Tuggen

Der Sankt Gallus-Bildstock von Tuggen soll jenen denkwürdigen Ort bezeichnen, an dem sich um das Jahr 611 die irischen Glaubensboten des heiligen Columban niederlassen wollten. (2013)
Der heutige Bildstock stammt aus dem Jahr 1910. Er wird auch als ›Wegkapelle Gallenbrunnen auf der Egg‹ bezeichnet. (2013)
Unweit vom Bildstock entfernt entspringt eine ergiebige Quelle, die bis 1918 in einem alten Steingebäude gefasst war und ›Gallenbrunnen‹ genannt wurde. Heute wird das Quellwasser unterirdisch gefasst und versorgt einige Höfe in der Umgebung. (2015)
Der Lokalhistoriker Johannes Kühn rekonstruierte das 1918 abgebrochene Brunnenhaus des ›Gallenbrunnens‹ nach der mündlichen Beschreibung eines alten Landwirts. (Abbildung nach Johannes Kühn, Der Gallus-Brunnen bei Tuggen, in: Heimatkunde vom Linthgebiet (1943), S. 3)
Die lokale Tradition schreibt die Entdeckung der Quelle dem heiligen Gallus zu. Sie hätte genügend Wasser für die Versorgung von Columbans Mönchsgemeinschaft geführt. (2013)
Die ursprüngliche Gallusstatue aus dem 18. Jahrhundert ist aus der Wegkapelle auf der Egg verschwunden und wurde durch eine neue ersetzt. (2013)
Die Ebene von Tuggen war im Mittelalter noch mit einem See bedeckt, dem Tuggenersee. Die erhöhte Lage der (vermuteten) Niederlassung der irischen Mönche ist deshalb gut nachvollziehbar. (2013)
Auch im Dorfkern von Tuggen gib es einen ›Gallusbrunnen‹. Er stammt aus dem Jahr 1960 und wurde von Bildhauer Ernst Ghenzi aus Uznach geschaffen. (2013)
Die barocke Tuggener Pfarrkirche ist heute den Heiligen Erhard und Viktor geweiht. (2013)
Auch in der Pfarrkirche wird die Erinnerung an die Missionare Columban und Gallus gepflegt. (2013)
Der einheimische Kunstmaler Georg Weber (1884–1978) stellte Sankt Columban in einer Taufszene dar. (2013)
Und ebenso Columbans Begleiter Gallus. Die Tuggener Wandmalereien von 1956 gehören zu den wenigen kirchlichen Werken Webers, die noch nicht durch ›Renovierungen‹ zerstört wurden. (2013)
Das moderne Pfarreizentrum von Tuggen trägt den Namen von Sankt Gallus. (2015)
Die Heiligen Columban und Gallus zieren auch das Tuggener Gemeindewappen. (Bildquelle: Wikipedia)

Tuggen nimmt in den Lebensbeschreibungen von Gallus eine wichtige Rolle ein. An diesem Ort tritt der Heilige erstmals als Missionar in Erscheinung. Entschlossen brennt er die Heiligtümer der ansässigen Heiden nieder, versenkt ihre Opfergaben im See. Damit zieht er jedoch den Zorn der Einheimischen auf sich und seine Gefährten. Abt Columban sieht sich gezwungen, mit seinen Jüngern aus Tuggen zu fliehen, obschon die Mönche diesen Ort als geeigneten Wohnplatz empfunden hatten. In seiner Enttäuschung verflucht Columban die Bewohner von Tuggen samt ihren Nachkommen, »damit bis in Ewigkeit ihre Schande für alle sichtbar bleibe«.

Die Bedeutung der Tuggener Missions-Episode, die nur in der Gallus-, nicht aber in der Columbansvita überliefert ist, ist schwer zu interpretieren. Etliche Forschende haben sich darüber schon den Kopf zerbrochen. Denn ausgerechnet in Tuggen, dem angeblich verfluchten Ort, stand die älteste christliche Kirche weit und breit. Die archäologischen Befunde zeigen, dass sie noch zu Lebzeiten von Gallus entstanden sein dürfte und damit erheblich älter ist als die Lebensbeschreibungen des Heiligen.

Freilich spielte Sankt Gallus in der Tuggener Kirche nie eine zentrale Rolle. Deren älteste nachweisbare Patronin ist Maria (1116); heute sind es die Heiligen Erhard und Viktor. Tuggen gehörte vom Frühmittelalter bis 1656 dem Kloster Pfäfers, von dem wohl auch das Marienpatrozinium herzuleiten ist. Das Kloster St.Gallen dagegen scheint in Tuggen nie im Besitz von irgendwelchen Rechten oder Gütern gewesen zu sein.

Trotzdem ist in Tuggen die Erinnerung an die irischen Wandermönche, und insbesondere den ungestümen Götzenstürmer Gallus, wach geblieben. Ob diese Erinnerung auf einen tatsächlichen Ansiedlungsversuch der Mönche um das Jahr 611 zurückgeht oder doch eher auf einer späteren Rezeption der Gallusvita beruht, soll hier offen bleiben. Jedenfalls lässt sich in Tuggen seit der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts ein Gallusbrunnen nachweisen, in dem sich das Andenken an unseren Heiligen manifestiert.

