Messen, indem er sagte: »Gute Messen hören wir, indem wir lehren, sie zu halten.« Und während er die Straflosigkeit das größte Verderben eines Klosters genannt hat, kam er doch zum Kapitel nur, wenn er gerufen wurde, weil, wie er sagte, ihm das gewichtigste Amt, zu kapiteln und zu strafen, gegeben worden sei. 

35. Sindolfs Anzettelungen voran gegen Notker.
Während diese drei Senatoren unseres Gemeinwesens dergestalt sich zeigten, litten sie, was immer das Schicksal der Gelehrten und Nutzbringenden ist, von den des Müßiggangs Pflegenden und im Leichtsinn Wandelnden häufige Entziehungen und Afterreden, aber am meisten, weil er weniger Widerlegung zu bringen pflegte, der Herr Notker, der Heilige, um die Wahrheit zu versichern. Tutilo zwar und Ratpert, schärfer solchen Leuten gegenüber und weniger bequem zu Misshandlungen sich darbietend, wurden seltener von denselben verletzt. Notker aber, der mildeste der Menschen, hat an sich selbst gelernt, was Beleidigungen seien. Von diesen mehreren Beleidigern wollen wir einen wenigstens einführen, damit du von dem einen alle kennen lernest, wie Großes nämlich der Satan in solchen Menschen sich vorsetze. Dieser also war der Speisesaalbesorger Namens Sindolf; endlich aber wurde er in Folge erdichteter Unterwürfigkeiten, da er sonst zu nichts nütze war, von Salomon, dafür dass er die Brüder durch gemutmaßte Verbrechen anschwärzte, als Dekan der Werkleute eingesetzt. In der Tat, als er Besorger des Speisesaals war, bot er Nachteile statt der Vorteile denjenigen, welchen gegenüber er sich dessen unterstand, vor den Übrigen aber dem Notker. Da nun Salomon mit sehr vielen Dingen beschäftigt war und nicht hinreichend auf das Einzelne seine Aufmerksamkeit lenken konnte, den Brüdern aber manchmal die Nahrung entweder entzogen oder verdorben wurde, so beklagten sich mehrere laut über das Unrecht, unter welchen auch einmal jene drei, die wir genannt haben, indem sie einiges sagten, erschienen. Aber Sindolf, immer der Zunder der Zwietracht, bequemte sich, weil er die alte Fackel und Ursache des Hasses der Mitschüler kannte, den Ohren Salomons an, als wenn er zu seiner Ehre ihm die Sache mitteilen wollte. Jener jedoch, obschon er wusste, dass nichts für Prälaten schädlicher sei, als von Untergebenen zischeln zu hören, frug, was Neues er herzu brächte. Sindolf indessen log, dass die drei, die immer gewohnt seien, Worte über Salomon fallen zu lassen, gestern etwas gesagt hätten, was für Gott unerträglich sei. Jener glaubte der Rede und trug den keiner bösen Sache sich Versehenden den alten Groll, und endlich zeigte er auch denselben. Da sie aber von ihm nichts von ihrer Verschuldung herausbringen konnten, weissagten sie sich, sie seien durch die betrügerischen Künste des Sindolf umgangen worden. Als endlich die Sache vor den Brüdern erörtert worden war, da sie selbst, weil alle bezeugten, die drei hätten gegen den Bischof ganz und gar nichts gesprochen, mit den Übrigen den Sindolf überwiesen, so bitten sie, ein jeder für sich, um Ahndung über den Lügner. Weil aber jener diese Sache abgeleugnet hatte, schwiegen sie still und hielten sich ruhig. 

36. Nächtliche Ergreifung des lauschenden Sindolf; Sindolfs Entschädigung.
Es war jenen drei Unzertrennlichen die Gewohnheit, und zwar mit Erlaubnis des Klostervorstehers, in der nächtlichen Zwischenzeit der Lobgesänge in der Schreibstube zusammenzukommen und über den Schriften die für eine solche Stunde geeignetsten Vergleichungen anzustellen. Da aber Sindolf die Stunde und ihre Unterredungen kannte, kam er heimlich in einer Nacht von außen her an das Glasfenster, an welchem Tutilo saß, heran, und mit an das Fenster geheftetem Ohr horchte er, ob er etwas erraffen könnte, das er verdreht dem Bischof zubringen möchte. Tutilo, ein Mann beharrlichen Sinnes, der auf seine Muskelarme vertraute, hatte jenen bemerkt und redet lateinisch, wodurch er jenem, der nichts davon verstand, verborgen bleiben konnte, die Gefährten an: »Jener ist da und hat das Ohr an das Fenster geheftet. Aber Du, Notker, weiche, weil Du schüchtern bist, in die Kirche; Du aber, mein Ratpert, nimm die Peitsche der Brüder, welche im Warmraume hängt und laufe von außen herzu! Denn ich will jenen, wann ich merken werde, dass Du herbeikommst, nachdem ich das Fenster auf das schnellste geöffnet und ihn bei den Haaren ergriffen und zu mir hergezogen haben werde, gewaltsam festhalten. Du aber, mein Herz, mache Dich stark und sei kräftig und strafe ihn mit allen Kräften durch die Peitsche und räche Gott an ihm!« Ratpert aber, so wie er immer zu den Werken der Zucht sehr scharf sich zeigte, geht folgsam hinaus, raubt die Peitsche weg, läuft auf das schnellste und trifft vom Rücken her den nach dem Innern mit dem Kopf gezogenen Menschen aus allen Kräften mit hageldichten Schlägen. Und siehe, Sindolf, der mit Händen und Füssen sich widersetzte, ergriff die gegen ihn geschwungene Peitsche und hielt sie fest; aber Ratpert entriss ihm die näher betrachtete Rute wieder und schlug ihm die stärksten Hiebe auf. Als derselbe aber, nachdem er schon übel bestraft worden war, umsonst gebeten hatte, dass man ihn schonen möchte, sagte er: »Es bedarf der Stimme«, und herausschreiend ließ er seine Stimme laut ertönen. Allein ein Teil der Brüder läuft verdutzt, als er die zu solcher Zeit ungewohnte Stimme vernommen hatte, mit Lichtern herbei und erkundigt sich, was denn wäre. Tutilo aber versichert wiederholt, dass er den Teufel gefangen habe und bittet ein Licht heranzuhalten, damit er sicherer mustern könne, in wessen Gestalt er den Teufel festhalte. Da er aber den Kopf des sich Sträubenden hierher und dorthin zu den darauf Hinblickenden dreht, fragt er, als ob er es nicht wüsste, ob es Sindolf wäre. Wie nun alle wiederholt riefen, dass wahrhaftig er selbst es sei und Tutilo baten, er möchte ihn loslassen, ließ ihn derselbe fahren und sagte: »O ich Unglücklicher, gegen den Ohrenbläser und Vertrautesten des Bischofs die Hand gerührt zu haben!« Als aber die Brüder hinzuliefen, ging Ratpert zur Seite und schlich sich heimlich fort. Und so konnte denn nicht einmal er selbst, der es gelitten, wissen, von wem er geschlagen wurde. Da jedoch einige frugen, wohin denn der Herr Notker und Ratpert weggegangen seien, sagte Tutilo: »Beide sind, als sie den Teufel merkten, zum Werke des Herrn abgegangen und haben mich mit jenem, der in seinem Geschäfte wanderte, in der Dunkelheit im Stich gelassen. Wahrlich aber sollt ihr alle es wissen, dass der Engel des Herrn ihm mit eigener Hand die Schläge beigebracht habe.« Als endlich die Brüder fortgehen, erheben sich, wie es geschieht, von den Anhängern der Parteien vielerlei Reden. Einige sagten, durch das Gericht Gottes sei es geschehen, damit die heimlichen Horcher bekannt gemacht würden; andere aber behaupteten, für einen solchen Mann habe, ausgenommen dass er den Engel des Herrn vorschütze, ein solches Werk sich nicht geziemt. Es verbarg sich aber jener durch Schmerz des Körpers und des Gemütes gleichmäßig Gebrochene. Und nach einigen Tagen fragt endlich der Bischof, wo denn sein Gerüchteträger so lange verweilte; denn so war er den Menschen zu nennen gewohnt, der ihm immer insgeheim einiges Neue zutrug. Nachdem er die Sache der Wahrheit nach, so wie sie war, erfahren hatte, tröstet er, weil er für einen so schändlich Schuldigen einem so gewichtigen Mann nichts in Rechnung bringen wollte, den Sindolf, nachdem er ihn herbeigerufen, mit den Worten: »Weil einmal jene, die von meiner Knabenzeit an mir immer feindselig gewesen sind, Dir Übel getan, so habe ich wahrlich, wenn ich das Leben haben werde, Dir besseres zu verschaffen.« Nach nicht viel Zeit wurde die Gelegenheit gegeben, und obschon die meisten in jeder Weise widersprachen, Salomon möge nicht eine für das Kloster so hervorragende Sache durch Übertragung an einen solchen Menschen herunterreißen, wurde Sindolf, wie wir schon oben vorher bemerkt haben, von jenem zum Dekan der Werkleute gemacht. 

37. Weitere hervorragende Mönche; Notkers Milde; seine Lehre und Weisheit.
Es waren in jener Zeit für den heiligen Gallus auch andere wahrlich heilige Klosterbewohner vorhanden, deren gerechte Handlungen bei Gott nicht in Vergessenheit sind, von denen wir in der Tat viele herrliche Werke vernommen haben. Unter diesen nun befanden sich Hartmann, gleichfalls ein sehr großer Gelehrter, nach Salomon des Klosters Abt, ferner Waltram, dessen Melodien auch nicht verbergen, wer er gewesen sei, dann Rudker, dessen wir oben gedacht haben und fürwahr viele andere, mit den Heiligen Heilige, mit den Auserlesenen Auserlesene. Von diesen glauben wir, dass, weil es zu lang für unser Werk wäre, dem Vernommenen nachzugehen, zum Beispiel für die Späteren genüge, einzig die drei, welche wir hinzugenommen haben, zu erwähnen. Notker aber zeigte sich in den Dingen, welche wir in seinem Kapitel vorher geprüft haben, Tag und Nacht immer als derselbe und als neuer zugleich, ganz so wie Ratpert in den Schulen, er selbst jedoch im Innern des Klosters, mit Ausschluss der Schläge; denn er handelte in aller Strenge der Liebe. Mit der Vorsteher Erlaubnis nämlich, noch mehr aber nach deren Aufforderung, waren die jüngeren dazu geeigneten Leute Tag und Nacht, wann Notker von den Gebetsübungen ruhte, gleichsam auf der Lauer. Denn auch nicht eine Stunde wurde als ungeeignet bezeichnet, wenn einer mit dem Herrn Notker, ein Buch in der Hand, sich unterredete. Weil er selbst aber nach dem Inhalt der Regel sie zuweilen durch Zischen und Geräusch zurückschreckte, so wurde ihm von den Äbten das, was er zurückgewiesen hatte, durch die Pflicht des Gehorsams auferlegt. Wie hinabfließend er aber in seinen Antworten gewesen sei, bezeugen die Tränen derjenigen, welche den Mann noch gesehen hatten. In Wahrheit hat er auch im Geist Gottes guten und bösen Menschen vieles, entweder glückliches oder unheilvolles, vorhergesagt, wie, damit ich Beispiels wegen früheres wiederhole, einem Kaplan Karls, der übermütigen Geistes war. 

38. Göttliche Bestrafung des Notker höhnenden Höflings.
Denn als dieser selbe König, um den Brüdern Liebestaten zu erweisen, so wie er es zu tun pflegte, zum Kloster kam und ganze drei Tage aus Ehrfurcht vor den daselbst Weilenden sich hier aufhielt und unseren Heiligen, wie auch Ratpert schreibt, reichlich spendete und bereits, nachdem die Änderung in der Besetzung der Abtswürde eingetreten war, hinweg zu gehen sich gerüstet hatte, so ging jener Kaplan übermütigen Geistes an dem wie gewöhnlich am Psalterium sitzenden Manne Gottes vorüber, blickte denselben an und sagte, nachdem er erkannt, dass er es sei, welcher Karl am Tag vorher auf viele Fragen das Gesuchte aufdeckte, zu den ihn Begleitenden: »Seht da, sage ich, es ist dieser selbe, von dem sie sprechen, dass es im Reiche Karls keinen Gelehrteren gebe. Aber ich werde, wenn Ihr wollt, jenen so ganz ausgezeichnet Gelehrten Euch zum Spotte versuchen und fragen, was der Mann von so großer Berühmtheit ganz und gar nicht weiß.« Da jedoch jene ihn neugierig darum ersuchten, er möchte dieses tun, gehen sie zugleich hinzu und begrüßen Notker. Derselbe erhebt sich demütig und fragt, was sie begehren. Aber jener Unglückliche, von dem wir gesprochen haben, sagt: »Wir wissen, gelehrtester Mann, dass Dir alles bekannt sei. Was aber Gott im Himmel jetzt tue, wünschen wir, wenn Du es weißt, von Dir zu hören.« – »Ich weiß es«, antwortete jener, »und auf das Beste weiß ich es. Denn jetzt tut er, was er immer getan hat, und er wird jedenfalls auch Dir es sobald wie möglich tun. Er erhöht nämlich die Demütigen und demütigt die Übermütigen.« Jener Versucher und Spötter ging, von den Seinigen verspottet, hinweg, indem er gering anschlug, was ihm Notker als bevorstehend genannt hatte. Alsbald wird zum Konvent geläutet und zu den Lobgesängen für den im Weggang begriffenen Kaiser. Jener, der unglücklich werden soll, ergreift die Fahne, weil in diesen Tagen an ihm die Reihe war, dem Herrn voranzugehen. Und nachdem er sich auf ein stolzes Ross gesetzt, fiel er vor dem Tore der Stadt durch einen Anstoß zu Boden und brach elend, am Antlitz zerschlagen, das Bein. Er wird dem neuen Abt Perinhard, der an Hartmuts Stelle gesetzt worden war, zur Pflege übergeben. Als er dem Abt endlich Notkers Prophezeiung und die ganze Angelegenheit dergestalt eröffnet hatte, wünschte er von dem Mann Gottes, wenn derselbe ihn zu besuchen würdigen würde, sehnlichst Verzeihung und von dem persönlich Anwesenden den Segen zu erlangen. Weil nun Perinhard, da er über Notker in geringschätziger Weise unterrichtet war, versicherte, dass durch Notkers Weissagung demselben nichts Böses geschehen sei, vermochte jener Bruch durch keine Linderungsmittel zur Verbindung gebracht, durch keine Verbände vereinigt zu werden. Endlich wird mitten in einer Nacht von denjenigen, welche mit dem lauten Geschrei des Leidenden Mitleid haben, die flehentliche Bitte Notker vorgelegt, und während derselbe herbeikommend das Bein befühlte, merkte der Gebrochene sogleich, dass dasselbe zusammenglühe, und er erlernte es in strenger Weise, für die Zukunft demütig zu denken. 

39. Sindolf im Wunder des Trinkgefäßes beschämt.
Und damit wir zur Ordnung zurückkehren und Sindolf, wie er unter Salomon nach Belieben raste, weiter verfolgen, so geschah es an einem gewissen Tag: da stellte er nach seinem Amt als Speisesaalbesorger dem Notker und Ratpert, welche zugleich ordentliche Wöchner waren, das Maß des Getränkes, wie es seiner Pflicht zukam, in einem und demselben Gefäß, als sie sich niedersetzten, nicht hin, sondern warf es, als sie noch abwesend waren, Schmähworte vor sich hinmurmelnd gewissermaßen daher, worauf jenes Gefäß, als wäre es vom Tisch geglitten, an den Boden fiel und, indem der Deckel weit hinwegrollte, auf die Seite zu liegen kam und doch den Wein, als wenn es aufwärts gerichtet stände, bleibend beisammen hielt. Als nun jener zurückgekehrt war – denn er war schnell einige Schritte weit hinweggegangen – und das Gefäß grämlich aufgehoben hatte, sagte er zu denjenigen, welche von weitem zugeschaut und herbeilaufend fragten, ob etwas von dem Wein ausgeschüttet sei, indem er auf die Erde hinblickte: »Wundert Euch nicht, wenn der Teufel, von welchem sie bei Nacht die schwarzen Bücher erlernen, die Kelche seiner Hexer, damit sie nicht ausgegossen würden, zusammengehalten hat.« Als Hartmann das nachher von denjenigen, die es ihm sagten, vernommen hatte, und jenem Frechen begegnet war, sagte er: »Sieh zu, guter Mann, damit Du nicht gegen solche Deine Beleidigungen so geduldig ertragenden Männer endlich allzu sehr töricht handelst!« Als nun jener ihm mit der bei ihm gewohnten Unverschämtheit bis zu Schmähworten geantwortet hatte, unterwarf ihn der damalige Dekan Waltram im nächsten Kapitel der Brüder der der Regel entsprechenden Strafe. – Tutilo aber hatte sehr häufig mit Erlaubnis und nach Vorschrift der Äbte, unter welchen er Dienste getan hatte, zugleich für die Kunstfertigkeit und die Wissenschaft, wie wir in seinem Kapitel berührt haben, viele Länder durchwandert. Er schmückte auch seine Malereien und halberhabenen Arbeiten mit Gedichten und Aufschriften von außerordentlichem Wert. Und wo er immer weilte, erschien er als ein Mann von so großem Ansehen, dass niemand, der ihn gesehen hatte, gezweifelt hätte, dass er ein Mönch des heiligen Gallus sei. Er war aber in göttlichen und menschlichen Dingen zu antworten höchst schlagfertig und auch wenn er irgendwo, vorzüglich bei Mönchen, etwas Ungeziemendes gesehen hatte, ein nach Ort, Zeit und Person aufmerksamer Eiferer, wie wir in einem Falle von mehreren zu sagen haben werden. 

40. Tutilo und seine Reise nach Mainz; Tutilos Zuchtamt zu St. Alban; Tutilos Sieg über die Räuber.
Weil wahrlich Tutilo ein zu Reisen fertiger und weit der Länder und Städte kundiger Mensch war, wurde er einmal für eine gemeinsame Sache nach Mainz geschickt, jedenfalls zum Einkauf von wollenen Tüchern, welche man Sarewat oder Tuniken nennt. Als er also beim Eintritt in die Stadt im Umkreis des Klosters des heiligen Alban gastliche Aufnahme erbat und seine Leute sogleich für Futter und Lebensmittel auf den Einkauf geschickt hatte, hatte er sich selbst, um ein wenig auszuruhen, auf eine Bank ermüdet niedergesetzt. Es waren aber die Tage der Weinlese, in welchen die Brüder durch die Weinberge hin zur Vollziehung der ihnen auferlegten Arbeiten ausgeschickt sind. Und siehe, als das erste Zeichen zur Vesper geschlagen worden war, nähert sich der Aufseher, der die Brüder sammeln wollte, auf einem Esel aus religiös demütiger Gesinnung sitzend der Türe des schon genannten Gasthauses, als ob er auch jemanden dort suchen wollte. In verborgener Weise aber reitet er in das Haus, um nachzuforschen, ob seine Gevattersfrau daheim sei. Als jedoch diese aus der Kammer gekommen den Gevattersmann begrüßte, bot sie demselben, in der Meinung, jener Gast schliefe, Most dar, und nachdem jener unfaul denselben gierig getrunken und das Gefäß zurückgegeben hatte, kitzelt er die Frau, welche einwilligt, an der Brust. Allein wie der Gast die Freveltat gesehen hatte, sprang er auf, rief jenen Verbrecher an, ergriff ihn an den Haaren, warf ihn an den Boden und schlug den Mann mit der Peitsche, deren er sich für das Pferd bediente, heftig, indem er beifügte, sprechend: »Das hat Dir der heilige Gallus, des heiligen Alban Bruder, gegeben.« Obschon jedoch jener seiner Verschuldung gemäß traurig und leidend sich zeigt, bittet er ängstlich den Tutilo, damit derselbe ihn nach erflehter Verzeihung in dieser Sache verborgen halten möchte. Da sagt der Gast zu ihm: »Du wirst, was an mir liegt, damit Du nicht sogar Sünde zu Sünde fügest, wohl verborgen gehalten werden.« Dem Abt wird bekannt gemacht, dass ein Bruder vom heiligen Gallus vor der Pforte als Gast weile; derselbe wird ins Kloster gerufen. Wie sie nach dem Namen sich erkundigt, erkennen sie den durch den Ruf längst berühmten Mann, und sie boten ihm, hochachtungsvoll ihn behandelnd, das Werk der Marta; jener aber bot den Fähigen das Werk der Maria. Er wird gebeten, dort zu verweilen, bis er den Thron Gottes auf der goldenen Platte des Altars in erhabener Arbeit vollendete, neben welchem Werk bis heute selten ein ähnliches anderes zu sehen ist. Auf dem Rundstreif schrieb er diesen Vers: »Sieh seine Macht: der Himmel sein Thron, die Erde der Schemel.« Als er aber hier einige Zeit sich versäumt hatte, blieb jene Tat zum Teil nicht verheimlicht. Als Tutilo gebeten wurde, zu sagen, was er draußen getan habe, sprach er: »Ich habe dort einen nicht in der Zucht gewohnten Bruder gesehen, welchen ich unter Erhebung der Peitsche zu schlagen bedrohte, wofür ich fürwahr wünsche, dass jenem und mir Nachsicht gebracht werde.« So hat derselbe, seines Versprechens eingedenk, die Wahrheit schonend, dennoch nicht gelogen. – Über ihn hatte man aber etwas Einzelnes erzählt, was ich, obschon es nicht eines Mönches Sache gewesen ist, doch wegen der Naturanlage des Mannes mitteilen will. Einmal ging er durch einen für Räuber geschickten Wald, von zweien der Seinigen begleitet, wovon der eine schildbewaffnet mit einer Lanze versehen war, der andere ohne eine solche. Und siehe: von zwei sehr kühnen Leuten angegriffen, waren jene beiden, ein jeder durch einen der Räuber vom Pferde geworfen worden. Inzwischen erraffte, während die zwei mit der Beute beschäftigt waren, Tutilo eine starke von ihm ringsum gesuchte Eichenkeule und kam drohend und großen Schrecken erregend über jene. Diese aber, als sie den einem Tapferen so ähnlich sich gebärdenden Mann erblicken, lassen die Beute fahren und wenden die vom Rücken zurückgeworfenen Schilde gegen denselben. Der hieß die Seinigen auf das schleunigste die Lanzen der Räuber, welche dieselben im Gefühl der Sicherheit ferne hinweggeworfen hatten, an sich nehmen und ermahnte sie eifrig in Worten, sie sollten sich verteidigen. Als die Entmutigten geschwind die Lanzen an sich rafften, laufen die Feinde, weil sie sehen, dass sie den Ungestüm eines solchen Führers nicht im mindesten aushalten könnten, durch denselben waffenlos gemacht, auseinander. So durchschreiten die Männer, nachdem auch die von ihnen geführte Lanze erhoben worden war, um sie, wenn die Feinde zurückkehrten, dem Herrn zu geben, unerschrocken den Wald. 

41. Des Teufels Züchtigung durch Notker; Zerschlagung des heiligen Krummstabes.
Notker aber, im Geist, wie wir gesagt haben, tapfer, vermochte selbst so viel gegen die bösen Geister, als Tutilo gegen die Menschen, obschon er sonst dem Körper nach, als ein Fastender und Wachender, zart, wie bemerkt, und schmächtig war. Es geschah aber, dass er in einer Nacht in der Kirche, da er in der gehörigen Zeit zuvor kam und an den Altären ringsherum ging, nach Gewohnheit betete. Als er jedoch in die Krypta der zwölf Apostel und des heiligen Columban kam, hatte er, während seine Augen heftigere Tränen nach dem Altar darnieder laufen ließen, etwas gehört, wie einen leise murrenden Hund. Und da er inzwischen die eingemischte Stimme eines grunzenden Schweines merkte, erkannte er den Versucher. »Bist Du«, sagte er, »wiederum da? Wie gut ist Dir, Elender, der Du jetzt knurrst und grunzest, widerfahren, nach jenen ruhmvollen Stimmen, die Du in den Himmeln gehabt hattest?« Und nachdem er ein Licht angezündet, suchte er nach, in welchem Winkel derselbe versteckt läge. Der Teufel aber reißt wie ein wütender Hund den Notker, als derselbe sich dem linken Winkel näherte, mit den Zähnen an den Kleidern. »Ei«, sprach jener, »ich habe außerhalb der Krypta Deinen Dienst zu befriedigen; denn nicht wirken jene Strafen, welche Du, wie man sagt, schon leidest: etwas Schärferes will ich Dir bereiten. Ich schreibe Dir aber im Namen dieser Heiligen und meines Herrn vor, dass Du mich in demselben Hundeleibe, in den Du jetzt gehüllt bist, erwartest.« Und jener erwiderte: »Ich werde es tun, wenn ich will.« Notker aber, rascher hinweggehend, sprach: »In dem Herrn vertraue ich, dass Du, mit Deinem Willen oder nicht, mich erwarten wirst.« Im beschleunigten Schritt ging er zum Altar des heiligen Gallus und nahm von demselben des Heiligen und dessen Lehrers Krummstab, den Verursacher vieler Wunder, zugleich mit jener sehr bekannten Kugel des heiligen Kreuzes, und beim Eintritt in die Krypta zur Rechten die Kugel hinlegend, griff er linker Hand zu mit dem Stock jenen Teufel in Hundegestalt an. Als er aber denselben mit dem heiligen Stab zu schlagen begonnen hatte, stieß dieser seine schon erhobene Stimme noch lauter unter Kläffen und Grunzen aus. Endlich jedoch, als der Teufel im Weichen vor dem Schlagenden fliehend zu der heiligsten Kugel gekommen war, stand er still, weil er nunmehr weiter nicht vorschreiten konnte und schrie, da er so viel Hiebe und Stöße zu ertragen nicht ausheilt, in barbarischer Sprache rufend: »Au weh; mir weh!« Allein da inzwischen der Heiligtumsaufseher in die Kirche eingetreten war und die rauen Rufe gehört hatte, nahm derselbe rasch ein Licht in die Hände und eilte zur Krypta herbei. Wie jedoch Notker dem Teufel den letzten Streich versetzt hatte, zerbrach er den heiligen Stab auf dem Platz, und wenn nicht der Heiligtumsaufseher die Kugel erblickt und emporgehoben und so dem Hunde hinwegzugehen gestattet hätte, so würde Notker denselben noch weiter zu schlagen gehabt haben. Der Heiligtumsaufseher aber, erschrocken beim Anblick des Stockes, sagte: »Hast Du, mein Herr, den heiligen Stock an dem Hund geschändet?« Da jener schwieg, fügte er bei: »Wer denn war jener, welcher: au weh! laut geschrien hat?« Und da er glaubte, dass jener aus Milde irgendeinen Dieb verheimliche, ging er durch die ganze Kirche Schritt für Schritt, indem er den Dieb zu ergreifen wünschte. Aber weil er weder einen Dieb noch einen Hund fand, schreitet er, sich bei sich wundernd, weil er beim Eintreten die Kirche hinter sich abgeschlossen hatte, was denn das sein könnte, was sich zugetragen. Endlich wagte er nicht, gegenüber dem regelrechten Mann, welcher schon einmal ihm gegenüber stille geschwiegen, das Herz sich zu fassen und ihn noch weiter anzureden. Und jener, darnach dass er demütig und klug war, machte dem Heiligtumsaufseher ein Zeichen, vor die Türe zu gehen, nahm denselben zur Seite und sprach nach vorauserteiltem Segen: »Weil ich, mein Sohn, wenn Du nicht geholfen hättest, den Stock zerbrochen hätte, müssen meine Geheimnisse ausgetragen werden. Aber weil es nicht meine Sache ist, mich in großen und wunderbaren Dingen über mich zu ergehen, anvertraue ich, was geschehen ist, der Verschwiegenheit Deiner Treue!« Und so setzte er demselben die Sache, wie sie geschehen war, ins Licht. Aber jener verbarg auf einige Zeit, was sich zugetragen, indem der Stock heimlich durch den Schmied hergestellt wurde. Im Fortschritt der Zeit jedoch kam die Sache, so wie sie war, unter die Leute. 

42. Notker und der Teufel in der Kirche.
Und damit du die Frömmigkeit unserer Stätte auch in den Psalmengesängen sehest, so hatte dieselbe dreizehn Sitze mit Psalmbüchern, die entweder mit Gold eingemalt oder sonst vorzüglich waren; außer anderen hat auch jene Kirche des heiligen Gallus Kapellen, in deren einer in der Ecke zunächst der Türe Notker Psalmen zu singen gewohnt war. Es geschah aber, dass er eines Tages zur Versammlung der Non nicht kam und dieselbe auch nicht für sich allein sang. Als er aber auf jener Bühne nach der Komplet noch bei hellem Tag dem Gebet inständig oblag, sah er über sich in den Balken der unterbrochenen getäfelten Decke den Teufel sitzen und mit einem Griffel auf einer Tafel schreiben. Als er nun denselben gefragt hatte, was für ein Verbrechen er schriebe, sagte derselbe: »Die Non schreibe ich auf, welche Du Schurke heute unterlassen hattest.« Aber jener, rascher als ein Wort, dem Teufel nachrufend: »Gott, schicke Dich an zu meiner Hilfe!« sah, wie derselbe, was er geschrieben hatte, mit raschester Hand ausglättete. Und als sich Notker zum Gebet der gottesdienstlichen Stunde auf der Erde hinstreckte, warf der Teufel eine Tafel der durchbrochenen Decke auf ihn. Jener selbst aber schaute, dass er dem Stoß ausweiche und sprang rasch in die Höhe. Da sprach der Teufel endlich laut lachend: »So habe ich doch bewirkt, dass Du vor mit aufständest.« »Ja, fürwahr«, sprach da Notker, »wenn Du, wie neulich, wieder in Hundegestalt sein wirst, habe ich von neuem mit Dir zu schaffen.« Als der Teufel endlich verschwunden war, kamen einige Brüder, welche an den Enden der Kirche gebetet und den Klang der Tafel und die Stimmen gehört hatten, rasch zur Stelle, voll Verwunderung, was da wäre. Und da sie den Notker wie gewöhnlich zu Boden gestreckt sahen, wollten sie ihn nicht abhalten, weil es auch eine vom Verkehr ausgeschlossene Stunde war. Endlich jedoch gab Tutilo, einer aus ihnen, dem Notker ein Zeichen, rief ihn freundschaftlich hinaus vor die Türe und sagte ihm leise in das Ohr: »Große Beunruhigungen pfleget Ihr, Du und Deine bösen Geister, den Brüdern zu bereiten.« Aber jener fragte: »Hatten mich, mein Herz, die Brüder bei all dem vernommen?« »Nicht bei allem«, antwortete Tutilo, »aber ich möchte, dass Du mir im Einzelnen eröffnest, was dieses Geräusch gewesen sei.« Während aber Notker dieses verweigerte und sich von Tutilo rasch heimlich entfernte mit der Versicherung, dass eine Tafel da niedergefallen sei, gab es andere, welche die Sache gesehen hatten und dieselbe, so wie sie war, nicht verbargen. 

43. Wolos tödlicher Unfall.
Es war zur selben Zeit am Ort ein zwar noch junger Mönch, der gar sehr gebildet war, der Sohn eines gewissen Grafen, mit Namen Wolo, ein unruhiger und unsteter Mensch, über welchen wegen seiner Abneigung, weil weder der Dekan selbst, noch der Herr Notker oder die Übrigen ihm hatten gebieten können und weil er häufig durch Worte und Peitschenschläge in Schranken gehalten werden musste, ohne dass es etwas anschlug, alle Schmerz empfanden, in Betracht dessen, dass er ein Mann von solcher Geistesanlage war. Denn weil der heilige Gallus niemals andere Mönche als solche freier Geburt gehabt hatte, so irrten doch diejenigen edlerer Geburt häufiger ab. Die Eltern Wolos, über denselben bekümmert, waren in das Kloster gekommen; während er durch ihre Ermahnungen auf einen Augenblick besser anschlug, war er doch nach ihrem Abgang von neuem derselbe. Der Teufel aber erschien eines Tages in der Morgendämmerung dem Herrn Notker und sprach: »Eine schlimme Nacht werde ich Dir und Deinen Brüdern bereiten.« »Ein schlimmer Vogel«, entgegnete jener, »pflegt schlimmen Ruf hervorzubringen.« Aber Notker machte den Brüdern zum Voraus, was er gehört, bekannt, damit sie sich an jenem Tag hüteten. Als jedoch Wolo gleichfalls von den davon Redenden dies vernommen hatte, sprach er: »Greise träumen immer Eitles.« Es war aber gerade ein Tag, von welchem alle wussten, dass ihm vom Dekan untersagt war, dass er keinesfalls aus dem Inneren des Klosters nach seiner Gewohnheit hinausschreiten dürfte; und während er beim Schreiben saß, war das letzte von ihm Geschriebene: »Denn er begann zu sterben.« Und sogleich sprang er auf, und während die Übrigen ihn anriefen: »Wohin jetzt, Wolo, wohin jetzt?«, fing er an, auf den Glockenturm des heiligen Gallus über die dazu nämlich für uns zurechtgemachten Stufen hinaufzusteigen, um mit seinen Augen, weil es ihm im Schreiten nicht gestattet war, Berge und Felder ringsum zu sehen und wenigstens so seinem unsteten Geist Genüge zu schaffen. Indem er jedoch emporstieg und über den Altar der Jungfrauen gekommen war, fiel er, auf den Antrieb des Satans, wie man glaubt, durch die getäfelte Decke und zerbrach den Hals. Indem aber sehr viele, die das gesehen oder gehört hatten, hinzuliefen und ihm eilig die letzte Wegspendung brachten, genoss er das Abendmahl, nachdem er sein Bekenntnis abgelegt. Als jedoch jene den Willen geäußert hatten, ihn hinaus zu schaffen und zum Krankenhaus zu tragen, sprach er: »Lasst mich vorher die heiligen Jungfrauen anrufen; denn sie wissen, dass ich, obschon sonst ganz ruchlos, doch nie ein Weib erkannt habe.« Als er inzwischen laut gewehklagt hatte, eilte Notker herbei, und diesem streckte er die Hände hin. »Dir«, sprach da Wolo, »mein Herr, und den heiligen Jungfrauen, welche Du immer liebtest, empfehle ich meine sündige Seele.« Indem aber jener sich über ihn warf, sprach er: »Auf Euch, ihr heiligen Jungfrauen, vertrauend, nehme ich dieses Bruders Vergehen über mich und anvertraue Euch uns beide.« Und dieses sagte er und wehklagte laut. Wie nun Wolo hinausgetragen wurde, erbat er sich vor der Türe der Kirche still Notkers Hand, presste dieselbe auf das stärkste und hauchte seinen Geist aus, während alle reichlich Gebete verrichteten. 

44. Wolos Bestattung und wunderbare Lossprechung; Ratperts Tod.
Während der Begräbnisfeierlichkeiten wusch ihn Notker und legte ihn auf die Totenbahre; indem er das Totenamt hielt, besorgte er selbst für ihn das ganze Begräbnis und bezeugte immer, so lange er lebte, in seiner Person die Pflichten zweier Mönche erfüllen zu wollen. Während am Tag des Todes Wolos selbst die Komplet beendigt wurde und dabei ein gewisser Einfältigerer unter den Vätern das Gebet, in welchem enthalten ist, dass »so wie wir froh den Tag verlebt haben, wir auch froh die Nacht vollenden mögen«, vorgetragen hatte, sprang der Mann Gottes auf und sprach: »Was forderst Du, bewunderungswürdiger Bruder, was forderst Du? Heute möchte für den Tag dessen schlimmer Inhalt genügen und überreich vorhanden sein. Du aber erflehst dasselbe auch für die Nacht?« Am siebenten Tage aber nach dem Tode Wolos, als Notker durch die Nacht wachend in der Kirche verblieben war, sah er, da er um die Zeit der nächtlichen Lobspendung eine Weile auf den Knien ruhte, gleichsam seinen Ratpert, der ihn aufweckte und sprach: »Erlassen sind ihm die vielen Sünden, weil er viel geliebt hat.« Doch wie Notker aufwachend beigefügt hatte: »Woher, mein Herz, woher weißt Du das?«, ging jener gleichsam bescheidenen Schrittes hinaus. Allein indem Notker glaubte, Ratpert sei aus der Kirche hinweggegangen, um alsdann mit mehr Freiheit sprechen zu können und er demselben über die Türdecke hinaus nachfolgte, vermochte er weder den Ratpert selbst, noch irgendeinen Klang seines Schrittes wahrzunehmen; und nachdem er eine Wachskerze entzündet, suchte er denselben im Bett und fand ihn, wie er sich erhob, um selbst nach seiner Gewohnheit in der vorgeschriebenen Zeit zuvorzukommen und zu beten. Er löschte die Wachskerze aus und ging in die Kirche zurück. Vor Freude weinend, sang er im Stillen: »Dich, Gott, loben wir.« Wie es aber Tag geworden war und Ratpert fragte, ob er bei Nacht gekommen sei, um ihn aufzuwecken, eröffnete er seinem liebevollen Freunde, was er gesehen hatte. Endlich blieb auch den übrigen Brüdern die so mächtige Hoffnung nicht verborgen. – Indem jedoch Ratpert, auch er ein Heiliger, entkräftet im Kloster des heiligen Gallus herumging und doch zu lehren nicht abließ, übergab er, als vierzig, welche einst seine Schüler, damals aber Dompriester waren, nach der Stätte wegen des Festes herbeigekommen waren, seine Seele jedem Einzelnen in die Hand, von denen ein jeder ihm Dreißig Messen, wann er sterben werde, verheißen hatte. Und so ging jener sehr freudig, indem er Gott bat, dass er ihn länger durch Krankheit zubereiten möge, nachdem er ein glänzendes Brot geworden war, unter den Händen der Schüler in das Paradies, wie wir glauben, hinüber. Für ihn empfanden Notker und Tutilo, die nach ihm zurückgelassen waren, mehr als die übrigen Brüder, Schmerz, und sie taten vieles für seine Seele. 

45. Tutilo und die Jungfrau Maria; Tutilos Ende.
Als aber Tutilo bei der Stadt Metz genug beschäftigt war, um seine Bildhauerkunst zu üben, stellten sich zwei Pilger, als er ein Bild der heiligen Maria meißelte, zu ihm und baten ihn um ein Almosen. Als er ihnen heimlich Geld verteilte, trennten sie sich von ihm und sagten zu einem dabeistehenden Geistlichen. »Ein Gottgesegneter, dieser Mann, der uns heute wohl getröstet hat. Aber ist jene erhabene Herrin seine Schwester, welche ihm so bequem die Griffel zur Hand gibt und ihn lehrt, was er tun solle?« Jener aber verwundert sich, was sie sprächen, da er ganz kürzlich von Tutilo hinweggegangen war und nichts dergleichen gesehen hatte; er kehrt zurück und betrachtet, was sie ihm mitgeteilt hatten, gleichsam auf eine Minute und in einem Augenblick. Da sprechen der Priester und die Pilger zu Tutilo: »Du Gesegneter in dem Herrn, Vater, der Du einer solchen Lehrmeisterin bei Deinen Arbeiten Dich bedienst.« Indem er ihnen selbst versichert, sie wüssten nicht, was sie sagten, verbietet er ihnen drohend und heftig auf sie einfahrend, irgendjemandem etwas der Art mitzuteilen. Am folgenden Tag aber, als er mehrere über sich solchen Ruhm behaupten hörte, entzog er sich heimlich aus ihrer Mitte und wich hinweg, und er wollte nicht mehr weiter in jener Stadt arbeiten. Auf der goldenen Platte selbst jedoch, da er die Fläche des Rundstreifs leer gelassen hatte, sind, ich weiß nicht, durch wessen Kunst, nachher die Züge gemeißelt worden: »Fromm hat dies Weihegeschenk gemeißelt selber Maria.« Aber auch das Bild selbst, gleichsam lebend sitzend, erscheint noch heute allen, die es ansehen, verehrungswürdig. Es sagten uns jedoch die Väter, dass der Mann Gottes selbst, als er eine Reise machte, in ein Dorf, wo zur Messe geläutet wurde, eilend, unter Anrufung des heiligen Gallus einen in der Kirche in einem Menschen tobenden wilden Geist aus demselben geworfen hatte. Allein es sind noch viele andere Dinge, die wir über jenen gehört haben; indessen haben wir lieber auch über andere Männer Gottes, die an unserer Stätte weilten, schweigen, als schreiben wollen, weil wir glauben, dass, wie jetzt die Zeit ist, diesen Dingen Misstrauen entgegengebracht werde. Über den Tod des Tutilo aber fügen wir, weil wir nichts Übereinstimmendes vernommen hatten, in unzweifelhafter Weise nur das bei, dass wir vertrauen, er sei zu den himmlischen Freuden gewandert. 

46. Notkers Epistel-Abschrift; dichterische und musikalische Leistungen von Mönchen.
Von Notker werden wir, was noch übrig ist, ohne Scheu erzählen, weil wir keineswegs daran zweifeln, dass derselbe als ein Gefäß des Heiligen Geistes erwählt worden sei. Jener Heiligste blieb, seiner Brüder im Geiste beraubt und verwaist, zurück und endlich geschah ihm ein Leid, durch das er inwendig in Schmerz des Gemütes berührt wurde. Er hatte die griechischen kanonischen Briefe von Liutward, dem Bischof von Vercelli, erbeten und unter vielem Schweiß abgeschrieben. Und siehe, Sindolf, der schon, wie wir gesagt haben, Groß und sehr vielvermögend im Kloster war, stahl, indem er zufällig darauf stieß, jenes köstlich geschriebene Buch und zerriss und verdarb die mit dem Messer herausgeschnittenen einzelnen Blätterlagen, so wie das Buch heute zu sehen ist, und die wieder zusammengefalteten Blätter legte er an den Ort zurück, wo er sie gestohlen hatte. …
Was aber Tutilo gedichtet hatte, ist von ausgezeichnetem und erkennbarem Wohlklang, weil die durch das Psalterium oder die Rotte, in der er selbst mächtiger war, gefundenen Weisen süßer sind, wie es erscheint in: »Hodie cantandus« und »Omnium virtutum gemmis«. Diese Tropen nämlich brachte er dem König Karl zu dem Lobgesang, welchen dieser selbst veranstaltet hatte, zur gesanglichen Ausführung dar. Dieser König legte auch dem Tutilo, als derselbe den Lobgesang »Viri galilei« gedichtet hatte, auf, Verse beizufügen, wie gesagt wird, nämlich: »Quoniam Dominus Jesus Christus cum esset, omnipotens genitor, fons et origo«, mit den Folgenden: »Gaudete et cantate« und ja auch andere; aber diese hier haben wir vorangestellt, damit du, wenn du ein Musiker bist, wissest, wie verschieden des Tutilo Klang von den Übrigen gewesen sei. Waltram aber, den wir oben genannt haben, der Dekan, aber auch Hartmann, der zu unserem Abt gemacht worden ist, hatten gleichfalls Lobgesänge gemacht, die wir aber, weil ihre Namen in den Büchern der Gesänge vorgetragen werden, mit Absicht übergehen, außer dass die Sequenz Waltrams: »Solemnitatem hujus devoti filii ecclesie« ohne dessen Namen geschrieben wird. Auch der jüngere Hartmann hatte einiges gemacht, wobei die Gleichnamigkeit beider es als zweifelhaft hinstellt, von welchem unter ihnen dasselbe herrühre. Es gab jedoch noch gewisse andere bei den Unsrigen, welche Sequenzen und Tropen sowie mehrere andere Werke, ein jeder seinem Eifer gemäß, vollendet hatten, welche Männer wir an ihrem Orte erwähnen werden und von den Einzelnen das Einzelne zu erzählen aufsparen. 

