St.Gallen (Galluskapelle)

Das Altarretabel aus Nussbaumholz gehört wohl noch zur ursprünglichen Ausstattung der 1671 geweihten Sankt Gallus-Kapelle. Das Altarbild stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde vielleicht von Joseph Wannenmacher nach einer Skizze von Christian Wenzinger gemalt.
Das Altarbild erzählt die Ursprungsgeschichte von St.Gallen: Gallus fällt in die Dornen, erkennt Gottes Vorsehung und beschließt für immer hierzubleiben. Er errichtet ein Kreuz und hängt daran die Tasche mit den Reliquien der Gottesmutter Maria, dem heiligen Bischof Desiderius und dem heiligen Heerführer Mauritius.
Die Heiligen Desiderius und Mauritius flankieren den Eingang zur Sankt Gallus-Kapelle. Die zwei Sandsteinstatuen des Schaffhauser Bildhauers Johann Jakob Oechslin (1802–1873) zierten einst die Doppelturmfassade der St.Galler Kathedrale, wurden dort aber 1934 ersetzt und an ihrem heutigen Standort aufgestellt.
Ohne die beiden monumentalen Heiligenfiguren ließe sich kaum erahnen, dass sich zwischen geparkten Autos der Eingang zum »National-Heiligtum des St.Gallischen Volkes« (Otto Zardetti) befindet.
Die Sankt Gallus-Kapelle befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Sankt Gallus-Kirche, die früher Stiftskirche (Klosterkirche) war und heute Kathedrale (Bischofskirche) ist.
Direkt oberhalb der Sankt Gallus-Kapelle befindet sich noch eine weitere Gallus-Kapelle, die von außen an ihrer Tellerscheiben-Verglasung erkennbar ist. Früher war sie die Privatkapelle der Fürstäbte, heute der St.Galler Bischöfe.
Gemäß der Rekonstruktion von August Hardegger (1858–1927) könnte der St.Galler Klosterbezirk nach der Errichtung der Sankt Gallus-Kapelle (rot hervorgehoben) um das Jahr 1000 so ausgesehen haben. (Nach: August Hardegger, Die alte Stiftskirche und die ehemaligen Klostergebäude in St.Gallen, Zürich 1917.)
Nachdem die Sankt Gallus-Kapelle (rot hervorgehoben) in der Reformation zerstört worden war, ließ sie Abt Diethelm Blarer nach 1532 wieder errichten. Der Rundbau wurde 1666 jedoch abgerissen und die Kapelle in ihrer heutigen Form gebaut. (Nach: August Hardegger, Die alte Stiftskirche und die ehemaligen Klostergebäude in St.Gallen, Zürich 1917.)

Erinnern wir uns an die Gründungsgeschichte von St.Gallen: Als der heilige Gallus im Jahr 612 mit seinem Begleiter Hiltibod das wilde Hochtal der Steinach durchstreifte, blieb er mit dem Fuß an einem Dornbusch hängen und stürzte zu Boden. Für den Gottesmann war sofort klar: »Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich habe ihn erkoren.« [Ps 132,14] Gallus errichtete ein Kreuz aus Haselstauden und hängte daran eine Kapsel mit Reliquien der Gottesmutter Maria sowie der heiligen Märtyrer Mauritius und Desiderius. So entstand der erste geweihte Ort im Steinachwald, die Keimzelle des späteren Klosters und der Stadt St.Gallen.

An diesem denkwürdigen Platz ließ im Jahr 971 der St.Galler Abt Purchart I. eine Kapelle errichten. Exakt an die Stelle des alten Strauches, wo Gallus das Kreuz errichtet hatte, kam der Altar zu stehen. Der (heilige) Bischof Konrad von Konstanz († 975) weihte ihn sinnigerweise zu Ehren des heiligen Kreuzes sowie des heiligen Gallus. Im gleichen Jahr trat Abt Purchart aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Seinen Lebensabend wollte er in einer Klause direkt neben der Sankt Gallus-Kapelle verbringen. Bischof Konrad, der sich Sorgen um den gebrechlichen Purchart machte, konnte ihn jedoch von dieser harten Lebensweise abhalten. Als Purchart am 9. August 975 starb, wurde er von Bischof Konrad vor dem Eingang der Sankt Gallus-Kapelle beigesetzt; hier fand er den Ort seiner Ruhe…

