St.Gallen im Ennstal

»Kirche des heiligen Gallus im Wald«, so wird die Stiftung Konrads von Wetternfeld in den ältesten Urkunden genannt. Auch heute gibt es im Ennstal noch sehr viel Wald. (2014)
Von der ersten, 1152 geweihten Galluskirche ist nichts mehr sichtbar. Die heutige Pfarrkirche von St.Gallen vereinigt Bauelemente der Gotik und des Barock. (2014)
Das im spätgotischen Stil erbaute Hauptschiff stammt aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, Chor und Innenausstattung aus dem 18. Jahrhundert. (2014)
Die Statue des heiligen Gallus auf der rechten Seite des Hochaltars stammt aus der Barockzeit. Gallus ist als Benediktinerabt dargestellt. (2014)
Die farbigen Glasscheiben wurden in der Zeit um 1900 von Wohltätern gestiftet und in die gotischen Kirchenfenster eingepasst. Natürlich findet sich auch Sankt Gallus abgebildet. (2014)
Barock! Der St.Galler Kirchturm mit seinem eleganten Zwiebelhelm wurde 1753 errichtet. Bauherr war Abt Matthäus Offner (1757–1779) von Admont, der auch andernorts bedeutende Bauprojekte realisierte. (2014)
Wie die Zeit vergeht, so vergeht auch das Leben. Dumm, wer seine Hoffnungen an zeitliche Dinge hängt. Der Kirchturm von St.Gallen regt zum Nachdenken an: Was ist schon ein Menschenalter im Vergleich zur Ewigkeit? (2014)
Der Pfarrhof von Sankt Gallen wurde 1715 unter Abt Anselm Luerzer von Admont errichtet. Sein Wappen ziert die Westfassade des stattlichen Gebäudes. Das Wappen rechts von Gallus und Bär ist dasjenige Abt Oswin Schlammadingers, der 1909/10 eine bedeutende Renovierung veranlasste. (2014)
Die im 13. Jahrhundert erbaute Burg Gallenstein war in Krisenzeiten nicht nur für die Mönche des Klosters Admont ein sicherer Rückzugsort, sie bot wiederholt auch anderen Verfolgten und Bedrängten Schutz. (2014)
Galluskirche und Burg Gallenstein beherrschen das Bild des Marktorts St.Gallen in der Steiermark. (2014)
Der Bär im Wappen von St.Gallen reißt einen ganzen Baum aus. Davon gibt es in der Steiermark viele. Über 60% des österreichischen Bundeslands sind von dichten Wäldern bedeckt. (2014)
Brunnen am Markt mit dem St.Galler Wappentier, dem Bären mit der Tanne in den Tatzen. (2014)
Burg Gallenstein in der Abendsonne. (2014)

Am 23. September 1152 weihte Erzbischof Eberhard I. von Salzburg etwa vier Marschstunden vom Kloster Admont entfernt die Kirche des heiligen Gallus im Wald – ecclesiam s. Galli in silva. Der Edle Gottfried von Wetternfeld hatte dieses Gotteshaus gestiftet und überaus reich dotiert. Er übergab es dem Kloster Admont, das die Seelsorge in der neu errichteten Pfarrei sicherstellen und ein Hospiz für Durchreisende unterhalten sollte. So entstand in den Ennstaler Alpen, weit entfernt von den Wirkungsstätten des heiligen Gallus am Bodensee, ein neues St.Gallen.

Wir wüssten gerne mehr über Gottfried von Wetternfeld, den großzügigen Stifter von St.Gallen in der Steiermark. Offenbar besaß er weit verstreute Güter; seinen Stammsitz hatte er wohl auf Burg Wetterfeld bei Roding. Urkundliche Belege zeigen uns Gottfried als wichtige Persönlichkeit seiner Zeit: als Ministerialen des Markgrafen Diepold III. von Vohburg sowie König Konrads III., des Staufers.

Am Königshof könnte Gottfried in den Besitz von Gallusreliquien gekommen sein, die seine Patrozinienwahl ja erst ermöglichten. Auch der damalige St.Galler Abt Werinher (1133–1167) hielt sich nämlich öfters am Hof auf. Denkbar, dass Werinher bisweilen Reliquien des heiligen Gallus mitführte und diese an interessierte Kirchenstifter abgab. Gesichert ist das zwar nicht, aber immerhin ließe sich so die Entstehung von St.Gallen in der Steiermark erklären.