47. Abt Hartmann; das römische Antiphonar; die römischen Sänger und ihre Lehre; musikalische Leistungen der St. Galler: Notker.
Nach Salomon hatten die Väter nach dem Recht der freien Wahl den Hartmann als Abt angenommen. Weil wir nun über diesen von ihm selbst ein eigenes Buch über seine Zeit haben, unterlassen wir es, weiteres über ihn zu schreiben. Er war aber, wie wir von den Vätern vernommen haben, Außer seiner Weisheit verratenden wissenschaftlichen Begabung sehr beharrlich in der Frömmigkeit, öfter im Kloster verweilend, um das, was draußen in seinen Besitzungen vollführt wurde, weniger besorgt und ein Mann, der mehr die Seinigen, als sich selbst zu besorgen sich gestattete, zufrieden unter Dankspendung mit dem, was ihm seine Genossen in die Hände geben wollten, nach der Sitte der Väter ein allein die Zucht einführender und strenge dieselbe vollstreckender Abt. Die Wissenschaften liebte er so, dass zwischen den Schulen und dem Inneren des Klosters entweder gar kein oder nur ein kleiner Unterschied herrschte. Im Lebensunterhalt und der Bekleidung der Brüder befolgte er die Verordnungen Hartmuts; vorzüglich aber war er besorgt, das ursprüngliche Antiphonar zu lehren und die Melodien nach römischer Sitte zu beobachten, über welches Antiphonar wir weiteres zu wiederholen für der Mühe wert halten. – Als der Kaiser Karl, mit dem Beinamen des Großen, zu Rom war, bittet er, da er sieht, dass die Kirchen diesseits der Alpen in vielen Stücken im Gesang, wie auch Johannes schreibt, mit der römischen Kirche nicht übereinstimmten, damals zum zweiten Mal den Papst, nämlich Hadrian, da diejenigen gestorben waren, welche früher Gregor geschickt hatte, dass er ebenso der Gesänge kundige Römer ins Frankenreich senden möge. Nach der Bitte des Königs werden Petrus und Romanus geschickt, welche sowohl in den Blättern der Gesänge, als in denjenigen der sieben freien Künste gehörig unterwiesen waren, um, wie die früheren, zur Kirche von Metz sich zu begeben. Als dieselben auf dem Septimer und dem Comersee von einer den Römern ungünstigen Luft geschüttelt wurden, vermochte Romanus, vom Fieber ergriffen, kaum bis zu uns hin zu gelangen. Ein Antiphonar aber brachte er, weil er zwei hatte, während Petrus sich widersetzte, derselbe mochte wollen oder nicht, mit sich zum heiligen Gallus. In der Zeit jedoch genas er, indem der Herr ihm half. Der Kaiser schickt einen Schnellboten, der ihm, wenn er genesen sollte, befahl, bei uns zu verweilen und uns zu unterrichten. Das nun tat jener, um seinen Dank für die Gastfreundlichkeit der Väter zu bezeugen, mit besten Freuden, indem er sprach: »Vier Werke der Barmherzigkeit des heiligen Herrn habt Ihr an mir einem Menschen erworben. Er war ein Fremdling und Ihr habt ihn in mir aufgenommen; ein Kranker, und Ihr besuchtet ihn; in mir hungerte er, und Ihr gabt mir in ihm zu essen; er dürstete, und Ihr gabt ihm zu trinken.« Als dann die beiden durch das fliegende Gerücht, der eine vom Eifer des anderen, vernommen hatten, wetteiferten sie für Lob und Ruhm nach der natürlichen Anlage ihres Volkes, um der eine den andern zu übertreffen. Und es ist des Gedächtnisses würdig, wie sehr ein jeder der beiden Orte in diesem Wetteifer Fortschritte gemacht und nicht allein im Gesang, sondern auch in den übrigen Dingen des Wissens zugenommen hat. Petrus nämlich hatte zu Metz zu den Sequenzen, die er Metensische nennt, Jubelgesänge gemacht. Romanus aber hatte uns dagegen aus dem Seinigen die Jubelgesänge der Romana und Amoena abgemessen, welche nachher Notker durch die Worte, in denen wir sie sehen, verband; die Jubelgesänge der Frigdora und der Occidentana, die er so benannte, hat er, durch jene angeregt, auch selbst aus eigener Kraft ausgedacht. Romanus jedoch, als wenn es heilige Pflicht gewesen wäre, unseren Platz vor den Metzern zu erhöhen, sorgte dafür, die Ehre des römischen Sitzes dem Kloster des heiligen Gallus dergestalt einzubringen. Es gab zu Rom ein gewisses Gerät und ein Behältnis zur öffentlichen Einsicht des ursprünglichen Antiphonars für alle Herannahenden, ein Gestell, welches vom Gesang Gesangspult genannt wurde. Ein solches nun ließ er selbst bei uns nach dem Ebenbild jenes Römischen beim Altar der Apostel mit dem Originalantiphonar, den er selbst in dem Exemplar des abschriftlichen Antiphonars herbeigebracht, errichten; in demselben nun wird bis heute, wenn im Gesang etwas nicht übereinstimmt, wie in einem Spiegel der Irrtum allgemein in dieser Weise verbessert. In ebendemselben hat Romanus auch zuerst die andeutenden Buchstaben des Alphabetes durch Zeichen, wie es ihm gut schien, entweder aufwärts, oder niederwärts, oder vorwärts, oder rückwärts, angeben zu lassen ausgedacht; diese hat nachher Notker der Stammler jemandem, der ihn freundschaftlich darum bat, erklärt, während auch Martianus, welchen wir wegen der Nuptiae bewundern, die Vollkommenheiten derselben zu beschreiben sich bemüht hat. 

48. Trotz der Meier.
Als jedoch Hartmann wenige Jahre vorgestanden war, ging er zur größten Trauer der Unsrigen dahin und hinterließ unser Kloster in höchster Berühmtheit, ein beharrlichster Anhänger der Zucht der Väter und ein anhaltender Einpräger der Wissenschaft, abgesehen davon, dass er, nicht ohne Schaden für unsere Stätte, ein weniger feiner Beaufsichtiger der unsere Ländereien Bebauenden und die Sorge des weltlichen Besitztums Betreibenden war. Denn während er nur für das Kloster die Leitung besorgte und die Pröpste in heiliger Einfalt den religiösen Eifer, den er lehrte, auch außerhalb des Klosters in schärfster Weise bewahrten, hatten die Meier der Örtlichkeiten, über die geschrieben ist, dass die Knechte, wenn sie nicht furchtsam sich ducken, aufgeblasen emporjucken, geglättete Schilde und Waffen zu führen begonnen; sie hatten gelernt, mit anderem Klang, als die übrigen Leute der Ansiedelungen, in die Hörner zu blasen; Hunde hatten sie gehegt, zuerst für Hasen, zuletzt auch nicht für Wölfe, sondern um Bären und um tuskische Eber, wie einer gesagt hat, zu bedrohen. »Die Keller«, sagten sie, »mögen Höfer und Äcker bebauen; wir wollen unsere Lehengüter besorgen und der Jagd, wie es Männern geziemt, nachgehen.« Indem in solchen Vorzügen unser Gemeinwesen blühte und in solchen Übeln gefährdet schwankte, hatte Hartmann sterbend es verlassen. 

49. Engilbert, Hartmanns Nachfolger; König Konrads Tod und Wahl Heinrichs.
Als Hartmann gestorben, wird Engilbert erwählt und zu Konrad geschickt. Derselbe würdigte ihn aller Ehre und machte ihn zum Stellvertreter des heiligen Gallus und indem er kurze Zeit darüber hinaus noch lebte, starb auch er selbst. Da aber Engilbert begann, den weniger gepflegten Örtlichkeiten außerhalb des Klosters seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, so leisteten ihm die Meier, die wir erwähnt haben, welche dessen ungewohnt geworden waren, geringeren Gehorsam. Und durch diese und viele andere Unglücksfälle, die teils ihm um seinetwillen, teils durch den Tod Konrads dem Nacken des ganzen Reiches drohten, darnieder geschlagen, erwartete Engilbert, zu Hause sich aufhaltend, traurig mit den Seinigen fastend und betend das Ende der Sache. Dieser Angelegenheit Verkettung kurz zu melden, habe ich zur Erklärung unserer Tragödie als nützlich erachtet. – Da König Konrad männlicher Nachkommenschaft entbehrte, aber einen Bruder Eberhard besaß, welcher auf den Fall seines Überlebens nach der Leitung des Reiches zu gelangen suchte, fühlte Konrad, dass derselbe weder durch Tüchtigkeit für die Königswürde geschickt, noch dem Volk durch sein Wesen angenehm sei und während dieser, da der König selbst schon hinfällig wurde, denselben bat, er möchte ihn dem Volk empfehlen, hielt dieser ihn immer wieder hin. Als der König aber zu sterben beginnt, spricht er heimlich zu dem Bruder: »Ich sehe, mein Bruder«, sagt er, »und habe es immer gesehen, dass Du vom Volk nicht angenommen werden wollest, und deswegen habe ich stillschweigend, um Dich nicht zu betrüben, was Du oft gebeten hattest, verschoben. Wenn Du aber jetzt, was ich Dir rate, getan haben wirst, wirst Du, wie ich zu Gott hoffe, nicht ohne Ruhm sein. Es gibt in Sachsen nämlich einen Grafen Heinrich, berühmt durch seine Gemahlin Mathilde, welchem ich keinen völlig gleich im Reiche weiß. Nimm also Krone und Zepter und eile Tag und Nacht zu ihm hin und gib ihm Dich und das Reich mit meinen Worten in die Hände und bitte, dass beide bei Dir meiner eingedenk sein mögen!« Eberhard tat demnach, wie der König befohlen hatte und erbat sich, als er zu dem Grafen kam, heimlich zu ihm reden zu dürfen. Als alle entfernt worden waren, schloss er selbst die Türe, und nachdem er den Schultermantel ausgezogen, wirft er sich zu den Füssen des über die Massen staunenden Mannes und deckt Krone und Zepter auf und erzählt, was er geheißen worden. Heinrich hatte ihm unter dem Übrigen, wenn er in der Treue, in der er gesprochen hatte, ihm zugetan gesinnt sein wollte, alles zu tun gelobt, was dem Träger einer so großen Botschaft geziemte. Und damit ich nicht über lange Umwege schreite: es findet eine öffentliche Besprechung statt; Heinrich wird durch der Sachsen und Franken Einstimmigkeit erhoben und zur Königsherrschaft gesalbt. 

50. Der Aufstand der Herzöge; Konrad Churzibolt; Herzog Purchard von Schwaben und Wiborada.
Aber nachher überredete Giselbert, der Herzog der Lothringer, den Eberhard, indem er ihn zurechtwies, warum er seine Ehre einem Fremden übergeben hatte, gegen den sächsischen König sich aufzulehnen und es mit ihm zu halten. Beide erheben sich zu den Waffen; an den schwäbischen und den norischen Herzog schicken sie Briefe. Als nun diese schon ihrer Meinung zu sein sich hatten bewegen lassen, da macht eines Tages, als sie in Waffen gesammelte Truppen bei Breisach auf Schiffen übergesetzt hatten und sie selbst inzwischen auf der Fläche des Ufers im Brett spielten, Chuono, ein gewisser Mann königlichen Geschlechtes, von der Kürze seiner Gestalt Churzibolt zugenannt, zufällig, umgeben von zwanzig Kriegern, einen Angriff auf die Männer; den Giselbert ertränkte er, nachdem er eine Lanze auf ihn geworfen hatte, mit allen, die sich in dem Schiff, in das Giselbert hineinsprang, befanden; den Eberhard, welchen er wegen seines Wankelmutes hart anfuhr, tötete er mit dem Schwert auf dem Ufer. Chuono nämlich war in schmaler Brust stark beherzt und tapfer, er, welcher einen aus dem erbrochenen Käfig auf ihn und den König, die allein bei der Beratung sich befanden, so wie sie waren, einspringenden Löwen, selbst vorspringend, unverzüglich erlegte, während der König, der doch ein großer Mann war, das Schwert, welches Chuono damals, wie es Sitte war, führte, eben erst an sich reißen wollte. Weit und breit wurde das Gerücht verbreitet, ein Krieger des Königs Heinrich habe einen auf ihn einspringenden Löwen mit dem Schwert getötet. Weiber und Äpfel verabscheute jener in einem gewissen von Natur ihm eigenen Widerwillen so sehr, dass, wo er unterwegs eines von beiden fand, er seinen Aufenthalt nicht nehmen wollte. Vieles ist, was über ihn gesungen und gesagt wird, was wir, weil wir zu uns zurückzukehren haben, übergehen, außer dass er, ein neuer David, aus dem Lager des Königs hervorbrechend, mit der Lanze statt mit dem Stein einen slawischen Herausforderer, einen Mann von riesiger Wucht, niedergestreckt hatte. – Purchard aber, der Herzog der Schwaben, welcher Schwaben gleichsam tyrannisch beherrschte, begehrte von Abt Engilbert zuerst Lehenserteilungen für seine Krieger. Hernach zumal unter Ausstreuung der Verdächtigung gegen den Abt, dass derselbe mit dem sächsischen König im Einverständnis sei, ließ es sich der Herzog geduldig gefallen, wann die Seinigen Örtlichkeiten des heiligen Gallus, welche es auch immer sein mochten, an sich reißen wollten, und nichts ließ er zurückerstatten, es sei dann, dass es durch Wertgaben aus der Schatzkammer zurückgekauft wurde. Dabei soll Purchard unter anderem hinsichtlich jenes goldenen Kelches, den Bischof Adalbero als Geschenk gegeben, da er für sich die Einwilligung zu dessen Überlassung erlangte, und hinsichtlich des Kreuzes, nach einer Zurechtweisung durch die heilige Wiborada, in erheuchelten Worten seiner Frau den Befehl zur Zurückerstattung gegeben haben, und da er, als das Versprochene nicht verrichtet worden war, um auch den König von Italien zum Einverständnis mit sich zu bringen, dorthin eilte, kam er durch einen Sturz vom Pferd um, indem jene Selige ihm den Tod für seine Habsucht vorhersagte. Da dies anderswo vollständiger geschrieben ist, möge es hier genügen, die Sache berührt zu haben. 

51. Abt Engilbert und die Ungarngefahr; Engilberts Vorsichtsmaßregeln.
Engilbert aber, um darauf zurückzugehen, wovon wir ausgegangen sind, kam zu Heinrich, schwur demselben, indem er die Abtei von ihm empfing, Treue und kehrte, in aller Ehre von ihm entlassen, nach Hause zu noch größeren Unglücksfällen zurück. Denn die Ungarn fallen, nachdem sie von dem Ungemach des Reiches erfahren hatten, in das Land der Norischen wütend ein und verwüsten dasselbe, und nachdem sie lange Augsburg belagert und durch die Gebete des Bischofs Ulrich, welcher zu jener Zeit unter allen Menschen gar wohl der heiligste Mann war, zurückgetrieben worden, dringen sie, weil niemand es ihnen wehrt, scharenweise nach Alemannien hinein. Aber Engilbert zeigt rüstig, wie geeignet fürwahr er zur Ertragung der Leiden war. Denn während diese Übel drohen, heißt er, da ein jeder einzelne seiner Krieger für sich selbst besorgt war, die Kräftigeren der Brüder die Waffen ergreifen und bestärkt das Gesinde; er selbst, wie ein Riese des Herrn, mit dem Panzer angetan und die Kutte und die Stola darüber anziehend, befiehlt den Brüdern, selber das Gleiche zu tun. »Dass wir gegen den Teufel«, sagte er, »wie wir bis dahin, meine Brüder, im Gemüte voll Gottvertrauen gekämpft haben, jetzt mit der Kraft der Hände unsere Stärke zu zeigen vermögen, das lasst uns von Gott erbitten!« Wurfspieße werden verfertigt; aus dicken Linnenstoffen werden Panzer gemacht; Schleudern werden geflochten; aus starken Brettern und Weidenkörben werden Schilde hergestellt; Sparren und Knüttel werden in zugespitzter Form an den Herden vorne gehärtet. Aber zuerst wollen einige von den Brüdern und vom Gesinde, da sie dem Gerücht nicht glauben, nicht entfliehen. Es wurde jedoch ein Ort ausgewählt, der gleich wie von Gott zur Anlage einer Burg sichtbar dargeboten war, um den Fluss Sintriaunum (Sitter), welchen der heilige Gallus weiland aus Liebe zur heiligen Dreieinigkeit von den drei zu einem zusammenströmenden Flüssen so doppelsinnig genannt haben soll. Auf dem schmalsten Berghals wird, indem man Verschanzung und Wald herausschlägt, eine Stelle vorn befestigt und ein befestigter Platz errichtet, von großer Stärke, wie es der heiligen Dreieinigkeit geziemte. Schleunig wird alles, was notwendig sein kann, zusammengeführt. Dieses haben wir, da es im Leben der Wiborada durch den Schreiber desselben weniger ausgedrückt ist, kurz erzählt, so wie wir durch die Brüder, die das wussten, belehrt worden sind. Eine schnell errichtete Kapelle wird zum Bethaus, in welches die Kreuze und die Kapseln mit den Totenverzeichnissen gebracht werden, nicht minder auch fast der ganze Kirchenschatz außer den auf den Gestellen stehenden Büchern. Jene hatte der Abt, nicht hinreichend sicher jedoch, nach der Reichenau übergeben; wie sie nämlich zurückgebracht wurden, stimmte, wie man sagt, die Zahl, nicht aber die Reihe der Bücher selbst. Die Greise mit den Knaben gab der Abt zum Behuf der Beschützung nach Wasserburg, welches er mit den Hörigen, die jenseits des Sees waren, sorgfältig verwahrte. Er befahl ihnen auch, damit sie nämlich häufiger auf den Schiffen weilen könnten, Lebensmittel mit sich dorthin zu nehmen. 

52. Die Ungarn in St. Gallen und Heribald.
Späher gingen bei Tag und Nacht durch die ihnen bekannten Örtlichkeiten hin, um den Brüdern, welche allzu ungläubig waren, dass der heilige Gallus jemals von den Barbaren angegriffen werden könne, die Ankunft der Feinde vorauszusagen, damit dieselben zu dem festen Platz fliehen möchten. Denn indem auch Engilbert selbst solchen beistimmte, brachte er beinahe zu spät die geschätztesten Stücke des heiligen Gallus an den festen Platz, woher auch Othmars Ziborium den Feinden zurückgelassen wurde. Die Feinde nämlich kamen nicht auf einmal; sondern scharenweise hatten sie, weil niemand Widerstand geleistet, Städte und Dörfer angegriffen und nach geschehener Plünderung angebrannt, und daher kamen sie unvorhergesehen, auf welcher Seite sie wollten, über die Ungerüsteten. Indem sie auch in Wäldern zu Hundert oder in geringerer Zahl zuweilen sich verborgen hielten, waren sie herausgebrochen; der Rauch jedoch und der von Feuern gerötete Himmel gaben bekannt, wo die einzelnen Haufen waren. Es befand sich aber damals unter den Unsrigen ein gewisser sehr einfältiger und närrischer Bruder, dessen Worte und Taten oft belacht wurden, mit Namen Heribald. Als zu diesem, wie die Brüder zuerst zu dem festen Platz aufbrachen, einige schreckensvoll sagten, dass auch er selbst fliehen möchte, sprach er: »Fürwahr, fliehen möge, wer da will; ich gewiss werde, weil mir der Kämmerer in diesem Jahre das Leder zu den Schuhen nicht gegeben hat, nirgends hin fliehen.« Als ihn jedoch die Brüder im äußersten Augenblick durch Gewalt zwingen wollten, mit ihnen sich aufzumachen, leistete er starken Widerstand und schwur, er werde nirgends hingehen, wenn nicht das Leder vom Jahr vorher ihm zur Hand gereicht würde. Und so erwartete er unerschrocken die einstürmenden Ungarn. Endlich fliehen, fast zu spät, die Brüder mit anderen Ungläubigen, durch die entsetzlichen Worte getroffen, dass die Feinde in nächster Zukunft herandringen würden; doch er selbst, in seiner Meinung verharrend, erging sich in müßiger Weise furchtlos auf und ab wandelnd. 

53. Das Treiben der Ungarn im Kloster.
Endlich stürmen jene Köchertragenden herein, starrend von drohenden Wurfspeeren und Geschossen. Sorgfältig durchsuchen sie den ganzen Platz; dass für kein Geschlecht oder Alter Erbarmen sich finde, ist gewiss. Da finden sie jenen, der allein unerschrocken in der Mitte steht. Verwundert darüber, was er wolle und weshalb er nicht geflohen sei, fragen ihn die Hauptleute durch Dolmetscher, indem sie die Mörder anweisen, ihn inzwischen mit dem Eisen zu verschonen, und wie sie merken, dass er ein Ungeheuer von Narrheit sei, lassen ihn alle unter Gelächter unangetastet. Den steinernen Altar des heiligen Gallus tragen sie Sorge nicht einmal zu berühren, weil sie früher häufig durch solche getäuscht, inwendig nichts als Knochen und Asche gefunden hatten. Endlich erkundigen sie sich bei ihrem Narren, wo der Schatz des Platzes aufbewahrt sei. Da sie nun jener munter zum verborgenen Türchen der Schatzkammer führte und sie nach dessen Erbrechung dort nichts als Standleuchter und vergoldete Lichtkronen fanden, welche die auf die Flucht Eilenden zurückgelassen hatten, wenden sie sich drohend gegen ihren Verlaber, mit den Händen Ohrfeigen ihm zu geben. Zwei aus ihnen steigen auf den Kirchturm, dessen auf der Spitze stehenden Hahn sie für aus Gold gemacht halten, in der Meinung, dass der sogenannte Gott des Ortes nur aus dem Stoffe eines edleren Metalls gegossen sein könne, und während einer, um den Hahn loszureißen, sich mit der Lanze, ein kräftiger Mann, wie er war, vorbeugte, stürzte er von der Höhe in den Vorhof und kam um. Der andere inzwischen, wie er zum höchsten Punkte des östlichen Turmgiebels kam, fiel, während er sich zur Beschimpfung des Gottes des Heiligtums selbst bereitgemacht hatte, den Leib zu leeren, rücklings hinab und wurde ganz zerschmettert. Wie Heribald nachher berichtet hat, hatten sie diese beiden zwischen den Pfosten der Türflügel verbrannt, und der Flammen speiende Scheiterhaufen griff heftig die Oberschwelle und das Deckengetäfel an und um die Wette mischten mehrere mit Stangen die Brände; dennoch hatten sie keineswegs den Tempel des Gallus, so wenig als den des Magnus, in Brand stecken können. Im gemeinschaftlichen Keller der Brüder aber waren zwei Fässer mit Wein, die noch bis zu den Zapfen voll waren. Weil in jenem entscheidenden Augenblick niemand die Rinder anzuspannen oder sie anzutreiben wagte, waren dieselben so zurückgelassen worden. Diese jedoch öffnete keiner der Feinde, ich weiß nicht, durch welches Glück unserer Stätte, außer etwa, dass die Feinde an solchem auf ihren Beutefuhrwerken ohnedies Überfluss gehabt hatten. Denn als einer von ihnen mit geschwungener Axt eines der Fassbänder aufschneiden wollte, sagte Heribald, der unter ihnen schon wie ein Hausgenosse verkehrte: »Lass, guter Mann! Was willst Du denn, dass wir trinken, nachdem Ihr davongegangen sein werdet?« Als das jener durch den Dolmetscher hörte und auflachte, bat er die Genossen, dass sie seines Narren Geschirre nicht berühren möchten. Und so wurden sie bewahrt, bis der Abt sie zu Gesicht bekam, nachdem die Ungarn den Platz verlassen. 

54. Der Ungarn Späße mit Heribald; der Schmaus der Ungarn.
Späher aber, welche die Wälder und jegliche verborgenen Plätze angelegentlich durchsuchen sollten, entsenden jene um die Wette; sie warten auf dieselben, ob sie etwas Neues zurückbrächten. Endlich, nachdem Wiborada schon den Opfertod geduldet hatte, verbreiten sie sich durch den Vorhof und die Wiesen hin zu reichlichen Mahlzeiten. Auch das mit Silber bekleidete Ziborium des heiligen Othmar, welches die plötzlich angegriffenen Flüchtlinge nicht fortschaffen konnten, berauben sie seiner Hülle. Die Führer nämlich besetzen den flachen Platz des inneren Klosters und schmausen in jeglicher Fülle. Auch Heribald sättigte sich in ihrer Gegenwart mehr, als jemals sonst, wie er selbst nachher sagte. Und weil sie nach ihrer Sitte ohne Sitze einzeln zum Schmausen über das grüne Heu sich lagerten, setzte er selbst für sich und einen gewissen als Beutestück ergriffenen Priester kleine Stühle. Als aber die Ungarn die Schulterstücke und die übrigen Teile der Schlachttiere halb roh ohne Messer mit den Zähnen zerfleischend verschlungen, hatten sie unter sich zum Scherz die abgenagten Knochen, einer nämlich gegen den andern, geworfen. Auch Wein, der in vollen Kufen in die Mitte gesetzt war, schöpfte jeder so viel ihn gelüstete, ohne Unterschied. Nachdem sie aber durch den ungemischten Wein warm geworden waren, schrien sie alle in entsetzlichster Weise zu ihren Göttern. Den Priester jedoch und ihren Narren hatten sie gezwungen, dieses selbe zu tun, und der Priester, welcher ihre Sprache wohl verstand, weswegen sie auch denselben für das Leben bewahrt hatten, rief laut mit ihnen. Und als er nunmehr genug in ihrer Sprache gerast, hatte er unter Tränen die Antiphon vom heiligen Kreuze, dessen Auffindung am folgenden Tag gefeiert wurde: »Sanctifica nos«, begonnen; diese sang auch Heribald selbst mit ihm ab, obschon rau von Stimme. Alle, welche anwesend, kommen zu dem ungewohnten Gesange der Gefangenen zusammen und tanzen und ringen in ausbrechender Fröhlichkeit vor den Fürsten. Einige hatten auch, indem sie mit den Waffen zusammenliefen, gezeigt, wie viel sie von kriegerischer Zucht verständen. Unterdessen glaubt jener Priester bei solcher Fröhlichkeit die günstige Zeit gekommen, um für seine Lösung zu bitten, und indem er die Hilfe des heiligen Kreuzes anfleht, fällt der Unglückliche unter Tränen vor die Füße der Fürsten hin. Aber diese bedeuten in allzu wildem Sinn durch Pfeifen und gleichsam durch ein scheußliches Grunzen den Gefolgsleuten, was sie wollten, und jene fliegen wütend herbei, ergreifen den Mann rascher als ein Wort und ziehen die Messer heraus, um den Scherz, welchen die Deutschen »das Pieken« nennen, gegen seinen geschorenen Kopf zu vollziehen, ehe sie ihn enthaupten würden. 

55. Der Aufbruch; der Abzug der Ungarn und Abt Engilbert.
Unterdessen, während sie zu solchem sich bereiten, eilen die Kundschafter in dem Wald, welcher gegen den festen Platz hin liegt, unter plötzlicher Mitteilung von Zeichen durch Hörner und Stimmen herbei. Sie sagen, dass eine Befestigung mit bewaffneten Scharen stark bewahrt in ihrer nächsten Gegend sei, und indem der Priester und Heribald da allein im Kloster gelassen werden, eilt ein jeder der Krieger für sich schleunig aus dem Tore, und sie standen, wie sie gewöhnt waren, ehe es jemand vermutete, gerüstet in der Schlachtreihe. Als sie aber von der natürlichen Beschaffenheit der Festung vernommen hatten, dass sie nicht belagert werden könne, dass aber der Platz durch seinen langen und sehr schmalen Hals den Angreifenden nur mit größtem Schaden und sicherer Gefahr zugänglich sei und dass seine Beschützer, wenn sie nur Männer seien, ihrer Menge, so lange sie Lebensmittel hätten, niemals weichen würden, so lassen sie endlich von dem Kloster ab, deswegen, weil Gallus, dessen Gott, des Feuers mächtig sei und sie zünden, um sehen zu können – denn die Nacht stand nächstens bevor – einige Häuser des Dorfes an und ziehen, nachdem durch Hörner und Rufe Stillschweigen angesagt worden war, auf dem Weg ab, der nach Konstanz führt. Weil aber die Leute in dem festen Platz geglaubt hatten, das Kloster stehe im Brand, und als sie nun den Abzug der Ungarn erfuhren, folgen sie denselben auf Seitenwegen nach, greifen die Späher welche von weitem der Menge nachgezogen, von vorne an und töten einige; einen aber führen sie verwundet als Gefangenen fort, die Übrigen, kaum durch die Flucht entronnen, geben der Menge Hörnerzeichen, damit dieselbe sich hüte. Doch die Ungarn besetzen so rasch wie möglich die Felder und die Ebenen und stellen, so wie für sie die Möglichkeit vorhanden war, munter die Schlachtordnung her, indem sie Karren und das übrige Gepäck ringsum anbringen; sie teilen die Nacht in Wachen ein und geben sich, durch das Gras hingegossen, stillschweigend dem Wein und dem Schlaf hin. Am frühesten Morgen aber laufen sie in die nächsten Dörfer hinein, spüren nach, ob die flüchtigen Bewohner etwas zurückgelassen, und rauben; und alle Gebäude, an denen sie vorübergehen, verbrennen sie. Aber Engilbert, welcher der Anführer des Angriffes auf die Feinde war, geht mit wenigen von gleicher Kühnheit erfüllten Leuten, nachdem er die Übrigen, mit der Weisung, die Feste wieder aufzusuchen, entlassen hatte, nach dem Kloster, indem er die vorhandenen Gefahren zu vermeiden sucht, und erspäht, ob einige zur Veranstaltung von Überfällen zurückgelassen seien. Weil er mit der Narrheit des Bruders Heribald, der nämlich guter Abstammung war, Mitleid hatte, forschen sie sorgfältig nach, ob sie etwa wenigstens seinen Körper zur Bestattung finden könnten. Indem derselbe nirgends gefunden worden war – denn mit Mühe von dem Priester überredet, hatte Heribald mit demselben den Gipfel des nächsten Berges bestiegen und hielt sich da zwischen Gebüsch und Strauchwerk verborgen -, bejammerte Engilbert noch obendrein, falls die Feinde einen Sklaven von so großer Einfalt mit sich davongeführt hätten. Nachdem er sich auch darüber verwundert, dass die Weingefäße von den übermäßig trunksüchtigen Feinden vermieden worden seien, brachte er Gott seinen Dank. 

56. Engilberts Rückkehr nach der Feste; Heribalds Ankunft; Verstärkung der Feste.
Dann tragen sie, so leise wie sie nur vermochten, die Morgenlobgesänge über das heilige Kreuz eilends ab, verwundern sich über die vorn angebrannten Türpfosten und die gleichbeschaffene vertäfelte Decke, und indem sie auf das rascheste von dem Platz sich hinwegbegeben, untersuchen sie stillschweigend bei dem Klausnerhäuschen der Wiborada, ob dieselbe lebe, und nachdem sie in Erfahrung gebracht, dass sie den Leidenstod gestorben sei, wagen sie nicht zu zaudern, sondern überschreiten den nächsten Berg und suchen endlich durch ihnen bekannte Wildnisse hin rasch wieder ihren festen Platz auf, von der Furcht erfüllt, wie das geschieht, es möchten entweder im Hinterhalt zurückgelassene oder für andere Beutezüge ringsherum ausgebreitete Feinde, den Genossen nach dem Ort hin folgend, über denselben kommen, dennoch aber darauf gefasst, weil für sie die Sachlage ihrem Geist gemäß war, entweder tapfer zu versterben oder mit ihren Händen fürwahr sich männlich zu verteidigen. Und nachdem der Priester den Heribald an sich gezogen hatte, kommen sie – denn sie hatten die Feste von dem Berge erblickt – am frühen Morgen dahin. Weil aber die Wächter sie von weitem erblickten und, da es noch finster war, Späher in ihnen vermuteten, riefen sie den Gefährten zu. Diese jedoch, behänd herausbrechend, zögern, obschon sie den Heribald wiedererkannt, zuerst im Betreff des Priesters; sie nehmen ihn jedoch in die Befestigung auf, und indem sie dessen ganze Tragödie erfahren, behandeln sie ihn gastfrei, sowohl um Christi willen, aber auch wegen der Besorgung ihres Gefangenen, dessen Sprache er verstand. Und sie belehrten sich endlich durch jene beiden über die gesamten Gewohnheiten der von Übermut erfüllten Feinde. Der Ungar nahm nach seiner Taufe ein Weib und zeugte Söhne. Dann, weil sie erfahren hatten, dass die Ungarn zuweilen zurückzukehren pflegten, fällen sie zum zweiten Mal gegen den Zugang der Feste hin in breiterem Raum die Bäume des Waldes und stechen einen tiefen Graben durch; indem sie, wo vorher Binsen zu wachsen pflegten, des Wassers gewiss, sehr tief einen Brunnen graben, finden sie eine sehr reine Quelle, und den Wein, welchen die Ungarn dem Heribald gewährt hatten, schaffen sie heimlich bei Tag und Nacht in Lägeln und in welchen Gefäßen sie nur immer können schnell herbei, und indem sie so ihre Zeit zubringen, rufen sie unausgesetzt den Herrn an. – Über die heilige Wiborada aber werden wir, weil ein Buch für sich selbst über sie vorliegt, weiter nicht reden, außer dass schon zweimal zu unseren Zeiten durch zwei Päpste beschlossen ist, dass sie zur Heiligen erhoben werde, und dass das endlich unter Norpert erfüllt ist. 

57. Bischof Ulrich; Wiborada und der Klosterschüler Ulrich.
Über den heiligen Ulrich aber, in welcher Weise er mit uns gelebt habe, haben wir gewisse Worte der Väter gehört, welche wir wenigstens in seinem Leben, obschon es sogar zum dritten Male bereits geschrieben ist, nicht gefunden haben. Von Edlen nämlich, wie es auch schon von anderen gesagt worden ist, geboren, wurde jener bei den Unsrigen erzogen und unterrichtet. Hier lernte er den Weg hinauf zu fliegen, auf welchem er in die Himmel geflogen ist; hier machte er das Vorspiel für die Wunderkräfte, welche er jetzt tatsächlich beweist. Denn indem er sich zu den Mönchen unserer Heiligen Gallus und Othmar, die er als Knabe zu Vätern sich auswählte, hinzufügt, schreitet er mit den Heiligen der Heiligste und mit den Auserlesenen der Auserlesenste einher. Als Schüler des jüngeren Hartmann nämlich fasste er, vor allen im heiligen Geist geprüft, das Göttliche auf. Im Speisesaal vor den Vätern, wo sogar im Kleinsten zu fehlen ein Hauptverbrechen war, trat er häufig, obschon ein Weltgeistlicher, ungehindert als Leser auf, was ihm jedoch um seiner Ahnherren willen bewilligt wurde. Indem er gewohnt war, die Eingeschlossene Wiborada an Feiertagen, während die Altersgenossen der gegebenen Freiheit gemäß zu den Spielen sich rüsteten, heimlich zu besuchen, wurde er durch dieselbe manchmal durch Worte und Beispiele in den göttlichen Schriften unterrichtet. Denn als sie ihn eines Tages vor dem Fensterchen ihres verschlossenen Häuschens mit dem leichtesten Gürtel umgürtet stehen sah, sagte sie, indem sie ihm einen aus dem ihrigen zurecht gemachten Gürtel darbot: »Empfange, mein Sohn, für Dich durch dieses mein Linnen den Gürtel der Keuschheit von Gott und sei von diesem Tage an fortwährend eingedenk, dass Du durch Deine Wiborada mit der Binde der Enthaltsamkeit umgürtet seiest! Hüte Dich aber, damit Du nicht, indem ich Dir von meinem Herrn den Befehl bringe, von jetzt an durch irgendwelche eitle Unterredungen mit Dirnen Dich vereinigest, und wenn, wie das sehr leicht geschieht, Du durch irgendein Feuer des Fleisches entzündet sein wirst, so singe alsbald, nachdem Du die Stätte, wo Du warst, gegen eine andere vertauscht: »Gott, schicke Dich an zu meiner Hilfe! Herr sei eilig, mir zu helfen« Wenn Du aber so den Frieden, indem irgendein anderes Vergehen von Dir es verbietet, nicht haben wirst, so suche, als wenn Du irgendetwas anderes treiben wolltest, einen Brand oder eine brennende Kerze und brenne den Finger nur leicht an, und Du wirst, indem Du diesen selben Vers sprichst, ruhig sein.« So hatte die sehr gehärtete Lehrerin gegen das Feuer durch das Feuer ihren Schüler, den inskünftig sehr heiligen, wie er selbst den Vätern erzählte, ganz gehärtet. 

58. Ulrichs Frömmigkeit.
Vieles ist, was jener über die Unterweisung seiner Pflegerin – denn so pflegte er noch als Greis sie zu benennen – den Vätern gesagt hatte, was wir aber übergehen, weil es den Heiligen dieser Zeit beschwerlich und unmöglich erscheinen kann, damit ihnen nicht etwas übel zurieche. Auch von dem Haarkleid, dessen Wiborada selbst sich bediente, vor dessen Rauheit wir heute, wo wir es als Reliquie besitzen, schaudern, hatte sie ihrem Sohn, wie sie ihn selbst auch nannte, zum Gebrauch in den Tagen der Enthaltung ein kleines Polster zusammengenäht. Dasselbe nun pflegte er zuweilen, im Busen es führend, in den Nächten mit einem unterlegten Stein den Backen anzupassen. Indem er eines solchen Bettlagers zum Vergnügen sich bediente, war er gewohnt, vor den Türen der Kirche das Geläute der Nachtgottesdienste entweder auf einem Sitz, oder auch auf der nackten Erde abzuwarten. Da er vom Knabenalter an an dieses und ähnliches andere sich gewöhnte und da er auch sowohl die Anreden von Frauen, als die gewohnten Scherze der Genossen geflohen hatte, hatten dieselben schon von der Zeit an begonnen, ihn spöttisch den kleinen Heiligen gewöhnlich zu nennen. Wir haben auch über ihn vernommen, dass er fürwahr für nichts von Hartem zu Herzen gezogen zu werden pflegte, da, als ihm einer der Altersgenossen einen Griffel entwendet habe, der Dieb sich selbst durch eine, ich weiß nicht welche, Nachlässigkeit unter dem Mäntelchen die Hand durchstach. Als nun jener vor Schmerz schreiend die Hand herausstreckte, wurde der lange gesuchte und oft falsch beschworene Griffel des Ulrich hervorgebracht. Weil jedoch jener dieses und ähnliches anderes von sich zu verdecken verstand, wer möchte nicht glauben, dass das durch seine Verdienste geschah, über manche Leute höheren Geistes hinaus? Denn er bediente sich häufig verblümter und mitunter auch das Lachen hervorbringender Worte, nicht jedoch falscher und nichtiger Reden. So geschah es gegenüber einem gewissen übermütig und prahlerisch sich gebärdenden Schüler, als derselbe, nachdem er sich zu Konstanz ein Diakonat um Geld erkauft hatte, zwischen den in einem geistlichen Aufzug Gehenden den Unsrigen voraus zu schreiten sich rüstete und, mit der Stola angetan, dem Ulrich, welcher an diesem Tag uns das Evangelium lesen sollte, nicht ohne Ruhmsucht sich zur Seite stellte; da sagte Ulrich: »Höre, mein lieber Freund, wie schicklich sitzt Dir die Binde des Schildes!« Dieses selbst jedoch, dass er nämlich als ein Weltgeistlicher uns das Evangelium lesen konnte, war auch Ulrich gemäß der Ehrfurcht, deren er genoss, gestattet. Denn, ein verzeichneter Bruder, wie er war, hatte er damals den Reiz der schönsten Stimme. 

59. Ulrich als Bischof von Augsburg und Freund St. Gallens; die wunderbare Weinrettung; die Magnusprozession; Heilungswunder.
Länger aber als die übrigen seiner Altersgenossen war er, teils entsprechend der Annehmlichkeit der Stätte, teils vermöge seiner Wiborada, in den Schulen geblieben. Als er jedoch dieselben endlich verließ und in seinen Besitzungen eigenen Rechtes geworden war, besuchte er zu Augsburg, wo er vom Kindesalter an Domherr war, in Vorbildern der Tugenden sehr leuchtend, häufig seinen Gallus. Seine verzeichneten Brüder speiste er selbst als Diener dreimal im Jahr. Obschon die Väter, welche zugegen waren, über die Tischgäste selbst viel lieblich zu sagendes zu erzählen pflegen, will ich doch nur ein Wunder, welches auch Ulrich selbst als ein großes erschien, den Nachkommen zum Gedächtnis erwähnen. Es steht nicht weit vom Kloster eine hohe Brücke, welche auch so genannt ist, über einen schwierigen und tief unermesslichen Abgrund hin, wie es zu sehen ist, gelegt, welche nämlich unausweichlich ist für diejenigen, die auf jener Seite zu Gallus reisen. Ein Fass voll Wein von Ulrich, welcher damals nämlich schon Bischof war, wird über eben jenen Berg hin von zahlreichen Paaren von Ochsen, welche in langem Zug angetrieben wurden, zum Mahl der Liebe für die Brüder geführt, während der Bischof selbst schon an der Stätte weilt. Und siehe, entsetzlich zu sagen, es fiel jenes sehr schickliche Fuhrwerk, indem es aus dem Geleise wich, und wälzte jene Paare von Zugtieren über sich zusammen. Rings herum wird der Nachbarschaft um Hilfeleistung zugerufen. Von überall her kommen sie zusammen; indem sie alles unverletzt und heil vorfinden, lösen sie, weil sie anders nicht konnten, die dahin gestreckten Zugtiere mit scharfer Einsicht und ängstlicher Mühe auseinander, zur Brücke selbst tragen sie ebenso alles zurück. Indem sie aber »Kyrie Eleison« singen und an die Zugtiere die, weil sie zerschlagen waren, in geringer Zahl vorhandenen Beförderungsmittel anknüpfen, überbringen sie dem Bischof, welcher seinen Bozener erwartet, denselben und zeigen ihm alles unberührt und heil. Indem endlich der Mann Gotts mit den Brüdern öffentlich Gott nach dem Beispiel des Benedikt und Maurus Lob darbringt, schreiben sie, er selbst den Verdiensten der Brüder dieses Zeichen, sie aber der Macht seiner Tugenden jenes Unmögliche zu. Er hatte nämlich auch einmal am Platz des heiligen Magnus den ihm stets angenehmen Tag zugebracht, und trug selbst dessen Reliquien, wie es unsere Sitte ist, angetan mit jenem Adlerbilder aufweisenden Schutzkleid, am Abend des Tages des Heiligen in das Haus in eigener Person zurück. Und weil, wie es ja oft der Fall war, damals ein Kranker sich da befand, ein gewisser Lahmer, hatte sich derselbe unter der Beihilfe der Seinigen auf den Weg dahingeworfen, damit Ulrich über ihn hin schreiten möchte. Als dieser sich aber dem Menschen näherte, sagte er, wie über das Hemmnis unwillig: »Stehe auf, weil auch ich an den Füssen krank, nicht über Dich dahinzuschreiten vermag.« Doch jener erhob sich auf das schnellste, gleichsam auf das Wort des Scheltenden und ging unversehrt hinweg, und er folgte ohne irgendjemandes Beistand den Brüdern und ging mit den Übrigen gesund in die Kirche des heiligen Magnus hinein. Und als der Bischof, nachdem er die Kapuze auf das Schutzkleid gelegt, ermattet stillgestanden war und von dem Weg müde, von der Gesundheit des Mannes vernehmend heftig auf die davon Redenden einfuhr, stützte er sich endlich auf die Schranken, und indem er das so offenliegende Zeichen entschieden von sich abwies, behauptete er, den dabei Stehenden laut verkündigend, dass dies des heiligen Magnus Wunderkraft, welche er in den Händen trug, sei. Und er vermochte doch nicht, sie nur in irgendeiner Weise dergestalt davon zu überreden, dass sie im Glauben erschüttert worden wären, darüber dass der Mensch von ihm selbst geheilt sei. 

60. Kritik der Biographen Ulrichs; Wunder Ulrichs.
Dieses haben wir von dem Mehreren, was Ulrich beim heiligen Gallus weilend getan hat, geschrieben, nicht um den drei Beschreibern seines Lebens vorzugreifen. Denn wir wundern uns auch nicht, dass dieselben, mit welchen er in der Welt verkehrt hat, das nicht geschrieben haben, was er mit den Geistlichen gehandelt hat, weil sie es weniger erfahren hatten. Aber darüber wundern wir uns auch, dass sie mehreres, was über ihn gemeiniglich gesagt und gesungen wird, verschwiegen haben, während sie doch einiges ganz Geringes von ihm hoch anschlugen. Denn wir begehren zwar auch nicht, weil er zuweilen Lachenswertes, wie wir gesagt haben, allerdings nicht inhaltslos, zu sprechen und zu tun pflegte, dass das von ihnen genannt werde, wie er denn unserem Abt Ymmo, einem schamhaften und dergleichen immer von sich abweisenden Menschen, eine am Rücken starke Frau herzubringen befohlen hatte, als derselbe begehrte, dass ihm ein neulich unter der Erde gefundener Ambos gegeben werde. Allein wir sind auch darüber in Verwunderung, dass diese Verfasser auch nicht mit einem Wort berührt haben, wie der Bischof den Hettinus, seinen Kämmerer, welcher in dem überströmenden Fluss Lech schon ertrinken zu sollen schien, schleunig zu sich gerufen und der Fluss jenen vor seinen Füssen an das Ufer hinausgeworfen hat, ebenso jedoch wie er seine Stadt Augsburg selbst, bei dem Einbruch der Ungarn nämlich, unter König Heinrich, wie wir schon gesagt haben, durch seine Verdienste von denselben befreit hat, als sie jene, ehe sie zu uns kamen, in enger Belagerung umringten. Denn als schon der leichte Eintritt derselben für ihren Einbruch in die Stadt drohend bevorstand, hatte er befohlen, dass alle kleinen Kinder der Stadt, von den Brüsten der Mütter gerissen, um ihn herum vor den Altären sich auf der nackten Erde hinwarfen, und indem er mit deren Wimmern die Tränen unter Wehgeschrei vermischte, hatte er, ein anderer Ezechias, jene bedrohendsten Feinde hinweggetrieben. Denn obschon keine andere Ursache, als die in solchen Bitten liegende, vorlag, sind jene Wilden an andere Orte zerstreut worden, nachdem sie die Stadt aufgegeben hatten. 

