Rüderswil

Das kleine Dorf Rüderswil liegt im bernischen Emmental. Vielleicht war seine Kirche im Mittelalter dem heiligen Gallus geweiht. (2015)
»SANCTE GALLE ORA PRO NOBIS – Sankt Gallus bitte für uns.« Die Inschrift auf der alten, 1423 gegossenen Kirchenglocke von Rüderswil könnte ein Hinweis auf das einstige Patrozinium des Gotteshauses sein. (2015)
Noch älter als die Sankt Gallus-Glocke ist die zweite Glocke, die heute im Vorgarten der Rüderswiler Kirche steht (im Vordergrund). Sie stammt möglicherweise aus der Zeit um das Jahr 1200. (2015)
Die Inschrift der älteren Rüderswiler Kirchenglocke (um 1200) lautet: »O REX GLORIAE CHRISTE VENI CUM PACE AMEN – O König der Ehren, Christus, komm mit Frieden. Amen.« (2015)
Die ältesten Teile des Rüderswiler Kirchturms stammen aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Seine Erweiterung zu Beginn des 15. Jahrhundert war wohl die Voraussetzung für den Aufzug der neuen Sankt Gallus-Glocke. (2015)
Das Innere der Rüderswiler Kirche ist ziemlich nüchtern, typisch reformiert. Der Chor ist noch spätgotisch (farbige Chorfenster von 1883); das Kirchenschiff stammt von 1931. (2016)

Den einzigen Hinweis darauf, dass die Kirche von Rüderswil einst den heiligen Gallus als Patron gehabt haben könnte, gibt ihre 1423 gegossene Glocke. Sie trägt die Inschrift: »SANCTE GALLE ORA PRO NOBIS – Sankt Gallus bitte für uns.«

Heute ruft die Sankt Gallus-Glocke in Rüderswil nicht mehr zum Gottesdienst; längst hat die Kirche ein neues Geläut. Trotzdem hat sie die Zeiten überdauert. Sie steht jetzt im Vorgarten der Kirche, neben einer kleineren, noch älteren Glocke aus dem 13. Jahrhundert.

Ob wir von der Sankt Gallus-Glocke tatsächlich auf das Patrozinium der Rüderswiler Kirche zurückschließen dürfen, ist zwar nicht absolut sicher, aber doch immerhin möglich. Jedenfalls muss der heilige Gallus in Rüderswil eine gewisse Rolle gespielt haben. Warum hätte man ihm sonst eine eigene Glocke gießen sollen? Beziehungen zum Kloster St.Gallen scheint es im 9. Jahrhundert gegeben zu haben. In einer Urkunde vom 26. August 894 bestätigte König Arnulf dem Kloster eine Schenkung der edlen Frau Pirin in Ried (Riete), einem Ort, der heute auf dem Gemeindegebiet von Rüderswil liegt. Ob zwischen dem St.Galler Besitz und dem Patrozinium von Rüderswil ein direkter Zusammenhang besteht, lässt sich freilich nicht nachweisen. Auch das Kloster Einsiedeln besaß Güter in der heutigen Gemeinde, später dann auch das Emmentaler Benediktinerkloster Trub.

Die Kirche von Rüderswil wird im Liber decimationis des Bistums Konstanz von 1275 erstmals schriftlich erwähnt. Im Jahr 1319 war Johann von Friesenberg (einst ein Kyburger Ministerialengeschlecht) im Besitz des Patronatsrechts der Rüderswiler Kirche. Er schenkte es 1350 dem Deutschordenshaus Bern. Im Jahr 1528 ging es im Rahmen der Reformation an die Stadt Bern über. Diese setzte in Rüderswil die neue Lehre durch, und mit der Reformation ging das Heiligenpatrozinium der Rüderswiler Kirche unter. So sind die beiden alten Glocken die einzigen Zeugen geblieben, die uns möglicherweise einen Hinweis auf das einstige Patrozinium der Kirche von Rüderswil geben.


Panorama
 
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Literatur

Haid, Wendelin, Liber decimationis cleri Constanciensis pro Papa de anno 1275, in: Freiburger Diözesanarchiv 1 (1865), S. 1–303.

Moser, Andreas, Die Patrozinien der bernischen Kirchen im Mittelalter, in: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte 52 (1958), S. 27–47.

Ruprecht, Menga (Hg.), Rüderswil. Eine Landgemeinde im Herzen des Emmentals, Rüderswil 2003.

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Stand: Dezember 2017