Es ist verständlich, dass die Sankt Gallus-Kapelle sowohl inner- als auch außerhalb des Klosters stets eine besondere Wertschätzung genoss. Sie wurde wiederholt mit Schenkungen bedacht und hatte genügend Einkünfte für einen eigenen Kaplan. Hier, an der Wiege von St.Gallen, war die Verehrung des heiligen Gallus besonders ausgeprägt. Deshalb war die Kapelle den städtischen Bilderstürmern der Reformationszeit ein Dorn im Auge. Ihr Anführer, der Bürgermeister Joachim Vadian, ließ die Sankt Gallus-Kapelle im November 1530 dem Erdboden gleichmachen. An ihrem Standort wurde eine Straße gebaut. Die Verehrung des Heiligen, dem St.Gallen so viel verdankte, sollte damit im Keim erstickt werden.

Im Jahr 1532, nach dem Zweiten Kappeler Landfrieden, musste die Stadt St.Gallen das vorübergehend aufgehobene Kloster restituieren. Sofort ließ Abt Diethelm den Straßenabschnitt über der ehemaligen Sankt Gallus-Kapelle sperren, damit niemand mehr den ehrwürdigen Ort mit Füßen treten konnte. Dann machte er sich an die Wiederherstellung der Kapelle, die ein freistehender Rundbau mit kegelförmigem Dach und rundbogigen Fenstern war. Da aber die Mittel des Klosters nach den Reformationswirren beschränkt waren, erreichte die neue Kapelle nicht mehr ganz ihre ursprüngliche Pracht. Statt aus aufwändig gearbeiteten Quadersteinen wurde sie aus groben, unbehauenen Steinen gebaut. Als der Konstanzer Weihbischof am 11. Oktober 1540 das wiederhergerichtete Kloster neu konsekrierte, machte er den Anfang bei der Sankt Gallus-Kapelle.

Nach der Reformation blühte das Kloster St.Gallen wieder auf. Die zunehmende Mönchszahl und die Bedürfnisse der fürstäbtlichen Hofhaltung machten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bauliche Veränderungen nötig. Fürstabt Gallus Alt ließ zwei neue, heute noch existierende Gebäudeteile errichten: ›Konventflügel‹ und ›Hofflügel‹. Weil die Sankt Gallus-Kapelle dem geplanten Hofflügel, der als fürstäbtliche Residenz und Pfalz dienen sollte, im Wege stand, wurde sie im Frühjahr 1666 abgebrochen. Doch schon wenige Wochen später legte der Abt den Grundstein zu einer neuen Sankt Gallus-Kapelle. Diese war nun vollständig in den Gebäudekomplex des ›Hofflügels‹ integriert, stand aber wieder genau an der Stelle, wo Sankt Gallus einst in die Dornen gefallen war. Fürstabt Gallus Alt benedizierte die neue Kapelle am 15. Oktober 1669, am Vortag des Gallusfests. Der Konstanzer Weibischof weihte sie am 8. April 1671 zu Ehren des heiligen Gallus. Als Altarpatrone setzte er zudem auch jene Heiligen ein, deren Reliquien Sankt Gallus im Jahr 612 in den Steinachwald gebracht hatte: die Gottesmutter Maria sowie die Märtyrer Desiderius und Mauritius. Ebenfalls zum Altarpatron wurde der heilige Bischof Konrad von Konstanz erhoben, der 971 die von Abt Purchard I. errichtete Sankt Gallus-Kapelle geweiht hatte.

Im ersten Stockwerk des Hofflügels, unmittelbar über der neuen Sankt Gallus-Kapelle, war eine zweite Kapelle eingerichtet worden. Als Teil der fürstäbtlichen Residenz diente sie als Privatkapelle der St.Galler Äbte und war ebenfalls dem heiligen Gallus geweiht.