61. Ulrich und Hugo; Hugos Strafe; Ulrich und seine Schwester in Buchau.
Auch Hugo, ein gewisser Mann königlichen Geschlechtes von Ansehen, begegnet eines Tages dem Bischof, welcher, wie es so seine Krankheit mit sich brachte, auf dem Fahrzeug eines Wagens saß, und er war demselben ungewöhnlich feindselig gesinnt, weil er durch ihn oft mit Tadel angerufen wurde, dafür dass er die Schwester des Mannes Gottes, eine heilige Jungfrau, in Unkeuschheit erkannt hatte. Als ihn nun die Krieger des Bischofs, welche vorausgingen, zum Voraus ermahnten, dass er dem Bischof nicht entgegentreten möchte, sagte er: »Vor jenem Karrensitzer werde ich niemals von meinem Weg abweichen.« Als Ulrich nachher das von denjenigen, die es ihm sagten, vernahm, sprach er: »Meine Söhne, Ihr sollt wissen: mehr als ich wird er selbst des Fahrmittels eines Wagens bedürftig sein.« Und nach nicht langer Zeit, als Hugo in einer Nacht gesund sich dem Schlaf übergab, war er, als er erwacht war, unter den heftigsten Schmerzen an den Lenden, in welchen er gesündigt hatte, in den unteren Körperteilen von jener Nacht an so dahingeschwunden, dass er außer der Haut und schmächtigen Knochen nichts mehr an sich trug. Und so hatte er die Zeiten eines langen Lebens hingebracht, ohne dass er jemals dazu getrieben zu werden vermochte, Frieden von dem Mann Gottes zu erbitten. Jene Nonne selbst aber erschien nachher als Frau von heiligen Vorbildern, da sie nämlich der Bruder, so lange er lebte, durch neue Urteile alljährlich bestraft hatte. Da jedoch die Ungarn vor ihm zurückwichen und er erfahren hatte, dass dieselben Buchau, wo die Schwester selbst war, und unsere Gegenden, wo er die Mutter Wiborada wusste, angreifen wollten, soll er gebetet haben: »Herr, schenke mir jene noch unbestrafte Elende, damit sie nicht durch das Schwert umkomme! Aber auch jene für das Schwert stets sich bereit Haltende stärke, sie befestigend, damit sie die Palme der Blutzeugenschaft verdiene! Auch die Zelle deines Dieners Gallus bewahre unverletzt in Liebe und Mitleid mit den ihm Dienenden!« Und so gab Gott überall seinen heiligen Gebeten die Verwirklichung. 

62. Die Mönche in der Feste; Heribalds Erzählungen.
Aber unser Engilbert wagte, weil rings herum alles Nacht und Tag vom Feuer am Himmel widerleuchtete, keine Späher mehr auszusenden und schützte, mit den Seinigen darin verbleibend, seinen festen Platz. Indem er jedoch selten den einen und andern der mehr mutig Beherzten nach dem Kloster schickte, damit dieselben daselbst Messen hielten, vermochte er kaum inzwischen bis zu deren Rückkehr Atem zu schöpfen. Allein die Genossen kräftigte zwischen Furcht und Hoffnung vielfach des Heribald und des Priesters fleißige Erzählung über die Feinde. Es verwunderten sich endlich die Brüder tieferen Geistes über den für die Einfalt so freundlichen gütigen Gott, dass es denselben nicht verdrießt, auch die Einfältigen und Stumpfsinnigen mitten unter den Schwertern und Speeren der Feinde zu beschirmen. Indem sie aber den Heribald zwischen ihren Mußestunden befragten, wie ihm die so zahlreichen Gäste des heiligen Gallus gefielen, so sagte er: »Ei, wie zum Besten! Niemals erinnere ich mich, glaubt mir, fröhlichere Leute im Innersten unseres Klosters gesehen zu haben; denn Speise und Trank schenken sie sehr reichlich. Was ich nämlich vorher von unserem sehr zurückhaltenden Kellermeister kaum erbitten konnte, dass er wenigstens einmal mich, wenn ich dürstete, mit Getränk versähe, gaben diese mir, wann ich bat, im Überfluss.« – Da sprach der Priester: »Und wenn Du nicht trinken wolltest, zwangen sie Dich durch Ohrfeigen.« »Das kann ich nicht in Abrede stellen« – antwortete Heribald; »denn das eine missfiel mir sehr, dass sie nämlich so ohne Zucht waren. In Wahrheit sage ich Euch: niemals habe ich in der Klausur des heiligen Gallus Leute so ohne Zucht gesehen; denn mit nicht mehr Zucht haben sich jene Unheilvollen in der Kirche und in der Klausur, als wenn sie draußen auf der Wiese gewesen wären, aufgeführt. Als ich ihnen nämlich einmal mit der Hand ein Zeichen gab, damit sie, Gottes selbst eingedenk, wenigstens in der Kirche sich leiser betrügen, schlugen sie mir schwere Streiche auf den Hals; doch machten sie sogleich, was sie an mir verfehlt hatten, durch Darbringung von Wein wieder gut, was zwar von Euch niemand tun würde.« 

63. Rückkehr in das Kloster; Engilberts Walten.
Indem sie in solcher Weise unerschrocken Gott stets anriefen, ergötzten sie sich in ihrem Elend, so lange sie Muße haben mochten. Als jedoch, wie das so geschieht, das Gerücht daherflog, die zurückgekehrten Feinde befänden sich von neuem im Kloster, bat der Narr hartnäckig, herausgelassen zu werden, um zu seinen Lieben zu kommen. Und so erwarteten sie selbst und diejenigen zu Wasserburg, welche jedoch öfter auf den Schiffen sich befanden, weil die Feinde deren keine besaßen, eine Anzahl von Tagen hindurch das Ende des feindlichen Sturmes. Endlich hören sie, Konstanz sei außerhalb der Mauern abgebrannt, innerhalb durch die Waffen verteidigt worden; auch die Reichenau liege, weil die Schiffe hinweggebracht worden seien, mit vielen Bewaffneten im Umkreis schimmernd da, und die grausamen Feinde seien, nachdem sie diesseits des Rheines und drüben alles mit Brand und Mord durchzogen, hinübergegangen. Sie wagen es zuletzt, in das Kloster sicher einzutreten und säubern die Bethäuser, reinigen vom Grund aus die Werkstätten und räumen alle Gewalt der bösen Geister hinweg, indem sie dann nach Herbeiholung des Bischofs Noting denselben bitten, alles mit geweihtem Wasser zu besprengen. Und indem so Engilbert nach Niederlegung der Waffen sich und die Seinigen wieder an den himmlischen Kriegsdienst gewöhnte, zeigte er sich in beiden Dingen als ein tüchtiger Mann. Denn die zerstreuten Schafe gleichsam auf seinen Schultern zur Herde zurücktragend, lehrte er sie wieder die ununterbrochene Beobachtung der Regel, und er sorgte in ruheloser Klugheit dafür, in aller Tätigkeit von überall her ihnen die Nahrung, welche damals nämlich für alle teuer war, zusammenzubringen; denn es gab weder etwas zu kaufen, weil alles zu Grunde gerichtet war, noch war die Hoffnung auf eine Herbstfrucht, weil die Feinde zu pflügen verboten. Dergestalt hielt Engilbert, noch acht Jahre nach dieser Zeit der Besorger seiner Stätte, die Zucht seines Vorgängers Hartmann im Innern aufrecht und verbesserte im Äußern die freche Art der Knechte, indem er dieselbe brach. Und da er endlich erkrankte, überließ er, durch die Übel seines Leibes erschöpft, dem verehrungswürdigen Abt Thieto, welcher von den Brüdern erwählt worden war, seine Verwaltung, indem er den König darum bat. Er selbst jedoch behielt, indem er nicht lange darüber hinaus am Leben blieb, die Örtlichkeiten der Äbte, welche wir genannt haben. 

64. Thieto, Engilberts Nachfolger; Held Hirminger; Hirmingers Sieg und Abzug der Ungarn.
Es verdrießt uns nicht, zu unserem Trauerspiel auch über die unheilvollen Ereignisse der Ungarn weiteres hinzuzuschreiben. Es gab zu der Zeit in dem Gau, welchen sie Frickgau nennen, einen gewissen Hirminger, einen nicht so sehr mächtigen Mann, welcher aber, von Hand und Gemüt kräftig, wie einst Mattatias, der tapferste Vater von sechs makkabäischen Söhnen war. Dieser hatte nämlich jene Schar, die diesseits des Rheines abgetrennt von den Genossen, welche jenseits des Rheines waren, auch uns angegriffen hatte, so umgarnt. Denn als jene, um die Stätte des heiligen Kreuzes zu Säckingen anzugreifen, enge zusammengedrängt sich gelagert hatten, indem sie eine Brücke über den Rhein zurüsteten, angesichts der Genossen und da sie schon über den Fluss hin gegenseitig sich anredeten und in größerer Sicherheit handelten, griff sie Hirminger mit seinen Söhnen, indem sie dem Umstand gemäß von überall her Mannschaft zusammenrafften, in tiefer Nacht an, da dieselben von Schlaf und Wein unterdrückt waren, in drei Teilen anprallend, unvorhergesehen, und er tötete entweder oder ertränkte beinahe alle, mit Ausnahme jener, welche flüchtig über den Rhein hinüberschwammen. Denn es erhoben, als sie den Lärm vernommen hatten, auch einige Dorfleute, welche vorher angewiesen waren, während sie auf dem nächsten Berg Holzgluten bereithielten, in Krügen angezündete Fackeln und machten, um den Unterschied zwischen Genossen und Feinden zu erkennen, die ganze Gegend gleichsam durchsichtig. Müßig schauten auch die jenseits des Flusses weilenden Feinde auf die Tötung ihrer Gefährten, und gewaffnet laufen sie im Zorn rasend an das Ufer des vorbeifließenden Stromes hin; um ihrer Wut Genüge zu tun, werfen sie sehr viele Geschosse und mischen ihre schrecklichen Stimmen mit hundeartigem Geheul. Aber Hirminger trug mit den Seinigen die im Angesicht der Feinde zusammengelesenen Beutestücke im Siegesjubel in die Kirche und verteilte sie durch alle Befestigungen rings herum. Und weil er wusste, dass außer den als Verteidigungsmittel für die Stadt Säckingen weggeführten Schiffen keine weiteren in der Nachbarschaft des Rheines seien, riet er den Städtern, aus diesen Schiffen selbst Brücken zusammenzufügen und die bewaffneten Scharen über den Fluss zu setzen, damit diese schleunigst unter seiner Führung mit den Feinden sich schlügen, da er nun schon deren Gewohnheiten in den Waffen verstünde. Während diesem Genüge getan wird, setzen die Ungarn, nachdem sie aus dem Schwarzwald viele Schiffe bereit gemacht, selbst ihre vorzüglicheren Scharen nach dem Elsass hinüber, und von einem gewissen Liutfrid, dem Mächtigsten jenes Landes kriegerisch aufgenommen, haben sie endlich, zwar mit sehr großem Schaden für sich, einen blutigen Sieg erlangt. Denn sie hatten schon gemerkt, dass sie zwischen den Deutschen sich milder benehmen müssten und dass in deren Land man sich weniger lange aufhalten dürfe. Nachdem sie endlich das Elsass, wohin sie gegangen waren, verwüstet und verbrannt, gelangen sie, indem sie eilig durch das Gebirge des Hochfeldes und den Wald des Jura sich begeben, nach Bisanz. 

65. König Konrad und die Sarazenen und Ungarn; Selbstvertilgung der Barbarenheere in Burgund.
Es war damals König der Burgunder Konrad, ein blühender Jüngling, der Bruder nämlich der heiligen Adelheid. Einstmals waren Sarazenen nach Burgund auf Schiffen gekommen und hatten sich, indem sie alles durch Krieg zerstörten, nachdem sie endlich besiegt worden waren, in einem engen Raum im Tal Fraxnit (Garde-Fraynet bei Frejus), welches von größter Sicherheit war, gegen den Willen desjenigen, der damals König war, niedergelassen und als sie sich Frieden erbeten hatten, führen sie die Töchter des Volkes als Gattinnen heim; sie bewohnen ein Tal von größter Fruchtbarkeit, indessen sie dem König nur kleine Einkünfte geben. Zu ihrem Führer nun sendet Konrad Boten, indem er sich einer edlen List bedient, mit diesen Worten: »Siehe, die Ungarn, jene flüchtigen, schlauen Schurken, quälen mich durch Gesandte, dass es ihnen unter Frieden mit mir erlaubt sei, Euch mit den Waffen fürwahr von einem Boden so großen Fruchtreichtums zu vertreiben. Aber Ihr, wenn Ihr Männer seid, geht jenen unter meiner Hilfe so rasch wie möglich entgegen! Denn wahrhaftig, wenn Ihr sie von vorne angreift, will ich von der Seite auf sie losstürzen und so werden wir jene, wie ich vertraue, darnieder werfen und vertreiben.« Er schickte aber auch zu den Ungarn Leute, welche sagen sollten: »Weswegen wollt Ihr, tapferste Männer, mit mir in den Waffen handeln? Denn beiden von uns ist es mehr von Nutzen, dass wir friedlich seien. Kommt also mit mir und vertilgen wir jene meine Feinde aus dem fruchtbarsten Lande und setzt Ihr euch dorthin! Aber auch überdies will ich Euch gerne die an jenes Land nächst anstoßende Provinz zuteilen, wenn Ihr mit mir im Vertrauen werdet gehandelt haben.« Von beiden Seiten waren Zustimmungen zu der königlichen Botschaft eingegangen. Es brechen die Sarazenen aus dem Tal Fraxnit auf das dichteste gedrängt hervor; an dem verabredeten Tag und Ort bereiten sich die Ungarn, ihnen entgegen zu gehen; der König ordnet die Schlachtreihe, nachdem er die Seinigen von allen Seiten gesammelt, indem er dem Scheine nach gleichsam diesen und den andern zur Hilfe eintreten wollte. Er sprach: »Zeigt heute, meine tapfersten Genossen, wie scharf Eure Lanzen und Schwerter einschneiden mögen! Welcher Teil von den so verschiedenartigen bösen Geistern siege, das kümmere niemanden! Auf diejenigen, welche des Sieges sich zu bemächtigen beginnen werden, springt Ihr auf drei Seiten ein; werft die Schilde zurück und macht vom Schwert Gebrauch; ohne irgendeinen Unterschied möge Sarazene und Ungar gemordet werden! Es steht fest, keines von jenen sich zu erbarmen, weil ja auch aus ihnen selbst keiner sich meiner erbarmt.« Endlich schlagen im Angesicht des Königs, welcher in der Schlachtreihe erwartend sich umsieht, die auserlesensten Krieger und Söhne des Satans aufeinander. Indem von beiden Seiten niemand weicht, töten sie sich von beiden Seiten wie Schlachtopfer. Und da endlich der König, indem sie so mutig kämpften, befürchtete, es möchte zuletzt der eine Teil entfliehen, kam er nach Erteilung eines Zeichens allmählich, als ob er Hilfe brächte, über sie und umringte, um diese wie jene scharenweise niederzustrecken, sie sämtlich von allen Seiten, und so nahm er, weil sie für die Flucht keinen Platz hatten, diejenigen, welche er nicht getötet, gefangen und verkaufte sie von Arles aus. Er selbst aber feierte, nachdem er nur wenige verloren, Gott und dem heiligen Mauritius zu Ehren, in dessen Schwert und Lanze er dergestalt kämpfte, in Lobpreisungen seinen Sieg. 

66. Thietos Abteileitung; Ekkehart IV. zu Ingelheim; Ekkeharts IV. Ehre.
Und damit wir zu uns zurückkehren, so stand Thieto, nachdem endlich die Brüder zur gleichmütigen Ertragung von Glücklichem und Widerwärtigem in den voran genannten Stürmen auf das Strengste abgehärtet und durch Engilbert zu den geistlichen Dingen umgebildet worden waren, im Anfang seiner Klosterleitung ohne Schwierigkeit vor. Indem er aber im Fortschritt seiner Schicksale durch im höchsten Grad beklagenswerte Unglücksfälle verfolgt wurde, hinterließ er den Nachkommen den Stoff eines beweinenswerten Trauerspiels. Denn unter ihm wurde das Kloster folgendermaßen in Asche gelegt. Der größere Kreuzgang fiel auf einen Sonntag; indem die Brüder den Kreuzen anderwärts nachfolgten, sind die Werkstätten des Ortes, wie es Sitte ist, ungeweiht geblieben, und von da an stellten die Väter die Gewohnheit auf, dass, wohin nur am Ort wir den Kreuzen folgen, der Priester des Tages, wenn es ein Sonntag sei, im Kloster herumgehend dasselbe segne. – Es waren die Zuchteinrichtungen der Stätte, wie immer so auch damals nicht nur im Innern des Klosters, sondern auch in den Schulen außerhalb streng aufrecht erhalten. Von daher haben wir auch außer den Priestern, welche bei uns oft aufgezogen sind, vielfach verschiedenen Kirchen die glänzendsten Bischöfe gegeben. Und damit ich das Trauerspiel, welches ich zu erwähnen im Begriff bin, mildere, so habe ich selbst gesehen, dass, als Kaiser Konrad zu Ingelheim Ostern feierte, während ein Mönch des heiligen Gallus zu Mainz die Schulen besorgte, von diesem das Amt gehalten wurde, wie das gebräuchlich ist, in der Mitte des Chores unter den Augen einer in zahlreicher Versammlung rings herumsitzenden Menge. Und als jener nach dem kirchlichen Gebrauch zur Vorführung der Tonmaße der Sequenz die Hand erhoben hatte, sagten die drei Bischöfe, welche dem Kaiser auf dem Hochsitz zunächst waren, weil sie einstmals Schüler des Mannes gewesen: »Wir werden gehen, Herr, und den Meister in dem, was er selbst uns gelehrt hat, unterstützen.« Indem jener entgegnete, dies werde ihm erwünscht sein, steigen sie herab und gesellen sich zu dem Mönch des heiligen Gallus, vor dem sich Neigenden sich neigend und vollenden mit ihm in Ehrfurcht das Werk Gottes, welches er gelehrt. Der Mann weinte, indem er mit Freude dem heiligen Gallus Dank darbrachte. Kaum konnte er nach Vollendung der Messen dazu gezwungen werden, so wie es Sitte ist, zu den Füssen des Kaisers hinzugehen, wo er die in deren Bekleidung gelegten Unzen Goldes aufhob. Indem er jedoch unter dem Lachen des Kaisers mit Gewalt zur Kaiserin gezogen wurde, nahm er auch hier deren Gold von den Füssen hinweg. Auch Mathilde, deren Schwester, steckte ihm, er mochte wollen oder nicht, einen Ring an den Finger. Das jedoch will ich keineswegs gesagt haben, um der Aufgeblasenheit der Ohren Genüge zu tun, sondern damit, indem ich die Ehre der Wissenschaft und der Zucht unserer Stätte zum Voraus erwähne, die Schäden, welche wir für die Zuchtmittel von den Schülern erduldet haben, erträglicher vernommen werden, obschon sie unerträglich gewesen sind. 

67. Die Brandstiftung in St. Gallen; die Feuersbrunst in St. Gallen.
Es war, wie wir gesagt haben, der dem heiligen Markus jährlich wiederkehrende Feiertag, und wie die kleinen Schüler an festlichen Tagen oft zu verdienen pflegen, dass sie am folgenden Tag gezüchtigt werden, so hatten sie am zweiten Wochentag durch die Fürbitter Verzeihung oder, damit ich wahrer schreibe, Aufschub gehabt. Aber am dritten Wochentag wird, indem die Strafvollzieher, welche wir Rundenmacher nennen, ihre Verschuldungen dem Schulmeister wieder ins Gedächtnis rufen, ihnen sämtlichen befohlen, sich auszuziehen. Es wird einer der zu Züchtigenden in die oberen Teile des Hauses geschickt, um die dort niedergelegten Ruten herab zu schaffen. Aber derselbe riss, um sich und die Genossen zu befreien, auf das schleunigste aus einem kleinen Ofen ein brennendes Scheit und steckte es in die dem Dach nächsten dürren Hölzer, wobei er, soweit er Zeit übrig hatte, das Feuer anblies. Als ihm aber die Strafvollstrecker zuriefen, warum er zögerte, rief er laut schreiend zurück, das Haus stehe in Brand, und indem so die dürren Holzziegel, da auch der Nordwind blies, die Feuergluten erfassten, leuchtete das ganze Gebäude in Flammen auf. Alle Schüler, schneller als das Wort wieder bekleidet, lassen den Schulmeister stehen, springen fort und besteigen die Dächer. Die auseinandergeworfenen Ziegel packte zugleich mit dem Feuer der Nordwind und trug die dahinfliegenden zunächst auf den Giebel eines gewissen Turmes der Kirche des heiligen Gallus. Der Turm war einst selbst von Hartmut gerade auf diese Gefahr eines Feuers hin durch drei Hüllen der Mauer mit einem Mantel umgeben damit in denselben, wenn etwa die Stätte in Feuer geriete, der Schatz der Kirche durch die Krypta, welche dorthin für den Fall des Bedürfnisses einen Durchgang hatte, schnell getragen werden könne. Dieser Turm jedoch, welcher über den steinernen mit hölzernen Ziegeln gedeckt war, fasste, wie wir gesagt haben, Feuer, und wie noch heute zu sehen ist, brannte er heftiger im Feuer an der Altarnische der heiligen Jungfrauen, da wo er zunächst an dieselbe anstieß. Wunderbar war, wie wir von den Greisen, welche damals als Jünglinge anwesend waren, vernommen haben, das Innehalten der Feuersbrunst, bevor das obere Dach sich entzündete. Denn mit dem sämtlichen Gerät der Kirche führen sie alle heruntergenommenen Glocken hinweg. Sie wälzen auch die zusammengebrochenen Schranken um und über den Altar des heiligen Gallus zusammen, damit nicht etwa dessen Gebeine durch das Feuer geschmolzen würden. Endlich tragen sie den Leib des heiligen Othmar hinaus und in den Behausungen des Abthofes, welche der Feuersbrunst kaum entgangen waren, legen sie unter Wächtern sämtliches, was sie herausbringen, hin. Ein angsterfüllter Zuschauer, lief Thieto in solchem Unglück hin und her. 

68. Der Zucht nachteilige Folgen der Brunst.
Als nachher die Feuersbrunst ein Ende genommen hatte, werden die den Wänden der Kirche zunächst liegenden Teile der Asche sorgfältig gesammelt und im vorbeifließenden Wasser gereinigt, und es lassen sich goldene Werttrümmer des Hartmut, welche tropfenweise schimmern, herausreißen. Eine bunte Menge von Menschen, welche, wie das geschieht, aus der Nachbarschaft zusammenläuft, trägt Vieles trügerisch davon. Denn fürwahr, nicht einmal die Wächter der Besitztümer selbst hielten, wie erzählt wurde, die Treue. Viele Bücher werden geraubt, hernach Weiteres. Nach solchem Unheil des Brandschadens zeigte sich für die Brüder, welche einige Zeit hindurch weder Obdach, noch Lebensmittel haben, die Gelegenheit für Versuchungen. Denn indem über Berge und Täler und durch die nächsten Ansiedelungen hin, wo es nur möglich war, den Brüdern Orte für ein längeres Verweilen aufzusuchen, nicht verwehrt werden kann, erheben sich, wie das eintrifft, bald wahr, bald falsch, Verleumdungen. Thieto nämlich bat, wie es notwendig war, das eine Mal in eigener Person, dann durch geeignete Boten aus den Brüdern, wenn er nur hoffen konnte, dass sich irgendjemand erbarme, um Rat für das Elend der Stätte. Um den Brandplatz und die Asche des Gallus wurden die Greise mit den Jüngeren, welche noch nicht so sehr auf die Befehle gehorchten, zurückgelassen. Man kommt, wer will und wann man will, bei den eben hiefür auf der Brandstätte zusammengefügten Hütten zusammen; durch die Einträchtigen wird die Zucht aufrecht erhalten, durch die Zwieträchtigen aufgehoben. Indem nämlich einige unter den gegen die Zuchtmittel sich Sträubenden, auf welchen gerade unter solchen Umständen auch die Hoffnung durchaus beruhen sollte, das Joch von sich abschütteln, schlagen sie gänzlich gegen dasselbe aus. 

69. Viktor und Craloh; Thietos Abdankung.
Unter diesen Ungehorsamen nun befand sich ein gewisser Viktor, welcher aus Rätien stammte vor den Übrigen gelehrt, aber ein anmaßender und weniger fügsamer Jüngling. Dekan war damals Craloh, ein Bruder nämlich des Abtes, ein Mann alter Zucht und Strenge und zwar, wie es hieß, in allzu hohem Grad und hart in den Bestrafungen. Viktor tritt als Beklagter vor; da fährt Craloh allzu streng auf den Mann los. Viktor aber, widerspenstig gemacht, bereitet sich zwischen den Schimpfworten auf jenen loszuspringen und bedroht ihn mit einem Backenstreich. Aber Craloh weicht dem Hartnäckigen aus, besteigt sein Pferd und meldet dem auswärts beschäftigten Bruder die Unordnung. Allein Anno, der Bruder, welcher nämlich selbst ein sehr milder Mann war und Viktor sowohl wegen des Adels seines Geschlechts, als wegen desjenigen seines Geistes stets befreundet, denkt umsonst denselben in Gunst zurückzuführen. Denn da Viktor vernahm, dass der Abt stürmisch bewegt herankomme, wich er von der Stätte hinweg. Thieto jedoch, an Alter schon zunehmend und der Anstrengungen überdrüssig, befürchtete überdies, es möchte die Jugend bei der aufgelösten Ungebundenheit in Ungebührlichkeit verfallen; nachdem mit Hilfe der Nachbarn die Kirche und die inneren Klostergebäulichkeiten zugedeckt worden waren, veranlasste er einige der Brüder, so viele er dazu bringen konnte, dass sie an seiner Stelle den Craloh als Abt erwählten, und er brachte das, nachdem sich Viktor losgerissen hatte, leichter zu Stande. Er ging Otto darum an; dieser selbst machte den Bruder statt seiner zum Abt. Zwar wurde der Befehl gegeben, dass Viktor, wenn er demütig bittend zu Craloh gekommen sein werde, wieder Aufnahme finde; denn einige seiner Verwandten hatten durch den König bewirkt, was ihr Wille war. Ihnen gab Viktor Verse und Briefe mit Beschwerden ein, damit sie sich dadurch mit dem Kaiser bekannt werden ließen. Craloh kehrte nach Hause zurück; als er festlich empfangen worden war, trat Thieto in eine gewisse Kemenate ein, welche der Winkel der bejahrten Altvordern genannt wurde. Bis zum Ende seines Lebens behielt er die Örtlichkeiten, von welchen wir oben gesagt haben, dass sie den Äbten gewidmet seien. 

70. Abt Cralohs wachsende Verfeindung mit Viktor; Enzilinus‘ Beleidigung.
Endlich kommt Viktor mit seinen Verwandten, mächtigen Männern; demütig bittend, wie befohlen worden ist, wird er wieder aufgenommen. Indem jedoch die Verwandten des Mannes selbst dem Craloh Gelder und Güter darreichen, damit derselbe die Abtei Pfäfers an Viktor übergeben möchte, haben sie sich getäuscht, und sie gehen erzürnt hinweg unter Androhung von Rache, wenn einmal die Gelegenheit ihnen geworden sei. Endlich zwang Craloh die Brüder, welche nach dem Brand hin und her zu schweifen gewöhnt gewesen waren, ständig im Verschluss des Klosters zu leben, nach der Zeit zu schweigen und zu sprechen, alltäglich die Regel zu vernehmen und durchzuführen, die Freiheiten, auch diejenigen, welche gegen die Regel gehen würden, bisweilen gleich wie den Neulingen zu geben, den Bogen zu spannen und zu lockern, endlich jedoch auch schärfer, weil so die Art des Mannes war, das in einigen Dingen Begangene zu bestrafen, woher er auch, wie das geschieht, dem Hass bloßgestellt war. Dieses Hasses Funken nun entzündete Viktor wie er nur konnte zu Flammen, deswegen weil Craloh auch ihm selbst mehrere Unannehmlichkeiten in den Schulen, welche er ihm anvertraut, verursacht hatte, indem nämlich, ohne Viktor zu beraten, strenger mit den Knaben umgegangen wurde. Aber auch die erste Zwietracht bleibt für beide in hohem Mut bewahrt. Endlich erhebt sich gegen den Abt eine mehrfache Klage, sowohl von dem Gesinde, als von den Brüdern, welche seinem Joch wegen seiner Überhebung sich zu entziehen suchen. Denn Craloh ließ auch einen gewissen Enzilinus, den Vatersbruder des Viktor, den Propst der Pfäferser, als er Klage gegen ihn erhoben und ihn herbeiberufen hatte, geißeln und setzte denselben ab. Allein dieser bereitete sich nun, da er in listiger Weise scharfsinnig war, unter Anstachelung durch den Neffen für die Rache vor, welche wir an ihrer Stelle zu nennen haben werden. 

71. Cralohs Flucht zum König; Annos Bestellung als Abt durch Herzog Liutolf.
Zu diesen Zeiten bestand jener mehreren bekannte Sturm zwischen Otto nämlich und Liutolf, dem Vater und dem Sohn. Aber Liutolf, indem er durch das Land der damals mit ihm haltenden Schwaben nach Italien strebte, besuchte die Stätte des heiligen Gallus wegen der Klagen über das anmaßende Wesen des Abtes in einer für denselben drohenden Haltung. Craloh jedoch nahm, als er dessen Ankunft vernommen hatte, heimlich den Bruder Waning und wenige Diener mit sich und kam flüchtig zu Otto nach dem Frankenland. Allein die Schmuckstücke der Sakristei, von welchen er unbesonnener Weise die wertvollsten mit sich nahm, verlor er durch Diebstahl. Während aber auch der König selbst über ihn nicht wohlgesinnt war, wurde er doch gemäß der Treue, in welcher er flüchtig herankam, und indem der heilige Uodalrich, einst sein Mitschüler, welcher damals am Hof anwesend war, für ihn sprach, mit Gnade aufgenommen. Und weil der Befehl gegeben war, dass er inzwischen aus den Privatmitteln des Königs seinen Unterhalt habe, erlitt er mit den Seinigen schweren Mangel durch die Verwandten des Enzilinus und des Viktor, die Hausverwalter des königlichen Tisches und der Lebensmittel, welche ihm sowohl hierin, als in anderen Dingen, wo sie nur konnten, zu schwerem Nachteil gereichten. Liutolf also, indem er zwei Tage im Kloster verweilte, setzte durch die Wahl der den Craloh verwünschenden Brüder den Anno, dessen Bruder, als Abt über sie ein und indem er mehrere Zeichen der Gunst und der Liebe darlegte, ging er hinweg, gefolgt von den Stimmen der Glückverheißendes ihm Zurufenden. Anno dagegen, ein sehr würdiger Mann, wenn er in würdiger Weise gewählt wäre, vollbrachte tüchtige Arbeiten des Abtes und vollkommene Taten bei Gott und den Menschen und in den nahezu anderthalb Jahren seiner Herrschaft, in welchen er noch lebte, ließ er unter anderen erhabenen Arbeiten, welche er an verschiedenen Orten unter Beschleunigung zu Stande brachte, die Wälle der Stadt, sowie das durch die Jahrhunderte hin zu sehen ist, in erstaunlicher Anstrengung ausgraben; die Mauern selbst begründete er, mit dreizehn Türmen, ließ aber dieselben sterbend nur bis über das Knie hoch über der Erde zurück. 

72. Cralohs Leiden am Hof; Begegnung mit Enzilinus.
Indem jedoch Craloh mit dem König beinahe zwei Jahre als Verbannter zubrachte, von den Verwaltern, von welchen wir gesprochen haben häufig beunruhigt, erduldete er viele Unglücksfälle. Auch Enzilinus, welchen wir erwähnt haben, kam mittlerweile an den Hof und fing mit seinen Verwandten, den Verwaltern und Anderen, welche er, wie es hieß, durch sehr viel Gold gemästet hatte, seinen Freunden, daselbst in aller Muße zu verkehren an, dabei es jedoch sorgfältig vermeidend, dass Craloh ihn sähe, sowie angelegentlich seine Sache zu betreiben und auch durch seine Freunde sich in Versen beim König zu beklagen; denn auch er selbst war in jeder Weise, eben so wie ein beim heiligen Gallus Erzogener, sehr gelehrt. Und als der König dessen Klagegedichte gelesen hatte, erbarmte er sich, durch die Blumen der Worte ergötzt, seiner Klagen. Endlich jedoch stößt Enzilinus durch Zufall, nachdem er sich einige Zeit hindurch gut verborgen gehalten hatte, auf Craloh. Da sagte dieser zu ihm: »Wehe Dir, Enzilinus! Was hast du hier zu tun? Bei dieser meiner Mönchsschur« – fügte er bei – »zu Deinem Unheil bist Du gekommen.« Jener dagegen antwortete als ein Rätischer und weniger gut deutsch Redender, was bei Vielen Lachen hervorrief: »Cotilf, Erro«, das heißt: »Gott hilft, Herr!« und so rasch wie möglich von der Stelle weichend übertrug er die Drohungen selbst in klägliche Trauerlieder und zeigte dieselben in eigener Person dem König. Indem derselbe ebenso an den Versen sich ergötzt und den Mann sich betrachtet, befiehlt er ihm, dass er ihn küsse und verspricht, wenn sie beide am Leben blieben, dass ihm für die Verse gedankt werden solle. Er sagt: »Mit Deinem Abt, hinsichtlich dessen ich will, dass er nunmehr nach Herstellung des Friedens nach Hause zurückgehe, werde ich Dich im ersten Zeitpunkt, wo die Möglichkeit dazu gegeben sein wird, in Frieden bringen; und wenn ich in Deiner Sache etwas mit ihm werde schaffen können, will ich das mit Freuden tun.« Denn Liutolf war in Italien gestorben; aber auch Anno war beweinenswert für die Seinigen dahingegangen. 

73. Craloh in Ottos Ungnade; die Pfäferser Frage; Cralohs Verabschiedung mit Bischof Uodalrichs Hilfe.
Am folgenden Morgen setzte sich Craloh, zur Unterredung mit dem König gerufen, nieder; indem aber auch Hartpert, der Bischof von Chur, dabeisaß, sprach der König: »Weil Du Dich nämlich, mein Abt, bereitest, zu den Herden zurückzukehren, lege ich Dir ein gewisses Schaf, nicht jedoch ein verlorenes, zum Zurücktragen auf die Schultern. Denn fürwahr, ich zweifle nicht, Du wissest, von wem ich rede.« Indem aber jener einige Zeit sitzen blieb und endlich das Schaf nicht wieder empfangen wollte, wurde der König in Aufregung gebracht; allein der Bischof sprach, gleichsam für uns, folgendermaßen: »Sieh, König, den für die Untergebenen nicht zu ertragenden Sinn, welcher auch gegen Dich nach der gütig dargereichten Gnade sich aufzubäumen keine Scheu hat.« Und fein fügte er bei: »Und es ist nämlich nicht einmal wenn Du selbst, mein König, mir Gerechtigkeit tun willst, jenes Schaf des Craloh, weil stets jene Abtei, so lange bis sie durch die Künste des Bischofs Salomon daraus hinweggeführt worden ist, ein Eigentum meiner Kirche gewesen.« Aber die dabeistehenden Verwalter sagten: »Bei der Treue, mit der wir Dir, König, geschworen haben, es ist keines Anderen mit mehr Recht die Pfäferser Abtei ein Eigentum, als das Deinige in Zugehörigkeit zum Reichsgut!« Wie sie dieses gesagt, springen alle Hofleute unter beipflichtender Bestätigung heran; der König jedoch, im Zorn sich erhebend, löste die Versammlung auf. Craloh aber fiel vergebens zur Erlangung der Verzeihung nieder, indem er in heftiger Weise um die Gnade des Herrn betrogen wurde. Allein er vernahm, dass der heilige Uodalrich zum Hof komme und schickte in der Nacht Leute, demselben entgegenzugehen, welche ihm sein Unheil darlegen sollten, indem er ihnen folgenden Auftrag gab: »Eile, je eher, je lieber, herbei als Helfer in der gelegenen Zeit, weil ich Dein Diener bin in der Drangsal.« Die Hofleute dagegen bitten, um der Ankunft des Heiligen zuvorzukommen, den König am frühesten Morgen, er möchte über die Abtei unter Ankündigung einer Versammlung entscheiden; denn sie fürchten die Anwesenheit des heiligen Mannes, weil derselbe Otto der vertrauteste Freund war. Die Häupter der Versammlung aber bereiten es vor, durch ihr Zeugnis die Abtei Pfäfers dem königlichen Schatz zuzusprechen, indem sie das Gold des Enzilinus, welches er, wie ich gesagt habe, sehr zahlreich herbeigebracht hatte, wie zur Mästung an dieselben verschwenden. Indem dann der König sich niedergelassen, wird durch gleichmäßiges Zeugnis der Versammlung die Abtei dem Staatsschatz desselben zugesprochen, worauf er selbst sie sogleich mit dem Stab an Enzilinus übergab. Endlich kam der heilige Bischof, indem er den Benachteiligungen des heiligen Gallus nichts zu widersprechen vermochte und es für das beste hielt, wenn er nur wenigstens den Freund in die Gnade zurückbringen könnte. Dieses jedoch vollbrachte er am Ende angelegentlich durch einen Kunstgriff der Ratgeber, indem der König vor der Erteilung der Gnade allerdings schwur, dass ein Mann von so unsanftem Gemüt nunmehr nicht Abt bleiben würde, wenn nicht derselbe zu ihm in dem kriegerischen Sturm unter dem Anschein der Treue gekommen wäre. Und Craloh wurde dem zurückkehrenden Mann Gottes selbst übergeben, damit derselbe ihn durch seinen Einfluss auf den ihm gebührenden Sitz wieder einsetzen und auch die Brüder, welchen er verhasst war, wieder mit ihm versöhnen möchte. 

74. Cralohs widerwärtige Rückkehr; der Laie Amalung.
Craloh kehrt mit Uodalrich wieder nach Hause zurück. Aber im Kloster war bei ihrer Ankunft eine heftige Verwirrung. Alle stimmen darin nämlich überein, dass in Anbetracht des Empfangs des Bischofs mit dem Evangelium, auch wenn derselbe nicht ein verzeichneter Bruder gewesen wäre, es als billig vorliege, dass sie gleichmäßig entgegen gingen; aber jedenfalls nicht so scheint ihnen das gegenüber der verhassten Anmaßung des Craloh der Fall zu sein. Der Bischof wird empfangen; Viktor trägt ihm selbst das Evangelium entgegen; wie jener dasselbe küsst, kehrt Viktor zurück. Aber der Bischof kommt hinter ihm her eilig gelaufen, fasst den Mann am Haupthaar und dreht ihn rund herum zurück. Viktor jedoch wirft das Evangelium rückwärts gegen den Bischof und weicht in voller Wut hinweg. Allein der Bischof selbst nimmt den Band auf und streckt ihn dem Abt hin, worauf der Abt denselben unter Küssen in Empfang nimmt und auf seinem eigenen Arm bis zum Altar trägt. Viktor aber – denn er war von schallender Stimme – erhebt den Antwortgesang: »Deus qui sedes«; diesen singen die übrigen Brüder, weil Viktor unter ihnen von großer Geltung war, in kläglicher Weise zu Ende und sie gehen, indem sie den Bischof und den Abt verschmähen, in das Innere des Klosters hinein und weil einige dasselbe ganz über sich zuschließen, erwarten sie die günstige Gelegenheit, im Begriff, teils in der Nacht, teils vor aller Augen, zurückzutreten. Es war aber, wie wir von den Vätern, welche dabei waren, gehört haben, diese Verwirrung zwischen der ersten und dritten Stunde. Der Bischof kommt mit den Seinigen und den Kriegern des Abtes zur Türe der Kirche, welche der Eingang in das Innere des Klosters ist. Indem er aber anklopft, fordert er namentlich die Anrede einstiger Mitschüler, von Männern, welche, wo nur die Notwendigkeit vorliegen mochte, als einzige Säulen ihrer Stätte gewiss erscheinen mussten. Unter diesen waren – an ihrem Ort werden wir, wenn Gott es zugibt, Großes über dieselben sagen – Ekkehart, welcher nach den Leistungen für den Unterricht Dekan war, Notker, den sie nach der Strenge der Zuchtmittel das Pfefferkorn beinannten, ein Lehrer, Maler, Arzt, Gerald, von Jugend auf bis zum Lebensende im Greisenalter immer ein Meister der Schulen, Purchard, hernach Abt, dieser außer den vorzüglichen Gaben des Wissens und der Tugenden durch adelige Abstammung, wodurch auch die Übrigen im Wert standen, von königlicher Art. Diese vier, von den Brüdern vorausgewählt, nähern sich der verschlossenen Türe der Kirche und bitten den Bischof, wenn er sie würdige, zu ihnen einzutreten, dass er den Amalung allein mit sich nehmen möchte. Es war aber dieser Ekkeharts Bruder, ein sehr unterrichteter Laie, ein höchst beredter Sprecher in den Versammlungen, groß im Rat, in Gottesverehrung nahezu ein Mönch, welcher zu allen Dingen sowohl lieblich als fröhlich war, sehr mächtig, wie es hieß, so wie er wollte nach einer jeden Richtung eine Sache zu wenden. Diesem allein war es, wie wir gehört haben, gestattet, von eines jeglichen Erinnerungen her, als ein Laie in das Kapitelhaus einzutreten. 

75. Die Klagen der Mönche; des Dekan Walto Beschwerde an Uodalrich; Uodalrich mit Viktor versöhnt.
Es wäre der Mühe wert, wenn ich dessen eingedenk wäre zu sagen, was ich Verschiedenes von Verschiedenen gehört habe, wie groß auf jede Weise Gottes Geist an jenem Tag laut erschallt, was die Weise und die Demut des Bekenntnisses der Brüder gewesen sei: – schuldig seien sie freilich, weil sie den übermütigen Herrn weniger ertragen könnten und weil sie ihn nicht gleichmütiger ertragen hätten; dass derjenige, welchen sie frei als ihren Vater erwählt, sie statt zu Kindern zu seinen Knechten gemacht habe; es gehöre zu der im Evangelium geforderten Geduld, bis zum Tod zu gehorchen: aber hier, wenn in der Verfolgung der Wüterich angreife, der Henker zerfleische, liege etwas Weiteres vor; sie zwar hätten im Frieden der Kirche einen Vater, dem es gefalle, die Söhne zu lieben, nicht zu hassen, einen Hirten, welchem es lieb sei, die Schafe zu scheren, nicht zu verschlingen, nach dem Recht ihres Freiheitsbriefes gewählt; jener jedoch sei, als ein Wolf zur Nachtzeit kam, keinem der Schafe ein Wort gebend, geflohen, habe sie den Wölfen zurückgelassen; überdies habe er die Schätze der Kirche, welche er heimlich geraubt, verloren; sie sagen: »Und endlich, nachdem er die dem heiligen Gallus ehrwürdige Abtei unter der Vorsorge für sich verloren hat, kommt er, gleich als hätte er die Sache wohl vollbracht, wie ein Hirte und Vater über uns, welchen er durchaus nicht einmal ein Freund ist, und das, nachdem er wie ein Ausreißer von uns geflohen ist und weder durch Briefe, noch durch einen Boten jemals mit einem Wort uns getröstet hat.« Und Walto, der Dekan, bemerkt: »Aber, o heiliger Bruder Gottes, der Unsrige in so langer Zeit, wir haben, weil wir vernommen, dass durch Dich der Ausreißer selbst auf Befehl des Kaisers uns wiederum auferlegt werden solle, nicht geschwankt, Dir, dem Bischof und Bruder, die geschuldete Ehre aufzuwenden, aber jenem nicht also. Du auch hast Dich gegen unsern und Deinen Bruder der Überhebung bedient, welche Du wolltest. Du magst aber wissen, dass es uns ganz fest im Sinn gelegen habe, dem Angeschuldigten nach Eröffnung des Klosters, welches einige in weniger überlegter Weise geschlossen haben, weil es freilich nicht unsere Sache ist, irgend einem Menschen mit der Hand zu widerstehen, den Eintritt nicht zu verbieten, den Wohnplatz aber, welcher durch den heiligen Gallus unser Nest ist, bis dahin, wo wir an den König Beschwerden richten können, mit unserem Willen für uns zu hegen, und zwar in welcher Weise auch wir uns jenen gefallen lassen müssten, sogar wenn er Backenstreiche uns zufügen würde. Die Gemüter einiger jedoch, welche ihn zu fliehen und, wie sie selbst sagten, vor dem Wüterich zu weichen gedachten, haben wir mit Mühe beruhigt und sie überredet, mit uns zu leiden, was immer Gott für unsere Sünden über uns zu verhängen zugelassen hat.« Nachdem so durch den Dekan Walto, einen außer den Gaben des Geschlechtes und der Tugenden durch das Wort mächtigen Mann, unter aller Zustimmung mündlich die Sache ausgeführt worden war, bricht der Bischof in Tränen aus. Und Amalung sagt: »Uns beiden, welche wir zu einer Angelegenheit von so großer Schwierigkeit hineingeführt worden sind, liegt jetzt nicht die Aufgabe vor zu weinen, sondern durch Trostmittel, wenn wir welche finden können und durch in diesem Augenblick geeignete Ratschläge zu handeln, heiliger Vater.« Er sagte dem Bischof aber in das Ohr, ihm scheine am besten, dass dieser selbst zuerst gerade den Sinn des Bruders, an welchen er Hand gelegt habe und ebenso aller Brüder, so viel er könnte, besänftigte, damit dieselben nicht, diese Traurigkeit über ihre Betrübnis stellend, den Ratschlägen weniger gehorchten. Indem sich jedoch der Bischof erhebt, wirft er sich, während er Verzeihung von allen, die sich hinwiederum vor ihm erheben, erbittet, in eigener Person vor Viktor zu Boden. Von diesem emporgehoben, trug der Heilige dem Manne, nach der Mahnung des Dekans, den Frieden an und empfing ihn wieder von ihm; nachher jedoch übergab er dem beleidigten Bruder ein Purpurgewand von großem Wert, welches dieser selbst sogleich dem heiligen Gallus gab. 