Der lokalen Tradition gemäß hatten sich Columban und seine Jünger – von Zürich her kommend – auf der Anhöhe ›Egg‹ zwischen Tuggen und Wangen niedergelassen. Von hier aus überschaute man den damals noch nicht verlandeten, fischreichen Tuggenersee. Deshalb schien dieser Ort nicht bloß für einen kurzen Aufenthalt, sondern auch für eine Klostergründung durchaus geeignet. Es gab hier sogar eine ergiebige Frischwasserquelle. Ihr Entdecker, so wurde schon argumentiert, müsse Sankt Gallus gewesen sein. Dies könne man aus dem bis in die heutige Zeit überlieferten Namen ›Gallenbrunnen‹ schließen.

Wie weit die Pläne für eine Klostergründung schon gediehen waren, als die Bewohner von Tuggen die irischen Missionare wieder aus der Gegend verjagten, wagte noch niemand mit Sicherheit zu bestimmen. Man konnte sich jedoch vorstellen, dass das ehemalige Brunnenhaus des ›Gallenbrunnens‹ auf der Egg noch ein Relikt aus der Missionszeit war. Dieser 1918 abgebrochene Steinbau sei ursprünglich jedoch nicht als Brunnenhaus gebaut worden, sondern trage vielmehr den Charakter einer Mönchszelle. Ob es sich gar um die Zelle des heiligen Gallus handelte, in der später das segensreiche Quellwasser gesammelt wurde? Auch diese These wurde schon geäußert.

Wissenschaftlich lässt sich die im lokalen Geschichtsbild verankerte Niederlassung der irischen Mönche auf der Egg bisher nicht erhärten, weder quellenmäßig noch archäologisch. Und dass die Bezeichnung ›Gallenbrunnen‹ oder gar das ehemalige Brunnenhaus tatsächlich bis ins frühe 7. Jahrhundert zurückreichen, ist doch eher unwahrscheinlich. Wenn man freilich, gestützt auf die Lebensbeschreibungen des heiligen Gallus, in Tuggen nach einem günstig gelegenen Ort suchen möchte, an dem sich die irischen Mönche um Sankt Columban niedergelassen haben könnten, dann wird man die Egg auf jeden Fall in Betracht ziehen müssen.

Auf der Egg erinnert seit 1910 eine Wegkapelle an den in Tuggen erfolglosen Missionar Gallus. Sie steht ganz in der Nähe des 1918 in den Untergrund verlegten ›Gallenbrunnens‹, also an jenem Ort, wo die irischen Glaubensboten um das Jahr 611 ihre Niederlassung gehabt haben sollen. Von diesem schönen Südhang aus überblickt man die gesamte March. Es scheint deshalb gut nachvollziehbar, wenn der Gallusbiograf Walahfrid Strabo in seiner Vita sancti Galli berichtet, die Beschaffenheit dieses Ortes habe den irischen Mönchen zum Wohnen sehr gut gefallen: placuit illis loci qualitas ad inhabitandum.


Literatur

Domeisen, Siegfried, Die drei Gallus-Brunnen im Linthgebiet. Eine volkskundliche Studie, in: Heimatkunde vom Linthgebiet 26/1-4 (1954), 1-5; 17-20.

Fuchs, Karin; Descoeudres, Georges, Frühes und hohes Mittelalter, in: Historischer Verein des Kantons Schwyz (Hg.), Geschichte des Kantons Schwyz, Zürich 2012, S. 131–189.

Hilty, Gerold, Gallus in Tuggen. Zur Frage der deutsch-romanischen Sprachgrenze im Linthgebiet vom 6. bis zum 9. Jahrhundert, in: Vox Romanica 44 (1985), S. 125–155.

Historischer Verein des Kantons Schwyz (Hg.), Geschichte des Kantons Schwyz, Zürich 2012.

Jörger, Albert, Die Kunstdenkmäler des Kantons Schwyz. Neue Ausgabe II. Der Bezirk March, Basel 1989 (Die Kunstdenkmäler der Schweiz 82).

Kühn, Johannes, Der Gallus-Brunnen bei Tuggen, in: Heimatkunde vom Linthgebiet 1 (1943), S. 1–5.

Schär, Max, Gallus. Der Heilige in seiner Zeit, Basel 2011.

Schmid, Christian, Gallusland. Auf den Spuren des heiligen Gallus, Freiburg i. Ü. 2011.

Wyrsch, Jürg, Pfarrkirche St. Erhard und Viktor zu Tuggen. Restauration 1998, Festgabe zur 257. Kirchweihe am 29. August 1999, Tuggen 1999.

Wyrsch, Jürg, March am Anfang. Vom Nuoler Steinbeil zu Karl dem Grossen, Lachen 2006 (Marchringheft 47).

Wyrsch, Jürg, Kirchen, Ketzer, Kleriker. Von der Grosspfarrei zur Pfarrei Tuggen, Tuggen 2015.

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Stand: Dezember 2017