Stein im Toggenburg

Die evangelisch-reformierte Kirche und das Pfarrhaus von Stein liegen leicht erhöht über dem Fluss Thur, am Fuße des Alpstein-Gebirges. Die Kirche war einst dem heiligen Gallus geweiht. (2015)
Das im Dachstuhl der Steiner Kirche verbaute Holz kann in die Jahre 1473–1475 datiert werden. Der Bau dürfte damit wenige Jahre vor der Erhebung zur Pfarrkirche erfolgt sein. (2015)
Bei der Renovierung der alten Kirche von Stein im Jahr 1929 wurde der Turm erhöht. 1995 erfolgte eine weitere größere Erneuerung der Kirche. (2015)
Der Innenraum der reformierten Kirche von Stein verrät, obwohl immer wieder an die aktuellen Bedürfnisse der Gemeinde angepasst, noch das ehrwürdige Alter des Gotteshauses. (2015)
Als die katholische Minderheit von Stein um 1930 ein eigenes Gotteshaus (links im Bild) errichtete, hatte das Dorf rund 600 Einwohner. (2015)
Die katholische Pfarrkirche von Norden her. Das Dorf Stein ist bis heute vorwiegend landwirtschaftlich geprägt und erfreut sich einer wunderbaren Landschaft. (2015)
Die katholische Kirche von Stein ist dem heiligen Jakobus geweiht. Das Patrozinium passt: Durch das obere Toggenburg führt eine Route des Pilgerwegs nach Santiago de Compostela. (2015)
Wo einst die Burg Starkenstein thronte, werden seit 1955 Steine gebrochen. Von der alten Festung ist nichts mehr zu sehen. (2015)
Stein erscheint in den ältesten Urkunden noch unter dem Namen Breitenau. Ort und Kirche gehörten im Mittelalter dem nahe gelegenen Kloster St. Johann im Thurtal. Im Bild die wunderschön restaurierte Klosteranlage von Alt St. Johann. (2015)

Da, wo die imposanten Bergmassive von Alpstein, Churfirsten und Speer aufeinandertreffen, verengt sich das Toggenburg zu einer Schlucht, durch die sich die junge Thur ihren Weg bahnt. Diesen Durchgang beherrschte im Hochmittelalter die Burg Starkenstein, die den mächtigen Grafen von Montfort gehörte. Etwas flussabwärts, wo sich das Thurtal wieder zu einer breiten, gefälligen Landschaft weitet, befand sich der Hof Breitenau. Die Montforter übergaben dieses Gut 1180/1209 dem Benediktinerkloster St. Johann im Thurtal.

Wann in der Breitenau das erste Gotteshaus errichtet wurde, ist nicht bekannt. Schriftliche Hinweise lassen jedoch darauf schließen, dass hier bereits um 1275/80 eine Kapelle existierte. Das Patronatsrecht lag beim Kloster St. Johann. Wohl gegen Ende des 15. Jahrhunderts (1483? / 1497?) wurde Breitenau zur Pfarrei erhoben. Als erster Pfarrer ist im Jahr 1508 Pater Johannes Steiger belegt, der spätere Abt des Klosters St. Johann im Thurtal (1520–1535). Laut chronikalischer Tradition war die Breitenauer Kirche dem heiligen Gallus geweiht.

Das Galluspatrozinium hat sich allerdings nicht erhalten. 1524 setzte im Toggenburg, dem Heimattal des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli, die Reformation ein. Der damalige Pfarrer von Breitenau, Blasius Forrer, war ein feuriger Anhänger der neuen Lehre. Die Kirche wurde ausgeräumt, die Reliquien gingen ab. Pfarrer Forrer fand bald darauf einen gewaltsamen Tod. Er wurde 1529 auf offener Straße erschlagen.

Die Mehrheit, aber nicht die gesamte Bevölkerung hatte das evangelische Bekenntnis angenommen. Breitenau war ein geteilter Ort. Weder Reformierte noch Katholiken waren fortan in der Lage, einen eigenen Prediger bzw. Priester zu unterhalten. Die Reformierten mussten sich kirchlich der Nachbargemeinde Nesslau anschließen, die wenigen Katholiken besuchten den Gottesdienst im Kloster St. Johann. Dieses war durch die Reformation allerdings so geschwächt worden, dass es nicht mehr selbständig weiter zu existieren vermochte. St. Johann im Thurtal wurde 1555 dem Kloster St.Gallen inkorporiert.

Der Hof Breitenau war im Verlauf des Mittelalters zu einem Dorf angewachsen. Dieses wurde – wohl aufgrund seiner Nähe zur Burg Starkenstein – immer öfter mit den Bezeichnungen ›am Stein‹ oder ›beim Stein‹ lokalisiert, bis sich schließlich der Ortsname ›Stein‹ durchsetzte.

Der St.Galler Fürstabt Bernhard Müller ließ im Jahr 1601 in Stein wieder den katholischen Gottesdienst einführen. Mönche aus dem Kloster St. Johann, nunmehr ein St.Galler Priorat, übten die Seelsorge aus. Die reformierte Gemeinde von Stein erhielt 1711 einen eigenen Prediger. Die einstige Galluskirche wurde paritätisch genutzt. Streitigkeiten zwischen Reformierten und Katholiken gab es vor allem des Pfrundguts, also eher des Geldes als des Glaubens wegen. Doch ein Zusammenleben war möglich. Ein katholischer Geistlicher berichtet um 1700: »Die Zwinglianer sind früher wie Tiger gewesen; aber allmählich haben sie sich so an die Katholischen gewöhnt, dass sie wie eine Gemeinde geschienen und mit ihnen die gleiche Kirche besuchten.«

Das Simultanverhältnis wurde 1929 mit der Errichtung einer neuen katholischen Kirche beendet. Sie ist dem heiligen Jakobus geweiht. Die Reformierten übernahmen die alte Kirche und erneuerten sie gründlich. 1947 wurde Stein von einer verheerenden Brandkatastrophe heimgesucht, dem letzten großen Dorfbrand in der Schweiz. 18 Wohnhäuser und 17 Ställe fielen den Flammen zum Opfer. Die reformierte und die katholische Kirche blieben beide verschont.


Panorama
 
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Literatur

Bühler, Beat, Gegenreformation und katholische Reform in den stift-st.gallischen Pfarreien der Diözese Konstanz unter den Äbten Otmar Kunz (1564-1477) und Joachim Opser (1577-1594), St.Gallen 1988 (St.Galler Kultur und Geschichte 18).

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Huber, Johannes, Entlang der Fürstenland-Strasse. Die Kulturlandschaft der Abtei St.Gallen, St.Gallen 2008.

Naef, August, Chronik oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft St. Gallen. Mit Inbegriff der damit in Verbindung stehenden Appenzellischen Begebenheiten. Von den ältesten Zeiten bis auf das Jahr 1848, Zürich/St.Gallen 1850.

Oberholzer, Arnold, Allerlei aus der Geschichte des Obertoggenburgs, in: Toggenburger Chronik 8-12/1 (1930/31), S. 63.

Rothenflue, Franz, Toggenburger Chronik. Urkundliche Geschichte sämmtlicher katholischer & evangelischer Kirchgemeinden der Landschaft Toggenburg, aus archiv. Quellen gesammelt u. zusammengestellt von Al. Rüdliger und H.G. Sulzberger, Bütschwil 1887.

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

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Stand: Dezember 2017