76. Friedensvorbereitung; Verhandlungen mit Craloh; Vollendung der Versöhnung; Viktors Groll.
Nachdem darauf kurz ein Ratschlag gehalten worden und alle sich hatten bestimmen lassen, der Einhelligkeit nachzugeben, sucht nur Viktor allein durch Lärm zu erzwingen, dass mit dem Abt gewisse Bedingungen verhandelt würden, welchen die im Sinn Gesunderen widerstreben; und nachdem der Abt in das Innere des Klosters geführt worden, legen der Bischof und Amalung, indem sie jenen zur Seite nehmen, ihm das Trauerspiel der Brüder dar und ermahnen ihn zum Voraus, wie er sich, wenn er unter sie komme, erweisen solle. Denn fürwahr sagen sie ihm voraus, dass, wenn er nicht in Worten und Haltung, so wie damals die Sache lag, ein wenig der gewohnten Strenge nachgeben würde, das Letzte schlimmer als das Frühere sich gestalten werde. Aber jener verheißt, alles zu tun, was ihm nur jene zwei raten würden: – doch sollten sie zusehen, dass nicht in ihm der Name des Abtes sich an Wert verringert. Und der Bischof spricht: »Es sind unter ihnen selbst Männer, wie Du weißt, neben welchen dieses Reich Träger eines größeren Ratschlages nicht besitzt, dem König selbst bekannt und erwünscht, mit welchen Dich zuerst zu versöhnen und unter deren Rat an die Sache zu gehen für Dich als gut zu erachten ist.« – »Wohl«, sprach Craloh, »hast Du, Heiligster, zugeredet; dass Ihr beide das tun möget stelle ich das Verlangen.« Darauf schreitet der Bischof allein, um die Brüder zu überreden, hinein; nachdem er sie besänftigt, sagen die Übrigen, als er den Dekan im Zurückgehen zu sich nehmen wollte, sie möchten nicht ohne Haupt gefunden werden. Jene vier aber, von welchen wir gesprochen haben – so stellten sie fest – sollten mit ihm vorschreiten, und nachdem der Bischof ihnen einiges nach seinem Ratschluss in das Ohr gesagt hatte, schreitet er mit denselben hinaus, um mit solchen Kampfgenossen an den Abt heranzugehen. Und der spricht lächelnd: »Die erste Vereinigung ist die schärfste.« Amalung aber erhebt sich, wie er den Bruder mit jenen sah, geht den Männern entgegen und spricht leise: »Wollet von jenem den Segen bis jetzt noch nicht fordern; sondern seid geduldig und befestigt die Herzen und stellt Euch schweigend hin, so lange bis Ihr von ihm selbst vernehmt, was er denke. »So, wie«, fügte er bei, »klingt der Wald vom Schall, also prallt der Widerhall.« Vor den sich Nähernden aber erhob sich der Abt und trug ihnen seinen Gruß: »Benedicite!« entgegen. Als nun dieselben schwiegen, spricht Amalung: »So viel mir von der Regel bekannt geworden ist, haben die Geringeren von dem Höheren den Segensgruß nach den Umständen zu erbitten.« Und der Bischof spricht: »Große Gaben bieten wir Dir, Bruder, dar.« Und jener entgegnet: »Möge mir der Herr es schenken, dass ich selbst ihnen dargeboten werde.« Von beiden Seiten ist Stillschweigen eingetreten; die Anreden werden vorbereitet. Da nun Amalung befürchtet, dass sie etwa eine Aufregung herbeiführen möchten, sagt er: »Ei, Ihr Herren, würdigt von beiden Seiten meinen Ratschlag auszuführen! Redet nunmehr, ich bitte, über die gespannten Verhältnisse von hier und von dort kein Wort; sondern indem Ihr im Frieden Gottes nach Niederlegung alles Hochmutes von beiden Seiten Verzeihung erbittet, küsst Euch.« Der Rat gefiel dem Bischof und beiden Seiten; während sie zu den Gnadenbitten und zu Küssen hinstürzen und sich nach wenigen Worten in ebenso wenigen gegenseitig zuvorkommen, setzen sie sich einträchtig nieder. Es werden Ratschläge zusammengebracht, wie der ganze Körper dem Haupt und das Haupt dem Körper zurückgestellt werden möge. Der Beschluss steht fest, dass der den Söhnen dargebrachte Vater auf den Sitz des heiligen Benedictus, dessen Bild angemalt dasaß, gesetzt werde. An der Hand des Bischofs wird er hineingeführt und sitzt, dorthin gebracht, eine kleine Weile nieder. Und als er sich endlich erhob, stürzt er unter Weinen zur Erflehung der Verzeihung nieder; indem aber auch der Bischof sich mit ihm niederwarf, warfen sich dagegen alle Brüder nieder. Es war nach dem Anschein zu sehen, dass da der Heilige Geist sein Werk treibe. Nachdem die Einzelnen sich geküsst, wird die Einmütigkeit im Haus befestigt. Amalung aber, ein Mann von Fröhlichkeit und eine Stimme voll angenehmer Süßigkeit, begann unter Glückwunsch die Sequenz: »Lob sei Dir, o getreuer Gott!« und indem der Bischof und der Abt und alle halfen, vollendete er die Weise. Der Tag wird in Fröhlichkeit hingebracht; die langen Widrigkeiten brach die Liebe. Nicht ertrug dieses Bild in der Brust der wütende Viktor. Als er nämlich den Abt auf seinem Sitz erblickt hatte, sprang er stürmisch auf und hinaus und lief, als wollte er von der Stätte hinwegweichen, aus dem Kapitelhaus. Ihn besänftigte jedoch der Bischof, wie er nur konnte, nachdem er ihn zurückgerufen und hielt ihn zur Zeit im Zaum, indem er ihn in die Gnade des Abtes zurückführte; doch nützte das freilich nach seinem Weggang weniger. Nach einigen Tagen begibt sich der Bischof von dem Ort hinweg, um zu den Seinigen zu gehen, und er hinterließ, wie er glaubte, den Viktor in der Gunst befestigt. 

77. Viktors Fluchtversuch und Blendung; Cralohs Maßregeln.
Es geschah aber, indem die Zeit verging, dass Viktor von dem Dekan die Freiheit sich erbat, zu den Freunden hinaus zu gehen, in Tat und Wahrheit aber, weil er zu Enzilinus, dem neuen Abt von Pfäfers, sich zu begeben strebte, um in Schädigungen Cralohs seinen Übermut zu zeigen oder auch mit jenem gänzlich zusammenzubleiben. Es wird dem Abt, welcher damals draußen zu tun hat, zugebracht, dass Viktor mit nicht kleinen Unkosten hinter seinem Rücken seinen Weggang rüste. Da schickte Craloh in heimlicherer Weise zu einem seiner Krieger, welcher am Weg des Viktor benachbart ist, dass derselbe auf diesen wachsam sein und ihn auch gegen seinen Willen nach seinem Kloster zurückführen sollte; denn vom Gesinde des Gallus hätte es keiner gewagt, einem Mann von so hohem Geschlecht Gewalt anzutun. Viktor wird, überwacht wie er ist, angefallen; zuerst bittet man ihn, er solle zurückkehren; endlich, da er nicht wollte, wird er durch Stöße mit den Speeren getrieben. Indem aber derselbe aus der nächsten Nähe eine Keule ergriff, schlug er auf den Krieger selbst am Haupt ein und ließ ihn halb tot vom Pferd stürzen. Sobald jedoch derselbe fällt, greifen alle die Seinigen gleichmäßig den Viktor an, stürzen ihn vom Pferd und reißen ihm, o Schmerz!, in der Wut die Augen aus. Jener Krieger dagegen, als er, nachdem Viktor schon geblendet war, wieder neu belebt zu sich kam, empfand großen Schmerz, weil er nicht zweifelte, dass er von jetzt an vom eigenen Haus vertrieben leben müsse. Als nämlich nachher nur wenige Zeit verstrichen war, wird er, wie er den Freunden des Mannes begegnet, getötet. Auch sein Waffenträger, welcher bei der Freveltat zugegen war, wird an einem Baum aufgehängt. Der Blinde, vorerst durch den Wald hin zu den nächsten Hütten von Rinderhirten des Klosters gebracht, wird den Brüdern im Kloster angekündigt, und es erhebt sich in demselben eine nicht zu ertragende Verwirrung, indem beinahe alle die Freveltat auf die Überhebung des Abtes hin abstellen. Aber die Schüler des Mannes und mehrere Schnellläufer aus den Brüdern mischen, wie sie zu demselben kommen, nachdem sie einen solchen Mann des Augenlichtes beraubt erblickt, ihre Trauerklagen und das gen Himmel schallende Wehgeheul. Nachdem der Abt endlich die Sache vernommen hatte, verschob er es, bei solcher Auflösung in das Kloster einzutreten; er sorgte aber nach dem Rat seiner Getreuen dafür, nicht ohne Schutzwaffen zu sein, weil dieselben die grausamen Drohungen der Verwandten des Blinden vernommen hatten. Er schickte zuletzt einen Boten an den Dekan Walto, dass derselbe jenen Bruder sorgfältig pflegen möchte. Aber jener, auch seinerseits streng, sprach: »Ein anderer mag, so lange ich Dekan bin, hierfür sorgen. Melde also jenem, dass immer die Dekane vor mir die Kranken besorgten, ohne geheißen zu sein, aber einen solchen niemals. Und selten hat irgendeiner unter den Äbten einen Mönch, welchen er hat blenden lassen, dem Dekan zur Besorgung anvertraut.« Als der Abt eine derartige Antwort des so gewichtigen Mannes vernommen hatte, verzehrte er sich, wie wir den Waning, seinen Kaplan in allen Zeiten seiner Wirksamkeit versichern gehört haben, so sehr, dass er, sich niedersetzend, kaum zu sprechen vermochte. 

78. Viktor in Straßburg; Viktors Tod.
Viktor dann, durch Notker den Arzt an den Augenhöhlen in kurzer Zeit geheilt, übte sich nach der Zeit in guten Werken. Und damit ich das, was ich über ihn vernommen hatte, kurz berühre, so hat ein gewisser Bischof von Straßburg, Erchinbald mit Namen, welcher seines Geblütes war, unter Abt Purchard mit dessen Erlaubnis den Mann wegen seiner gelehrten Kenntnisse und zum Trost für sein Elend zu sich gezogen und durch dessen Lehre seine Stadt zu einer blühenden gemacht. Nachdem aber endlich Viktor nach dem Tod des Bischofs eine gewisse Einsiedlerzelle zwischen den Hochfelder Bergen, welche das Lange Meer genannt ist (der See Longuemer), nach dem Absterben des Einsiedlers betreten hatte, hielt er dieselbe durch viele Jahre besetzt, und indem er, wie es dort zahlreich verherrlicht wird, in seinen letzten Lebenstagen viele Wunderzeichen ausführte, schloss er seine Tage als Greis, indem er rings herum als ein sehr heiliger Mann angesehen wurde. Ich bin jedoch auch in eigener Person an den Platz zu einem gewissen zur damaligen Zeit eines großen Namens genießenden Einsiedler gekommen, und indem ich unter unseren Gesprächen ein mehr als die übrigen geehrtes Grabmal sah, frug ich, wessen denn dasselbe wäre: – derselbe antwortete, es sei des heiligen Viktor. Und indem er mir in kurzen Worten dessen Leben und die jedenfalls mehr bekannten Vorfälle eröffnete, fügte er bei, dass über jenen Grabhügel hin etwas Giftiges nicht lebend sich vorwärts bewegen könne; es gibt aber da in größerer Zahl übermäßig große Schlangen zu sehen und grässliche Schleichtiere. Bis hierher über Viktor. 

79. Cralohs Rechtfertigungsversuch; die Eingeschlossenen Kerhild, Rachild, Perchterat.
Aber Craloh fing, als wenn sein Körper durch Trauer und Schmerzen entkräftet wäre, von Tag zu Tag mehr matt einherzugehen an. Denn es ging auch das Gerücht, es würden so bald wie möglich beauftragte vom Kaiser kommen, welche ihn vom Stuhl der Herrschaft zur Strafe für die Freveltat absetzen sollten; denn es war dem König, welcher ferne gegen die Dänen zu Schleswig seine Zeit zubrachte, die Tat nicht verborgen. Als endlich Craloh das Kloster wieder betreten hatte, lagen für ihn die Dinge gegenüber den verschiedenen Leuten verschieden. Eines Tages jedoch bittet er, wie auf den Rat einiger Getreuer, indem die Brüder, aber auch Viktor anwesend sind, dass es ihm gestattet sein möge, auf dem Altar des heiligen Gallus sein Gewissen durch einen Eid über die Freveltat, welche an Viktor vollbracht worden, folgendermaßen zu reinigen: – dass ihm Gott so das ewige Licht schenken solle, wie er selbst an der Beraubung der Augenlichter dieses Mannes schuld gewesen sei. Darauf sagte Gerald, stets zu antworten, wie die Rede ging, sehr bereit: »Sobald übergangen bleibt, dass Du, mein Herr, an jenen die Hände zu legen befohlen hattest, damit Du nicht einmal so die Ursache des so großen Frevels, wie sie sagen, gewesen sein mögest.« Endlich jedoch lag es schon keinem der Brüder mehr im Sinn, dass jener durch einen Schwur die Verschuldung selbst von seinem Nacken abschütteln könne. Allein wegen der Erhaltung der Ehre Cralohs wird die Angelegenheit auf eine spätere Zeit verschoben, auch deshalb, weil er selbst angesagt hatte, gerade an dem Tag die Jungfrau Kerhild, die Nichte Notkers des Stammlers, beim heiligen Magnus in der Gegend des verschlossenen Häuschens der Wiborada einzuschließen. Denn auch schon vorher nämlich, nachdem nach dem Leidenstod der Wiborada Rachild im einundzwanzigsten Jahr zu Gott hingenommen worden war, hatte Perchterat, eine gewisse heilige Witwe, auch bei uns eingeschlossen zu werden gewünscht und obschon die ihr dargebotene Klause der Rachild fast ein Jahr hindurch in der Prüfung gut erschien, hatte sie die häufigen und nichtigen Besuche der großen Menge vermeiden wollen und deshalb die Bitte ausgesprochen, in der von Salomon errichteten Zelle im Umkreis der Mauer der Kirche des heiligen Georg eingeschlossen zu werden; eine Vollführerin großer Wundertaten, hatte sie dort mehrere Jahre zugebracht. Es starb auch unter dem Schmerz aller der Dekan Walto und an dessen Stelle wird Purchard gewählt. Und als ein Jahr verflossen war, wird wie durch Wahlkomitien Ekkehart nach jenem Dekan; da Craloh auf diesen endlich mehr als auf sich selbst vertraute, so war er zuweilen, weil er von Tag zu Tag schwächer war, von der Stätte hinweg weichend nach Herisau gegangen, um dort häufig sich aufzuhalten, und er blieb daselbst, weil die Brüder seine Abwesenheit ohne Unwillen ertrugen. 

80. Ekkehart als Dekan; seine Wallfahrt nach Rom; Ekkeharts Dichtungen; das Waltharius-Lied; Ekkeharts vier Neffen; Beklagung seines Todes.
Denn auf Ekkehart, welcher von Naturanlage und durch seinen Eifer voll von der Süßigkeit der Liebe war, hatte sich die Gesinnung aller niedergelassen. Dieser setzte von Jonschwil, welches er, wie wir gesagt haben, selbst einverlangte und behauptete, durch die ganze Woche alle Tage sieben Essen mit reichlichem Brot und fünf Zumessungen von Bier fest, deren fünfte zur Vesperzeit er zwar durch Wein ausgleichen lassen wollte. Als dieser einmal für ein Gelübde nach Rom ging und hier zu dem Papst in das innigste Verhältnis getreten und bei jenem eine Zeit lang wegen seiner Wissenschaft festgehalten worden war, wird er durch die Schuld der Luft des Landes von einer Krankheit ergriffen und sechs Wochen hindurch an das Bett gebunden. Indem aber der Papst ihn oft besuchte, gab er ihm eine Fülle von Zuwendungen. Ekkehart aber bittet den Papst eines Tages, schon ziemlich spät abends nämlich, dass derselbe, wann er ihn das nächste Mal besuche, Reliquien des Täufers Johannes mit sich bringen möge. Er war nämlich immer ein Vertreter und mächtiger Liebhaber desselben. Da aber jener am nächsten Morgen zu ihm mit den Reliquien sich begab, begann Ekkehart, welcher zu der Umarmung derselben und derjenigen des Papstes noch als Kranker sich emporrichtete, von jener Stunde an sich besser zu befinden. Und da er in Kurzem genas, kehrte er, durch den Apostolischen mit Reliquien des Täufers und vieler Heiligen beschenkt, wohlbehalten nach Hause zurück und stellte für dieselben mit Erlaubnis Purchards, welcher damals Abt war, und mit dessen Beisteuer eine ihnen wohl anständige Kirche her. Viel ist über Ekkehart nachher zu sagen; aber schon früher mag aus seinen eigenen Worten erkannt werden, von welchem Geist er geführt worden sei. Es schrieb nämlich jener Gelehrte die Sequenzen: »Prompta mente canamus«, »Summum praeconem Christi«, »Qui benedici cupitis«, A solis occasu«. Über die heilige Afra dichtete er dem Bischof Liutold, um Reliquien desselben zu gewinnen, Antiphonen und eine Sequenz. Er schrieb den Hymnus »O martyr aeterni patris«, ebenso »Ambulans Hiesus« und »Adoremus gloriosissimum«, und in den Schulen metrisch für den Lehrmeister, zwar noch in wankender Weise, weil er in seinem Streben, nicht jedoch in seinem Äußeren noch ein Knabe war, das Leben des Waltharius Starkhand, welches wir nach unserem Können und Kennen verbessert haben, indem der Erzbischof Aribo es uns befahl, als wir nach Mainz versetzt worden waren; denn das barbarische Wesen und dessen eigentümliche Laute gestatten demjenigen, welcher als Deutscher noch sich beeifert, nicht plötzlich ein Lateiner zu werden. Daher pflegen die Halbschulmeister ihre Schüler schlecht zu unterrichten, wenn sie sagen: »Seht zu, wie am bestimmtesten vor irgendeinem Deutschen die Sache auszusprechen Euch zieme und wendet dann die Worte in derselben Reihenfolge in das Lateinische!« Diese Täuschung hat bei jenem Werk den Ekkehart, als er noch ein Knabe war, betört; nachher aber kam das so nicht mehr vor, wie bei dem Charromannischen Lied: »Mole ut vincendi ipse quoque oppeteret.« Jener brachte aber dem heiligen Gallus für das Mönchsleben vier seiner Neffen von Brüdern oder Schwestern zu, zwei, welche ihm gleichnamig waren, weiter den Purchard, welcher nachher Abt wurde, dann den Notker, unsern Lehrer, von welchem ein jeder als ein Spiegel der Kirche zu nennen sein mag, über welche wir an ihrem Ort das von ihnen Erwähnenswerte angeben werden; ein jeder von ihnen nämlich würde für sein Buch genügen. Während schon jener Weinstock solche Schösslinge entsandte, ist er selbst in guter Reife am Tag des Felix in Pincis (Felix von Nola) eingeherbstet worden. Es war jedoch über den Tod des Mannes eine solche Trauer, dass Ymmo, welcher nach ihm Dekan und später Abt war, selbst zur St. Michaelskirche, wo er in größerer Freiheit seine Wehklage anstellen konnte, nachdem Ekkeharts Körper auf die Totenbahre gelegt worden war, zur Seite ging, indem er laut so rief: »Sieh, Herr, und betrachte, wen Du so eingeherbstet habest.« 

81. Cralohs Tod; Purchard statt Ekkeharts Nachfolger.
Und nachdem wir dieses zwar unter Abschweifung besprochen haben, wollen wir zu Craloh zurückkehren; denn fürwahr, wir werden den hier gestorbenen Ekkehart zu seinen ausgezeichneten Taten bald wieder erwecken. Weil aber Craloh von Tag zu Tag an Kräften abnahm und seine Krieger schon häufig den Freunden des Viktor umsonst Sicherheit für denselben darboten, wird er mit Waffen im Inneren und nach außen hin dauernd bewacht. Endlich jedoch anvertraut er nach gemeinsamem Beschluss die Bescheide über die ganze Abtei dem Ekkehart. Indem er jedoch selbst der Übung wegen nach Herisau ritt, sank er dort auf das Lager. Er sah aber, dass das Ende seines Lebens bevorstehe, und indem er den Ekkehart mit den Brüdern weiseren Ratschlages aus dem Kloster berief, traf er Anordnungen für das Haus und dass jener selbst statt seiner als Abt erwählt werde. Indem alle leicht hierzu beredet wurden, betrat er den Weg aller Sterblichen und ehrenvoll wird er, zum Kloster zurückgetragen, bestattet. Während jedoch Otto bei den Engländern mit deren König Adaltag, seinem Schwiegervater, einige Zeit sich aufhielt, um den König Knud der Dänen mit vereinigten Kräften zu besiegen, lenkte Ekkehart, so wie er bei Lebzeiten des Abtes unter demselben gewohnt war, rüstig die Zügel der Abtei bis zum Augenblick wo der Kaiser die Sachlage erfahren konnte. Es geschah aber, dass er eines Tages, als er hinausgehen wollte, indem das Pferd vor dem Tore auf dem Eis stürzte, das Schienbein und den Fuß brach und, da diese nicht recht wieder zusammengefügt wurden, hernach hinkend blieb. Aus diesem Grund nun übertrug er seine Wahl in gemeinsamem Einverständnis aller Brüder auf Purchard, mit welchem er ein Herz war, von dem wir oben gesprochen haben. Über denselben haben wir auch noch einiges gründlicher in die Erinnerung zurückzurufen. 

82. Wendilgart als Graf Uodalrichs vermeintliche Witwe; Wendilgart bei Wiborada.
Uodalrich, ein gewisser Graf aus der Sippschaft Karls, empfing die Wendilgart, eine Enkelin des Königs Heinrich von einer Tochter, als Gattin und erzeugte von ihr den Adalhard, welcher später dem Gallus Altstätten übergab, und eine Tochter. Dieser vernahm zu Buchhorn (seit 1811 Friedrichshafen), wo er wohnte, die Botschaft, dass die Ungarn einen Einfall in das norische Land, woselbst er Besitzungen hatte, machten, und indem er mit den Übrigen der Feinde kriegerisch angreift, wird er als Besiegter ergriffen und als Gefangener nach Ungarn fortgeschafft. Diejenigen aber, welche die Ungarn für die Agarener halten, irren gar weit ab. Wendilgart jedoch, da, wie das Gerücht war, ihr Mann als getötet galt, wurde gleichsam als Witwe zur Vermählung begehrt, wollte aber nach dem Wink Gottes nicht heiraten. Allein sie begab sich auf eine bei Salomon getane Bitte hin zum heiligen Gallus, wo sie aus dem Ihrigen lebte, nachdem ihr neben der Wiborada eine Kemenate erbaut worden war; den Brüdern und den Armen teilt sie vieles für die Seele ihres Mannes als eines Gestorbenen reichlich aus. Weil sie jedoch gierig nach Naschwerk und immer nach neuen Dingen trachtend sich zeigte, wie sie denn verzärtelt erzogen und an diese Sachen gewöhnt war, wurde sie von Wiborada getadelt, weil es bei einer Frau nicht ein Wahrzeichen der Züchtigkeit sei, mannigfaltige Lebensmittel zu begehren. Als sie sich eines gewissen Tages nunmehr vor dem Klausnerhäuschen der Jungfrau zu Gesprächen hingesetzt hatte, bat sie dieselbe, ihr Äpfel zum Essen geben zu wollen, wenn sie süß da hätte. »Deren die Armen sich bedienen« – sprach jene – »habe ich die schönsten« – , und indem sie die sauersten Äpfel aus dem Wald hervornahm, überließ sie dieselben der Wendilgart, welche begierig darnach griff und sie ihr aus den Händen riss. Aber dieselbe verzehrte kaum einen halb und warf mit zusammengezogenem Mund und Augen die übrigen hinweg, sprechend: »Herb bist Du; herb sind auch Deine Äpfel.« Und weil sie sprachkundig war, fuhr sie fort: »Wenn der Schöpfer alle Äpfel wie diesen ließ sprossen, hätte Eva niemals das Übel genossen.« »Gut«, sprach jene, »hast Du die Eva erwähnt; denn fürwahr, sie war, wie auch Du, so nach Süßigkeiten lüstern und hat deshalb bei dem Verspeisen eines einzigen Apfels gesündigt.« 

83. Rachilds Heiligkeit.
Von Röte übergossen durch das Wort der Jungfrau der Demütigung wich die Frau des Adels hinweg, und indem sie sich nach diesem Gewalt auferlegte, enthielt sie sich dessen, ihr begegnende Leckereien zu naschen; und bei einer so gewichtigen Mahnerin wuchs sie in Kurzem dergestalt empor, dass sie sich erbat, der heilige Schleier, welchen sie vorher von sich wies, möge durch den schon genannten Bischof, falls ihr die Synode gewogen sei, aufgelegt werden. Als das geschehen war, legte sie den weltlichen Geist in solchem Maß ab, dass sie, mit den Eingeschlossenen an die Tugenden gewöhnt, den Willen aussprach, nach der Rachild, welche, überall am Körper und hauptsächlich an den Brüsten voll von Geschwüren, alltäglich völlig dem Tod anheimzufallen schien, eingeschlossen zu werden. Und weil wir auf die Rachild selbst, welche fürwahr in Wirklichkeit eine Märtyrin war, gekommen sind, so wäre es derselben leichter gewesen, mit ihrer Meisterin einmal ihr Gehirn zur Zerspritzung darzubieten, als einundzwanzig Jahre über dieselbe hinaus eingeschlossen mit dem heiligen Hiob das Eiterblut mit der Scherbe zu kratzen, während sie doch inzwischen zu fasten und zu beten – denn die Schmerzen gaben ihr Nachtwachen – und Almosen zu schenken nicht überdrüssig war, so wie Ekkehart, der obige, ihr Geschwisterkind, über sie gesungen hat:
Diese schlug Satan wund; gleich Job hat sie Eiter gekratzet,
weinend und wachend gefastet, schmerzvoll qualenbelastet.
Denn er konnte auch das Leben oder Leiden derselben, deren Gelübde das Martyrium war, lichtvoller in kurzen Worten nicht beschreiben. Bei dem Grab der Rachild in plötzlichen Erschütterungen von Beengungen gebetet zu haben – glaubt es dem Erfahrenen! – vermag viel. 

84. Uodalrichs Rückkehr aus der Gefangenschaft.
Mit dem Beginn des vierten Jahres war für Wendilgart, wie sie glaubte, der bittere Jahrzeittag ihres Mannes gekommen und indem sie nach Buchhorn ging, verteilte sie, wie sie gewohnt war und schenkte den Armen. Und siehe, Uodalrich, welcher aus der Gefangenschaft durch Zufall entschlüpft war, ruft sie, indem er unter den übrigen zerlumpten Armen in heimlicher Kunst sich verbirgt, darum an, dass sie ihm ein Kleid schenken möchte. Sie fuhr ihn hart an, weil er unverschämt und kecker bettelte, gab ihm jedoch ein Kleid, wie im Unwillen. Aber jener, die Hand der Schenkerin zugleich mit dem Kleid hart an sich reißend, umarmte die Frau, indem er sie an sich zog und küsste sie, sie mochte wollen oder nicht, und wie sogar einige ihm mit Schlägen in das Gesicht drohten, warf er mit der Hand die langgewachsenen Haare in den Hals zurück und sprach: »Verschont mich, ich bitte, endlich mit Schlägen, deren ich viele ertragen habe und erkennt Euren Uodalrich wieder!« Endlich erkennen, nachdem sie die Stimme des Herrn vernommen, die Krieger voll Staunen unter den Haaren das ihnen einst bekannte Gesicht wieder und grüßen unter lautem Rufen; glückwünschend erhebt das Gesinde sein Geschrei. Wendilgart jedoch hatte sich niedergesetzt, betäubt, als ob sie von jemandem einen Schimpf erlitten hätte und sprach: »Jetzt erst fühle ich, dass Uodalrich tot sei, da ich eine solche Gewalttat von irgendeinem erlitten habe.« Als jedoch jener ihr die von einer ihr einst wohlbekannten Wunde deutlich bezeichnete Hand, um sie aufzurichten, hinstreckte, sagte sie, gleichsam aus einem Traum erwachend: »Mein Herr, unter allen Menschen Teuerster! Sei gegrüßt, Herr« – fuhr sie fort – »zu aller Zeit Süßester!« Und sie sprach unter Küssen und Umarmungen: »Bekleidet Euren Herrn mit einem Gewand, bis Ihr ihm das Bad zur Stunde beschleunigt.« Wie er sich jedoch bedeckt hatte, sagte er: »Lasst uns zur Kirche gehen!« – und während des Gehens setzte er hinzu: »Ich bitte, wer hat Deinem Haupt jenen Schleier auferlegt?« Als er vernommen hatte, dass das in der Synode durch den Bischof geschehen sei, setzte er zu sich leise hinzu: »Noch nicht also, außer mit des Bischofs Erlaubnis, habe ich Dich zu umarmen.« Zuletzt werden von den Geistlichen, welche in Mehrzahl zu dem Tag zusammengekommen waren, die Lobgesänge begonnen, von dem Volk beantwortet. In Freuden feiern sie Messen für den Lebenden, nicht für den Gestorbenen. Dann wird zum Bad gegangen. Das fliegende Gerücht führte, wie das geschieht, viele herbei. Als das Gastmahl des Tages herrlich vollendet war, werden viele Tage in Fröhlichkeit zugebracht. 

85. Die Wiedervermählung; Purchards Geburt; Purchard »der Ungeborene« in St. Gallen.
In nächster Zeit wird die Synode veranstaltet. Die Gattin, welche der Bischof Gott verlobt hatte, fordert Uodalrich von demselben zurück. Der durch die Hand des Bischofs hinweggenommene Schleier wird nach dem Beschluss der Synode zur Aufbewahrung in den Schreinen der Kirche niedergelegt, damit sie als Witwe, falls ihr Mann früher stürbe, mit demselben sich wieder umhüllen könnte. Von Anfang an wird endlich die Vermählung gehalten. Die Frau empfing und gelobte, indem sie unter Begleitung ihres Mannes ihren Gallus und die heiligen Eingeschlossenen gelübdeweise besuchte, wann sie ein männliches Kind geboren haben werde, dasselbe dem heiligen Gallus als Mönch. Sie gehen also nach Hause hinweg. Indem aber die Zeit verstreicht, gerät die Frau, indem sie der Geburt sich nähert, in ihrer Schwangerschaft in Gefahr und stirbt vierzehn Tage vor der zeitgerechten Stunde des Gebärens. Das Kind wird herausgeschnitten und in das Fett eines frisch ausgenommenen Schweines gewickelt, um hier sich mit einer Haut zu bekleiden, und da es in Kurzem als von guter Anlage anscheinend sich erweist, wird es getauft und Purchard genannt. Der Vater, wie er mit der Mutter gelobt hatte, führte nun endlich denselben an der Brust der Amme dem heiligen Gallus zu, legte ihn zugleich mit der Schenkung von Grundstücken in Höchst und von Zehnten auf dessen Altar, und indem er die Mutter viel beweinte, weihte er den Sohn dem Kloster. Der Knabe, von äußerster Schönheit, wird im Kloster zärtlich erzogen. Es pflegten ihn aber die Brüder den Ungeborenen beizunennen, und weil er unreif herausgekommen war und später nicht einmal eine Fliege ihn stach, ohne dass sein Blut hervorbrach, schonte daher auch der Schulmeister an ihm der Ruten. Als er auch zum Mann geworden war, liebte er, obschon er dem Fleisch nach schwach war, immer die ihm eingeborenen Tugenden, und mit wohlgereiftem Geist stand er dem unreifen Fleisch vor. Einem solchen und so hervorragenden Vater, welcher durch die lange Gewohnheit die Tugenden schon zur Natur verwandelte, hatte Ekkehart mit der Zustimmung aller die ihm selbst gewährten Ehren dargeboten. 

86. Purchard bei Otto am Königshof in Mainz; Purchard als Abt durch Otto bestätigt.
Purchard wird endlich mit den dazu auserlesenen Brüdern zu dem großen Otto nach Mainz geschickt, als derselbe nach Besiegung des Königs Knud von Schleswig zurückkehrte. Als nun derselbe jenen, welcher ihm schon vorher wohl bekannt war, von Ferne zu Gesicht bekam, sagte er: »Eile herbei, kleiner Neffe, und küsse mich!« – Purchard war nämlich sehr klein und schön von Antlitz -, und indem er ihn unter dem Schultermantel an sich zog, behandelte er ihn zärtlich. Da er aber den Stab sah, sprach er: »Ist denn jener Blender seiner Mönche gestorben?« Die Mönche antworteten: »Abgeschieden ist unser Abt, o König! Bei Gott allein steht jetzt, was er gewesen sei.« Darauf küsste er die Einzelnen und sagte: »Was Ihr wollt, sehe ich; doch weiß ich nicht, wen Ihr wollt.« »Diesen selben«, antworten sie, »o König, welchen du umarmst, unsern Herrn Purchard.« Nach diesen Worten fielen sie gleichmäßig nieder. Als sie aufzustehen geheißen worden waren, sagen sie: »Aber auch unser Vater Ekkehart trägt uns als unser Fürbitter an Euch die Bitte und den Gruß auf, und er fordert, dass Ihr in diesem Einzigen der häufigen Versprechungen eingedenk seid.« »Ich fürchte«, erwiderte da der König, »dass Ihr die strengen Äußerungen der Zuchtmittel, welche Eure Väter von allen geliebt hatten, hasst und hierdurch zu diesem so geringen Mann, welcher zwar Euch mild und zustimmend sein wird, gelangt seid. Und weshalb hattet Ihr nicht jenen selbst, welchen Ihr erwähnt, den hochherzigen Mann, erwählt?« Als darauf die ganze Reihenfolge der Wahlangelegenheit nach der Ordnung offen vorgelegt worden war, fahren die Mönche fort: »Dazu ist er auch bis dahin, o König, nicht so milde in den Zuchtmitteln gewesen, dass fürwahr zu glauben wäre, er werde in irgendwelcher Weise ein Vernachlässiger derselben sein.« Als der König diese Worte vernommen hatte, wandte er sich, während er es gut sein ließ, zu Purchard, fasste den Mann mit der Hand am Kinn und sprach mit zärtlichen Worten: »Du also wirst mein kleiner Abt sein? Wenn es des Herrn Wille sein soll, möge es auch der meinige sein.« Dann führte er jenen mit sich in die Kirche zur Königin Otigeba. »Diesen meinen Neffen«, sprach er, »welcher mit Deiner Hilfe bald Abt sein wird, bringe ich Dir zu Deiner Gunstbezeugung dar.« Und nachdem sogleich das Gebet gesprochen worden war, forderte Otto den Stab und übergab an Purchard die Abtei mit den gewohnten Worten. Er selbst aber begann das: »Herr Gott, Dich loben wir!« und ermahnte alle Anwesenden, in den Lobgesang einzustimmen. Als derselbe so zu Ende geführt war, verspricht der neue Abt, der Königin, wie sie ihn zur Seite genommen und freundschaftlich behandelte, einen goldenen Kelch des heiligen Gallus von großem Wert zu schenken, falls ihm die Pfäferser Abtei zurückgegeben werden könnte. Da sprach jene: »Im Recht des Königs stehen beide Dinge, sowohl der Kelch, als die Abtei. Aber ich werde Dein Begehren fürwahr vielleicht günstiger in einem anderen Mal als gerade jetzt meinem Herrn bekannt machen. Deswegen, weil Du jetzt eine Abtei empfangen hast, gehe nach Hause zurück, und wann Du ein nächstes Mal gekommen sein wirst, wirst Du dann, glaube ich, für die andere passender Deine Bitte einzulegen haben.« Als darauf in fröhlicher Weise vom Kaiser ihm der Abschied gegeben worden, kehrte er nach Hause zurück. 

87. Purchards Wandel; Ekkehart IV wider die Neuerer; Purchards Almosen.
In welcher Weise aber und wie bedeutsam sich Purchard nach den Ratschlägen Ekkeharts erwiesen habe, pflegen die Armen und ebenso ein großer Teil der Brüder und des Gesindes, welchen wir noch heute sehen, und zwar zuweilen mit Tränen, zu bezeugen. Weil er aber zart war, wie wir gesagt haben, aß er auf Befehl des Bischofs – damals zwar war es Chuonrad – Fleisch. Das jedoch will ich keineswegs mit Erlaubnis der Mönche der Neuerung gesagt haben, welche jetzt in ihren Erfindungen Gott zu reizen pflegen, sodass in ihnen der Verfall vervielfältigt wird; denselben jedoch galt es auch für größere Ungebundenheit, rohes Fleisch zu zerreißen, als mehrere unsägliche Dinge, welche die in scheinbarer Frömmigkeit Handelnden in einem gewissen kirchentrennenden Aberglauben zu tun pflegen. Allzu groß ist, wenn ich es zu sagen wagen möchte, die Verschiedenheit des Kleides der Kirche, in welches sie, wie geschrieben wird, sich hüllt, wenn dieselbe alle beide, von welchen wir reden, einen jeden in seiner Farbe nämlich, in das Kleid hineinzuwirken oder außerhalb, wie das zuweilen Gewohnheit ist, buntfädig zu machen würdigt. Überlassen wir – so ist es notwendig – Gott allein sein Urteil, während wir doch dies kühn und in wahrhafter Darlegung versichern können. Wenn nämlich einige bei uns in diesen Stürmen der Spaltungen den Himmel, wie sie es gewiss in Wahrheit tun, zu erwerben ringen, so haben sie schärfer als das in den heiteren Tagen der Väter geschah, um die Schlachtreihe des Satan zu durchbrechen, sich auf den Schild zu erheben, kräftiger die Speere zu schleudern, treffender die Geschosse zu werfen. – Aber Purchard, wie das von Kindheit seine Gewohnheit war, teilte in sehr großer Freude, weil jetzt sein Vorrat grösser war handeln zu können, nicht nur den Dürftigen und Fremden, sondern ohne Unterschied sowohl Leuten aus den Brüdern, als solchen vom Gesinde öffentlich und heimlich aus und gab den Armen Geschenke. Und weil er das emsig Tag und Nacht betrieb und mitunter halbnackt oder barfuß nach Hause gekommen war, machte ihm Richere, der Sohn nämlich seines Bruders, welcher sein Kämmerer war, in größerer Heimlichkeit häufig Vorwürfe, als wenn seine Kammer seine Austeilungen nicht ertragen könnte, da er immer wieder anderes forderte, wann das eine verteilt war. Und da jener einmal den Neffen im Geheimeren beschuldigte, er möchte ihm nicht überlästig sein, sagte er: »Denn fürwahr, ich weiß, wenn Du mir nicht geben wirst, was ich fordere, einen Andern« – bei diesen Worten meinte er den Dekan – »welcher mich gewiss unterstützen wird in so vielen Dingen er nur kann. Derselbe nämlich reicht mir häufiger als Du dar, was ich den Dürftigen geben kann, Röcke nämlich und Hemden, Stiefel und Schuhe und das übrige bis auf den Gürtel und zwar insgeheim; aber er versteckt es mir auch unter den Überzug des Bettes, damit ich es da finde.« 

88. Der Dekan Ekkehart als Almosener; die Verbrühung des welschen Scheinlahmen.
Weil aber auch Ekkehart selbst an sich Almosener war, werden wir von ihm etwas Ergötzliches erzählen. Da Ekkehart einen gewissen Mann von der Hausdienerschaft zu dem Zweck bestimmte, dass derselbe, wenn ihm von jenem etwa Arme oder Fremde bezeichnet würden, dieselben heimlich in dem dazu bestimmten Haus wüsche und schöre, den Bekleideten erfrischte und bei Nacht von sich entließe mit dem Befehl, es keinem Menschen zu sagen, geschah es eines gewissen Tages, dass er demselben nach Gewohnheit einen Lahmen, einen Welschen von Geschlecht, welcher auf einer Karre herbeigefahren worden war, anvertraute. Als nun jener den Kranken, welcher nämlich ein dicker und starker Mann war, mit aller Anstrengung seiner Kräfte und Mühe in das Badegefäß vorwärts gewälzt hatte und, wie er geheißen war, die Tür hinter ihnen beiden allein verschloss, sprach er – denn er war zornmütig – unter Schimpfworten: »Fürwahr, heute weiß ich keinen einfältigeren Menschen als meinen Herrn, welcher nicht zu unterscheiden weiß, wem er wohltun soll und auch mir einen so fetten Schlemmer auf den Rücken zu heben aufgebürdet hat.« Da aber dem Lahmen das Wasser des Bades allzu warm zu sein schien, sagte er in seiner bäurischen Weise: »Cald, cald est!« Aber jener antwortete, weil das in der Sprache der Deutschen: Es ist kalt – bedeutet: »Und ich will ihm warm machen«, und er goss aus dem vor Hitze wallenden Kessel geschöpftes Wasser in das Bad hinein. Jener jedoch rief mit schauerlichem Geschrei: »Ei mi! Cald est, cald est!« »Ja wahrhaftig«, sprach der Diener, »wenn es noch kalt ist, so will ich, bei meinem Leben, es Dir heute warm machen«, und er schöpfte noch glühenderes Wasser und goss es hinein. Wie jedoch jener die Hitze des wallenden Wassers zu ertragen nicht aushielt, vergaß er seine Lahmheit und erhob sich rasch, sprang aus dem Bad um die Türe aufzuschließen und zu entfliehen, kämpft aber nach schnellem Lauf eine Zeit lang mit dem hemmenden Riegel. Allein auch der Diener, wie er nun den Mann als einen Betrüger vor sich sah, riss, schneller als ein Wort, vom Feuer ein halb brennendes Scheit und schlug dem Nackten schwere Streiche ohne Zahl auf. Weil jedoch Ekkehart den Lärm und die Stimmen im oberen Teil des Hauses vernahm, fuhr er, als er schleunig herabgestiegen war, heftig auf alle beide in deutscher und romanischer Sprache los, auf diesen, warum er betrüge, auf jenen, warum er nicht ihm den Mann zur Strafe aufbewahrt habe, Scheltworte häufend. »Ei denn«, sagte der Diener, »mein strenger Herr, Du würdest ihm sicher das Hörnlein abbeißen und dem Betrüger mehr Schläge aufhauen als ich jetzt? Fürwahr, weit anders würdest Du handeln; diesen Verbrecher würdest Du bekleidet und gesättigt nachts von Dir abgeküsst entlassen, was Du auch heute tun wirst, wie ich Dich kenne.« Und jener entgegnete: »O Du Galgenstrick von Knecht! Oder ist es mir denn nicht erlaubt zu tun, was ich will?« Und so fort. Nachdem das geschehen war, erlaubte er dem Menschen, nachdem er ihn zwar mit Worten gezüchtigt und zu schwören gezwungen hatte, eine solche Übeltat niemals wieder zu begehen, sich zu entfernen. 