Mit ihrer Integration in den Hofflügel mochte die ehemals freistehende Sankt Gallus-Kapelle etwas von ihrer Exklusivität verloren haben. Der neue Raum im Erdgeschoss der fürstäbtlichen Residenz war von außen unscheinbar und innen ein einfaches Viereck von rund 5,8 Metern Länge, 6,4 Metern Breite und 3,2 Metern Höhe. Fürstabt Gallus Alt versuchte der herausragenden Bedeutung des Ortes dennoch Rechnung zu tragen. Er beauftragte seinen Hofmaler Johann Sebastian Hersche (1619–nach 1691) mit der Herstellung von 26 großformatigen Bildern mit Szenen aus dem Gallusleben. Der Zyklus, der sich an die um 833/34 entstandene Vita sancti Galli des Reichenauer Mönchs Walahfrid Strabo anlehnt, machte die Sankt Gallus-Kapelle wieder zu einem stimmigen Erinnerungsort an die Ursprünge von St.Gallen und den Gründerheiligen Gallus. Ein knappes Jahrhundert später wurden Hersches Bilder von Joseph Wannenmacher, der zuvor schon die neue St.Galler Stiftskirche ausgemalt hatte, aufgefrischt und in Annäherung an die Bildsprache in der Stiftskirche teilweise übermalt. In dieser Form sind die Bilder erhalten geblieben – bis auf zwei, die seit einer Kapellrenovierung im Jahr 1876 als verloren gelten.

Im Jahr 1805 beschloss die Regierung des 1803 neu errichteten Kantons St.Gallen die Liquidierung des über tausendjährigen Gallusklosters. Wie das gesamte Vermögen der Fürstabtei kamen auch die Stiftsgebäude in staatlichen Besitz. Der von Gallus Alt erbaute Hofflügel mit den beiden übereinanderliegenden Sankt Gallus-Kapellen wurde an eine Baumwollspinnerei vermietet, die aber wenigstens die untere der beiden Kapellen unbeschädigt ließ. 1823 kaufte der Katholische Konfessionsteil des Kantons St.Gallen vom Staat den Hofflügel (ohne die angebaute alte Pfalz) für die hohe Summe von 38‘000 Gulden zurück. Hier – in der ehemaligen fürstäbtlichen Residenz – sollte nun die bischöfliche Residenz des 1823 gegründeten und seit 1847 unabhängigen Bistums St.Gallen entstehen.

Seither ist die obere Sankt Gallus-Kapelle die Privatkapelle der St.Galler Bischöfe. Die untere Kapelle mit dem Bilderzyklus zum Leben und Wirken des heiligen Gallus wurde zur Taufkapelle der St.Galler Dompfarrei. Generationen von Kindern wurden hier, am Ursprungsort von St.Gallen und der Keimzelle des christlichen Alemannien, in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen.


Panorama
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Literatur

Anderes, Bernhard, Der Stiftsbezirk St.Gallen, St.Gallen 1991.

Duft, Johannes, Die Gallus-Kapelle zu St.Gallen und ihr Bilderzyklus, in: Neujahrsblatt des historischen Vereins des Kantons St.Gallen 117 (1977), S. 5–56.

Duft, Johannes, St.Gallus in seiner Kapelle. Das Gallusleben als barocker Bilderzyklus in der Galluskapelle zu St.Gallen, St.Gallen 1996.

Grünenfelder, Josef, Der Stiftsbezirk St.Gallen. Kulturhistorischer Führer, Lindenberg i. A. 2012.

Kaiser, Markus, Pläne für die Spinnerei im Kloster St.Gallen, in: Peter Erhart (Hg.), Schatzkammer Stiftsarchiv St.Gallen. Miscellanea Lorenz Hollenstein, Dietikon-Zürich 2009, S. 139–145.

Schnoor, Franziska; Schmuki, Karl, Die Galluskapelle. Das Leben des heiligen Gallus in Bild und Wort, St.Gallen 2012.

Das ist nur eine kleine Auswahl aus der reichen Literatur zum St.Galler Stiftsbezirk, in dem sich die Galluskapelle befindet.

Stand: Dezember 2017