Die Geschichte von St.Gallen – das 1397 das Marktrecht erhielt – verlief weitgehend in ruhigen Bahnen. Die Weltpolitik hat sich außerhalb des beschaulichen Bergtals abgespielt. Doch unbedeutend war St.Gallen deswegen nicht. Wald- und Wasserreichtum machte die Region seit dem 13. Jahrhundert zu einem wichtigen Zentrum der Eisenindustrie. In zahlreichen Eisenhämmern wurde das am nahe gelegenen Erzberg gewonnene Eisenerz verhüttet. 1492 gründeten die Hammerleute von St.Gallen eine Bruderschaft. Ihr Mittelpunkt war die Kirche des heiligen Gallus, die vom guten Geschäftsgang der Hammerwerke profitierte: 1523 konnte eine von Grund auf neu gebaute spätgotische Pfarrkirche geweiht werden. Vier Priester kümmerten sich um die Seelsorge.

Schon bald nach Fertigstellung der neuen Galluskirche hielt im Ennstal die Reformation Einzug. Obwohl St.Gallen zur Herrschaft des Klosters Admont gehörte, scheint es deswegen keine ersthaften Auseinandersetzungen gegeben zu haben. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war die gesamte Bevölkerung von St.Gallen evangelisch.

Folgenschwerer war die Gegenreformation, die in der Region um 1600 einsetzte. Die Bevölkerung war vor die Wahl gestellt, entweder den alten Glauben wieder anzunehmen oder wegzuziehen. Noch bis 1617 konnten im Ennstal Zwangsausweisungen verhindert werden, wofür sich auch das Kloster Admont einsetzte; nicht ganz uneigennützig, denn mit den evangelischen Hammerherren drohte St.Gallen seinen Wirtschaftsmotor – und das Kloster wichtige Einnahmen – zu verlieren. Zum Untergang der St.Galler Eisenindustrie hat die Ausweisung der Evangelischen zu Beginn des 17. Jahrhunderts zwar nicht geführt. Bald musste jedoch die Rentabilität der Hammerwerke mit schmerzhaften Umstrukturierungen gesichert werden.

Die Barockzeit brachte in Sankt Gallen eine rege Bautätigkeit. 1715 wurde der Pfarrhof errichtet, von 1736 bis 1753 etappenweise die Galluskirche erweitert und barockisiert. Namhafte Baumeister und Künstler waren daran beteiligt, so zum Beispiel Bartolomeo Altomonte, dem wir auch die künstlerische Ausgestaltung der großartigen Admonter Stiftsbibliothek verdanken.

Das 19. Jahrhundert brachte das Ende der Eisenindustrie. Die Hammerwerke verschwanden allmählich aus St.Gallen. Ein sichtbares Zeichen des Niedergangs stellte 1831 die Auflassung der Burg Gallenstein dar, die seit dem 13. Jahrhundert auf einem Felssporn über St.Gallen thronte und das regionale Herrschaftszentrum des Klosters Admont war. Gallenstein hatte seit seiner Errichtung wiederholt als Fluchtburg gedient – nicht nur für Menschen, sondern auch für Kirchen-, Archiv- und Bibliotheksschätze. Die Festung wurde nie von Feinden gebrochen, und selbst nach ihrer Aufgabe widersetzte sie sich ihrer totalen Zerstörung. Die Mauern erwiesen sich als zu stark für einen Abbruch, weshalb nur Holz, Ziegel und Metallbestandteile abgeführt wurden.

St.Gallen hat nach dem Ende der Hammerwerke neue Perspektiven gefunden, zum Beispiel als Tourismusort. Dank seiner wunderbaren Landschaft, dem Markt, der Ruine Gallenstein und der Sankt-Galluskirche zählt St.Gallen heute zu den schönsten Orten der Steiermark. Die Kirche erfuhr im 20. Jahrhundert mehrere Erneuerungen. 1909–1910 wurden unter anderem die damals akut einsturzgefährdeten Emporen gesichert und ein direkter Zugang von außen auf die obere Empore geschaffen. Außerhalb der Gottesdienstzeiten gelangt man heute nur über diesen Zugang in die Kirche.


Panorama
 
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Literatur

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Haberleitner, Odilo; Brandauer, Hermann, St.Gallen und das St.Gallener Tal. Ein Kleinod der Obersteiermark, St.Gallen 1952.

Katholisches Pfarramt St.Gallen, St.Gallen, Steiermark. Pfarrkirche zum hl. Gallus, Salzburg 1997.

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

Wichner, P. Jakob, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Admont von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1177, Graz 1874.

Wichner, P. Jakob, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Admont von der Zeit des Abtes Engelbert bis zum Tode des Abtes Andreas von Stettheim (1297-1466), Graz 1878.

Wichner, P. Jakob, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Admont vom Jahre 1466 bis auf die neueste Zeit, Graz 1880.

Wichner, P. Jakob, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Admont von der Zeit des Abtes Isenrik bis zum Tode des Abtes Heinrich II. (1178-1297), Graz 1886.

Ziegler, Wolfram, König Konrad III. (1138-1152). Hof, Urkunden und Politik, Wien/Köln/Weimar 2008 (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters 26).

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Stand: Dezember 2017