89. Ekkeharts II Vorzüge und Leistungen; Ekkehart II in Mainz.
Und weil ich hier die Stelle für passend erachte, über Ekkehart, den Sohn der Schwester Ekkeharts, welchen sowohl er selbst, als Gerald streng unterrichtet hatten, zu reden, gehe ich an die schwierige Sache heran; denn ich fürchte, es werde mir, da solche Männer entweder gar nicht mehr vorkommen oder jetzt sehr selten sind, Vertrauen nicht geschenkt werden. Es war dieser von Antlitz so schön, dass er die ihn Anblickenden, so wie Josephus von Moses schreibt, um seinetwillen fesselte, so wie Otto der Rote, der Sachse, über ihn sagte: »Keinem hatte jemals des Benedictus Kutte reizender gesessen«; er war ferner von Gestalt hoch, einem Tapferen ähnlich, gleichmäßig stark, in den Augen funkelnd – wie einer zu Augustus sprach: »Weil ich Deiner Augen Blitz nicht ertragen kann« -, in Weisheit und Beredsamkeit, vorzüglich aber in Ratschlägen keinem in dieser Zeit nachzustellen, im blühenden Alter dem Ruhm näher als der Demut stehend, wie das bei einem Mann von solcher Art der Fall ist, aber nachher nicht mehr so, weil die Zucht, mit welcher der Übermut niemals etwas teilhaftig gehabt hat, in ihm des Anblicks würdig sich darstellte. Als Lehrer war er glücklich und scharf; denn da er bei seinem Gallus seine beiden Schulen hielt, wagte außer den schwachen Knäbchen niemand irgendetwas dem andern, außer in lateinischer Sprache, zu äußern, und diejenigen, welche er zu den Studien der Wissenschaften geistig langsamer erblickt hatte, beschäftigte er für das Schreiben und Malen der Handschriften; dieser beiden Dinge war er selbst sehr mächtig, vorzüglich bei den Hauptbuchstaben und in Gold, wie das in den Versen des Schwibbogens des Gallus erscheint, welche er gemacht hat:
»Cozpert hatte gebaut dem gütigen Gallus den Tempel;
diesen schmückte als Abt Ymmo mit Gold und Gemälden.«
Diese Buchstaben hatte er dort mit dem Messer eingeschnitten und mit Gold ausgefüllt. In den Wissenschaften aber hatte er mit Eifer die Mittelfreien und die Edlen gleichmäßig ausgebildet; aus ihnen jedoch hatte er zahlreiche dem Gallus und anderen Heiligen zur höchsten Stufe emporgebracht. Er selbst sah nämlich mehrere derselben als Bischöfe, wie einmal zu Mainz in einem allgemeinen Konzil, als er zur Sitzung kommend eingetreten war und sich vor ihm sechs seiner ehemaligen Schüler, welche damals Bischöfe waren, erhoben hatten und ihn als ihren Meister begrüßten. Und der Erzbischof Wilegis rief ihn mit dem Finger herbei, küsste ihn und sprach: »Mein würdiger Sohn, auch Du wirst einmal mit solchen auf den Thron gesetzt werden.« Als Ekkehart zu dessen Füssen hinstrebte, richtete ihn Wilegis mit der Hand zärtlich auf. Und weil wir in verkehrter Ordnung das Schicksal des Mannes vorher geprüft haben, werden wir jetzt zu dessen früheren Taten kommen. 

90. Die Herzogin Hadwig; Hadwig und Ekkehart II. auf dem Twiel; Hadwigs Gaben.
Hadwig, die Tochter des Herzogs Heinrich, nach ihrem Mann Purchard als Witwe im herzoglichen Amt über die Schwaben während sie auf dem Twiel wohnte, eine überaus schöne Frau, war weit und breit den Ländern schrecklich, weil sie für die Ihrigen von allzu großer Strenge war. Da dieselbe einmal in ihrer Jugend dem griechischen König Konstantin verlobt war, war sie durch Eunuchen desselben, welche hierzu entsandt worden waren, in der griechischen Wissenschaft ganz vorzüglich gebildet. Aber da ein Maler unter den Eunuchen, um das Bild der Jungfrau zur Übersendung für den Herrn so ähnlich als möglich zu malen, sie angelegentlich in das Auge fasste, verzog sie voll Hass gegen die Hochzeit den Mund und die Augen, und nachdem so der Grieche hartnäckig verschmäht worden war, führte der Herzog Purchard sie reich ausgestattet als Gattin heim, nachdem sie später den lateinischen Studien sich hingegeben, und das er schon altersschwach war, hinterließ er sie, da sie, wie gesagt wurde, ohne Erfolg im Schlafgemach mit ihm lag, wie er nächstens starb, unerkannt, wenn auch nicht unberührt, wie es bekannt ist, mit dem Hochzeitsschatz und dem Herzogtum als Mädchen. Diese war einmal als Witwe, um zu beten, zum heiligen Gallus gekommen. Indem Abt Purchard sie festlich aufnahm und als seine Nichte durchaus mit Geschenken zu beehren sich vorbereitete, sagte sie, sie wolle keine anderen Gaben, außer Ekkehart als Lehrer für sich, wenn er ihr denselben nach dem Twiel auf eine Zeit gewähren wollte. Denn weil derselbe Portner war, hatte sie selbst am Tag vorher mit ihm über seinen Willen hierzu heimlich sich verabredet. Während nun der Abt das zwar im Verdruss zugestand und der Oheim davon abriet, hatte jener doch nichts desto weniger, was er gebeten war zu tun, durchgesetzt. Als er am verabredeten Tag mit Ungeduld erwartet nach dem Twiel kam, führte sie ihn, indem sie ihm in höherem Grad als er selbst wollte, eine Aufnahme bereitete, in sein dem ihrigen zunächst gelegenes Gemach, an der Hand als ihren Meister, wie sie selbst sagte. Da pflegte sie bei Nacht und bei Tag mit irgendeiner vertrauten Zofe zum Lesen einzutreten, indem jedoch die Türen immer offen blieben, damit, wenn jemand auch den Mut sich wagen würde zu sagen, was da wäre, derselbe nichts Ungünstiges zu berichten hätte. Dort fanden auch häufig Dienstmannen und Krieger, ferner Fürsten des Landes die beiden, wie sie dem Lesen oder Ratschlägen nachgingen. Indem jedoch jene Frau bei ihren strengen und sehr wilden Gewohnheiten den Mann oft erbitterte, bewirkte sie, dass er zuweilen viel lieber zu Hause, als bei ihr geblieben wäre. So geschah es bei einem Rücklaken und Vorhang seines Bettes, welche er selbst nach seiner demütigen Denkart abzunehmen befahl, dass sie den Diener, welcher die Gegenstände abnahm, peitschen ließ, und kaum gab sie auf viele Bitten des Meisters hin zu, dass derselbe nicht auch an Haut und Haar geschunden wurde. Wann Ekkehart entweder bei Festzeiten, oder wann es ihn gelüstete einen Besuch zu machen, nach Hause ging, so war es rühmenswert, wie großen Aufwand sie dem Mann auf Schiffen nach Steinach vorausschickte, indem sie ihm stets etwas Neues in Zierstücken, entweder für ihn selbst zum Gebrauch oder als Gabe dem Gallus darzubringen, als scharfsinnigste Minerva selber vorher einrichten ließ. Unter diesen Dingen nun ist außer seidenen Messüberhängen, Priestermänteln und Stolen jene Albe durch die mit Gold eingestickte Hochzeit der Philologie ausgezeichnet, neben welchen eine Dalmatica und ein kleineres Gewand eines Diakons, beinahe völlig von Gold, sich befanden, welche sie später, als Abt Ymmo ihr ein gewisses von ihr begehrtes Antiphonar verweigerte, in ihrem verschmitzten Scharfsinn zurücknahm. 

91. Der Reichenauer Abt Ruodmann; seine Verleumdung und Hinterlist; Ruodmann von Ekkehart II in St. Gallen entlarvt.
Zu diesen Zeiten stand der Mund der Neider offen, wie immer gegen die Mönche, als ob dieselben nach ihrem Gelüsten lebten. Es ist, damit wir die Übrigen bei Seite lassen und unser Geschick berühren, denen von der Reichenau aus ihren eigenen Brüdern ein Abt Namens Ruodmann gesetzt. Da nun dieser den Seinigen in Gewalttat vorstand und, da er das Fell zu rupfen nicht verstand, dasselbe zerriss, dehnte er auch seine böswillige Zunge gegen die Mönche des heiligen Gallus aus, als ob sie weniger regelrecht lebten, wie immer er nur konnte. Es waren noch beim heiligen Gallus außer diesem Ekkehart, von welchem wir reden, Chunibert, welcher nachher Abt zu Altaich wurde, ein zweiter Walto, welche auf Geheiß ihres Abtes durch Ekkehart als Zwischenboten Ruodmann ansprachen und darum baten, er möchte seine brüderliche Zunge sparen. Da nun jener hierum sich nicht im Mindesten bekümmerte, behandelte er doch den Boten teils um der Ehre seiner Person willen, teils aus Furcht vor der gestrengen Herzogin, zu welcher jener auch damals ging, in würdiger Weise. Weil jedoch Ekkehart selbst den zu allen Dingen feindselig gesinnten Mann durch kluge Beredsamkeit während der Verhandlung immer wieder vergeblich zu überweisen suchte, kehrte er, durch dessen sehr starke Drohungen bewogen, heimlich zum Kloster zurück und sandte auf den benachbarten Berg (Hohentwiel) einen Boten rückwärts, welcher der Herzogin das seiner Ankunft entgegenstehende Hindernis melden sollte, und er schied von Ruodmann hinweg, indem er dessen Endbescheid von sich wies. Da aber Ruodmann glaubte, dass Ekkehart zur Herzogin abgegangen sei, bestieg er sein Pferd und betrat, indem er bei Nacht beim heiligen Gallus eindrang, heimlich das Innere des Klosters, um wie ein Dieb zu erspähen, ob er etwas, was seiner Beschuldigung recht nahe käme, auffinden könnte; und als er in dem ihm sehr bekannten Kloster umhergehend überall beobachtet hatte, ohne etwas seinem Wunsch Entsprechendes zu finden, stieg er von der Seite der Kirche in das Schlafgemach hinauf und ging Schritt für Schritt auf den geheimen Ort der Brüder und setzte sich da im Verborgenen nieder. Ekkehart, der zu allen Dingen umsichtige Mann, folgt, vom Lager sich erhebend, jenem stehenden Fußes nach, ohne zu wissen, dass er es sei und verwundert sich, da er den Mann allein erreicht, wer denn von den Brüdern dergestalt jenen bei Nacht uns ungewohnten Weg, im Wunsche auszuweichen, ginge; denn jener saß verborgen bei dem dunklen Licht des Raumes. Als Ekkehart jedoch einige Zeit geschwankt hatte, wer es sei, merkte er an dem Schnauben der Nase, womit derselbe in der Erregung Atem zu holen pflegte, dass es Ruodmann sei, und sogleich zündete er die Laterne des Abtes, welche heimlich herbeizubringen er einen der Brüder ermahnte, an und stellte sie vor jenen hin, und indem er ihm Wischstreu hinlegte, stand er, wie sein Kaplan, von ferne, und durch Winke ermahnte er die Brüder, welche herbeikamen und verwundert waren, für wen die Laterne da stehe, nach Gewohnheit das Schweigen zu halten; der Abt nämlich, welchem allein eine Laterne zu führen gewöhnlich ist, war vom Ort abwesend. Als jener endlich, lange erwartet und nicht wissend, was er tun könnte, sich erhob, ging Ekkehart, nachdem er die Laterne aufgehoben, vor dem sich hinwegbegebenden Ruodmann auf demselben Weg, auf welchem er ihn kommen gespürt hatte, voraus. Und als sie zum Eingang der Kirche, wo die Örtlichkeit des Sprechzimmers ist, gekommen waren, mahnt er ihn stillschweigend, sich hier zu setzen, bis er seinem Oheim, dem Dekan, und den Brüdern ihn angekündigt hätte, damit sie einen so gewichtigen Gast nicht verkännten. 

92. Verhandlung der Mönche mit Ruodmann.
Und siehe, als ein Teil der Brüder, vorzüglich der Jünglinge, bei der Neuheit der Sache verdutzt sich genähert hatte, reißt einer von ihnen nach Einsicht der Sachlage rasch die Geißel aus dem Warmraum und schreit, auf den Ruodmann einschreitend, denselben als Verbrecher an, und wenn nicht die in ihrem Sinne Vernünftigeren jenem, da sein Arm zum Schlag erhoben war, entgegengelaufen wären, würden sie ihm schwere Schläge aufgemessen haben. Da aber Ruodmann endlich merkte, dass er sich in der Verlegenheit befinde, sagte er: »Wenn ich Gelegenheit zur Flucht hätte, Ihr Beste unter den Jünglingen, so würde ich fürwahr fliehen; jetzt aber, weil ich, ich mag wollen oder nicht, in Euren Händen bin, so geziemt es sich gewiss für Euch, milder mit mir umzugehen, aber auch auf Euren Dekan und die übrigen Väter zu warten.« Zuletzt, nachdem in Kurzem Rat gesucht worden war, kam der Dekan mit den Vätern dazu. Allein Notker der Arzt, das Pfefferkorn, welcher gegen jenen leidenschaftlicher erregt war, versetzte: »Zu Deinem Unheil, Verschlagenster der Menschen, bist Du wie ein Löwe, der Du da suchst, welche Du verschlingest, in die Hände der Brüder, die Du wie ein anderer Satan anklagst, gefallen.« Aber Ruodmann, durch die Worte des so bedeutenden Mannes zum Zittern gebracht, sagte, da ihm nicht unbekannt war, dass der Dekan ein Mann liebevollster Sinnesart sei, zu diesem: »Siehe zu, verständigster Vater, damit Du nicht zulassest, dass ich, umgangen durch die Künste Deines Namensvetters, entehrt werde und das nachher Dich zur Unzeit reue.« Und endlich warf er sich nieder und sagte: »Siehe, ich suche von allen um Gnade nach, damit ich mit Euch in freundliche Beziehungen zurückkehre und von nun an gewiss von solchen Dingen mich fernhalte.« Die Verständigeren hatte an dem so mächtigen Mann die plötzliche Veränderung der Dinge gerührt. Aber andere murrten, wie das zu geschehen pflegt, anderes. Als endlich nach Ekkeharts Ratschluss die Väter besänftigt und Ruodmann durch dieselben mit allen wieder versöhnt war, ging derselbe, von jenem selbst geleitet, zu den Seinigen hinaus, wo dieselben auf sein Geheiß warteten, und nachdem er vor den Seinigen fröhliche Worte gesprochen, schied er, indem er unter anderem den Ekkehart dringend bat, er möchte an ihm, wann er das nächste Mal nach dem Twiel sich begäbe, nicht vorübergehen. Den Brüdern aber versprach er zwei Fässer Weines von sich aus und schickte sie in nächster Zeit in einem Schiff nach Steinach. 

93. Ekkeharts II. Besuch bei Abt Ruodmann; Ekkeharts Rückkehr zu Hadwig; Otkers Klugheit.
Aber Purchard vernahm auswärts von der Verwirrung und war, als er ankam, über die Massen schmerzlich bewegt, dass Ruodmann so sicher und frei davonging, und er bestellt dem Bischof Klagen über die unerhörte Sache. Und siehe, Ekkehart geht, begleitet von dem ihm gleichnamigen Diakon, dem späteren Dekan, und von dem Knaben Purchard, dem späteren Abt, seinen Vettern, nach dem Twiel und redet auf der Reichenau ebenso den Ruodmann an, wie sie übereingekommen waren. Indem der verschlagene Abt mit seinen Künsten zwischen den Gesprächen Missbrauch treibt, findet er, dass Ekkehart ihm nicht nachstehe. Denn indem dieser, damit er nicht zu spät zu der gestrengen Frau käme, sich beschleunigt, beschenkt ihn der Abt mit einem prächtigen Pferd. Indessen er nun dasselbe mit einem Teil der Begleitung vorausschickte, verzögert er ein Weilchen mitten unter Worten der Fröhlichkeit und freundschaftlichen Hieben der Hinterlist in wissentlicher Absicht den Abschied, und da sich endlich Ekkehart zwischen Umarmungen und Küssen entlassen sieht, sagt ihm, seinem Gastfreunde, jener, gleichsam das Bein ihm unterschlagend, in das Ohr: »Glücklicher, der Du eine so schöne Schülerin in der Grammatik zu unterrichten hast.« Darauf gibt Ekkehart, als ob er in liebevoller Beistimmung lächelte, dem gegnerischen Freund solches in das Ohr zurück: »So wie auch Du, Heiliger des Herrn, der Du einmal die schöne Nonne Kotelind als teure Schülerin die Dialektik lehrtest.« Und rascher, als das gesprochen war, wandte er sich, als der Abt, ich weiß nicht was wieder zischeln wollte, von demselben weg und entfernte sich, nachdem er sein Pferd bestiegen, im Unwillen. Aber Otker, der Bruder und Krieger des Abtes, sagte, als er dessen Erregung bemerkt hatte: »Jenes Pferd hast Du, mein Herr, wie mir scheint, gänzlich verloren.« Während jene beiden Brüder aber, die wir genannt haben, sich unter Verbeugung die Entlassung erbaten – von ihnen selbst haben wir so die Sache vernommen -, sprach der Abt, von ihnen abgewandt, zu dem Bruder: »Dass Du doch hinter jenem her Schnellboten schicken möchtest, welche jenes edle Pferd mir zurückführten.« Und Otker entgegnete: »Ja, in Wahrheit: reist jener doch mit den Seinigen jetzt zu jener Frau, sodass ich es mir nicht vorzusetzen vermag, einem der Meinigen zu befehlen, auch nur irgendetwas von dem, was jenem gehört, zu berühren!« So bestiegen auch jene zwei die Pferde und begaben sich bescheiden hinter dem Meister her. Sie stiegen aber auf den Berg hinauf und erschienen vor der Herzogin, wie sie zur Vesper ging. Als sie begrüßt worden waren, sprach Hadwig – denn sie hatte schon von der früheren durch Ruodmann veranlassten Störung gehört – : »In der Tat, wie ich höre, mein Meister, bist Du jenem Wolf, der anderswo in die Hürden eintrat, ein nicht sehr gelegener Laternenträger gewesen.« Und als Ekkehart lächelte, fuhr jene fort: »Beim Leben der Hadwig!« – denn so pflegte sie zu schwören – »was mich angeht, ich hätte mich nicht darum gekümmert, wenn etwa einer der Unerfahrenen in jenem Kloster dem Eindringling schwere Schläge aufgemessen hätte.« 

94. Die Herzogin und der Klosterschüler Purchard.
Am andern Tag dann, als die Herzogin mit der Morgendämmerung, wie sie da zu tun pflegten, das Schweigen nach der Regel, wovon sie auch selbst eine sorgfältige Beobachterin war, nach der Sitte zu Ende geführt hatte – sie hatte nämlich schon ein Kloster auf dem Berg zu errichten begonnen -, ging sie zu dem Lehrmeister, um mit ihm zu lesen. Und als sie sich gesetzt hatte, befragte sie Ekkehart unter anderen Dingen, wozu jener Knabe gekommen sei, indem der Knabe selbst dabeistand. »Wegen des Griechischen« – sagte Ekkehart – »meine Herrin! Ich habe Euch denselben, der auch in anderen Dingen manches weiß, hergebracht, damit er von Eurem Munde etwas sich ermerken könnte.« Der Knabe selbst aber, schön von Aussehen, brachte, weil er im Versmaß sehr fertig war, so sein Begehren vor: »Fast spreche ich, Herrin Latein: Grieche noch möchte ich sein.« Darüber ergötzte sich jene, so wie sie neuer Dinge begierig war, so sehr, dass sie ihn an sich zog und küsste und näher zu sich auf einen Fußschemel setzte. Sie forderte nun neugierig von ihm, dass er ihr noch mehr Verse unvorbereitet machen möchte. Da aber versetzte der Knabe, eines solchen Kusses gleichsam ungewohnt, indem er seine beiden Lehrer anschaute, die folgenden Worte:
»Nicht ganz kann ich mich richten, würdige Verse zu dichten;
süß hat der Kuss mir geschmeckt, als mich die Fürstin erschreckt.«
Sie jedoch brach in ein Gelächter aus, weit entfernt von ihrer gewöhnlichen Strenge; endlich stellte sie den Knaben vor sich hin und lehrte ihn die Antiphon: »Maria et flumina«, welche sie selbst in das Griechische übertrug, so singen:
»Thalassi ke potami, eulogiton kyrion; ymnite pigonton kyrion allelluja.«
Und oft unterrichtete sie ihn nachher, wann sie freie Zeit hatte, indem sie ihn zu sich rief und Verse aus dem Stegreif von ihm forderte, im Griechisch reden und zeigte ihm ihre Zuneigung in vorzüglicher Weise. Endlich auch beschenkte sie ihn als er wegging mit einem Horaz und einigen anderen Büchern, welche unsere Büchersammlung noch heute enthält. 

95. Erörterung über Ruodmanns Angelegenheit.
Aber jener jüngere Ekkehart war inzwischen mit dem Knaben zu anderen bei Seite gegangen, wie das seine Gewohnheit war, nämlich zu gewissen Kaplänen der Herzogin, welche dieselbe an ihrem Hofe in keiner Weise in Muße sich halten ließ, um diese zu unterrichten; denn auch er selbst war in einer dazu geeigneten Weise wissenschaftlich gebildet. In gewohnter Art waren die Herzogin und Ekkehart allein zum Lesen zurückgeblieben. Vergil lag in ihren Händen, aber auch jene Stelle: »Die Danaer fürchte ich, auch wenn sie schenken.« – »Diese Stelle mir in Erinnerung zu bringen«, sprach Ekkehart, »hatte ich, meine Herrin, gestern gehörig die Gelegenheit.« Und als er sie darin eingeweiht hatte, wie der Abt von Reichenau ihn in sein Kloster eingeladen und mit einem Pferde in ehrenhafter Weise beschenkt, dennoch aber mitten unter den Gaben sich verschlagener Reden nicht enthalten habe, unter Verheimlichung aber der letzten Worte, welche sie sich gegenseitig in die Ohren gezischelt, entgegnete die Herzogin: »Ich möchte jenes ganze Trauerspiel, welches ganz neulich zwischen Euch geschehen ist, vom ersten Anfang an vernehmen, weil ich nicht weiß, ob ich dasselbe wirklich in Wahrheit gehört habe. Ich verwundere mich aber, dass, während ich als Stellvertreterin des Reiches so nahe dabei mich befand, zwei Klöster meines Herzogtums so große unheilvolle Dinge angestiftet haben, indem sie meine Person in der Tat nicht beachteten. Denn gewiss, wenn nicht meine Ratgeber mir widerraten, werde ich, wo ich die Schuld gefunden habe, gerecht die Strafe auszuüben haben.« Und er versetzte: »Es geht gegen die Treue, meine erlauchte Herrin, dass ich fürwahr, der ich nach meinem Oheim an der Wiederversöhnung den meisten Anteil gehabt habe, Dir irgendetwas, weil ich es anders nicht vermag, in anklägerischer Weise nach den Friedensküssen sage. Obschon nämlich, wie Du ja selbst den Menschen kennst, mich jener gestern in vielen Dingen, da schon die Geschenke feststanden, heimlich aufgereizt hat, so ist es doch keineswegs meine Sache, den Frieden zu zertrennen, welchen so gewichtige Männer unter sich abgeschlossen haben, indem aus diesem Grund auch ich es nicht außer Acht lasse, mit jenem zugleich dem Frieden beizustimmen, so wie er selbst ja auch denselben will.« Es gefiel der Frau die vernünftige Überlegung und das gerade Handeln des Lehrmeisters. Dennoch sagte sie hierauf eine öffentliche Unterredung für diese und andere Angelegenheiten der Regierung nach dem Orte Wahlwies an; sie hatte auch befohlen, dass der Bischof und die Äbte dahin kämen. Ruodmann aber, voll von Argwohn, dass Ekkehart jene in das Ohr gesprochenen Worte der Herzogin offenbar gemacht habe, zehrte sich in seinem Sinne ab, und er richtete an ihn auf den Berg durch einen gewissen scharfsinnigen Fremden einen Brief. Nach Mitteilung über die zwischen ihnen beiden wieder aufzurichtende Freundschaft standen da diese Worte: »Denn ich verwundere mich über meinen zu allen Dingen sehr scharf befähigten Freund, wenn er jene in die Ohren gesäuselten neuesten Dinge der herzoglichen Herrin hätte zuströmen lassen und wenn Du etwa das getan hast, so bitte ich, wollest Du es mir berichten.« Ekkeharts Gegenmeldung jedoch brachte, durch eben denselben Briefträger, nach einigen Worten das Folgende: »Und nicht einmal bin ich nämlich jemals bei meiner Schönsten in so großem Vertrauen gewesen, dass ich gewagt hätte, den Ohren ihrer Strenge dieses vorzubringen.« Dieses habe ich mitten aus Beider Briefe der Kürze wegen ausgezogen. 

96. Ruodmann vor dem Gericht der Herzogin.
Als der Abt endlich von der sehr großen Furcht vor derjenigen, welche er am meisten gefürchtet hätte, freigesprochen war, wandte er sich zuerst durch Boten an den damaligen Bischof Kaminold. Weil ihm nun auch dieser selbst für den durch den Einbruch in das Kloster geschehenen Betrug feindselig war, besänftigte er denselben durch genau bestimmte Gaben. Dann sandte er ihn selbst auf den Berg zu der Herzogin und mit demselben zwei Sachwalter aus den Seinigen. Der Bischof zwar verkündigt vor der Herzogin, dass dem Abt erlassen worden sei, was derselbe an ihm, dem Bischof, verfehlt hätte; die Sachwalter jedoch sagen: »Wenn er vom Bischof frei ist, so entbehrt er, beste Herzogin, unverdient Eure Gunst.« Diesen Männern nun antwortete jene: »Weil die Stätte des heiligen Gallus unter kaiserlicher Freiheit und unter meiner Regierung ist, so ist sie durch das Privilegium der Immunität in wirksamer Stellung, und ich werde, wenn ich es vermag, derselben die Immunität vor jenem Manne behaupten, welcher unter dem Namen eines Abtes in Wahrheit ein Gewaltherrscher ist. Es werde die für den Immunitätsbruch aufgezeichnete Geldstrafe verlesen und weil Du, mein Bischof, für jenen gekommen bist, so mag er, so wie das Recht es fordert, die Busse dem heiligen Gallus und dem Abt bezahlen. Und weil es meines Rechtes ist, wenn ein Laie einen Laien, damit ich dieses selbst in rechtsprechenden Worten ausdrücke, verletzt hat, so mag er vor meinem Grafen nach dem Gesetz gebüßt werden; umso viel mehr, wann ein in gewalttätiger Weise auftretender Abt in nächtlicher Weile bei einem unter königlicher Freiheit stehenden Abt feindlich eingedrungen ist, so wird er vor mir dem königlichen Urteil unterworfen sein. Dennoch liegt bei diesem des Majestätsverbrechens Angeklagten die Sache so, dass ich nicht wüsste, ob es mir nur zieme, nunmehr ohne die Gegenwart des Kaisers sogar richterlich zu sprechen, wenn ich nicht ansehen würde, dass Ihr, welche Ihr für jenen sprecht, wahrlich so ansehnliche Männer seid.« Endlich wurde es nach mehreren Verhandlungen, als sie Berater, unter welchen auch Ekkehart sich befand, beigezogen hatte, mit Mühe dazu gebracht, dass unser Abt vorerst durch die Immunitätsbusse in Gegenwart der Seinigen, welche er dazu bestimmt haben würde, für jenen zwischen Mönchen niemals erhörten Einbruch versöhnt werde und dass dann Ruodmann an einem dazu angesetzten Tag hundert Pfund vor den Toren des Twiel, wie es sich für ihn geziemte, vorweisen und darauf endlich die Gunst der Herzogin wieder für sich haben sollte, und diese befahl an dem angesetzten Tag, indem fünfzig Pfund dem Abt um des Bischofs willen erlassen wurde, dass der Abt das Übrige zurücknehmen dürfe. 

97. Abt Purchards Unfall durch Hadwigs Zelter.
Und nach diesen Tagen schickte die Herzogin selbst unserem Purchard, als ihrem Verwandten begreiflicherweise und ihrem Lieben, einen sehr zierlichen und munteren Zelter, um auch ihrerseits seinen beleidigten Sinn zu lindern – sie vernahm nämlich, dass er an köstlichen Rossen sich in außerordentlichem Maß ergötze – , aber auch, damit es ihn nicht verdrießen möchte, für sie fürwahr zu beten. Der Abt wird zu Rickenbach gefunden und das Ross ihm dargestellt, welches sich freudig gebärdet; sogleich befiehlt jener in liebevoller Gesinnung gegen die so hohe Geberin, dass es ihm gesattelt werde, und er besteigt es, um sich hinweg zu begeben. Aber indem das Ross sich bäumend ihn in die Höhe hob, stieß es den zarten Mann, welcher dabei aber doch von eingeborenem Feuer und von Munterkeit erfüllt war, an den Pfosten der Türflügel des Hofes und verrenkte ihm den Oberschenkel, indem es ihm denselben aus der Pfanne der Hüfte aushob. Obschon er nach Vermögen durch Notker von dieser Wunde nun geheilt wurde, vermochte er dennoch später nicht ohne zweifache Krücken einherzugehen. Und da er solches lange erduldet, übertrug er dem Richere, dem schon genannten Kämmerer seines Hofes, einem vermöge seiner Tugenden kaum zu vergleichenden Mann, nach der gemeinsamen Zustimmung der Brüder, dass er, nach den Ratschlägen des schon alternden Dekans Ekkehart seine Verrichtungen treffend, die Abtei für ihn lenken sollte, und selten blühte damals ein anderes Kloster fröhlicher, als das des Gallus. 

98. Ekkehart II. am Königshof; Ruodmanns Neid.
Inzwischen wurde auf Betreiben der Hadwig Ekkehart an den Hof der Ottonen, des Vaters und des Sohnes, hingenommen, damit er, in der Kapelle immer verweilend, für den Unterricht des jungen Königs und ebenso für die höchsten Beratungen geschickt dienen möchte, und er erschien dort in kurzer Zeit so gewichtig, dass es im Munde aller Leute war, ihn erwarte irgendeiner der höchsten bischöflichen Stühle. Denn auch die Königin Adalheid, die jetzt heilige, liebte jenen an und für sich, und als ihm, wie er so eine ziemliche Weile lebte, die Abtwürde von Ellwangen gleichsam als Warteplatz, wie sie sagten, von den Königen dargeboten wurde und er selbst dieselbe anzunehmen nicht undankbar sich zeigte, so schoben doch die Königin und die Herzogin, weil er noch vor allen dem Hof notwendig wäre, dieses günstige Geschick hinaus, bis sie ihn mit einem großen Bistum beschenken könnten. Da aber Ruodmann ebenfalls selbst, und zwar durch viele Gaben, den Hofleuten sehr vertraut war und Ekkehart einmal, um seine Brüder aufzusuchen, von der Pfalz auf eine gewisse Zeit sich hinweg begeben hatte, zischelte jener gegen ihn, aber auch, wie das seine Gewohnheit war, gegen die übrigen Mönche des heiligen Gallus, als ob er selbst und gewisse andere aus ihnen, in großem Besitze stehend, üppiger lebten, die Übrigen aber ausgehungert Mangel an Speise litten und der Abt, in Kränklichkeit festgehalten, für diese weniger sorgen könnte: – er jedoch wisse von einem sehr regelrecht lebenden Mönch zu Köln, namens Sandrat, und wenn diesem die Gelegenheit gegeben würde, vermöchte derselbe so mächtige Männer durch Demütigung zu zwingen, den Weg des Benedictus zu beschreiten. 

99. Ruodmanns neue Erfolge gegen St. Gallen; die Bestellung der Prüfungsbotschaft vom Hofe.
Zu den Ohren des Kaisers gelangen die Worte und siehe, Ekkehart kommt, zurückgekehrt von St. Gallen, über die Sache. Heimlich erzählen ihm die Ottonen das ungünstige Gerücht und befragen ihn selbst darüber, was ihm denn davon scheine. Aber jener fällt zu den Füssen der beiden nieder und bittet, sie möchten nur unseres Freiheitsbriefes eingedenk sein; hinsichtlich des Übrigen sollten sie, wen immer sie wollten, um prüfend nachzusehen, was für eine Frömmigkeit an dem Orte sei, nach St. Gallen senden und, wenn da irgendetwas Ungehöriges gefunden werde, dann gewiss nach dem Rat der Prüfenden dasselbe verbessern. Otto der Vater aber sagte: »Und fürwahr, es wird mir auch nicht leicht im Sinn liegen, meinen Neffen, welcher nach Eurer Freiheit Abt ist, abzusetzen, auch wenn er außerdem lahm sein mag. Die üble Rede jedoch, welche ich höre, abschaffen zu lassen, musste Euer eigenes Begehren sein.« Ekkehart bittet endlich, sie möchten, wen sie immer mit alleiniger Ausnahme des Ruodmann wollten, an die Stätte hinschicken, indem er sagte: »Weil dieses schimpfliche Gerücht durch die von ihm selbst ausgehenden Listen an Eurem Hof sich befindet.« Nachdem sie auch die Ursache des Hasses selbst vernommen, nichts desto weniger aber ein Ratschlag begonnen worden war, schicken sie sechzehn unter Bischöfen und Äbten hierzu Auserlesene an die Stätte des Gallus und Otto der Sohn, von dem Vater in deren Sitzung abgeordnet, spricht: »Geht Ihr, mit den Äbten ernannte Bischöfe, um die Mönche des Klosters des heiligen Gallus, welche verunglimpft werden, zurecht zu bringen, und deswegen weil eine plötzliche Änderung der Dinge öfters den neuesten Irrtum schlimmer macht, als den früheren, so wollen wir – sagt mein Vater – so viele Boten eines großen Ratschlusses senden, dass die von Euch allen zusammengebrachte Einsicht nichts bleiben lasse, wenn dort irgendetwas allzu sehr gegen Gott zu sein gesinnt gewesen ist; wenn aber Eure Klugheit etwas Erträgliches sehen wird, möget Ihr jenen gar wohl in solchen Dingen zu verbleiben gestatten, während sie selbst Euch darüber mit Vernunft belehren. Denn wir wissen, dass, in welcher Weise sie immer leben mögen, dennoch dem heiligen Gallus Männer von Tugenden nicht fehlen werden. Wenn Ihr aber dort solche spüren werdet, die da sich haben hinreißen lassen durch die Erkenntnis, welche aufbläht und solche, welche, wie das geschieht, in irgendetwas Eurer Sendung widersprechen, so führt uns dergleichen an den Hof herbei, damit wir aus denselben einige, wenn sie etwa tauglich sind, etwelchen Schulen, welche im Reich wanken, voranstellen, wenn aber nicht, sie in regelrechte Klöster einschließen.« 

100. Reden der Bischöfe Arnolf und Hiltebald vor Otto.
Während Ekkehart dieser Kundgebung absichtlich nicht beiwohnte, ebenso aber auch nicht Ruodmann, sprach Arnolf, der Bischof von Toul: »Eine beschwerliche Sache, mein Herr König, werden wir zu unternehmen haben, und, wie ich argwöhne, es ist ein solches schlimmes Gerücht aus der Quelle des Neides entstanden. Ganz neulich nämlich war ich, und zwar infolge eines Gelübdes, an jenen Ort hingegangen, und ich weiß nicht, ob ich im Reich Deines Vaters eine solche Liebe sonst gefunden habe; aber auch das Übrige im Werke Gottes, was ich da gesehen hatte, nannte ich unvergleichlich. Deswegen, so viel an mir ist, behaupte ich, dass ohne den Anstoß einer großen Ursache Männer von so großem Verdienst und Namen nicht in Angriff genommen werden dürfen. Denn nicht auf einem einzigen Weg und einer Straße der Regel wird der Himmel und das Reich Gottes erstiegen, welches, weil es unter uns ist, den einen so, den andern aber so zu erklimmen gestattet wird. Gott hat nämlich Einsicht in die ganze Reihe der Menschen, welche sein sind, und so viele Wohnungen fürwahr sich im Reich des Vaters befinden, so viele Wege führen, mein König, wenn ich mich nicht täusche, in dessen Haus.« Aber Hiltebald, der Bischof von Chur, sprach: »Alles, wovon dort Kenntnis erlangt wird, frommer König, ist des Lobes würdig, außer dass sie Gewisses da für sich eigentümlich haben und einige aus ihnen sich der Fleischspeisen bedienen. Und zwar haben sie dieses selbst immer auf die Erlaubnis ihrer Äbte hin getan, um nicht von der Regel abzufallen. Dass sie aber Eigentum besitzen, verhält sich so« – fuhr er fort – : »Die verdienten Männer, welche unter ihnen stets gewesen sind, binden sich selbst, aber auch die Übrigen, welche in ihrer Zunge oder ihrer Hand weniger stark sind, unter der von den Vätern her eingepflanzten Strenge der Zucht; aber sie nähren die, wie es der Mangel der Stätte mit sich bringt, im Speisesaal weniger gut Besorgten, die Bedürftigen, mit Lebensmitteln, wie sie nur immer können, und zwar an Stellen, welche vom Abt innerhalb der Einfriedigung der Klausur dazu eingeräumt worden sind. Wenn jedoch denjenigen, welche dieses Recht haben, dasselbe zu besitzen verboten wird und die Erlaubnis wird entzogen werden, zuweilen durch die Arbeit der Hände, welche daselbst stets eine sehr kostbare war und ist, etwas an sich zu nehmen oder auch von Verwandten und Freunden Erbetteltes zusammenzubringen, so wird jener Ort, welcher immer ein Ernährer der Tugend der Männer war, zur Nichtigkeit herabgebracht werden. Und ich werde« – so fügte er bei – »wenn ich mich unterfangen darf, etwas über mich selbst, mit Erlaubnis des Kaisers, beizufügen, dieses wahrhaftig vorbringen können: dass nämlich, wenn der Gerechte selbst für sich das Gesetz ist, Ihr in Eurem Reich regelrechtere Mönche nicht besitzet. Denn da ich unter jenen aufgezogen bin und wegen ihrer Tugenden sie noch zuweilen besuche, so weiß ich, was ich behaupte.« – Da sagte der König: »Ja in Wahrheit, wenn sie, wie Ihr behauptet, aus dem Ihrigen leben, sodass sie dieses selbst nach der Regel des Benedictus tun, so legen wir Euch allen auf, dass Ihr dort so handelt, wie Ihr nur vorzüglich vermögen werdet. Und weil auch wir wirklich erkennen, dass einige von ihnen ehrwürdige Männer seien, so beliebt es uns nicht, sie in feindseliger Weise anzugreifen; sondern wir ordnen so viele freundschaftlichste Ratgeber allerdings ab, damit Ihr dem Abt, meinem kranken Bruder, weil mein Vater ihn Sohn nennt, zur Stütze dienet, damit sie das viele Gute, was sie tun, von jetzt an« – so schloss er – »auf die Regel des Benedictus hinwenden.« 

101. Abt Purchards Schreiben an die Könige.
Endlich wird Ekkehart, für seine Heimat von großer Angst erfüllt, vorausgeschickt, um unserem Abt den Tag und die Ursache der Ankunft so vieler Gastfreunde anzukündigen, nachdem er vom Vater und vom Sohn stark beschworen worden war, dass sie im Kloster wahrnehmen möchten, war zur Regel gehöre. Als die Könige ihm sagten, dass, so wie er selbst gebeten hatte, Ruodmann an der Abordnung unbeteiligt gelassen werde, ging er in größerer Freude, indem er aber nur forderte, dass ihm von den beiden Königen gestattet werde, es möchte ihm frei stehen, wenn er irgendetwas nach der Beschaffenheit des Ortes zu raten wüsste, dieses zu tun. Der Abt aber und die im Ratschlag vernünftigeren Väter sind zuerst bei Anhörung der Kunde betreten; nachher jedoch gewannen sie, gestärkt durch den Eifer ihrer Gebete, das vollste Vertrauen. Da endlich der Abt in Betreff des Aufwandes für den Empfang jener Männer in Unruhe gewesen war, richtete er an die Könige einen Brief auf folgende Worte: »Meinen Herren, den Mächtigsten der Länder, Purchard, der Ihrige, die Macht der Himmel ohne Ende! Ich weiß, meine Herren, dass ich, der Verächtliche und Entartete Eures Blutes, oft von jedem unter Euch lieblicher, als ich zu wünschen gehabt habe, behandelt worden bin. Jetzt aber, da ich in der Hand des höchsten Herrn geschlagen fürwahr darniederliege, würde ich niemals verhofft haben, noch überdies von Euch durch so plötzliche Erschütterungen geängstigt zu werden.« Und nach wenigen Worten über das frühere feindselige Eindringen des Ruodmann und eben über diese ihm durch die Künste desselben verursachte Herbeisendung so vieler Gäste, sagte er: »Ich bete, es möge der Heilige Geist meinen Hirtenstab zum Schwert für sich schärfen und selbst, weil ich nicht die Stärke habe, die Geschosse des Ruodmann stumpf zu machen, dieselben abstumpfen. Über alles endlich möge Eure Hoheit sehen, wenn sie bei jener Abordnung meiner zu schonen nicht den Willen gehabt hat, mit welcher Zukost ein so großes Volk bei uns leben kann. Denn fürwahr, wenn eben diejenigen Lebensmittel, welche ich kaum auf ein Jahr für meine Mönche zurückgelegt hatte, verbraucht sein werden, so werden diese nachher keine andere Regel haben, als den Mangel, und endlich wird es notwendig sein, dass sie gezwungener Weise ihr Leben schlecht fristen.« Endlich wird, nachdem ein Ratschlag begonnen worden war, dem Ruodmann auferlegt, gleichwie einem gewinnsüchtigen Aufbewahrer der jährlichen Früchte, die königlichen Boten an genannten Plätzen beim Kommen und Gehen zu versorgen; in unserem Kloster aber sollte Purchard acht ihm Genannte aufnehmen, Ruodmann ebenfalls acht. Indem jedoch Ruodmann selbst den Königen riet, dass unser Bischof Chuonrad an solchen Dingen Anteil nehmen sollte, während Chuonrad selbst anwesend war, widersprach dem derselbe heftig mit heiserer Stimme, nach seiner Art, indem er sagte: »Keineswegs! Du allein hast das eingebrockt; Dir allein kommt es zu, es auszuessen.« Da aber alle dadurch zum Lachen gebracht wurden, sprach er: »Nämlich mit dem Ankläger der Brüder etwas gemein zu haben, beliebt mir weder im Himmel noch auf der Erde.« 

102. Ankunft der Botschaft in St. Gallen; Besichtigung des Klosters.
An dem angesagten Tag endlich, welcher der dritte Wochentag auf den dritten Sonntag nach Ostern war, an dem damals dem Desiderius bei uns, deswegen weil Gallus selbst dessen Reliquien an den Ort hergebracht hat, sehr hoch gefeierten Tag, kommen die Abgesandten sämtlich heran. Den festlich Aufgenommenen wird der Antwortgesang »Cive apostolorum« gesungen; der Abt, welcher schwach im Sprechzimmer sitzt, erhebt sich vor ihnen, wie sie hereingeführt werden. Wie sie sich setzen, wird ihnen das Stück über die Liebe und deren Dienerin, die Weisheit, verlesen; nachdem dasselbe zu Ende gebracht ist, stehen alle auf zu den Küssen des Abtes und der Brüder. Dann sprach der Abt: »Gesegnet seid Ihr in dem Herrn«, und die Brüder fügen bei: »Welcher Himmel und Erde gemacht hat.« Aber Heinrich von Trier, welchem die höchste Gewalt in diesen Dingen anvertraut war, blickte im Innern des Klosters umher und sagte: »Ja fürwahr, ein solches Nest schickt sich für gute Vögel.« Und Kebo, der Abt von Lorsch, ein Mann verehrungswürdigen Namens vor vielen und an diesem Tage mehr als die Übrigen für uns gesinnt, der aber auch nachher häufig durch Gaben und Räte uns erfreute, sagte: »Wenn es gefällig ist, wollen wir zuerst von dem Abt über dieses Nest der Vögel selbst hören, wie beschaffen dasselbe in allen Stücken sei, damit wir über das Übrige unbefangener zu erfahren im Stande sind, was wir zu tun haben.« Und Kerho, der Abt von Weissenburg, auch er ein Mann von großem Namen, welcher nach dieser Zeit uns zu einer Wasserleitung, die er selbst zuerst uns ausdachte, die Röhren durchzubohren lehrte und uns immer liebte, begleitete inzwischen unsern Bischof und den Abt mit den Brüdern, deren Ehrerbietung ihn, wie er nachher versicherte, heftig rührte, in das Kapitelhaus und erinnerte zum Voraus daran, was er als angemessen erkannte. Aber jene streifen unter der Führung des Ekkehart durch die Werkstätten, welche noch nach der Feuersbrunst kaum auch nur einigermaßen wieder bedeckt waren und verwundern sich, den Keller der Brüder von Wein fast leer zu finden. Allein indem sie sich auch die Vorratsräume der einzelnen öffnen ließen – denn Ekkehart, ihr Führer, machte sie aufmerksam darauf, dass sie beim Eid ihm auferlegen sollten, nichts zu verheimlichen -, durchwandern sie sorgfältig prüfend alles Einzelne. Da sie jedoch auch über den eigenen Keller des Abtes Fragen stellten, sagte er: »Diese einzelnen den Brüdern zustehenden Behältnisse, welche ich gezeigt habe, sind stets auch auf seinen Wink bereit. Denn nicht einmal er selbst ist, weil so der Mann geartet ist, an einen anderen Keller gewöhnt. Alljährlich nämlich sammelt er das pflichtmäßig ihm Zukommende in den Keller der Brüder.« 

103. Vorbereitungen zur Beratung.
Und Poppo, der Bischof von Würzburg, sprach, indem er zu den Übrigen sich wandte: »Ja in der Tat, wenn so sich zwischen den Mönchen und dem Abt die Sache verhält, werden wir heute eine bessere Regel und ein gemeinsameres Leben einzurichten nicht im Stande sein, auch wenn das Füllhorn des Reichtums an einem reichlich versehenen Ort sich befände. Der Abt misst, wie wir gehört haben, den Brüdern zu; die dazu befähigten Brüder messen dem Abt zu, und nichts ohne dessen Erlaubnis für sich. Aber es ist zu sehen, dass die ganze von beiden Seiten zusammengetragene Fülle keiner derselben genügen kann.« Und Palzo, der Bischof von Speyer, welcher am Orte aufgezogen worden war und neben welchem damals nach der Meldung des Gerüchtes niemand unterrichteter war, sprach: »Wenn Ihr ihre Sitten kennen würdet und die strenge Gewalt ihrer Zucht, so würdet Ihr – glaubt dem Erfahrenen! – über alle hinaus, welche im Reich unter der Fülle regelrecht leben, sie unter ihrer Dürftigkeit loben.« Dann nahm der Erzbischof Heinrich, welchem, wie wir gesagt haben, die oberste Leitung dieser Sache anvertraut war, seine Genossen herzu und ging, indem er sagte, dass er das Treffen beginnen werde, als Fahnenträger in die Versammlung unserer Genossenschaft hinein. Thieterich aber, der Bischof von Metz, ein junger Mann, welcher noch neulich an dem Orte Schüler des Gerald gewesen war, trug das Buch der Regel offen in der Hand, und als er an dem Lehrmeister, welcher an seinem Ort stand, vorübergehend denselben übersah, fährt derselbe mit diesen Worten auf den Mann, wie auf seinen Schüler, geräuschlos ein: »Du«, sagte er, »trägst das Buch gegen mich her, welches ich geschlossen besser kenne als Du offen? Schließe dasselbe!« Aber der Jüngling, durch das Wort des Lehrers von Schamröte übergossen und sich neigend, schloss das Buch hurtiger und legte es, indem er sich setzte, neben sich nieder. Und dieses zwar habe ich gesagt, um die Gewalt unserer Zucht zu eröffnen. 

104. Deren Eröffnung durch Erzbischof Heinrich.
Indem sie sich endlich sämtlich niedersetzten, begann der Ansehnlichste unter ihnen, welchen ich genannt habe, folgendermaßen: »Gesegnet in dem Herrn sei diese Versammlung des heiligen Gallus«, sagte er, »der Vater mit den Söhnen«; und zu dem Abt sprach er: »Du und Deine unsere teuersten Brüder, Ihr wisst, aus welchem Grund die Herren der Dinge, für Euch besorgt, so viele von ihnen Geliebte zu euch geschickt haben. Denn wenn sie Euch nicht liebten, würden sie niemals um Euch zu raten so viele Erlesene entsenden.« Und jener antwortete: »Wir wissen nämlich, dass Ihr, um uns Sündern zu raten, hierher gelenkt worden seid, und deswegen möget Ihr dem Heiligen Geist, unserem höchsten Ratgeber heute von beiden Seiten, die Allerwillkommensten sein. Aber doch bewegt mich unter anderen Wundern eines als das größte, dass aus Euch nicht ein einziger, entweder ein Bischof, oder ein Abt, geschickt worden ist, welchem wir nicht minder als Euch allen auf alles, was die Vernunft Mögliches fordern könnte, gehorchen würden.« Und Erpho, der Wormser, erwiderte: »Mit so vielen Ringern voll des Heiligen Geistes, wie wir hier, heiliger Abt, sie sehen, zu kämpfen, wäre für einen Einzigen zu viel gewesen; aber nunmehr gefällt mir, dass wir einen Weg in Angriff nehmen, dasjenige zu bewirken, wofür wir geschickt worden sind.« Zuletzt ermahnte Heinrich, indem die Übrigen dazu rieten, den Abt, dass er einem der Brüder den Befehl geben sollte, die Bahn unseres Lebens, in welchem wir damals verharrten, auszusprechen. Jener befiehlt dem Dekan Ekkehart und ebenso Notker dem Arzt, welche den meisten unter jenen am besten bekannt waren, sich zu erheben und von der Prim bis wieder zur Prim die Bahn unseres Lebens darzulegen. Als nun der Dekan mit Hilfe des Bruders in wahrheitsgemäßester Weise seine Schilderung abschloss, sprechen Kebo und die Äbte zu den Bischöfen: »Ja, in der Tat ist all das, was wir gehört haben, der Regel des Benedictus entsprechend, ohne diesen einzigen Punkt, dass sie zwar nach derselben arbeiten, nicht jedoch nach ihr sich ernähren. Allein die Ursache für sie liegt auch gerade darin, dass sie von überall her suchen müssen, wodurch sie ihr Leben erhalten können. Weil sie nun dieses Erworbene nach der Erlaubnis des Abtes dort, wo er sie angewiesen hat, niederlegen und desselben, was immer es nun ist, auf seinen Wink und seine Entscheidung sich bedienen, werden wir in Wahrheit zu behaupten vermögen, dass das nicht gegen die Regel sei.« 

105. Erörterung über die Speisevorschriften.
Und Milo von Ellwangen sagte: »Wenn Ihr über das Essen der Fleischspeisen unschlüssig seid, so sage ich ganz kühn, was ich darüber denke: dass ich nämlich, obschon das Pferd unter der Speise nicht erlaubt ist, meinen Zelter lieber durch meinen Mönch im Gehorsam verzehren lassen wollte, als dass dieser in gewissen anderen Dingen, welche zur Regel gehören, von derselben abwiche. Und daher entscheide ich, anstatt des Benedictus, durch meinen Spruch: was des Abtes Machtwort befehle, solle der Mönch essen und trinken; der Abt möge sehen, durch welche Entscheidung seinerseits er etwas befehle.« Da jedoch einige bei seinen Worten lachten, versetzte Heinrich: »Wunderbar ist es« – sagte er – »dass ein so breiter See hier sich ausdehnt und dennoch keine Fülle von Fischen sich hier befindet.« – »Weder ist der See ganz unser« – sagte Ekkehart -, »noch ist derselbe so reich an Fischen, dass er mitunter auch nur unserem Herrn Abt, in dem, was er spärlich gibt, für seine Person allein genügt. Wenn wir jedoch einmal Fische zu kaufen fanden, konnten wir mit dem Preis, welcher einem einzigen von uns zur Auftragung eines Gerichtes verschleudert wird, eine ganze Woche hindurch einen braven Mann ernähren.« – »Ja in Wirklichkeit« – sagte Thieterich – »während ich vor Zeiten hier meinen Studien oblag, vergingen einmal mehrere Tage, dass ich mich nicht erinnerte, einen Fisch aus jenem See gesehen zu haben. Aber auch der größere Teil der Brüder bediente sich damals nicht der Fleischspeisen, hinsichtlich deren zwar die Sparsamkeit mir allzu groß erschien; allein es gab andere, welche nur des Geflügels, weil es einer Natur mit den Fischen sei, unter Erlaubnis sich bedienten. Wenige aber haben sich auch an Orten, welche ihnen vom Abt innerhalb der Wände des Hauses gestattet waren, des Fleisches von vierfüßigen Tieren bedient. Einen besseren Mönch aber werde ich, wie ich meine, niemals sehen, als einer von denselben war, welcher mitunter Fleisch aß.« 

106. Übergabe der Beratung an den Abt Purchard; Beratung und Beschluss des Abtes und der Brüder.
Zuletzt neigen sich die Äbte zu den Bischöfen, um geheime Beratungen für ihre Abordnung zu gebrauchen. Als dieselben nun in ängstlich genauer Weise besprochen worden waren, erhob sich Heinrich und sagte zu unserem Abt und zu den Brüdern: »Wir kennen Euch, unsere Herren, als Männer von so großer Klugheit, dass wir nunmehr die Ausführung unserer Gesandtschaft in die Gewalt Eures Willens niederlegen wollen. Denn wir werden, wie wir übereingekommen sind, zur Stunde Euch den Platz übergeben. Beratet Euch in Eurer Mitte, so verlangen wir, damit Ihr das Gute, was Ihr tut, in welcher Handlungsweise immer Ihr noch wenigstens das vermögen werdet, mit der Regel des heiligen Benedictus in Übereinstimmung bringt. Und weil wir in dieser Sache als Boten gekommen sind, damit wir für Euch als Mahner zu einem regelrechten Leben auftreten, mögen wir, was immer wir hier Gutes aufgestellt haben werden, den Herren zu berichten haben und obschon wir alle, die wir gekommen sind, in Wahrheit Euch vor denselben ein gutes Zeugnis zu geben haben, so werdet Ihr, auch wenn das, was Ihr von den Vätern empfangen habt, zwar wegen der Gewohnheit Euch besser mag erschienen sein, dennoch, wenn Ihr es, damit ich es so sage, zu dem gemeineren Maßstab der Regel werdet verändert haben, dem üblen Rufe entgehen.« Nachdem jene endlich nach gleichmäßiger Übereinkunft aus dem Haus hinweggegangen waren, beraten sich Abt und Brüder gemeinsam untereinander. Allen gefiel, dass ein jeder alles, was er besonderes für sich hätte, auf Treue und Glauben in die gemeinschaftlichen Räume bringen sollte und dass alle, außer denjenigen, welchen die Regel Nachsicht erweist, sich der Fleischspeisen enthalten und zur gleichen Zeit Tafel halten sollten, auch wenn diese Tafel eine solche der Armut sei. Die übrigen Dinge in der Verordnung, welche sie vernommen hatten, abzuändern, in denen Kebo und die übrigen Äbte zureden würden, waren sie sehr bereit, bis dass der Abt in dem was diese Speiseniederlagen beträfe, brieflich den Königen die Anfrage bekanntgemacht haben würde, ob sie darin von der Regel abgefallen seien. Die Äbte werden in den Versammlungssaal berufen und sagen Gott ihren Dank, nachdem sie die einhelligen Erklärungen gehört. Indem sie aber an der Gewohnheit, in der wir lebten, weniges änderten, sagten sie, dass sie, weil die Tage schlecht wären, die Zeit wohl auskaufen wollten. 

107. Des Abtes Ekkeharts II. Berichte an die Gesandten.
Die Äbte eilen in frohem Mute zu den Wartenden hinaus. »Ganz gewiss«, spricht von weitem Kebo zu den Männern, »weiß der Heilige Geist nichts von Zögerung. Dass Männer von Tugenden in diesem heiligen Kloster seien, haben wir früher gehört; jetzt haben wir es durch die Tatsache selbst zu erfahren. Kommt nunmehr selber und seht gleichmäßig, was für Leute sie seien!« Während sie wiederum sich setzen, spricht der Abt zu ihnen: »Was ich über meine Brüder wahrheitsgemäß zu versichern mich getraue, dieses allein sage ich Euch, meine Herren. Denn weil ich den Inbegriff der Regel weiß, kenne ich keine, welche dem Wort bereitwilliger sich darbieten, und deswegen weiß ich wohl, dass ich eine Sünde begehe, wenn ich ihnen das, was sie nicht vollenden können, auflege. Deswegen werden, wenn nicht von den Herren Königen uns durch Eure Dazwischenkunft geholfen werden mag, die Aufwandsmittel zur Erbauung des Turmes des Evangeliums nicht hinlänglich uns zu Gebote stehen können. Nun denn also! Was alles sie auf meinen Befehl und Eure Ermahnung tun werden, vernehmt in Kurzem!« Und zu jenem jüngeren Ekkehart, demjenigen aus der Königspfalz, sagte er: »Erhebe Dich, mein Sohn, und gleich wie auch Du zu unseren Herren Königen in Gegenwart so gewichtiger Abgeordneter gleichfalls sprechen wirst, so verkündige hier vor dem Antlitz derselben unsere Übereinstimmung!« Und zum Wort, wie er war, immer sehr bereit, erhob sich Ekkehart und begann folgendermaßen: »In unserer Mitte, Ihr Väter und Auserlesenen Gottes, pflegen wir, wie Ihr ermahnt habt, Rat und siehe, an welchem Tag oder zu welcher Stunde unser Herr und Vater es gesagt hat, eingedenk unseres heiligen Vaters Benedictus, werden wir unsere besonderen Vorräte, welche wir jedoch mit dessen äbtlicher Erlaubnis gehabt haben, in unsere Mitte und zu dessen Füssen legen. Und das Übrige, welches die heiligen Äbte, die von uns beraten wurden, auf dem Weg und in der Weise unserer Lebensart als der Abänderung bedürftig beurteilten, haben wir, weil Ihr die Sache in unsere Entscheidung gelegt habt, indem wir dieselben zur Teilnahme an unserem Ratschlag herbeizogen, abgeändert. Aber weil es den im Guten Eingewöhnten immer beschwerlich fällt, irgendetwas Vortreffliches in etwas gleich Gutes oder etwas nicht so sehr Besseres umzuwandeln, so weisen wir es bei Gott doch nicht ab, da wir uns zu demütigen gewöhnt sind, gleich wie zu Zugtieren gemacht und doppelt von der Last beschwert zu werden.« Nachdem dieses und anderes von beiden Seiten zu Ende gebracht worden war, sprechen die Abgeordneten ihren Glückwunsch aus, und indem sie sich erheben, lösen sie unter Dank gegen Gott die Versammlung auf.

108. Zustimmung und Geldspende der Gesandten.
Indem sie aber nachher im Sprechzimmer zusammenkommen und die Brüder sich für den festlichen Tag zu den Messen bereit machen, spricht Heinrich zu den Genossen: »Als getreue Boten erweisen wir uns nunmehr jetzt, Ihr Genossen, wenn wir, ein jeder von uns nach seinem Vermögen, für so tüchtige Männer, welche auf diesem schlechten Boden hilflos sind, sorgen, damit sie nicht in ihren Versprechungen zurückbleiben .« Fröhlich bekennen alle, dass sie, nach dem wie er selbst vorgetragen habe, eine Steuerzusammenlegung machen wollten. Und jener sagt: »Es ist nicht meine Sache, über Eure Aufwände für einen jeden eine Vorschrift zu geben; lasst uns nach dem Vermögen, das wir einzeln besitzen, hier auf dem Blatt ein jeder unter seinem Namen den zu leistenden Beitrag schreiben.« Es geschah, und die zusammengelegte Steuer war bis auf fünfundvierzig Pfund gekommen. Inzwischen wird die Sequenz: »Summis conatibus«, welche Ekkehart, derjenige von der Pfalz, gedichtet hatte, indem dieser selbst vor jenen steht, begonnen und in anmutiger Art gesungen. Und scherzend spricht Poppo: »Ja fürwahr, diese Männer da schätzen so viele Feinde für nichts, und nichts desto weniger freuen sie sich munter, weil wir da sind.« Und Ekkehart versetzt: »Mögen sie singen, am höchsten wie sie wollen; noch hat nicht die Küche für einen jeden den Lebensunterhalt.« Als dies Heinrich hörte, seufzte er dabei gewiss tief auf. Und Kebo sagte: »Eines ist es, meine Herren, wovor ich, indem ich es bei mir bedenke, große Furcht habe, das aber auch Ihr alle fürchten müsst, dass sie nämlich, nachdem die besonderen Vorräte, welche ein jeder als ihm zustehend zum Allgemeinen beisteuern wird, verbraucht sein werden und sie weder aus dem Besonderen, noch aus dem Gemeinschaftlichen etwas besitzen, dann weder die eine noch die andere Regel befolgen können.« Und Heinrich entgegnete: »Gerade das werden wir unseren Herren zu sagen haben; wir jedoch freuen uns einzig und allein darüber, dass unsere Abordnung einen solchen Erfolg hat. Denn ich fürwahr wenigstens hatte, bevor ich gekommen war, gemeint, dass die Sache in anderer Weise herauskomme; und nicht würde ich geglaubt haben, dass jemals Männer, welche in der Einsicht eines so großen Rufes und in der Kraft ihrer Werke stehen, leicht von einem so löblichen Leben, in welchem sie verharrten, losgerissen werden könnten.« 

109. Ruhm der Brüder, besonders Ekkeharts II.
Ekkehart war schon von jenen hinweggegangen, und siehe, einer von den Brüdern kam aus der Kirche geschritten und trug ein Sequenzenbuch in der Hand. Indem jene dasselbe an sich nehmen, loben sie bei der Sequenz des Tages Notker den Stammler. Aber jener Bruder spricht: »Diese ist nicht von dem Herrn Notker, sondern von demjenigen, welcher bei Euch saß, von unserem Meister Ekkehart von der Pfalz.« Und Chuonrad versetzt: »Möge Ruodmann mit seiner Heuchelei gegen diesen Ort rasen, so viel er mag; dennoch hat der heilige Gallus heute Mönche, deren er selbst unter den Seinigen niemals ähnliche darstellen wird.« Und Poppo sagt: »Ja fürwahr, einen solchen, der diesem selbst, von welchem diese Worte sind, gleich ist, sehen wir nirgends.« Und Palzo redet: »Das hättest Du zu sagen gehabt, wenn Du von meinem Lehrmeister, dem Oheim von jenem, die Worte gemustert hättest, aber auch wenn Du von sehr vielen anderen aus ihnen die Worte und Werke kennen würdest. Denn ich behaupte, dass das dem heiligen Gallus in der Weise eines Vorrechtes gegeben sei, dass die Seinigen zu dieser Zeit im Schmuck der Worte die vorzügliche Stelle innehaben.« Indem inzwischen die Brüder herausgeschritten waren, werden sie, wie sie in ihren Pallien geschmückt waren, ermahnt, zu stehen bis der Abt käme, und Poppo spricht unterdessen: »Der heilige Gallus wolle seine so schallenden Kehlen, damit sie nicht heiser werden, heute mit süßem Weine benetzen, und er möge sie sättigen!« – Während ich bis hierher jene Gesandtschaft aus einer Aufzeichnung derselben in andere Worte übertrug, konnte ich, was weiter folgte, weil durch Hineinregnen die Blätter benetzt worden waren, nicht entziffern; was ich aber nach diesem sagen werde, habe ich durch die Erzählungen der Väter, welche dabei waren, erfahren. 

110. Aufnahme der Gesandten als verzeichnete Brüder; das Mahl mit den Brüdern; Milos Scherz.
Unterdessen war der Abt, herbeigeholt, erschienen, und er setzte sich nieder und Heinrich verspricht, dass sie kleine Hilfsspenden zusammenbringen und den Brüdern an einem verabredeten Tag geben wollten; dann stimmen sie alle darin überein, dass sie den Königen gemäß der Not der Brüder Ratschläge erteilen wollten; und indem sie sich dem Gebet derselben empfahlen, brachte der Abt vor: »Vielmehr will ich, dass Ihr verzeichnete Brüder seiet, weil wir andere Gaben Euch nicht zu spenden haben.« Indem darüber alle fröhlich sind, geht man in die Kirche. Durch den Abt mit den Händen empfangen, werden die Einzelnen im Buch des Lebens eingeschrieben. Es wohnen, dazu erbeten, an diesem Tag die Äbte dem Tisch mit den Brüdern bei. Aus dem gemeinsamen und aus den einzelnen Vorräten werden Zuschüsse gemacht, und sie veranstalten ein reichliches Liebesmahl. Da sie aber einzeln sorgfältig die Zucht der Stätte und die Haltung der Sitten betrachteten und einige unter ihnen sich leise sagten, dass sie da nichts sähen, außer was der Regel entspreche, forderte Milo durch ein Zeichen, dass ihm ein Löffel gebracht werde. Als nun einer der Bedienenden mit einem Handtuch denselben herbeibrachte, ließ ihn jener in seiner List, indem er ihn gleichsam an sich nahm, zu Boden fallen. Der Diener aber warf sich sogleich nicht ohne Schamröte zum Gnadebitten nieder. Da er aber durch ein Zeichen sich zu erheben geheißen wurde, ging er, wie es der Gebrauch am Ort war, zum Boden hier und dort geneigt, falls er nicht von dem Vorgesetzten durch ein Zeichen oder einen Wink zurückgerufen würde, durch den Ausgang, welcher in das Innere des Klosters führt, hinaus, um durch die Türe, welche von der Küche her ist, bald zurückzukehren. Aber Kebo, geschickt die Fröhlichkeit hervorzurufen, sagte: »Sieh, Milo, Unglücklicher, was Du getan hast! Jener Bruder, welchen Du durch Deine Verstellung getäuscht hattest, ist hinausgegangen; wenn Du ihn nicht selbst zurückrufen wirst, wird er nicht zurückkehren.« Indem aber Milo sich an die Brust schlug und dem einen und andern ein Zeichen gab, dass derselbe zurückgerufen werden möchte und niemand, weil Kebo den Dabeistehenden zugewinkt hatte, darauf achtete, zieht ihn nun, während er selbst aufzustehen sich bereitet, Kebo am Kleid weg, und derselbe zeigte ihm mit dem Finger den von der Küche zurückschreitenden Bruder. Während sie selbst aber in solcher Fröhlichkeit unter sich gleich Gästen freier sich bewegten, wurde fürwahr keiner von den Brüdern des Ortes zum Lachen gebracht. 

111. Abbitte vor den Brüdern.
Man steht vom Tisch auf; unter den gebräuchlichen Hymnen der Lobpreisungen wird in die Kirche gegangen. Und siehe, Kebo wirft sich mit den Übrigen vor den aus der Kirche schreitenden Brüdern zum Gnadebitten nieder. »Wir«, spricht er, »Ihr Brüder und Herren, sind Euch zu belehren gekommen, und siehe, durch Eure Zucht gebrochen, geraten wir in Staunen, da während wir ausgelassen in Gelächter aufgelöst waren, wir auch nicht einen von Euch dazu seine Zustimmung geben sahen. Immer haben wir gehört, dass eine solche Zucht dieses Ortes gepriesen werde, und jetzt haben wir sie, von der wir wiederholt vernahmen, mit unseren Augen erkannt. Um Nachsicht dafür bitten wir endlich, dass wir trotz unserer Ungleichheit Euch, die so großen Männer, angefallen und dass wir, die Ungeschickten, die Geschicktesten versucht haben. In Wahrheit werden wir Euch im Zeugnis des Lobes dienen wohin immer wir kommen werden.« Und da sie sich von dem Gnadebitten erheben, kommen ihnen gleichmäßig alle Brüder zu Umarmungen und Küssen entgegen, und weil es eine vom Verkehr ausgeschlossenen Stunde war, schicken sie den Dekan zum Abt, damit er ihnen erlaubte, mit den Gästen die vom Verkehr ausgeschlossenen Stunden dem Verkehr zu widmen. Daher kam der Abt selbst voll Fröhlichkeit, wie er immer die süßeste Seele voll Liebe war, und sie verbrachten den Mittag bis zur Non in dem Vergnügen heiliger Fröhlichkeit. Es wird zur Non geläutet. Als dieselbe vorüber war, schickt der Abt den Kebo, damit derselbe die Bischöfe bäte, dass sie als verzeichnete Brüder es nicht verschmähen möchten, das Innere des Klosters, welches nunmehr gewiss das ihrige sei zu betreten. Es kommen alle und freuen sich in Fröhlichkeit, dass sie an der brüderlichen Gemeinschaft teilnehmen könnten. 

112. Besuch der Schatzkammer; fröhliches Zusammensein; letzte Maßregeln.
Man geht in das Archiv, aber auch in die enge Schatzkammer des heiligen Gallus. Vor allem aber werden die Finger der Schreiber gepriesen, von den Edelsteinen aber und dem Gold, deren sie genug besaßen, nicht so sehr Reden gemacht. Den Vers des Ambrosius, welcher auf dem Thronsitz geschrieben war: »Pflücke Dir ein den duftenden Honig ambrosischen Nektars« wiederholten sie aus dem Gedächtnis. Sie kommen in den Warmraum und ebenso auch in die dem Warmraum zunächst liegende Schreibstube, und sie versicherten, dass diese drei Räumlichkeiten vor allen, welche sie jemals gesehen, die regelrechtesten seien und dass ohne Zweifel von keinem geleugnet werden dürfte, dass Mönche, welche solche schon lange bewohnten, nach der Regel lebten. Endlich lädt der Abt alle gleichmäßig zu dem um die Non stattfindenden Trunke der Brüder ein, zu welchen sie nun als Verzeichnete gehörten. Da bleiben sie bis schon nahezu zur Vesper geläutet wurde in so großer Fröhlichkeit beisammen, dass es eine Lust ist, die Erinnerung der Greise daran, welche noch heute solches erwähnen, zu hören. Gleichmäßig gingen sie zu den Vesperlobgesängen ein jeder für sich, nachdem von dem Abte mit den Brüdern in aller Süßigkeit Abschied genommen worden war unter der Verabredung zwar, dass sie morgen in der Frühe zusammenkommen und da in gemeinsamem Ratschluss die von ihrer Gesandtschaft den Königen zu erstattenden Antworten bestimmen und in einträchtiger und liebevoller Berichterstattung bekräftigen wollten. Sie kommen bei Anbruch des Tages in die Versammlung der Brüder und indem Heinrich vorschreibt, ordnen sie für ihre Gesandtschaft eine kurze und einfache Berichterstattung an, so dass, weil sie nicht zugleich zum Hof zurückkehren würden, Heinrich, welchem von den Königen die Stimmführerschaft der Angelegenheit gegeben war, unter Begleitung Kebos für alle der einzige Mund und die Zunge wäre. »Und ich habe«, spricht Heinrich, »wenn ich etwas vom Meinigen werde hinzufügen können, unseren Mitbrüdern gewiss nichts abzusprechen.« 

113. Abschied der Gesandten; Gaben einzelner Bischöfe.
Alle erheben sich demütig zu den Danksagungen; der Abt und die Brüder brechen endlich in die Kirche auf, um den Weggehenden Gebete für einen glücklichen Weg zu geben und von so vielen Bischöfen Segnungen zu empfangen, nachdem vorher das Bekenntnis gegeben und von den Stolenträgern der Erlass erteilt worden war. Wie sie aber in das Klosterinnere zu den Küssen der Mitbrüder zurückgehen, spricht unser Chuonrad unter den Übrigen zu ihnen: »Weil ich, meine Söhne, an Euch dem Ort nach um so viel näher bin als diese übrigen verzeichneten Brüder, verspreche ich, dass ich zu ihrem eigenen und meinem Gedächtnis an drei Tagen in den Jahren, wo ich noch leben werde, Euch in Eurem Speisesaal Liebesmähler bereiten werde.« Nachher hat er dieses auch in fröhlicher Weise getan und wie diejenigen, welche zugegen waren, bezeugen, war er selbst gewiss so oft er nur freie Zeit dazu hatte anwesend, legte dem Abt in königlicher Art die Speisen vor, ging an den Tischen herum, mischte in Ernst und Scherz mit der Einwilligung des Abtes die Gespräche. Indem er aber auch einmal mit seiner angeborenen heiseren Stimme den Vorleser in heiterer Laune anfuhr: »Schweigst Du auch niemals?« sagte dieser: »Du aber« – , und so kam er mit einem Glas voll hellen Getränkes in die Mitte, und indem er zuerst den Abt, dann die Übrigen mit heiliger Liebe zu trinken bat, küsste er diesen selbst und die ersten an den Tischen und schickte durch dieselben allen Küsse zu. Von solcher Art war gegen uns die Liebesbetätigung des heiligen Chuonrad. – Heinrich aber und Thieterich nahmen einige der Väter zugleich mit dem Dekan Ekkehart zur Seite und der Erstgenannte kündigte an, alljährlich so lange er lebte zehn Fässer Wein, der andere ebenso viele Sendungen Salz an einem gegebenen Tag den Mitbrüdern zu schicken, und das haben sie auch ungesäumt in den einzelnen Jahren, in welchen sie noch lebten, getan. Und so gehen sie, nachdem unter wechselseitigen Küssen der Abschied gegeben worden war und sie sich von beiden Seiten Heilbringendes erbeten hatten, zur Mahlzeit auseinander, indem sie die nächste Nacht zusammen zu Konstanz zubringen wollten. 

114. Ekkeharts II. Zusammentreffen mit Ruodmann.
Es ging aber auch Ekkehart selbst zwar zu seinen Königen, welche mit ihm ein Herz waren, um sowohl hierüber, als über anderes Aufträge des Abtes an sie zu bringen, aber auch, so viel an ihm läge, die Angelegenheit mit den Hofleuten in erfolgreicher Weise zu ordnen. Am anderen Tag jedoch geht er zu Konstanz an Ruodmann, der für die Gäste in Tätigkeit ist, vorüber, und als ihm jener in seiner Arglist: »Benedicite!« sagte, gab er auf denselben beim Vorübergehen keine Achtung, indem er tat, als ob er zum Schiff eilte. Aber jener stand still und schickte jemanden nach ihm zum Schiff, der ihm sagen sollte: »Es ist ein wahres Sprichwort: Lügen haben kurze Beine.« Und Ekkehart sprach: »Dass das wahr sei, ist niemals heller als gestern und heute an uns zu Tage getreten. Aber das erscheine nicht wunderbar, wenn Dein Herr mich, den so Geringen, mit Schimpfworten verfolgt, da in dem Reiche tausend ausgediente Mönche sind, welche für seine Schimpfworte bei Gott und den Menschen sich beklagen. Deswegen auch erdulde ich dieses mit tausend anderen und verhalte mich ruhig.« Aber auch ein gewisser recht gewandter aus den Dienern des Mannes, für welchen um seines Herrn willen zuweilen auch die Könige freundlich waren, sagte: »Ja fürwahr, auch wenn mein Herr wird geschwiegen haben, so will doch ich es keineswegs versäumen, solches den Königen zu klagen.« Der Bote ging zu Ruodmann zurück, um ihm alles, was er gehört hatte, zu berichten. Jener, eben nicht wenig betroffen, behauptete unter teuren Schwüren, dass er diese Worte ganz und gar nicht gegen Ekkehart gerichtet habe, sondern vielmehr gegen diejenigen Verleumder, welche diesen selbst und unsere Brüder in üblen Ruf gebracht hätten. Das sagte er unter dem Vorwand, als ob er selbst zwar keiner von solchen Leuten wäre. 

115. Otkers Unterredung mit Ruodmann.
Und Otker, welchen wir oben genannt haben, der Bruder und Krieger des Ruodmann, sagte: »Ich verwundere mich, dass Du niemals des Mannes überdrüssig wirst, welcher immer durch seine Schlauheit Deine Spitzfindigkeiten überwunden hat. Ich glaube aber, Dir sei das Urteil verborgen, mit welchem Du bei allen Menschen bezeichnet wirst, dass Du nämlich jener heiligen Stätte schon den zweiten Einbruch verursacht habest, den einen heimlich durch Dich allein, den anderen, indem Du denselben durch die Gemeinschaft so vieler Bischöfe und Äbte anstiftetest. Dieses ist damals am Hof gemurmelt worden; allein es wurde mir auch in den nächstvorhergehenden Tagen von den Kriegern des Abtes selbst geklagt. Und daher, indem dieser Mann selbst, welchem Du jetzt Deinen Boten geschickt hast, das betrieb, bist Du allein von jener Gesandtschaft ausgenommen worden. Ich befürchte aber, dass derselbe, weil er durch seine Ratschläge zu den Fürsten in sehr engem Verhältnis steht, in der Sinnesart, worin er sich jetzt befindet, irgendetwas Unglückliches für Dich veranlasse.« Und jener sprach: »Ich leugne es nicht, mein Bruder, sondern versichere es auch in Wahrheit, dass auch ich mein Haupt ungesäumt zum Abschneiden unter der Bedingung hingeben würde, dass alle Mönche im Reich der beiden Otto nach der Regel des heiligen Benedictus leben möchten. Aber auch in Betreff jener Brüder selbst, welche nahezu ohne einen Abt sind, habe ich in der Treue, in der ich das tun musste, zu Ratschlägen von den Herren eingeladen, gesagt, was ich dachte. Dass sie aber durch so viele Gäste angefallen würden, glaube mir, dafür habe ich weder einem Ratschlag beigewohnt, noch hat es mir jemals, wie ich es erfuhr, gefallen; aber auch heute hat es mich gefreut und gestern, als ich Günstiges über sie hörte.« – »Ich möchte nicht«, entgegnete Otker, »mein Bruder und Herr, dass Du für andere Dinge als diejenigen, welche Dir anvertraut sind, so sehr in Bewegung gebracht würdest, dass Du irgendwelche Klagen von solchen, welche mit gleicher Macht ausgestattet sind, Dir zuzögest; sondern ich wollte, dass Du, so viel jene für das Deinige sich bemühen, auch Sorge trügest für das Ihrige, und dass Du so in unberührter Liebe und friedlicher Gnade von hier und von dort her stündest. Jetzt aber empfinde ich es mit großem Schmerz, dass Du mit so bedeutenden Männern, welche alles sowohl durch ihre Gebete, als durch die Mittel ihrer Kunst zu ihrer Ehre durchführen, in einer so harten Weise in Zwietracht bist und am meisten mit jenem Manne, welchen ich als eine Erscheinung von nicht kleiner Geltung genannt habe.« 

116. Der Boten und Ekkeharts II Reise nach Speyer; Ruodmanns Abweisung.
Da aber Ekkehart an diesem selben Tage auf den Twiel stieg und dort dem Abt Wazemann, welcher uns und ihm sehr befreundet war, die ganze Reihenfolge unserer Angelegenheit mitteilte, damit derselbe der Herzogin bei ihrer nächstens aus dem norischen Land, wo sie die Osterzeit zubrachte, erfolgenden Rückkehr die Meldung darüber zukommen ließe und im Einzelnen die Sache erzählte, stößt er zu Rotwil mit den durch Ruodmann und Otker begleiteten Abgesandten zusammen. Nachdem er da mit ihnen kurze Zeit verweilt, begibt er sich am Abend nach unserer Besitzung Dietingen, um nicht etwas von den Dingen des Ruodmann berühren zu müssen, obschon derselbe doch selbst ihm durch seinen Bruder das Notwendige in reichlichem Maß versprach. Indem aber Ruodmann einige der Boten bat, dass sie in Betreff der beim Schiff übel verstandenen Worte den Ekkehart auf den folgenden Tag bei der Begegnung zurechtweisen möchten, hielt sich dieser bis nach Speyer von der Begleitung fern, und er vereinigte sich erst hier wieder mit ihnen, nachdem Ruodmann diesseits des Rheines abgegangen war. Kebo aber, darum gebeten, macht sich daran, den Ruodmann eben über jene Worte bei dem Manne zu rechtfertigen. Ekkehart antwortete demselben, dass er nichts anderes im Gedächtnis über jenen bewahren könne, außer den öffentlichen Aufreizungen und Umwälzungen, welche derselbe gegen ihn und seine Brüder ins Werk gesetzt habe. Und er sagte: »Ja wahrhaftig: des gestrigen Tages und alles dessen, was er aus unserem Mund vernommen hat, hat er, so lange er ein Mensch ist, immer zu gedenken.« Endlich vernehmen sie, dass die Könige die Bitttage und den Himmelfahrtstag in Mainz zuzubringen gedächten. 

117. Der Hoftag in Mainz; Berichte der Boten und Ekkeharts II vor den Ottonen.
Dorthin kommen jene vorne Aufgezeichneten zusammen, aber auch einige von den Übrigen und sie hatten, indem Ekkehart dabeisteht, sowie sie nur auf das beste vermochten, in Kurzem die gesamte Bedeutung ihrer Gesandtschaft nach der Ordnung entwickelt, und als sie den Mangel der Stätte beklagt, vorzüglich an Wein und dem übrigen durch die Regel gestatteten Aufwand, sagen sie: »Wenn die Mönche nicht durch eine hilfreiche Linderung unterstützt werden mögen, werden sie weder unter der Regel, noch ohne die Regel bestehen können, wann sie die dürftigen Armutsmittel, welche sie noch unter sich gesammelt besitzen, verzehrt haben werden.« – »Und auch dieses selbst« – sagt Kebo – »was sie zusammengebracht hatten, wird nicht lange dauern, weil wir, indem wir, sorgfältig bei jenen allen alle Habe durchsuchend, doch bei keinem die Fülle irgendwelchen Vermögens außer demjenigen der Liebe und der Demut gefunden haben. Den Gehorsam aber jener Männer Gottes, damit ich die Wahrheit versichere, zu loben, liegt mir nicht eben sehr ob, da auch unsere Väter, die im Reden geschickteren Bischöfe, bezeugt haben, dass sie niemals einen größeren gesehen haben.« Und Otto der Sohn spricht zum Vater: »In der Tat, mein Vater, ist erfreulich, was wir da vernommen haben und es geziemt Dir, mit den Notverhältnissen solcher Männer Mitleid zu haben, vorzüglich aber, dass die Neider und Verräter ihres Rufes zerschlagen erscheinen.« Und der Vater antwortet: »Wenn sie doch endlich darein gewilligt haben würden, irgendeinen einzelnen Mann hilfsweise bei sich zu haben, welcher einige Zeit hindurch als ein in der Regel Erfahrener mit ihnen leben würde.« Als aber Kebo hierauf, um etwas zu sagen, sich zu erheben angefangen hatte, hielt ihn Heinrich durch einen Wink zurück und sagte ihm, nachdem er ihn zu sich berufen, in das Ohr: »Lass ab, irgendetwas dagegen zu sagen, weil, soweit wir jetzt jene Mönche erfahren haben, kein Mönch im Reich heute lebt, welcher, unter sie kommend, ihnen in der Einrichtung einer guten Lebensweise vorangehen könnte, und vielleicht wird derselbe, wer immer er nun sein wird, entweder den Gottesknechten von so hohem Vorbild die Hände reichen, oder er wird endlich in irgendwelcher Art von dem Orte hinweggehen müssen.« – Aber Ekkehart sagte: »Möge es auch uns, o König, gestattet sein, anstatt unseres Abtes, von welchem wir auch eben hierzu abgeschickt worden sind, etwas zu sagen. Gut und sehr gut hat zwar Dein Sohn die Anregung gebracht, dass Dir ziemte, mit unseren Notzuständen Mitleid zu haben, damit nicht, nachdem unsere wenigen Sachen, die wir unter uns zusammengebracht haben, verbraucht sein werden, die Deinigen endlich ohne alle Regel ausgehungert leben müssen. Was aber Deine Hoheit, mein Ruhmvoller, beigefügt hatte, dass uns irgendein in der Regel mehr Erfahrener zur Hilfe gegeben werde, so erbitten wir, nachdem wir, um es so zu sagen, von Euren Abgeordneten, den in der Regel erfahrensten Äbten, jetzt eingeweiht worden sind, dass wir, auf einen Befehl von Euch, Vater und Sohn, hin, von irgendeinem aus jenen selbst wieder besichtigt und daraufhin untersucht werden, falls wir in irgendetwas von den Befehlen derselben abgewichen sind, weil es ja fürwahr eine gewichtige Sache ist, wenn ich wagen darf, es zu sagen, dass Ihr in einem so kurzen Zeitabschnitt zum dritten Mal Eure Armen angreift und dass dieselben von demjenigen, was ihnen von so vielen herrlichen Männern zur Aufgabe gemacht worden ist, durch irgendeinen der neu gewachsenen Männer abgeführt werden sollen.« Und Heinrich spricht: »Du fürwahr hast unserer Abordnung den Nagel eingefügt.« Und ihm stimmte, als er so sprach, die Mehrzahl bei. 

118. Aufschub des Entscheides; Einmischung der Hadwig; Verhandlungen in Worms nach Pfingsten.
Und der Vater verschob die Angelegenheit auf den folgenden Tag, indem er diese unter dem Übrigen gleichsam aus dem Innersten des Herzens öffentlich dartat, dass er eher seine Krone zerbrechen, als die Mönche des heiligen Gallus ohne Linderungsmittel, mit deren Hilfe sie die Regel durchführen könnten, lassen werde. Da aber der große Otto auf den folgenden Tag, weil er während der Nacht durch einen gewissen gewohnten Schmerz berührt worden war, in die öffentliche Versammlung nicht hervortreten konnte, werden Heinrich und Kebo, um nach Hause zu gehen, entlassen, mit dem Befehl, an der Pfingstoktav in Worms anwesend zu sein. Ekkehart aber verweilte inzwischen, wie er gewohnt war, am Hofe und linderte durch seine Tätigkeit die Angelegenheit des heiligen Gallus, wie er nur immer konnte, in nicht geringem Masse. Indem aber Hadwig zwar für andere Angelegenheiten der Regierung an die Könige, ihren Oheim und Vetter, ein Schreiben richtete, aber auch für uns, weil so große Dinge ohne ihr Wissen betrieben würden, gleichsam im Zorn sich befand und bat, dass zuletzt über uns nichts in strengerer Weise beschlossen würde, wird der Träger des Briefes selbst, der Priester Huozo, ein Mann nämlich von großem Einfluss bei der Herrin, geheißen, den angesetzten Tag abzuwarten und anstatt ihrer selbst den Beschlüssen beizuwohnen. Es kommen am festgesetzten Tag nicht nur Heinrich und Kebo, sondern auch einige von den übrigen Abgeordneten nach Worms zusammen. In höherem Grade aber war für uns der Bischof dieses selben Ortes besorgt. Da jedoch nach Beginn der Unterredung die Dinge in mannigfaltiger Weise hierhin und dorthin gezogen wurden, indem Übelwollende rieten, dass uns irgendein der Regel entsprechender Abt vorgesetzt werde, antwortete Huozo, dass heute im Reiche ein Abt und Mönche, welche mehr der Regel entsprächen, nicht vorhanden seien, wenn nur Vorrat des Besitzes für dieselben vorliege. Als die übrigen Abgeordneten hierin mit ihm übereinstimmten, erhob sich Heinrich und sagte: »Den Antworten, wie sie von uns gegeben worden sind, die wir den von Euch gegebenen Auftrag in Treue und Glauben, wie wir nur am meisten konnten, erfüllt haben, habt Ihr, Ihr Herren Könige, zu glauben. Weil nun zwar andere hier, wie es ihnen beliebt, ihre Reden einschalten, so wissen sie eben nicht, was wir beim heiligen Gallus gefunden und was wir dort verlassen haben. Das jedoch, was wir Euch neulich, so wahr wir nur immer vermochten, erzählt haben, wiederholen wir von neuem, wenn Ihr es wollt, damit auch sie selbst es hören. Männer haben wir dort gefunden, welche den heiligsten Pfad der großen Tugenden der Väter beschritten, von welchem wir sie auf den Pfad der Regel, da es zwar nahezu derselbe war, hinüberwandten. Auf demselben wandeln sie jetzt, indem sie wahrlich keiner Unterweisung bedürftig sind; aber ihnen geht bei dem Mangel jenes unfruchtbaren Bodens der Aufwand ab, wodurch sie jene Straße vollkommen zurücklegen können. Deswegen bedürfen sie von keinem einer anderen Tröstung, außer derjenigen in Betreff dieses ihnen abgehenden Kostenaufwandes. Für das Unbegründetste aber halte ich den Vorschlag, dass über sie ein Abt gesetzt werde, da sie den besten besitzen. Denn fürwahr: keiner von uns ist von anderer Überzeugung erfüllt, was den Abt und die Mönche betrifft, als dass sie Knechte Gottes seien. Und daher werdet Ihr, Ihr Herren, und werden wir gewiss schuldig sein, wenn wir entweder sie nicht jenen Weg festhalten lassen, oder es nicht gestatten, dass sie in geeigneter Weise diesen verfolgen. Während also von ihrer Seite aus keine Handlungsweise übriggelassen ist, so wird dieselbe auf unserer Seite liegen, wenn überhaupt nunmehr irgendeine gegeben sein wird.« 

119. Sendung des Lorscher Abtes Kebo; Kebos Aufenthalt in St. Gallen.
Endlich wird nach vielen Unterredungen über die Maßregeln, nachdem auch Adalheid durch Ekkehart teilzunehmen gebeten worden war, dem Abt Kebo und Ekkehart aus den Schreinen der Könige die wohlberechnete Summe von sechzig Pfunden Silbers gegeben, um dieselbe unserem Abt und den Brüdern am Tag des heiligen Johannes zur Tröstung zu bringen, und dazu wird auch Kebo befohlen, an dem Ort selbst bis Mariä Scheidung sich aufzuhalten und in derjenigen Weisheit, in der er zu leben wüsste, den Weg des Benedictus vor den Hühnern des Gallus zu beschreiten und dieselben zu lehren, nach seiner Sitte zu leben. Endlich kommt jener, der Geliebte zu den Geliebtesten und in allem, was er einrichtet, findet er sie zur Vollstreckung alle einmütig, indem ihm nämlich der Abt mit dem Dekan Ekkehart dem Älteren zu allem, sowohl hinsichtlich der dargebrachten Gaben, als in Betreff des Aufwandes des Ortes, die Hilfsmittel gewährt, auch Ekkehart der Jüngere, welchen jener viel vor den Augen hatte, ihn durch seine Gunst fördert und, bis derselbe wieder hinwegging, mit ihm bei Nacht und bei Tag verkehrt. Es wäre aber der Mühe wert, wenn dazu die Zeit gegeben wäre, vieles in die Erzählung einzufügen, wovon wir gehört haben, dass Kebo es in fröhlicher und feiner Weise getan und gesagt habe. So am Tag der heilige Maria, nach welchem er nunmehr schon unter dem schmerzlichen Bedauern aller hinwegzugehen gedachte, sagte er, als die Antiphonen der Nachtwachen mit den Anfängen der Psalmen auf dem Weg gesungen wurden, während man den Kreuzen in das Freie hinaus folgte: »Ist es denn nicht durch die Regel, aber auch nach den gesetzlichen Vorschriften angeordnet, heute nur in einem Male die Matutin zu halten? Ja fürwahr, Kebo hätte sich nicht vom Lager erhoben, würde er gewusst haben, dass jene Psalmen noch bevorstünden. Wie sehr aber haben alle jene gelogen, welche gesagt haben, dass an diesem Ort keine Regel bestehe, während an einem so wichtigen eine Erleichterung bietenden Tage die Erfüllung nicht der einfachen, sondern der doppelten Regel als Gewohnheit erscheint.« Weil jedoch der Abt zwar lahm war aber auch der Dekan auf dem Fuß wankte, sprach er: »Besser ist es, dass die Könige, als dass die Reiche hinken«, und weiter sprach er: »O, möchte ich doch für mich solche Hinkende in Lorsch haben; denn fürwahr, vor den Königen würde ich sie schätzen.« Und weil ihm die Festsetzungen des Hartmuot hinsichtlich der Lebensmittel sehr gut erschienen, so ordnete er vor den Übrigen in den Fasten Liebesmähler an und versprach, aus Liebe zu uns aus dem Seinigen für dieselben Vorsorge treffen zu wollen. 

120. Kebos Abschied; Wankelmut der Hadwig betreffend Saspach.
Er kehrte endlich von Tränen begleitet zu den Königen zurück, und unter den besten Reden, welcher er ihnen über die durch ihn unterrichteten Männer der Regel in heiterer Weise vorbrachte, versicherte er, dass jene, da die ihnen gegebenen milden Spenden dahinschwänden, das von ihnen Begonnene nicht vollführen könnten, wenn ihnen nicht die Könige aus ihrem Gute irgendeinen Wein tragenden und auch sonst fruchtbaren Ort geben wollten. Als dann die Könige mit den Fürsten sich zwar häufig darüber berieten und mit den Ratschlägen Zeit hingebracht hatten, sind sie nach einigen Tagen auf die Ermahnungen des Bischofs Heinrich hin darin einstimmig, dem heiligen Gallus eine Örtlichkeit Saspach aus dem der Hadwig zustehenden Lehen zu übergeben, wenn nämlich auf die Bitte der Könige hin das Gut von jener abgelöst werden könne. Als nun jene vielfach, bald durch die Könige, bald durch eigene Boten darum gebeten wurde, so gab sie, so wie das Weib immer ein wankelmütiges und veränderliches Wesen ist, das eine Mal die Hoffnung, die Sache zuzugestehen, und das andere Mal schwor sie heilig ab, es zu tun. Zuletzt zwar, indem unser Abt und die Brüder im Kloster selbst zu ihr flehen, verspricht sie endlich, es tun zu wollen, wenn ihr eine alltägliche Messe an dem Orte bei ihrem Leben und nach ihrem Tod auf alle Zeit abzuhalten versprochen, aber auch Ekkehart, so lange als er lebe, die Sorge für dieselbe Örtlichkeit anvertraut werde. Als sie nun vernommen hatte, dass einige aus unseren Brüdern, neidisch auf den Mann, hierüber unschlüssig seien, sprang sie erzürnt auf und löste unverrichteter Sache die Versammlung auf, und sie schwur, nach dieser Stunde niemals irgendeinem für diese Sache ihr Ohr zu leihen; und so verlor durch gewisser Leute neidische Unvorsichtigkeit Gallus jenen Ort, da er ihn schon in den Händen haben konnte, während endlich Ekkehart auf das teuerste schwur, dass er niemals in dieser Sache um seinetwillen an jene ein Wort gerichtet habe. Die Brüder aber, obschon in dieser Hoffnung betrogen, hielten dennoch die Einrichtungen Kebos angelegentlich aufrecht, und so lebten sie in gemeinschaftlicher Weise von den Gaben der Könige, auch von den Steuern der Abgeordneten, welche wir erwähnt haben, obschon es Jahre des Mangels waren, so dass der Mund keines Neiders gegen sie sich öffnete. 

121. Konstanzer Spenden; die Speiseeinrichtungen.
Indem aber der Bischof Chuonrad, wie wir gesagt haben, sie oft besuchte und, als schon mehrere Jahre vergangen waren, sie durch das lange Elend bedrückt erblickt hatte, sorgte er in der bei ihm gewohnten Milde für die Greise und Unkräftigen und bat den Abt, die Kemenaten des Klosters zu öffnen, und er schickte für solche von Konstanz und Arbon, soviel nur in seinem Vermögen war, Linderungsmittel einzeln hinüber. Indem aber die Kräftigeren dieses in Augenschein nehmen, schicken sie mit Erlaubnis des Abtes zu ihren Freunden außerhalb des Klosters Leute, welche von denselben für sie Hilfsmittel erbitten sollen; das Herbeigebrachte aber legen sie auf den gemeinsamen Tisch. – Es geschah aber, dass einer von den Armen etwas, was, wenig genug, ihm von seinen Freunden gegeben worden, allein verzehrte, und als jenen nun deswegen die Eintretenden anfuhren, sagte er, indem er nämlich noch gierig aß: »Wenn der Schuh geteilt wird, wird niemand beschuht.« Als das nun bei den Dabeistehenden Gelächter erregte, seufzte der Dekan jedoch, wie er es hörte, auf und antwortete, dass es nichts Nichtswürdigeres und Abscheulicheres gebe, als den Hunger. Und als dieses Witzwort des hungernden Mönches vielen offenbar gemacht worden, legte Ruodmann dasselbe in seinem Köcher nieder, und er bewahrte dasselbe auf, um sich seiner bei gegebener Gelegenheit als eines Wurfgeschosses gegen die Brüder zu bedienen, wie er nachher wirklich getan hat. 

122. Abt Purchards Abdankung und Ende.
Abt Purchard also ließ, als er bereits vom Alter belastet war, jenen alten Haselbusch, unter welchem Gallus einst auf den Dornsträuchern zusammenbrechend sang: »Dieses meine Ruhestätte«, nach Beratung des Bischofs umschlagen, und nach Erbauung einer Kapelle stellte er am Orte des Baumes den Altar auf; er brachte aber auch ein kleines Fenster auf der Mittagseite an niedriger Stelle bei demselben an, an welchem er nach der Zurichtung einer Vermachung von außen her sich selbst einzuschließen und das Ende seines Lebens nach Niederlegung der Abtwürde abzuwarten gelobte. Als die Kapelle zurechtgemacht und in der Ehre des heiligen Kreuzes, aber auch des heiligen Gallus durch unsern Chuonrad geweiht worden war, ließ jener heilige Mann nunmehr durch die Werkleute in jener Vermachung für sich die Vertäfelungen vorbereiten und bat, dass an seiner Stelle unter Begünstigung des Ekkehart Notker, der Neffe Notkers des Arztes von einer Schwester, gewählt werde, und er richtete denselben an die Könige, damit er an seiner Stelle auf den Abtstuhl gesetzt werde. Er selbst aber erhielt, weil der Bischof Chuonrad sich dem widersetzte, damit nicht der Greis von so großer Zartheit eingeschlossen würde, auf Befehl des Königs unter vielem Widerstreben die durch Karl den Äbten zugewiesenen Orte, indem Ekkehart für ihn die Sorge übernahm, und er schritt endlich gegen seinen Willen um der Ruhe willen in die Kemenate der Äbte, seiner Vorgänger. Nichts nämlich wollte er um seinetwillen behalten, außer wozu ihn die Furcht vor Mangel bewogen hatte. Er überlebte jedoch zuletzt den für ihn an die Stelle gesetzten Nachfolger und gab auch an, dass Ymmo Abt werden sollte. Der Bischof aber, welcher immer dessen innigster Freund war, kam, als derselbe zu sterben sich bereitete, herbei und salbte ihn mit dem heiligen Öl; als er aber gestorben war, begrub er ihn, der von den Tränen vieler, vorzüglich der Armen, gefolgt war, feierlich vor der Türe der Kapelle, welche jener selbst »Dieses meine Ruhe« nannte, nachdem nämlich der Dekan Ekkehart, welcher, wie wir gesagt haben, sein Herz war, vor einem Jahr in der Weise, welche wir schon erwähnt zu haben uns erinnern, hingenommen worden war. 

123. Notker Pfefferkorn als Maler und Dichter; als Arzt.
Über Notker jedoch, den Lehrer, Maler und Arzt, werden wir, während wir den Stoff für einen großen Band haben, zwar nur kurz, indem wir zu anderem eilen müssen, sprechen. Derselbe hatte nämlich nach dem Brand für Gallus mehrere Malereien geschaffen, wie auf den Türflügeln und dem Getäfel der Kirche und in gewissen Büchern zu sehen ist. Aber dieses, was ist es zu den tausend anderen Dingen, welche er dichtend und heilend in außerordentlicher Weise hervorgebracht hatte? Er machte nämlich für Othmar jene schönen Antiphonen und den Hymnus: »Rector aeterni metuende secli«, und gewisse Empfangsgedichte für Könige und einen Hymnus über eine nicht zur Märtyrin gewordene Jungfrau, nämlich: »Ymnum beatae virgini«; als er nun dabei hinsichtlich eines gewissen Wortes, welches zum Metrum stimmen sollte, längere Zeit schwankte und er an den Dekan Ekkehart, damit dieser dasselbe aus seinem Wissen beifügte, sich wandte, sagte zwar jener sogleich: »Das Schaf ist zur Ziege Wolle zu erbitten gekommen«, ermahnte ihn aber, dass er das Wort »labilem« setzen möge. Dieses habe ich zur Anbringung eines Beispiels für die Demut und Liebe unter den Vätern nicht übergehen können. In Heilungen aber hatte er wunderbare und staunenswürdige Werke häufig durchgeführt, weil er nämlich auch in den Büchern über Heilkunde, außerdem in den Beimischungen und Gegengiften und in des Ypocrates Vorzeichen außerordentlich unterrichtet war, wie das bei dem Harn des Herzogs Heinrich zu Tage trat, als derselbe ihn schlau zu täuschen versuchte. Wie nämlich derselbe dem Notker den Harn eines gewissen liederlichen Weibes aus der Kammerdienerschaft anstatt des seinigen zur Besichtigung zuschickte, sagte jener: »Ein Wunder wird jetzt und ein Wahrzeichen Gott vollbringen, was niemals gehört worden ist, dass nämlich ein Mann aus seinem Leibe gebar; denn dieser Herzog wird um den dreißigsten Tag von heute an einen aus seinem Leibe geborenen Sohn an seine Brüste legen.« Da errötete endlich jener in seiner Überraschung und schickte dem Mann Gottes Geschenke, damit derselbe es nicht zurückweisen möchte, ihn als Arzt zu behandeln – denn hierfür war jener herbeigeführt worden -, und jene Frau, welche für eine Jungfrau gehalten worden war, brachte der St. Gallische Arzt, als sie bei ihm demütig bat, in die Gnade zurück; denn wie er aus den Anzeichen schließend vorausgesagt, hatte sie eine Leibesfrucht zu Tage gebracht. Aber auch unserem Bischof Kaminold sagte derselbe, als er ihm, wie er herbeigebracht war, auf das schnellste einen langwierigen Nasenfluss zum Stillstehen brachte, aus dem riechenden Blut voraus, dass bei ihm am dritten Tag die Blaternkrankheit eintreten werde. Da aber jener ihn bat, die am genannten Tag an seinem Leib hervorbrechenden Beulen zurückzuhalten, sagte Notker: »Ja fürwahr, ich werde es tun können; aber ich will es nicht, weil ich nicht, als an deinem Tod schuldig, so viele Bußtage werde ertragen werden können, da ich Dich dem Tod überliefere, wenn ich sie zurückhalten werde.« Und die endlich herausgebrochenen Beulen hatte er so sehr in kurzer Zeit geheilt, dass der Bischof auch nicht einmal von einer einzigen gezeichnet blieb. Dieses Wenige von dem sehr Vielen, was Notker als Schreiber, als Maler, als Arzt getan hat, hier berührt zu haben, mag genügen, da er uns wieder zur Erzählung begegnen wird. 

124. Gerald als Lehrer und Priester; Anklage der Erzpriester.
Über Gerald aber, einen Mann, welcher keinen geringeren Stoff darbietet, werde ich, weil für mehr der Platz nicht frei ist, ebenso einiges einfügen, damit offen vorliege, auf wie großen Säulen der Ort des Gallus vielfach gestanden habe. Vom Anfang seines Subdiakonates an war jener immer Meister in den Schulen. Als er aber Priester geworden war, war er im höchsten Grad ein unverstellter Prediger, auch als einmal Bischöfe zugegen waren und in der Anordnung ihm Platz machten, ein Redner vor dem Volk und, wie der Apostel solche nennt, der honigsüßeste Prophet. Daher wurde er, wie von alters her für unsere Stätte die Sitte festgestellt war, für unser Volk auch als öffentlicher Priester bestellt, so dass er in der Kirche des heiligen Othmar für alle, welche zwischen den Flüssen Goldach und Sitter wohnen, anstatt des Bischofs alles auf die Sendgerichte Bezügliche mit Ausnahme der Trennungen der Ehen vollzog. Da wir für diese Sache von dem Papst Johannes, welcher mit dem Bischof Salomon und nicht minder mit Karl darüber einen zustimmenden Entscheid gab, Freiheitsbriefe besitzen, haben doch Bischöfe, welche jetzt in unserer Zeit auf die Mönche neidisch sind und uns und den Unsrigen kaum den Atem übrig lassen, damit ich mich der Worte Sallusts bediene, nichts uns übrig zu lassen vor, und als Diener des Hasses und Neides und der ungerechten Gewalt, welche dem Holophernes gleichen, gesellen sie sich die Erzpriester bei, welche die auf das teuerste geschätzten Seelen der Menschen verkaufen, mit unzüchtigen Augen voll Neugier entblößte Frauen, in das Wasser dieselben tauchend, besichtigen oder sie zwingen, um großen Preis sich loszukaufen. Wie wir diesen Menschen solcher Art, an der Kehle gewürgt, kaum entgangen sind, werden wir, wann wir von dem zweiten Purchard sprechen wollen, vollständiger zu beschreiben haben. 

125. Geralds Todesahnung; Geralds letzte Lebensstunden; Geralds Tod.
Aber damit wir zu Gerald, dem tauglichsten Gefäß des Heiligen Geistes, zurückkehren, der in diesen und tausend anderen Tugenden an Geist und Leib lange abgerieben und durch ein hohes Greisenalter entkräftet, aber nicht ermüdet war, so verkündete derselbe unter Tränen, als bereits das Vertrauen seines ihm anbefohlenen Volkes gegen ihn das sicherste war (dass er nämlich, wenn er einen körperlich Leidenden segnend berühren würde, demselben Erleichterung verschaffen könnte), eines Tages, nachdem er seinen Leuten das Bekenntnis gegeben und den Erlass erbeten hatte, er wolle sich bald auf sein Lager zurückziehen und da in Christus sein Leben vollenden, und er gelobte, indem er von ihnen selbst angelegentlich den Abschied sich erbat, dass er die gewisse Hoffnung habe, dass sie sich am Tage des Herrn gegenseitig sehen würden. Nachdem er jedoch die Albe ausgezogen hatte und wieder bekleidet worden war und unter dem Gebet der Familie der Brüder bis zu den Schranken des Gallus begleitet worden, trat er für sich allein, auf keinen gestützt, in das Haus der Kranken, indem viele sich darüber verwunderten, was er tun wolle. Wie er also daselbst sich ein wenig niedersetzte, bat er, dass ihm auf der nackten Erde Heu unterbreitet werde und darüber das Haarkleid; und indem er, als ob er an keinem Übel litte, darauf sich hinstreckte, bat er, dass alle Brüder gerufen würden. Als er sie nun anwesend erblickte, erhob er sich unter Begrüßungen an alle, und aufstehend und in Tränen ausbrechend sagte er: »Ich sehe, meine Herren und Brüder, dass meine Berufung, welche ich immer als ein Schuldiger fürchtete, bevorsteht, und daher werde ich, da ich im Vertrauen auf unseren liebevollen Gott hoffe, sicher hinweggehen, wann ich vor Euch mein Bekenntnis gegeben haben werde.« Und nachdem er endlich unter aller Zustimmung sein Bekenntnis abgelegt, empfing er die Verzeihung, und als er im Einzelnen alle geküsst hatte und von den Vätern die Erkundigung bei ihm geschehen war, wo er Schmerz empfände, antwortete er: »In der Brust und dem Zwerchfell.« Und er sagte: »O möchte doch mein Notker anwesend sein!« – jener nämlich war damals am königlichen Hof zur Darbringung von Heilmitteln -, und indem er sich wieder setzte, sagte er, er wolle ruhen. Aber während einzelne der Brüder für ihn die ewige Ruhe erbaten, waren sie mit Ausnahme der ihm gegebenen Wächter und der Psalmensänger, um welche er bat, aus dem Haus hinweggegangen. Er selbst aber sagte, zwar als wenn er noch nichts litte: »Heiliger Johannes der Evangelist, Geliebter des Herrn, nimm mich auf!« –, und indem er die Kapuze auf das Haupt legte und unter dem Haupt den Ärmel des Rockes zurückrollte, legte er sich auf jenes ausgezeichnete Lager nieder, und indem er ein wenig, wie sie hofften, schlief, sagte er plötzlich: »Mein Herr, wohl magst Du kommen!« Da aber jene glaubten, er rede irre, wie das die Kranken zu tun pflegen, sagte endlich einer aus ihnen: »Lasst uns sehen, was er treibe; denn fürwahr, wer es auch gewesen sein mag, er hat irgendeinen begrüßt.« Wie sie aber so rasch wie möglich zu ihm hingehen, erblicken sie ihn mit verdrehten Augen und weißlichen Lippen ersterbend, und durch eiliges Läuten der Glocke rufen sie die Brüder herbei. Wie nun diese so schnell als möglich um ihn sich stellten, streckte er aus eigener Kraft Hände und Füße aus und lächelte alle mit offenen Augen an, und zuletzt hauchte er, gleichsam unter einem ausgestoßenen Lachen helles Gelächter aufschlagend, sein Leben aus. Als aber in einem solchen Ausgang der Mann der Tugend sein Leben geendet, gab es solche, welche sagten: »Johannes hat ihn gerufen, da derselbe, so lange er lebte, dessen unausgesetzter Vertreter in jungfräulichem Leben und in aller Unbescholtenheit war, und deswegen ist er, so wie jener, ohne Scherz hingenommen worden, weil er sich sterbend ihm anvertraute und den ihm im Tod Erscheinenden begrüßte.« Und er wurde nicht weit von Notker dem Stammler begraben, welcher einst sein Lehrer und ihm sehr befreundet gewesen war. 

126. Der Dekan Walto und die Sarazenen.
Über den Dekan Walto und ebenso über Chunibert, den Abt von Altaich, könnten wir zwar, wenn die Muße vorhanden wäre, obschon nicht diesen Dingen Ähnliches, so doch Bedeutendes sagen. – Von diesen nun hatte der erstere, weil das nämlich zu seinem Amt gehörte, sich den Nachkommen bei der sehr schwierigen Erbauung unseres Abortes der Erwähnung wert gemacht. Nicht bloß aber in diesem, sondern auch in vielen anderen Werken zeigte er seine Größe. Denn die Sarazenen, deren Anlage es von Natur ist, auf den Bergen ihre Stärke zu zeigen, hat er, als sie zu seinen Zeiten von der südlichen Seite her uns und die Unsrigen in dem Masse beunruhigten, dass sie in Folge der Besetzung unserer Alpen und Berge auch aus nächster Nähe auf die Brüder, wann dieselben um die Stadt dem Kreuze folgten, ihre Geschosse warfen und dabei durch die Schar der Krieger des Abtes da, wo sie verborgen lagen, nicht aufgespürt werden konnten, selbst in einer gewissen Nacht, mit den Kühneren aus dem Gesinde im Schlaf sie ertappend, mit Lanzen und Sensen, auch mit Beilen angegriffen, da sie ihm in ihren Schlupfwinkeln verraten worden waren, und als einige getötet, einige auch ergriffen worden waren, hielt er es für nutzlos, die Übrigen, welche flüchtig enteilten, zu verfolgen, als sie, flüchtiger als die Ziegen, über die Berge dahinliefen; diejenigen aber, welche er gefangen genommen, hatte er vor sich her gefesselt in das Kloster getrieben. Da jedoch dieselben selbst weder essen noch trinken wollten, sind sie alle zu Grunde gegangen. Dieses über das Trauerspiel derselben Zeit und die Größe des Walto berührt zu haben, möge genügen; denn wenn ich alles Elend, welches die Unsrigen von den Sarazenen erlitten haben, der Reihe nach aufzählen wollte, würde ich einen Band zustande bringen. 

127. Chunibert; Chuniberts Heimkehr, Unfall und Tod.
Aber Chunibert wäre, wenn ihn sein letztes Unglück dazu hätte kommen lassen, unter allen des Anblicks würdig. Denn jener selbst war ein Mann, welchem sehr viele Gaben, die Gott auf ihn gehäuft hatte, den Adel des Geschlechtes, so sehr es möglich war, noch veredelten, als Schreiber im Besitz der geradesten Handschrift, als Lehrer im höchsten Grad verständlich, als Maler so sehr zierlich, wie es an dem Kreisrund der Holzdecke der Kirche des heiligen Gallus zu sehen ist. Dieser war durch Herzog Heinrich, damit er sich zu Salzburg für den Unterricht bemühe, von Craloh begehrt worden, und nach einigen Jahren verdiente er sich die Abtei Altaich. Als er nun da einige Jahre vorstand, verließ er, im Herzen von Überdruss berührt, weil er so lange das Kloster seines Gallus entbehrte, die Abtei und suchte sein Kloster, mit Schmerzen hier erwartet, wieder auf. Er wird also für ein Jahr unser Dekan, und weil alljährlich nach römischer Sitte bei uns die Ämter geändert zu werden pflegen, wird er gezwungen im Breisgau um des Schutzes seiner Verwandten willen, welche da sehr reich waren, als Propst bestellt. Als er daselbst vieles Unrichtige bis auf die Nagelprobe verbesserte und sich einmal nach dem Kloster zurückzukehren gerüstet hatte, begab er sich in der Nähe des Ortes Wil mit dem späteren Abt Kerhard voraus, um von dem Psalmengesang den übrigen Teil, nachdem er schon gefrühstückt, zu vollenden. Die Diener aber, mit seinen Sitten nicht unbekannt, hatten von weitem für sich auf ihren schnell laufenden Pferden Spiele durchgeführt, und endlich eilten sie hinter jenem her. Als jedoch der Zelter, auf welchem er selbst saß, die Munterkeit der Pferde hinter sich spürte, begann er den Kopf schüttelnd aufzuspringen, und da jener ihm zusetzte, damit er nicht in Lauf geriete, bäumte sich derselbe in die Höhe und warf den Mann, welcher durch sein hohes Alter und seine Leibesbeschaffenheit schwerfällig war, zu Boden. Es war aber, wie sie sagten, in seinem Mund jener Vers: »Es werden aber die Kommenden kommen mit Frohlocken«, welches hinterste Wort »exultatione« er mit lautem Ruf, erschüttert durch die Furcht vor dem Fall, als sein letztes sprach. Indem er jedoch niedersank und so rasch wie möglich sich wieder erhob, hielt ihn Kerhard, als er zum zweiten Mal zurückfiel, vom Pferde springend, und er legte dessen Haupt, indem er sich niedersetzte, in seinen Busen nieder. Und so, während die Männer um Wasser zu holen liefen, starb derselbe, während er tief Atem holte. Das war das Ende des Chunibert, eines von Wuchs hoch gewachsenen und in grauen Haaren verehrungswürdigen und, wie das den meisten erschien, sehr heiligen Menschen. Sein Leib aber wurde nach dem Kloster gebracht und da auf dem Friedhof unter sehr vielen Tränen bestattet. – Es ist aber notwendig, dass, was wir mitteilen, der Reihenfolge nach in verkehrter Ordnung stehe, weil, was zugleich geschehen ist, nicht zugleich gesagt werden kann; deswegen lasst uns dahin zurückgehen, von wo wir abgeschweift sind. 

128. Reise des Erwählten Notker; die Botschaft der St. Galler vor Otto.
Der Erwählte Notker war mit einem Schreiben Purchards zu den beiden Otto nach Speyer gegangen, er selbst der zehnte mit neun Begleitern aus den Vätern, welche zumeist durch weißes Haar verehrungswürdig waren; aber den Königen war er nicht so willkommen, wie einst sein Vorgänger war. Schnell stellte sich, als jene ankamen, Ekkehart ein, da er der Dinge, ehe sie anwesend waren, in keiner Weise vorher kundig und sehr ängstlich war, weil Sandrat, welchen wir früher genannt haben, damals zugegen war, und weil er selbst wusste, dass abermals gegen uns bei den Königen gewisse Schmähungen gemurmelt würden, erschien er über diese Dinge in seinem Sinn aufgeregt. Nachdem jedoch kurz ein Ratschlag gehalten worden war, nahm er das Schreiben an sich, um es zur geeigneten Stunde den Königen darzureichen. Aber der jüngere Otto war zufällig mit dem Herzog Otto in gegenseitiger Umarmung nicht ferne gestanden, und als der Herzog Otto den Unterdekan Rupert, einen Mönch voller Würde, sah, sagte er zum König: »Niemals wird jener einen Hasen im Wettlauf kriegen.« Da aber dieser selbst das Wort hörte, dankte er unter Verbeugung. Und der König Otto sagte: »Wehe Dir, Unglücklicher: denn er selbst hat es gehört.« Und zu Ekkehart, wie derselbe sich näherte, sprach der König Otto: »Wer sind, Meister, jene Männer?« – »Die St. Galler«, sprach jener, »mein Herr, sind es, und zwar als solche, welche heute durch Deine Hilfe zu unterstützen sind.« Und indem die Männer selbst zu den Füssen der beiden Fürsten hinfielen, führt Ekkehart deren Sache in Kurzem durch. Und der König sprach: »Gott, in dessen Hand die Herzen der Könige sind, möge für Euch meinen Löwen mild und versöhnlich machen!« – so nämlich nannte er seinen Vater -, und als jene entlassen waren, fragt er den Lehrer in das Ohr, wer der Erwählte derselben sei. »Der selbst ist es, welchen sie vor sich herbrachten.« Und jener sagt: »Jener verzärtelte Jüngling? Dann fürwahr glaube ich nicht, dass mein Vater, wie Du selbst ihn kennst, in diese Sache einwillige. Während solche durch graues Haar verehrungswürdige Männer beim heiligen Gallus reichlich vorhanden sind, uns einen einem Mädchen ähnlichen Jüngling, fürwahr, zu schicken! Kommt noch« – schloss er – »zusammen und wählt unter Deinem Ratschlag, der Du ja die Leute kennst, einen gewichtigeren Mann! Denn anders wage ich nicht, Euch, wie Ihr es begehrt, vor meinen Löwen hinzubringen.« – Da spricht Ekkehart: »Der den Vätern von Karl gegebene und durch Euch bekräftigte Freiheitsbrief leidet es nicht, dass wir bei unserer kleinen Zahl irgendeinen erwählen. Überdies, was soll hinsichtlich des Schreibens unseres Abtes, Deines Bruders, geschehen? Denn es ist der Erwählte von einer Schwester ein Neffe Notkers des Arztes, welcher bei Dir und Deinem Vater immer als ein wohlverdienter und geschätzter Mann galt, und er ist mit mir von meinem Oheim Ekkehart aufgezogen und unterrichtet, und immer war er an die Tugenden der Väter gewöhnt; auch würden niemals Dein Bruder und mein Oheim mit den Übrigen, wie Du selbst die Leute kennst, als Herrn ihn erwählen, wenn sie ihn nicht als einen Mann von Tugenden kennen würden.« 

129. Otto II. durch Ekkehart II. für Notker gewonnen; Fürsprache für die St. Galler bei Otto I.
Als der König die Antwort voll so großer Überlegung vernommen hatte, vorzüglich aber hinsichtlich des Notker, fing er endlich an milder zu werden; er behauptete aber, dass es ihm nicht beliebe, weder das Schreiben, noch sie selbst nachher vor den Vater hinzubringen, bevor er selbst vorher denselben vorbereitet und nach Erforschung seines Sinnes sie zum Gespräch mit seinem Löwen in den Stand gesetzt hätte. Nachdem er sie endlich selbst gerufen, ermahnte er sie, guter Hoffnung zu sein und in der Nacht über Gebeten zu wachen, damit, weil sie Neider hätten, Gott sie unterstützte. Endlich ermahnt er den Ekkehart, wann die Tafel der Mahlzeit aufgehoben sei, mit dem Schreiben ihm in geschickter Weise zur Seite zu stehen. Und als die Tafel aufgehoben war, fordert er von Vater und Mutter eine Anrede im Geheimen. Indem aber die Mutter von ihrem Tisch kommt, sagt ihr Ekkehart, an die Türe ihr entgegengehend, in das Ohr, dass sie dem heiligen Gallus Gunst bezeugen möchte; denn er hatte von solchen, die darüber sprachen, gehört, dass Sandrat von der Ankunft der Mönche des heiligen Gallus beim großen Otto und ebenso von der ganzen Angelegenheit derselben heimlich und ungünstig gesprochen und fußfällig geben habe, seiner eingedenk sein zu wollen. Das enthüllt er nun auch in wenigen Worten, während der Vater dabei sitzt, ohne Geräusch seinem Otto. Als endlich, indem die andern sämtlich aus dem Speisesaal sich entfernt hatten, Stillschweigen entstanden war, spricht Otto der Sohn: »Es sind hier, mein Herr, die Boten Deines Sohnes Purchard, welcher, einst Abt, durch den Befehl Gottes schon lange geschwächt ist. Was sie aber fordern, wirst du zu prüfen haben.« – »Ich weiß«, sprach der Vater, »dass sie frühmorgens wenigstens zur Stelle waren; aber weswegen sie sich vor meinem Blick verborgen haben, weiß ich nicht. Es gibt gewisse Leute unter den Meinigen, welche behaupten, sie seien nicht in aufrichtiger Gesinnung gekommen, weil, wer wandelt in Aufrichtigkeit, wandelt in seiner Sicherheit.« Und jener sprach: »Zu ihrem Unheil mögen, Vater, jene Hassenswerten wirksam sein, welche Dich durch ihre Spitzfindigkeiten vom Guten abzuwenden beabsichtigen.« Und die Königin fügte bei: »Siehe zu, immer zu liebender Herr, damit Du nicht solchen Leuten, wie sie Dein Sohn kenntlich macht, unüberlegt und allzu sehr beistimmest. Denn auch früher haben wir jene Knechte Gottes, indem sie auf kaiserlichen Befehl geradezu einen Anfall erlitten, sowie ich von einigen selbst, die wir geschickt haben, hörte, ohne Ursache belästigt.« Und Otto endigte: »Siehe, Vater, es sind, wie Du selbst jene kennst, aus ihnen verehrungswürdige Männer anwesend, von Deinem nahezu vor der Zeit absterbenden Sohne abgeschickt, welche Männer ich zwar selbst, als sie mich voran darum baten, ich möchte sie vor Dich hinbringen, nachdem ich in wenigen Worten mich mit ihnen unterhalten, auf den morgigen Tag vertröstet habe; und deswegen haben diejenigen gelogen, welche Dir gesagt hatten, dass jene in doppelter Gesinnung etwas bewerkstelligten. Denn auch ein Schreiben, welches sie, als an Dich abgeschickt, in der Hand hielten, habe ich an mich genommen, und siehe, hier ist es. Wann Du dasselbe gehört haben wirst, wirst Du es, falls sie in heimlicher Weise da sind, sehen.« 

130. Vorlesung des Briefes des Abtes Purchard.
Und da er vom Vater das Siegel aufzuschließen geheißen wurde, gab er ihm dasselbe – denn es war das Halbbild des heiligen Gallus – in die Hand; nachdem jener dasselbe sorgfältig angesehen hatte, sagte er: »Ich habe geglaubt, es sei meines Sohnes, des Armen in dem Herrn, Bild. Aber Du zwar lasse an uns gelangen, was das Schreiben wolle!« Dieses waren die Worte: »Meinen Herren von der höchsten Hoheit nach Gott, das ewige Reich Purchard der Abt, der nur halb noch lebt. Da meine Jahre und mein Greisenalter das Ende des Lebens mir auf die Türschwelle legen, so hat mich, meine Herren, damit ich nicht als Hirt die Schafe, als Vater die Söhne unversehens verlasse, der von Eurer Gnade verstattete Freiheitsbrief bewegt. Daher habe ich, indem ich Vertrauen zu Euch besitze, meinen Geliebten zu Euch geschickt, damit er noch bei meinem Leben an meine Stelle gesetzt werde, da er, von den Männern der Tugenden an die besten Sitten gewöhnt, dem heiligen Gallus, wie ich vertraue, und Euch gefallen wird. Ich habe Euch aber auch als meine Zeugen dreimal drei zuverlässige Männer gesandt, welche ihn vor Euch einzeln, nachdem sie meinen Stab übergeben und für mich Eure Gnade erbeten haben werden, erwählen sollen. Es möge Euer Königreich und Kaiserreich in dem Herrn der Herren stark sein. Amen.« – Als der Brief verlesen worden war, brachte ihn Otto als ein getreuer Ausleger dem Vater und der Mutter, dadurch, dass er den Inhalt in sächsischer Sprache wiederholte, zur Kunde und er bat angelegentlich, dass sie das Erbetene tun möchten, aus Liebe zu demjenigen, welchen sie künftig nicht mehr sehen würden. Und Ekkehart sprach: »Erinnert Euch, Ihr Herren, des Notker des Arztes, des Oheims desjenigen, welcher erwählt werden soll, aber auch Eures Ekkehart, welcher niemals einwilligen würde, dass dieser zu Euch hingeleitet werde, wenn er nicht tauglich wäre.« Endlich erwiderte nach vielen Worten der Vater Otto: »Morgen mögen sie bei Tagesanbruch vor meinem Blicke erscheinen, damit ich, wann ich jenen mit den Übrigen gesehen haben werde, entscheide, was ich tun will.« Und Otto der Sohn entgegnete: »Der Mensch sieht auf das Gesicht, Gott in das Herz; und es ist nämlich jener nicht, so wie mein Lehrmeister, des Anblicks wert, noch auch, wie Euer Sandrat sich darstellt, unansehnlich.« Und jener sprach: »Möchten doch, mein Sohn, alle Mönche unseres Sandrat Sinnesart hegen!« Aber jener schwieg auf die Mahnung Ekkeharts, um nicht den Vater aufzubringen und so brach der Vater die Unterredung ab. 

131. Vorladung der St. Galler vor den Kaiser.
Ekkehart aber, welcher in der Notenschrift sehr erfahren war, schrieb dieses beinahe ganz auf der Tafel in den gleichen Worten nieder. Hernach ergötzte sich dann sein Otto, wie er selbst uns berichtet hat, sehr daran, als es ihm wieder gelesen wurde, weil er selbst außer den Noten nichts auf der Tafel erblickte. Aber Ekkehart suchte sogleich die Seinigen da, wo sie Einkehr genommen, auf, und er ermahnte sie mit den Worten seines Otto, dass sie der besten Hoffnung sein sollten. Und als sie ihn fragten, ob ihrer bei den Königen irgendwelche Erwähnung geschehen sei, sagte er: »Eine große, wenn es mir zu sagen erlaubt wäre; denn einen Eid des Königs zu verbergen, ist ehrenvoll. Aber das wage ich doch, Euch zu eröffnen, dass Ihr bei dem Vater den Sohn als besorgten Dolmetscher gehabt habt. Bei Tagesanbruch werdet Ihr nämlich vor den Blick des Vaters nach seinem eigenen Ausspruch kommen. Aber das Glück dieser Stunde und des Augenblicks haben wir Gott anzuvertrauen.« – Jene kommen, während der Nacht durch Gebete gestärkt, frühmorgens an den Hof, während der Vater mit dem Sohn schon die Lobgesänge, für welche immer Ekkehart die Sorge getragen hatte, anhört. Da aber Palzo, der Bischof des Ortes, das Gebet vorträgt, öffnet Ekkehart die Türe, um zu sehen, ob sie da seien, und als er sie erblickte, trat er ein wenig zurück und gab Otto ein Zeichen. Der Vater aber hielt diesen, wie er hinausgehen wollte, am Schultermantel zurück und lächelte ein wenig. Und jener sagte: »Niemals waren Augen scharfsichtiger, als die Deinigen, mein Löwe.« »Ja fürwahr«, sprach Ekkehart, »so wird auch vom Löwen gelesen, dass er mit geöffneten Augen schläft.« Und Palzo fuhr fort: »Daher spricht der Bräutigam zur Kirche: Ich schlafe und mein Herz wacht. Aber, frommer Herr, draußen erwarten Dich solche, welche solches besser im Schlaf, als wir im Wachen, wissen«. »Woher«, sagte Otto der Vater, »kennst Du jene?« Da antwortete der Bischof: »Weswegen sollte ich sie nicht kennen, unter welchen ich erzogen und in dem Besten, was ich weiß, belehrt bin?« Und jener sprach: »Ich weiß, dass Du einst als ein Armer und ein Bettler auf der Erde umherziehend den Ranzen Deiner Armut, Almosen heischend, vollstopftest.« Da entgegnete er: »Ich stelle es nicht in Abrede; aber was jene gaben, setzte ich unter das Höchste.« 

132. Ihre Vorstellung und Bitte vor demselben; Notkers Vorführung vor Otto I.
Als endlich jener Ehrfurcht Gebietende hinausging, sagte er, wie er auf den Herzog Otto, welcher mit denselben dabei stand, gestoßen war, demselben zulachend in romanischer Sprache, dass er: »Bôn mân« haben sollte. Dann sprach er auch zu ihnen, sie möchten sich wohl befinden. Jener sprach auch mit ihnen selbst in demütiger Weise seinen Dank aus. Waning jedoch, welcher der Reihe nach der erste war, fragte, ob es erlaubt wäre, zu sprechen. »Zuversichtlich«, sagte Otto der Sohn. – »Unser Abt, Ihr Herren, wie er schwach ist, auf Euch jedoch, aber auch auf unsere Herrin, viel Vertrauern hat, hat uns zu Eurer Liebe und Gnade gesandt, indem er Euch ein immerwährendes Reich als König und als Kaiser wünscht. Aber wir müssen vielleicht über die Ursache unserer Ankunft, weil wir dieselbe, durch ihn in einem Schreiben verfasst, herbeigebracht haben, inzwischen, während dieses gelesen wird, schweigen.« – Da sagte Otto der Vater: »Ich habe die in dem Schreiben ausgedrückte Veranstaltung vernommen; aber ich weiß nicht, wenn noch das sich schicken könnte, jenen, so lange er lebt, abzusetzen.« Und indem Chunibert näher an die Könige heranging, sprach er: »Aber wir, Ihr Herren, wissen vielleicht die beste Art und Weise, wonach es Euch ziemen mag zu bewirken, was unser Vater und wir nach dessen Befehl fordern. Jener mag in aller Zeit, in welcher er lebt, unser Herr sein. Derjenige, hinsichtlich dessen er will, dass er an seine Stelle gewählt werde, mag ohne seinen Wink nichts Hauptsächliches tun, nur bloß damit nicht, was jener von Wohlwollen so sehr erfüllte Mann heftig befürchtet, derselbe uns bei seinem Tod als Waisen zurücklasse. Denn jener, welchen er bestimmt, ist ein Mann von großer Hoffnung.« Und wie jener schwieg, sprach Otto der Vater: »Welchen jedoch mir mein Neffe geschickt hat, zeigt mir ihn!« – Aber zu gleicher Zeit hatten jene den Notker, welcher, wie sein Rang war, unter den Letzten stand, vorgeführt. Und der Vater sagte dem Sohn in das Ohr: »Jetzt will ich eben, weil ich unter jenen beredte Männer sehe eine Probe anstellen, was sie sagen wollen.« Und wie Ekkehart das hörte, bemerkte er: »Für etwas anderes sei, mein Herr, besorgt; denn ohne eine Antwort wirst Du jene nicht finden.« – Und Otto der Vater fragte: »Ist es dieser da, welchen Ihr, da er doch an Alter für Euch gleichsam ein Sohn ist, mir zur Wahl vorschlaget? O, über Eure Reife und das Euch beinahe allen aufgestreute weiße Haar, dass Euer Abt unter so vielen Weißköpfen keinen hat finden können, welcher für ihn erwählt werden kann!« Und Rupert, welchen ich genannt habe, der Unterdekan, versetzte: »Du hast geirrt, mein Herr König, und gar sehr irrst Du. Unter so vielen Marien, welche schon längst das beste Teil sich erlasen, hat Dein Neffe gewiss auch nicht eine Martha schlechterdings finden können, welche bekümmert sein mag und um den alltäglichen Dienst sich zu schaffen machen will. Und deswegen ist er, indem er solche bei Seite ließ, zum geringeren Alter herabgestiegen und hat er, glaube mir, die beste, wenn Du sie für würdig halten magst, gefunden.« – Darauf sagte der Vater: »Wie ich sehe, bist Du selbst würdiger, als jener.« 

133. Ottos I neue Zögerung; Ekkeharts Flehen; Investitur des Abtes Notker; Notkers Entlassung.
Unterdessen ging der Vater, um sich zu beschuhen, in die Kemenate. Da aber jene geheißen worden waren, ihn zu erwarten, bitten die beiden Otto den König, indem sie ihn begleiten und nachdem die Königin herbeigerufen worden, er möchte solche Männer nicht lange aufhalten. Doch jener sagt, dass er sich in Zweifel befinde, was er tun sollte, und dass ihm derjenige, welchen sie herbeigebracht hatten, nicht so sehr gefalle. Er versichert aber, dass er, weil er an jenem Ort niemals die Regel habe befestigen können, über sie einen regelrechten Mann setzen wolle, wenn sie dazu rieten. Und unverzüglich hatten der Sohn und Ekkehart gemerkt, dass jener den Sandrat wolle. Ekkehart aber stürzte dem König zu Füssen, und stillschweigend richtete er sich wieder auf. Und der Vater sprach: »Was begehrst Du? Denn fürwahr, auch wenn Du willst, dass Dir selbst jene Abtei gegeben werde, wirst Du nicht ohne einen regelrechten Begleiter von Otto weggehen.« – »In der Tat«, sprach jener, »aus diesem Grund, höchster Herr, habe ich heute mich nicht zu Euren Füssen geworfen; noch werde ich das tun. Weit anderes ist es, Ihr Herren und Du Herrin, worüber gewiss um Euer aller Dreie willen ich auch in Tränen werde ausbrechen können, was ich gedacht habe und denke. Wo ist die immer unerschütterte Festigkeit der Wahrheit, auch bei den Heiden unter den Königen? Ich spreche nämlich von den dem heiligen Gallus von Karl bis auf Euch gegebenen Freiheitsbriefen; der Eurige aber war vor allen für Eure Knechte immer der vorzüglichste, und auf diesen haben Euer Neffe, der Abt, Euer Ekkehart und Notker mit den übrigen Männern voll des Heiligen Geistes so sehr vertraut und vertrauen noch auf ihn, dass sie keinen anderen als Abt erwarten, außer demjenigen, welchen sie, die für Euch zuverlässigsten Untertanen, an Euch geschickt hatten.« Zuletzt erheben sich die beiden Otto, der König und der Herzog, und sie bitten, während auch die Königin demütig fleht, der Vater möge des Freiheitsbriefes eingedenk sein. Aber jener schweigt und überlegt bei sich und befiehlt endlich gleichsam unwillig, dass die Männer herbeigeholt würden. Wie sie nun vor ihm stehen, sagt er: »Deswegen, weil Euer Herbeigeführter in einer Tunika, wie Benedictus zwar niemals eine angezogen hat, zierlich daherkam, habe ich Euch, Ihr Männer Gottes, nicht sogleich geküsst; küsst mich also!« Und da sie dem Notker zuwinkten vorauszugehen, küsste doch jener, indem er denselben vermied, die Übrigen und sagte: »Die Stunde des Kusses für diesen wird etwa noch sein.« Und als er mit ihnen mehreres über den Stand des Klosters und ihre Sitten und ihr Leben verhandelt hatte, fragte er, ob derjenige anwesend sei, welcher gesagt haben soll: »Wenn der Schuh geteilt wird, wird niemand beschuht« -, und als dadurch bei den Seinigen Gelächter erregt worden war, sprach Ekkehart: »Siehe, da spüren wir noch einmal den Ruodmann.« Als das der König gehört hatte, sprach er: »Du hast es gesagt.« Und als endlich der Stab wieder empfangen und der Abt, wie es Sitte ist, vor dem König erwählt worden war, gab derselbe jenen an den Notker, und zwar unter einer solchen Ankündigung, dass derselbe bei Lebzeiten seines Abtes, so wie er selbst wollte, für jenen sorgen und nichts Hauptsächliches ohne dessen Wink und ohne den Rat des Ekkehart und des Notker tun sollte. Und unverzüglich sagte er: »Endlich wirst Du der Meinige sein« -, und er empfing ihn in seinen Händen und küsste ihn. Bald schwur nun jener Treue, als das Evangelium herbeigebracht worden war, und nachdem er in die Kirche zu dem »Herr Gott, Dich loben wir« entlassen worden, befahl er nach seiner Rückkehr den anwesenden Kriegern des Gallus, als sie vor ihm herbeigerufen erschienen, den Eid zu leisten. Und nachdem sich endlich der König erhoben, nahm er jenen mit den Vätern zur Seite, und indem er an den Neffen Gruß und Gunstbezeugung auftrug und weiter, dass er in nächster Zeit jemanden schicken werde, welcher bei ihnen darauf schauen sollte, dass sie den Lauf der Regel beobachteten, so befahl er hinsichtlich desselben, sie sollten ihn nach seinem Empfang so freudig, wie sie nur könnten, behandeln und in Wahrheit wissen, dass er selbst, falls jener, der von solcher Art sei, ihm etwas Gutes von ihnen mitgeteilt haben würde, in keinem Maß seinen Schatz verschonen wolle, um ihnen, worin immer er nur könnte, gefällig zu sein. Und als er ihnen endlich den Abschied gegeben hatte, befahl er, es sollte ihnen reichlich geschenkt werden, wenn sie von seinen Hausverwaltern etwas von Lebensmitteln verlangen wollten.

134. Übernahme der Abtei; Notkers gesegnete Abteiverwaltung; Sorge für die Zucht.
Als Notker nach Hause kam, wurde er von allen freudig empfangen und durch die Hand Purchards auf den Sitz der Macht gesetzt; dann schritt er, um im Kapitelhaus eine Unterredung zu veranstalten, in die Kirche hinaus, und indem er da an die Stelle des heiligen Benedictus von allen erwählt wurde, ist es teils kaum zu erzählen, teils kaum zu glauben, in welcher Weise er sich bald und immer, so lange als er lebte, gezeigt habe. Denn seine Fröhlichkeit, welche, ihm einst eingeboren, jetzt gleichsam von Natur ihm innewohnte und, wie heutzutage die Zeit beschaffen ist, der Wollust zugeschrieben werden mag, ist teilweise nicht zu schildern, deswegen weil die Neider nunmehr werden verkleinern, die der Sache Ungewohnten aber mit Stöhnen werde schreien können: »O Zeiten, o Sitten!« Denn da fürwahr die reichliche Fülle, welche Purchards letzte Jahre veredelte, alle Vorratsräumlichkeiten des Klosters, indem Richere nach den Mahnungen Ekkeharts einsammelte, angefüllt hat, so hatte Gott für den in aller Fröhlichkeit reichlich im Überfluss stehenden Mann auch seine Jahre durch Früchte so sehr verherrlicht, dass das ein jeder mit Recht den Verdiensten seiner Leitung zuschreiben durfte, so dass er selbst mit Tullius, und zwar in einem besseren Versmaß, dichten konnte:
»O, du Zelle des Gall‘, mit mir vom Glücke gesegnet!«
Als nach seiner Ankunft wenige Tageverflossen waren und sein Vorgänger mit den hinzugewählten Männern vernünftigeren Ratschlages ihn ermahnte, erweckte er durchaus die ein wenig allerdings eingeschläferte Lehre des Kebo sorgfältig von neuem und gewann die immer am Orte des Gallus eingepflanzte Zucht für denselben wieder. In den Lebensbedürfnissen aber versorgte er, da der jährliche Überfluss reichlich vorlag, seine Brüder in jeglicher Weise. Denn Weinberge brachte, nachdem die Brüder von der Hadwig getäuscht worden waren, Richere, ein für den heiligen Gallus eifrig zusammensuchender Mann, nach den Ermahnungen seines Dekans bald durch Geld, bald durch Tausch in solcher Größe zusammen, dass, weil der reiche Ertrag im Überfluss vorhanden war und der gemeinsame Keller der Brüder und ferner der des Abtes angefüllt lagen, nicht wenige Gefäße mit Wein im Hof des Abtes, aber auch draußen unter freiem Himmel unter Wächtern niedergelegt wurden und mehrere, welche an dem Ort von einiger Geltung waren, den roten Wein, obschon derselbe sonst gut war, vor den feinen Genüssen zurückwiesen. Da aber der Abt von einem Bruder zwar des Craloh, von einer Schwester aber des Notker als Neffe abstammte, sorgte er in einer von den beiden Oheimen ihm angeborenen Strenge, teils weil die Brüder unter dem schwankenden Zustand des Purchard freier gelebt hatten, teils damit dieses Gerücht die Ohren der Könige berühren möge, dafür, dass diejenigen Brüder, welche solcher Art waren, im Innern des Klosters enger angebunden lebten, und er hatte mitunter Verschuldungen von solchen, welche öffentlich in der Welt außerhalb des Klosters geschehen waren, bestraft; aber es waren auch sehr häufig solche nach weiter abgelegenen Höfen zur Ernährung bei geringerem Brot und bei Wasser verbannt worden. Allein auch so nicht einmal hatte er die Zungen der Verkleinerer fesseln können, während er auch den Sohn eines Oheims von ihm selbst, welcher durch vieles Wissen aufgeblasen war, nach Faurndau, den anderen aber nach Neckarburg auf lange Zeit verwies. Obschon nun hierfür und für andere ähnliche Dinge die Könige zwar ihm durch Boten und Briefe gedankt hatten, vermochte er dennoch nicht lange Zeit bei ihnen in Sicherheit ungefährdet zu bleiben; das nun wird nachher an seiner Stelle zum Vorschein kommen. 

135. Notker und die Laien; gewisse unregelrechte Nachsicht des Abtes.
Da er sich als ein solcher im Innern des Klosters erwiesen hatte, war er allerdings den Laien, sowohl den Kriegern als den Dienstleuten, ein weit anderer. Die Krieger zwar pflegte er, wann er freie Zeit hatte, um für sich ohne die Brüder zu sein, innerhalb und draußen als die Truchsessen und Schenken für die Wochenordnung an seinem Tisch zu haben, und er hatte die Gewohnheit, dass ihm von ihnen in geordneter Weise aufgewartet wurde. Die Söhne aber von einigen, welche die Lehen der Väter haben sollten, hatte er zu sich genommen und streng erzogen, und sie führten nun vor ihm zuweilen nackt Spiele auf, aber auch zur Erlangung von zur Jagd abgerichteten Vögeln und der übrigen Dinge, für welche es sich ziemt, dass die Anlage zur Freiheit geübt werde. Hatten sie sich verfehlt, so wurden sie von ihren Lehrmeistern eingefordert und bekamen Schläge; einigen jedoch schenkte der Abt zu den Zeiten der Entlassung, nach Maßgabe des Alters, Wehrstücke und Gaben. Durch diese und ähnliche Handlungen, da dieselben nämlich ihn als einen Mann von Tüchtigkeit allgemein bekannt gemacht hatten, empfahl sich jener so sehr, dass überall von ihm das Gerücht flog, dass er aber auch vor den Königen selbst nicht anders, als unter der Benennung eines guten Abtes, erwähnt wurde. Während er aber darum sich bekümmerte, dass in allen Stücken die Festsetzungen Hartmuots bewahrt würden, begab er sich mehrenteils von dem Ort hinweg, damit sich in seiner Abwesenheit die Brüder in reichlicherem Masse ergötzen könnten, indem er zum Dekan und seinen Genossen sagte: »Wenn wir um deren willen, deren Mund zu diesen Zeiten gegen die Mönche offen steht, immer eine unbeugsame Strenge aufrecht halten, werden wir entweder den Boden der Regel zerbrechen oder, glaubt mir« – so sprach er – »deren Saite zersprengen. Und deswegen, weil ich es nicht wage, dieses offen zu dulden, will ich« – so sagte er – »damit meine Brüder irgendeinmal, indem sie die Türen hinter sich geschlossen halten, in loserer Weise leben können, absichtlich, meinen teuersten Brüdern zuliebe, von der Stelle weichen. Seht aber« – so redete er – »ich beschwöre Euch, Ihr Herren, auf welche ich mich hierbei verlasse, wohl zu, damit sie nicht in ausgelassener Weise über die Schnur schlagen, und dass nicht Laien ihrer Fröhlichkeit überhaupt beiwohnen, vorzüglich aber die Knechte, auf deren Eid nicht einmal zu zählen wir öfter« – so sagte er – »die Erfahrung gemacht haben.« 

136. Bewirtung von Laien in der Klausur; weitere Einrichtungen Abt Notkers.
Weil wir nun auf diesen Zusammenhang geraten sind, so ist zu sagen, dass das Kloster des heiligen Gallus vom uralten Gedenken der Väter her immer in solcher Verehrung gehalten worden ist, dass keinem sogar der mächtigsten in der Walt lebenden Geistlichen oder der Laien der Eintritt oder auch nur der Einblick in die Klausur erlaubt gewesen wäre. Deshalb habe ich auch zu sagen, was von den Frommen dieser Zeit mir zwar, wie ich weiß, nicht geglaubt wird. Ich nämlich habe – vor den Zeitumständen, welche wir jetzt von den Welschen erleiden, denjenigen, der den Abfall in sich darstellenden Mönche – Grafen und andere Mächtige gesehen, auch Krieger dieses Ortes, welche an festlichen Tagen für ihre Ergötzung mit uns durch das Innere des Klosters hin dem Kreuz folgten, Jünglinge und Greise, gewisse unter ihnen bis zum Gürtel bebartet, in Mönchsröcke gekleidet und mit uns überall, wohin wir nur gingen, hineinschreitend. Ich habe auch im Speisesaal acht von jenen, welche jedoch als Ausgediente erschienen, um den Abt und die Dekane in Mönchskleidung am Tisch sitzend am Ostertag gesehen. Allein damit ich auch über einen dieser Schmausbrüder selbst das Lachen errege, so hat ein gewisser Bernhard, welcher zu Hause über Tisch nicht zu schweigen gewohnt war, hier im Umkreis des Unterdekans Rupert, welcher vor sich eine Maß unvermischten Trankes hatte, sich niedergesetzt und, im Willen, sogleich so, wie er zu Hause gewohnt war, zu trinken, dieselbe mit der Hand genommen und unfaul ausgetrunken. Weil aber jener wusste, dass derselbe ein fröhlicher Mann sei, sagte er ihm leise in das Ohr: »Nach der Regel ist das unser Teil.« Und Bernhard, uneingedenk des Stillschweigens, hinsichtlich dessen er vorbereitet war, sprach öffentlich zu allen: »Wenn das das Unsrige ist, so trinken wir dasselbe!« -, und da ihm alsbald ein Becher dargebracht worden war, fuhr er fort: »Siehe, auch dieses da ist unser; trinken wir also auch dieses.« Denn bei seiner rauen Stimme war er von scherzendem Tone und munteren Sitten, indessen auch von starker Hand. Aber Notker begann und vollführte, da er überhaupt bei dem reichlichen Ertrag seiner Jahre ungemein in der Fülle stand, sehr vieles, was keiner seiner Vorgänger jemals gewagt hat. Die Mauern nämlich, welche von seinem Oheim Anno über den Wällen begonnen worden waren, vollendete er mit den dazwischen gesetzten Türmen und Pforten. Indem er zu diesen Kosten noch mehreres reichlich hingab, hatte er für die Kostleute des gesamten Gesindes, das heißt für hundertsiebzig Männer, während dieselben vor seiner Zeit nur mit Hafer genährt wurden, Korn von reinem Spelt gegeben, und was noch mehr war, er ließ einen neuen Speicher, weil er ein Mann von solcher Anlage war, einzig für wilde Tiere und Ungetüme und Hausvögel und gezähmte Vögel, neben dem Speicher der Brüder, welchen er bereits selbst in prächtiger Weise zu errichten befohlen hatte, aufbauen. Indem er jedoch in solchen guten Dingen oben auf schwamm, mangelte ihm dennoch zuweilen nicht Widerwärtiges zwischen dem Glücklichen. Denn abgesehen von den vielen Lehen, für welche er von den Königen geschmälert wurde, damit er, als ein Mann reich an Mitteln und als sehr freigebig gerühmt, dieselben solchen Leuten gewährte, welchen er sie nicht gewähren mochte, klagt ihn auch Ruodmann von neuem nach gewohnter Sitte bei den Hofleuten an, und während Ekkehart nichts von der Sache wusste, hatte jener es dahin gebracht, dass, während Notker auf nichts weniger, als auf dieses sich gefasst hielt, dessen Duft übel zu riechen begann. 

137. Sandrats Ankunft und Entlarvung.
Und siehe, nach dem Ratschluss Ottos, welcher dem Sohn Otto und Ekkehart verhehlt worden war, betrat Sandrat, indem er ein Schreiben mit sich brachte, beim Beginn gerade des Vespergottesdienstes des Vortages des heiligen Gallus von außen her unter den Laien die Kirche und glaubte, während er alles in Augenschein nehmen würde, als ob er keinem bekannt wäre, verborgen bleiben zu können. Er wollte nämlich, wie er nachher eingestand, an jenen heiligen Tagen, nachdem er für sich, wie er es vermöchte, das Gastrecht erbeten, die Besorgung seiner Bedürfnisse sich verschaffen, um, nachdem er alles erforscht, was er könnte, endlich umso leichter seine Listen betätigend frei losbrechen zu können. Indem aber der Dekan von Murbach zunächst bei dem Abte stand, sagte er: »Siehe, mein Herr: Sandrat schreitet, wenn ich jemals ihn gesehen habe, unter jenen einher, im Bestreben auszuweichen. Jener Unansehnliche selbst ist es nämlich, auf welchen Du hinblickst.« Und der Abt entgegnete: »Ich sehe jenen; aber wenn er es selbst ist, so ist er für mich wirklich nicht unansehnlich« -, und nachdem er einen der Brüder herbeigerufen, befiehlt er, den mit dem Finger Bezeichneten in den Chor zu führen und da denselben sich setzen zu lassen. Indem nun jener dem Bruder nicht ohne Schamröte, er mochte wollen oder nicht, folgte, konnte er sich nicht verhehlen, dass er ertappt sei; denn aller Augen waren auf ihn geheftet. Der Abt aber, als er nach den Lobgesängen hinausgegangen war, begrüßt jenen im Sprechzimmer und sagt unter den übrigen Reden, er verwundere sich, dass der so öffentlich Verheißene so sehr im Geheimen über sie gekommen sei. Da aber jener über die Antwort in Zweifel steht, streckt er den Brief hin und sagt: »Dieser mag für mich reden, da ihn nämlich der große Otto an Dich gerichtet hat.« Und da der Abt den Brief empfangen und durch einen Kuss demselben seine Verehrung bezeugt hatte, spricht er: »In diesem Getümmel unseres Festes halte ich es nicht für sicher, den Brief des Herrn zu lesen, für welchen ich Muße haben will. Aber ich habe im Willen, dass für die Bequemlichkeiten Deiner Einkehr der Portner besorgt sei und dass Du, weil Du vielleicht ermattet bist, einige Tage, damit Du nachher ungehinderter seiest, im Haus der Erholung Dich ausruhest und in jeder Weise immer von Dir aus für Dich Sorge tragest. Aber für die Gäste und andere Leute im Innern des Klosters und außerhalb muss ich Sorge tragen. Deswegen« – so fuhr er fort – »will ich auch, dass Du Dich für diese Tage vom Speisesaal fernhaltest, damit da nicht etwas Deine Augen beleidige.« – »Wann der Brief meines Herrn gelesen sein wird, so möchte ich, dass Ihr zu mir, was immer Euch beliebt, sprechen möget, nur damit nicht gefunden werde, dass wir ganz im Anfang unseres Eintritts etwas von der Regel Abweichendes erdulden.« Nach diesen Worten Sandrats gingen sie auseinander, und jener wird in jener hohen Kemenate untergebracht, welche Sindolf einst dem heiligen Notker verschloss. 

138. Sandrats Klagen über die Anordnungen.
Der Brief befiehlt, nachdem durch ihn die Ankunft der Könige und der Königin, welche im nächsten Frühjahr nach Italien gehen wollten, angekündigt worden war, dass der zur Einrichtung der Regel abgesandte Sandrat mit Freuden empfangen und, bis sie selbst an den Ort kämen, väterlich behandelt werde. Nachdem aber der Abt den Herrn Purchard und den Dekan mit den Vätern in der ersten Morgenfrühe des Tages des heiligen Gallus zu einer Unterredung hatte herbeiholen lassen, beschließen sie, den wohlbeherbergten Sandrat gastfreundlich bis nach dem Fest behandeln zu lassen, und dass dann nach dessen Vollendung von beiden Seiten in vollkommenerer Weise, was zu tun nötig sei, wirklich an Hand genommen werden könne. Als nun das durch den Dekan und den Propst Richere dem Manne anempfohlen worden war, empfing er das mit so großer Widerwärtigkeit, dass er damit drohte, unter Hintansetzung jeglichen Verzuges hinweg zu gehen, wenn ihm nicht so bald wie möglich die Gelegenheit gegeben werde, mit jenen zu verkehren, welche er zu belehren gekommen sei. Aber Richere vermochte, während der Dekan ihn in das Ohr ermahnte, nichts dagegen zu sagen, doch die Frechheit der Worte Sandrats nicht mehr zu ertragen, und er sprach: »Wenn Du ein treuer Bote bist, so wirst Du die Antwort, für welche Du gesandt bist, abwarten; wenn Du aber nicht den Willen haben wirst, in dem Dir Übertragenen getreu zu sein, so mag« – bemerkte er – »wie der Apostel sagt, der Ungetreue hinweggehen, wenn er hinweggeht.« Und der Dekan sagte: »Ganz und gar nicht; denn wir leiden fürwahr nicht, dass ein mit einem königlichen Schreiben an uns Abgesandter hinweggehe; sondern ich will, dass er auch unter Gewahrsam, weil er seine Flucht androht, bewahrt werde.« Und alsbald redete der Propst zu den herbeigerufenen Dienern: »Sorgt für diesen ansehnlicheren Boten des Herrn Königs da mit aller Ehre und Pracht des Aufwandes! Hütet ihn aber selbst sorgfältig, damit er nicht ohne das Wissen unseres Abtes hinweggehe! Es wird der dritte Tag kommen, und seinen Leuten wenigstens werden wir den Abschied geben.« 

139. Abt Notker und Sandrat.
Durch solche Worte der beiden Männer war jener so sehr bestürzt, dass er, dadurch betäubt, sich niedersetzte und den Seinigen bei deren Weggang sagte, niemals habe er geglaubt, dass ein Kuttenträger im Reich sei, welcher gegen seinen Wunsch so Gewichtiges ihm zu antworten sich vorsetzen würde. Endlich, damit ich vieles, was ich vernommen habe, übergehe, hat der Abt am dritten Tag zu ihm, als er in die Versammlung geführt worden war, mit Absicht folgendes gesagt: »Für uns, Bruder, denen Du, wie ich wünsche« – so sprach er – »zum besten Werk zugesandt bist, ist es notwendig, dass Du verständiger als die Bischöfe und Äbte seiest, welche uns als in bewundernswürdiger Weisheit der Liebe neulichst auf die Regel des heiligen Benedictus, so wie sie wollten, Befestigte verlassen hatten; ich habe aber unter meinen Brüdern eine Mehrzahl, welche in der deutlichsten Weise behaupten, dass wir unter dem Zwang liegen, in irgendetwas in Betreff der Regel vom rechten Weg abzuweichen, so dass, indem unsere Sünden das forderten, durch einen bösen Engel eine Sendung eintreten musste. Hierin nun wissen wir Dir allein, obschon einem sehr heiligen Mann, zwar in plötzlicher Regung zu gehorchen, nicht jedoch als einem Träger geprüfter Einsicht, sondern nur als demjenigen eines königlichen Machtbefehls.« – Da sagte jener: »Ich verwundere mich bei mir, wenn über meine Herbeisendung, falls ich ein böser Engel sein soll, irgendjemand solches mir beilegt, da ich doch, glaubt mir, nicht nach meinem Willen gekommen bin, weder zu Euch, noch zu irgendwelchen, deren ich doch viele – Gott sei gelobt! – im Reiche auf den rechten Weg gebracht hatte, indem ich bei denselben, weil ich von der kaiserlichen Gewalt her abgeschickt war, zwar nach dem kaiserlichen Befehl gewaltet hatte, nicht jedoch irgendetwas unter Vorbringung von Bitten hatte tun wollen, sowie ich jetzt auch bei Euch, sobald ich nur angekommen war, wenn mir die Erlaubnis dazu gegeben gewesen wäre, hatte handeln wollen, und so wie ich noch heute, wenn mir das zu tun freigestellt ist, bei Euch handeln will.« – Und der Dekan sagte zum Abt: »Wohlan also, mein Herr! Weichen wir dem Boten des Reiches, und er soll die ihm passende Ordnung geben, und überall mag er mit uns verkehren, damit er sehe, wie wir leben. Wir wollen jedoch« – fuhr er fort – »vor der in ihm sich darstellenden Obrigkeit den Aufschub einer Woche erbitten, damit wir, indem er den Weg der Regel, auf welchem wir schreiten, wahrnimmt und uns, wenn er nach Lesung der Regel darüber uns belehrt haben wird, dass wir davon abschweiften, dahin wieder zurückführt, nach dem Befehl der kaiserlichen Gewalt ihm folgen. Und weil ein regelrechter Mönch ohne einen Abt nicht wird sein können, so mag er es unter seinen Unterweisungen bei den regelrechten Männern geduldig ertragen, dass er hier gefunden hat, wer für ihn Abt und Dekan sei.« – »Zu Köln«, erwiderte jener, »habe ich meinen geliebtesten Abt verlassen.« – »Auch wenn Du uns von demselben«, sagte der Dekan, »ein Empfehlungsschreiben gegeben haben würdest, so würden wir doch dem großen König selbst zurückschreiben, dass Du selber dennoch dasjenige, was Du gelehrt habest, zu tun und zu leiden abweisest, sowie auch, dass wir Dich nicht erdulden wollen.« 

140. Die Woche der Prüfung durch Sandrat.
Nachdem jener solches gehört hatte, wurde er, bei sich knirschend, so sehr bewegt, dass er vor Zorn sogar in Tränen ausbrach. Indem aber der Abt nach Auflösung der Versammlung sich erhob, ermahnte er jenen von sich aus, guten Mutes zu sein, und er sagte, dass er selbst zwar es nicht gewagt habe, der Vernunft eines so gewichtigen Mannes sich zu widersetzen, weil solcher am Orte sehr viele seien, welche von den Bischöfen und Äbten neulichst und indem Kebo verblieb, in der Regel bestärkt, von derselben nicht mit Ungestüm losgerissen zu werden vermöchten; er aber wolle nicht dem Schreiben des Königs, welches Sandrat herbeibrachte, zuwider gehen, wenn derselbe unter langem Verzug und bei Prüfung der Regel Vernünftiges den Seinigen beibringen und dieselben von den durch die so lange Zeit eingepflanzten Lehren so großer Männer abwenden könne. Endlich befiehlt er, dass jenem nach den Dekanen die Reihenfolge gegeben werde und dass er jene Woche unter Prüfung aller unserer Dinge in größerer Ruhe lebe und endlich alles, was ihm nicht gefallen habe, nach dem Zeugnis der Regel, in vernunftgemäßer Weise abändere. Die Woche geht zu Ende, und indem Sandrat im Kapitel sich niedersetzt, sagt er, dass ihm mehreres missfalle, am meisten aber in der Kirche die prahlerischen und keineswegs mönchischen Erhebungen der Stimmen und mehreres anderes, was er nachher sagen wollte, abgesehen davon, dass er sehe, dass in der Kirche jeden Tag Sonntag, im Speisesaal aber jeden Tag Freitag gehalten werde. Er versicherte aber, seine Nase könne den Duft der Schweinefleischbrühe ganz und gar nicht vertragen, und dass er allen, Kranken und Gesunden, das Fleisch und die Brühe nach dem Befehl des Königs untersage. Vom Wein jedoch behauptete er, weil er nämlich trinksüchtig war, er werde uns allzu spärlich gegeben, und dass unser Kelch vielmehr zur Wiederbelebung, als zum Trunke genüge. Mehreres Übrige, was er gelehrt und getan hat, abgesehen von einigem Hervorragenden, lasse ich, weil alles einen üblen Ausgang hat, bei Seite, obschon ich zwar einen Band daraus erstellen könnte. 

141. Sandrats Trunkenheit und Maßlosigkeit; Sandrats Händel im Kloster.
Der Abt ermahnt endlich zehn Mönche und ebenso auch alle, weil er nämlich an Sandrat allzu wenig Festigkeit gesehen hatte, dass sie jenem, wenn sie einander lieb hätten, zu allen angemessenen und unangemessenen Dingen gehorchen möchten, indem er ihnen voraussagt, dass die Strenge der Amtsverwaltung jenes Mannes nicht lange dauern werde. Er befiehlt aber, demselben alles Essen, was er selbst heißen würde, zuoberst an der rechten Tafel des Speisesaals ohne Maß vorzusetzen und ihn, wenn er selbst aufhörte, zum Trinken ermahnen zu lassen; denn schon hatte er auch ausgespäht, was für einer jener im Zechen sei. Allein der Dekan mit dem Propst setzten häufig in einzelne der Brüder, dass dieselben jenen durch ihre würdigen Sitten niederbeugen möchten. Es war aber jener immer für die Brüder nach dem Tisch in den Zuchtmitteln, wegen des Trunkes nämlich, schärfer. Da geschah es jedoch eines Tages, dass einer der Jünglinge, welchem sich Sandrat schon mehrere Tage feindseliger zeigte, da er auf denselben strenger, wie er gegen alle zu tun pflegte, mit Reden, nachdem er vom ungemischten Wein heiß geworden, einfuhr, gegen jenen das Wort sprach: »Siehe da von neuem unseren Halbschulmeister!« Weil nun jener das, wie der Jüngling glaubte, heimlich von demselben gesprochene Wort von dessen Mund alsbald aufgriff, sagte er: »Ich, Dein Halbschulmeister, werde Dir so rasch wie möglich es zu zeigen haben, wenn ich an Geistesschwäche leide.« -, und indem er auf den Mann, welcher zwar wohlgeboren, aber auch sehr unterrichtet war, einsprang, gab er ihm mit der Hand einen schweren Schlag an den Kinnbacken. Jener aber, viel stärker als er, streckte, schneller als ein Wort, den Arm aus und schlug jenen mit der Faust in stärkster Weise an die Schläfe, und er machte ihn halb tot zu Boden sinken und wollte ihm noch Größeres antun, würden ihn nicht die Übrigen zurückgehalten haben. Alsbald kommen mit dem Dekan die Brüder über sie; nachdem der Abt herbeigerufen worden, wird das Zeichen zum Kapitel geläutet. Dort wird auf Befehl des Abtes jener Jüngling, wie er noch in Wut ist, an die Säule des Warmraumes gebunden und sehr scharf mit Ruten geschlagen, und weil er unterrichtet war, spricht er zwischen den Schmerzen, dass er sich nicht wundere, dass er nämlich an der Säule durch die Künste des andern Satan leide, was einst durch die Künste des Teufels Christus an der Säule gelitten hat; denn es sei auch nicht weniger merkwürdig, dass es einmal geschehe, wenn durch seine Hand für Sandrat sich zutrage, was für den mit demselben ähnlich Genannten sich zugetragen habe. Indem dieser solches während der Peitschenhiebe für sich vorausahnte, saß Sandrat noch von jenem Schlag betäubt darnieder und war sehr in Schrecken, und indem er sich vor dem Abt zu Boden warf, bat er, derselbe möchte ihn lossprechen und aus der Liebe zum König willen ihn darüber belehren, was er für sich nach diesen Dingen tun solle. 

142. Sandrats Reue und neue Ungebühr; seine Geißelung.
Und der Dekan sprach: »Allzu sehr treibst Du unseren Herrn in die Enge, dass er Dir gegenüber, der Du so viele Mönche, wie Du sagst, belehrt hast und der Du nach so vielen Bischöfen und Äbten uns zu belehren gekommen bist, als Dein Lehrer aufzutreten sich vornehmen soll.« Und der Abt entgegnete: »Weil ich, o Du Mann Gottes, dem Herrn König den Eid geschworen habe, habe ich alles, was Du mit uns tun wirst, zu dulden bis zu dem Ende, wovon Du sagst, es zähle zu einer, ich weiß nicht wessen, Regel, wenn Du nämlich auf meine Brüder, wie in Albernheit verwegen, um sie mit der Hand zu schlagen, einspringst. Denn ich versichere in Ehrlichkeit: ein jeder von uns Beiden haben wir auch jetzt gegen die Regel gehandelt, Du, indem Du meinen Sohn ohne ein Urteil mit den Händen schlugst, ich, indem ich dasselbe gegen ihn mit Peitschenhieben tat, um Dir Genüge zu tun.« Und indem der Abt den Befehl gab, dass alle Taten Sandrats in dem an Otto den Sohn abzusendenden Schreiben berichtet würden, erhob sich jener, indem er gleichsam den Übrigen ein Beispiel geben wollte, zog den Rock aus und breitete ihn vor sich hin, worauf er sich über denselben ausstreckte, und er bat seufzend, für eine solche Ausschreitung bestraft zu werden. Und während alle in großer Zahl wünschten, dass er geschlagen würde, befahl ihm der Abt, sich anzuziehen, weil nämlich in ihm der königliche Bote zu ehren sei. Indem er dann den Sandrat mit dem verletzten Bruder durch seine Macht versöhnte, hinderte er es in seiner geschickten Weise doch nicht, dass jener so handeln konnte, wie immer er wollte. – Weil aber Sandrat nun umso weniger den Wein sparte und derselbe, als von diesem Augenblick einige Tage verflossen waren, in seinem Amt von neuem in Ungebührlichkeit verfiel, hatte er in einer gewissen Nacht, vom Wein eingeschläfert, die Brüder durch sein Schnarchen und Nießen beunruhigt. Indem er jedoch nach seinem Knecht Hatto rief, welcher vor Zeiten nach seiner Ankunft vom Ort hinweggegangen war, sagte er: »Nichtswürdiger Knecht, wo bist Du?« Und so stand er endlich in seiner Geistesschwäche, um das Wasser zu lösen, ohne Rock und barfuß auf, und er benässte die Bank am Bett des Vaters Ruomo, welcher dazumal wegen Sandrats Unruhe fortgegangen war. Doch am folgenden Tag durch den Dekan im Kapitel wegen der Klage über seine Trunkenheit und schändliche Aufführung angeschuldigt, zog er abermals, wie auch früher, aus eigenem Antrieb den Rock aus und forderte seine eigene Züchtigung, indem er über das ausgebreitete Kleid sich hinstreckte. Aber Ruomo stand auf und nahm, während der Dekan zwar es nicht befahl, bescheiden die Geißel der Brüder, welche in der Nähe hing und schlug jenem schwere Schläge auf, und während ihn zwar der Dekan anrief, was er denn täte, sagte er: »Was Ihr befohlen habt und was er selbst gebeten hat, tue ich.« Er gab nämlich vor, dass er einen Wink desselben angenommen habe, und er hieb ihm inzwischen in stärkerer Weise noch größere Schläge auf. Und da jener bei sich darüber, dass er jemals an den Ort gekommen sei, »Wehe!« schrie, wurde er kaum, indem der Dekan sich erhob, befreit. Ruomo aber war durch seine Verdienste ein Mann von so großem Ansehen, dass er von keinem gerügt und dass von einigen auch über ihn gesagt wurde, er habe in passender Weise gehandelt. 

143. Sandrats Schlemmerei; seine Entlarvung und Flucht.
Endlich befiehlt der Abt nach dem Rat aller, dass jenem in der Kemenate, wo er zuerst herbergte, ein Bett gelegt und dass ihm aus dem Gesinde ein eifriger Wächter gegeben werde. Als aber jener dort eines Tages aus der Komplet kam, sah er den Wächter, wie derselbe das für sich zurecht gelegte Fleisch auf einem kleinen Tisch hatte, und er sagte zu ihm – denn da er jenen sehr schätzte, hatte er das Vertrauen, derselbe sei zuverlässig -: »Mein Herz, gib von dem Fleisch auch mir und halte die Sache verborgen!« Als das nun dieser bereitwillig getan hatte, reichte er dem von dem Fleisch Gesättigten auch Wein dar. Aber jener nahm aus dem Säckel, welchen niemals irgendjemand am Ort gesehen hatte, Geld heraus und gab dasselbe unter Küssen seinem einträchtigen Freund, damit derselbe auch in anderen Nächten Ähnliches täte. Und da jener dies schon häufig, indem hinter ihnen die Türen verschlossen waren, vollführt hatte, sprach der Wächter eines Tages zu Richere, als derselbe sich erkundigte, wie sich der Lehrmeister der Brüder zur Nacht verhielte: »Ja fürwahr, auf das Beste, wenn ich ihm schon Fleisch zu geben hätte; denn was ich haben konnte, das haben wir verbraucht.« Da entgegnete Richere: »Wohl, mein Zechbruder, erzählst Du das; und das soll Dir, was mich betrifft, nämlich auch nicht abgehen; aber was ich Dir sage, das tue, damit Du für Dein Leben Sorge tragest. Gib Dir in der nächsten Nacht den Anschein, die Türe zu verriegeln, und lasse sie unverschlossen; und nachdem Du von unseren Dienern Fleisch, welches reichlich vorhanden sein soll, genommen hast, bereite dasselbe prächtig für Euch zu!« Sandrat kam in der nächsten Nacht aus der Komplet, und so, wie er gewohnt war, belastete ihm der zuverlässigste Diener zutragend den Tisch mit Fleisch und versprach, dass sie eine fröhliche Nacht haben wollten. Und siehe, über sie kam der Propst mit einigen beigezogenen Brüdern, während sie gierig aßen, und wie er über ihnen stand, sagte er: »In guten Werken finden wir Dich, heiliger Meister; denn fürwahr« – fuhr er fort – »für unsere Kranken möchte, wenn Du wolltest, diese Schale mehr gestattet sein, als für Dich!« -, und indem er dieselbe emporhob, drohte er, sie ihm in das Gesicht zu schlagen, vollführte jedoch das Angedrohte nicht. Indem er aber den Wächter, gleichsam auch über ihn erzürnt, als den nichtswürdigsten Knecht anrief, befahl er ihm, niemals mehr vor die Augen ihm zu kommen, und trieb ihn aus dem Hause, und so gingen sie, nachdem jener Betrüger der Könige und des Reiches allein zurückgelassen war, hinweg, nachdem sie die Türen der Klausur sorgfältig hinter sich verschlossen hatten, damit er nicht darüber hinaus noch in das Innere einträte. Weil aber jener in Furcht stand, dass am folgenden Tage für ihn einiges Übel von größerem Gewicht noch bevorstehen werde, so ergriff er in der Nacht die Flucht und hatte an jenem Tag zwischen den Gesträuchen des nächsten Berges einen Schlupfwinkel. Da aber auch der Abt nicht wollte, dass jemand jenen verfolge, schließt derselbe sich endlich, für seine Person sicher geworden, an fremde Weggänger an, welche nach Rom gingen. Aber was für ein Schicksal er nachher gehabt habe, lasse ich, weil es zweifelhaft bestätigt ist, gerne bei dem Hass, der über seinem Namen ruht, in Unkenntnis. Und dieses ist das Trauerspiel der Unternehmung, welche der Heuchler Sandrat auf den Befehl des großen Otto gegen uns begonnen hat. 

144. Bericht über Sandrat an den Hof.
Endlich schickte der Abt ein Schreiben mit Geschenken an die beiden Otto und die Königin nach dem Sachsenland, indem er nach der Zeit ihrer Ankunft sich erkundigte, ebenso aber auch an Ekkehart ein Heft, welches die gesamte Reihenfolge der Geschichte des Sandrat enthielt. Als nun jener dasselbe im Geheimen Otto dem Sohn zum Lesen gab, wurde derselbe in ein so gewaltiges Gelächter des Hohnes aufgelöst, dass seine Mutter, indem sie dazukam, fragte, was denn wäre. Indem er aber ihr selbst jene Schrift zu lesen gab, fragte er sie – denn sie war sehr unterrichtet -, was für ein Schicksal den ohne sein Wissen vom Vater abgeschickten heiligen Sandrat begleitet habe und demselben gefolgt sei. Als sie jedoch die Schrift gleichfalls zwar eifrig durchlas und das Lachen nicht zurückhalten konnte, sprach sie doch zum Sohn: »Ganz gewiss, mein Sohn, scheint es mir, es sei so unschicklich gewesen, dass Dein Vater solchen Männern, wie auch wir neulich aus ihrem Kreis den einen und andern erblickten, ein solches Laster hingeschickt habe, und dass ein Ungeheuer von einem Menschen geheißen worden sei, Männer von so großer Achtung hinter sich herzuziehen. Höre!« – sagte sie -: »jener Ohrenbläser Deines Vaters ist der gemeinste unter den Menschen und bei Gott verhasst gewesen. Aber auch ich wurde in jenem getäuscht, als ich den mageren und bleichen und in seinem Anzug vernachlässigten Mann sah, und ich hoffte, dass wir irgendetwas Großes in ihm erwarten durften. Ich weiß aber« – schloss sie – »dass es Dir und Ekkehart weniger zukomme, irgendetwas über diese Sache zu Deinem Vater zu sprechen; aber ich wahrlich werde, sobald mir nur die Möglichkeit gegeben sein wird, als eine zuverlässige Auslegerin seinen Ohren dieses Schriftstück da eröffnen.« Ein gewisser Krieger, der als Bote des Abtes bestellt worden war, übergibt endlich, während die Königin dabeisteht, dem König unter Überreichung der Geschenke das Schreiben, und indem der König sogleich dasselbe wohlwollend in Empfang nimmt und die Frage stellt, wie Sandrat sich befinde, legt die Königin die Rede dazwischen: »Mir, mein Herr« – sagt sie – »ist dieses auferlegt, Dir nach Durchlesung des Briefes denselben zu deuten.« 

145. Tröstungen vom Hof für das Erlittene; Ankündigung des königlichen Besuches.
Als sie selbst nunmehr den Brief gelesen hatte, so war dessen Ende: »Es möge die Frömmigkeit Eurer Hoheit durch die verworrene Mannigfaltigkeit der Beschwerlichkeiten bewegt werden, welche ich durch den Zwischenraum von sechzehn Wochen hin mit meinen Brüdern erlitten habe.« Und sie sprach: »Diese auf diesen Blättern kurz verzeichneten Beschwerlichkeiten höre, mein Herr, gnädig an, wenn Du mich liebst!« Und als sie ihm jene ganze Schrift so rasch als sie nur vermochte als ein getreuer Dolmetsch bis zu Ende durchführte, sprach er: »Es bewegt mich Ekel und Scham, meine Geliebte, die eitlen Dinge von dem Menschen und so viele unvernünftige Unternehmungen desselben vernommen zu haben; aber mich dauert auch« – fuhr er fort – »diese große Demut und Geduld solcher Männer Gottes, welche sie aus Furcht vor mir bewiesen. O!« – schloss er – »möchte mir jener leichtsinnigste Betrüger vor die Augen gegeben werden, wie sollte er allen Heuchlern zukünftig zum Beispiel dienen!« – , und nachdem er auf den Rat der Königin den Ekkehart hatte herbeirufen lassen, sprach er: »Schreibe Deinem Notker mit den Seinigen, dass nicht so sehr meine Gnade für jene, sondern ihre Gnade für mich, weil sie in Bewegung gesetzt worden sind, zu begehren sei, und wenn ich sie ohne mein Wissen betrübt habe, so werde ich sie mit meinem Wissen, wenn ich das Leben haben werde, wegen ihrer um meinetwillen unbesiegt zu Tage getretenen Geduld erfreuen; und melde, dass, wenn Gott es gestattet, im Mai unsere Ankunft bei ihnen eintreten und die Wunden, womit ich sie, von verderbten Menschen verleitet, verletzt habe, heilen werde.« Unterdessen schreitet Otto der Sohn herein; ihm gibt der Vater, als ob er der Dinge unwissend wäre, jene Schrift zum Lesen. Da aber jener unter dem Lesen lachte, sagte der Vater: »Ich wundere mich, dass Du über etwas lachst, was mir zum Weinen Lust macht.« – »Dass Du zur Wahrheit bekehrt worden seiest«, sagte der Sohn, »darüber, Vater, freue ich mich. Obschon ich Euch häufig jenen Mann zur Kenntnis bringen wollte, so hat er nun doch, da Ihr dennoch, ohne mich zu beraten, dorthin denselben abgesandt habt, nicht vermocht, zu verhehlen, wer er in Wirklichkeit sei; aber wenigstens jetzt mag, mein Vater, zu erfahren gesucht werden, wo derselbe sei, damit, wann wir an den Ort« – so schlug er vor – »kommen werden, er selbst angesichts seiner Schüler, welche er unwürdig behandelt hatte, würdig behandelt werde.« Und die Königin fügte bei: »Wenn jener Deinem Vater früher zuhanden gelangt sein wird, mein Sohn, so wird derselbe nach meinem Rat ihn nicht bis dorthin aufheben.« 

146. Ankunft der beiden Otto in St. Gallen.
Der Krieger des Abtes, in freudiger Weise entlassen, der Träger einer guten Botschaft, hatte, alle Männer des heiligen Gallus fröhlich stimmend, mit denselben Worten der Könige es ihnen verkündet, dass sie, weil die Könige selbst nunmehr sie darin erprobt hätten, nämlich darin, dass sie fürwahr nur im Guten leben wollten, zukünftig ihr Leben so einrichten möchten, in welcher Weise sie immer wollten; denn die Könige geben auch das Versprechen, weiter ihnen keinen Heuchler mehr hinzusenden. Auf die Ankunft der Könige wird vielfacher, reichlicher Aufwand an neugedichteten Lobgesängen, an übrigen gewohnten Dingen vorbereitet. Sie kommen an den Ort am Vortag des Himmelfahrtsfestes, welcher am Tag der heiligen Jungfrau Potentiana war. Mit der Ehrerbietung, wie sich gebührte, werden sie aufgenommen. Der große Otto, von seinem Bruder Pruno, dem Erzbischof von Köln, an der Linken geführt, mit der Rechten auf den Stock gestützt, während aber der Sohn die Mutter führte, stand selbst weit vor den anderen, gleichsam ein Löwe vor den Tieren, indem der Bruder nach einem Kuss der Hand beiseite ging, allein in der Mitte, gleich wie eine Bildsäule, während von hier und von dort die Brüder zu den Lobgesängen an den Seiten der Kirche ihm zugewandt aufgestellt waren, und nachdem er seine großen Augen auf die Brüder hierhin und dorthin gewandt hatte, ließ er, um die Zucht zu prüfen, ob es noch diejenige sei, welche er vorher kannte, seinen Stock zur Erde fallen. Indem aber sein Schwiegersohn, Herzog Cuono, herbeilief und ihm den Stock in Gottesfurcht wieder zustellte, sprach der König zu jenem befehlend, er solle stehen bleiben: »Siehe, ich ließ, indem ich die Zucht dieser Männer, von der auch Du vielleicht gehört hast, versuchte, meinen Stock niederfallen, und ich habe bei keinem von jenen gesehen, dass sein Haupt oder seine Augen darauf hin sich bewegten. Sprich jedoch meiner Adalheid und meinem Sohne von der Verschlagenheit, die ich gebraucht habe!« Der Sohn aber, häufig in witziger Weise zu sprechen gewohnt, sagte zu dem Berichterstatter Cuono: »Wir wundern uns, dass ihm, während er so fest das Reich hält, der Stock zu Boden gefallen ist. Denn fürwahr, wie ein Löwe hat er die Reiche, welche er noch genommen hat, auf das festeste gehalten, und er hat mir, obschon ich sein Sohn bin, auch nicht einen Teil davon gegeben.« 

147. Der Könige Ehrfurcht vor Notker Pfefferkorn.
Endlich verfügte nach Beendigung der Lobgesänge der große König, dass niemand außer wen der Abt dazu wolle, mit ihm in die Klausur eintrete. Und als der Dekan und andere vornehmste Mönche zu den Küssen gerufen worden waren, fragt der König nach seinem Notker, wo derselbe wäre. Denn jener war damals von hohem Alter blind, und er wird dem König auf einem Stuhl sitzend gezeigt. Dieser befiehlt also dem Sohn, dass dieser selbst jenen zu ihm herbeiführen möchte. Der küsste jenen alsbald und führte ihn an der Hand zum Vater hin, und auch dieser selbst küsste den Mann, zog ihn unter dem Schultermantel an sich und gab ihm viele Trostworte, und die Hand ihm reichend, führte er ihn mit sich in die Klausur. Da sprach jener: »O ich glücklichster Blinder, der ich heute so hohe Führer habe, wie sie keiner jemals verdient hat.« Indem aber der König in den inneren Räumen des Klosters Platz nahm, setzte er jenen an seine Seite. Da grüßten ihn die Bischöfe und die Äbte und Laien, welchen er oft nützlich gewesen ist. Indem aber inzwischen Otto der Sohn den Abt zu sich genommen hatte, bittet er, dass ihm die Büchersammlung geöffnet werde. Da nun jener das nicht abzuweisen wagt, befiehlt er, dem König aufmachen zu lassen, doch mit der unter Lachen aufgestellten Bedingung, dass ein so gewaltiger Räuber den Ort und die Brüder nicht ausplündern möchte. Jener aber trug, durch die besten Bücher angelockt, mehrere mit sich davon, von welchen er jedoch einige auf Ekkeharts Bitten nachher zurückgab.