Nieder Seifersdorf

Nieder Seifersdorf mit seiner spätromanischen Kirche Sankt Gallus und Ursula liegt etwa zwanzig Kilometer entfernt von Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands. (2014)
Der wehrhafte, vierzig Meter hohe Kirchturm ist der Stolz und das Wahrzeichen von Nieder Seifersdorf. Eine alte Sage erklärt die Form des Turmdachs. (2014)
Eine starke Mauer aus Feldsteinen umgibt die Kirche Sankt Gallus und Ursula von Nieder Seifersdorf, die einst die Funktion einer Wehrkirche hatte. (2014)
Kirchhof und Turm von Sankt Gallus und Ursula dienten der Bevölkerung von Nieder Seifersdorf in Krisenzeiten als Zufluchtsort. (2014)

Nieder Seifersdorf liegt im ostsächsischen Landkreis Görlitz. Es wurde vielleicht noch im 12. Jahrhundert von deutschen Siedlern gegründet. Ihr Anführer soll – nach einer Interpretation des Ortsnamens – der thüringische Ritter Seifert (Siegfried) gewesen sein. Schriftlich in Erscheinung tritt Nieder Seifersdorf erstmals am 22. Februar 1239. Damals veranlasste Kunigunde von Staufen eine Bestätigung der Schenkung von Nieder Seifersdorf und weiteren Ortschaften an das Zisterzienserinnenkloster Marienthal in Ostritz, das sie einige Jahre zuvor gestiftet hatte. Die eigentliche Schenkung an das Kloster hatte genau ein Jahr zuvor ihr Gemahl, der böhmische König Wenzel I., gemacht. Er vergaß jedoch in seiner Urkunde die verschenkten Dörfer namentlich zu nennen, was offenbar schon bald zu Rechtsunsicherheiten führte und die Bestätigung nötig machte.

Die Kirche von Nieder Seifersdorf lässt sich baugeschichtlich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Ihre schriftliche Ersterwähnung findet sie im Jahr 1346. Sie war damals schon Pfarrkirche und gehörte zum Bistum Meißen. Die Kirchenpatrone Sankt Gallus und Ursula sind – obwohl erst später schriftlich belegt – wahrscheinlich ursprünglich. Insbesondere Sankt Gallus verweist auf die böhmische Geschichte der Oberlausitz und lässt vermuten, dass sein Patrozinium noch vor die (vorübergehende) Herrschaft der brandenburgischen Askanier zurückreicht, also vor die Mitte des 13. Jahrhunderts. Auch im übrigen Böhmen entstanden in jener Zeit zahlreiche Galluskirchen.

Das Patronatsrecht der Nieder Seifersdorfer Kirche lag bis 1863 beim Kloster Marienthal. Das mag erstaunen, denn seit den 1560er Jahren bekannte sich die Gemeinde zum evangelischen Glauben. Das ›Klosterdorf‹ Nieder Seifersdorf blieb zwar etwas länger katholisch als die Nachbarorte, doch letztlich war es das Kloster Marienthal selber, das der Reformation auch hier zum Durchbruch verhalf. Als Patronatsherrin der Kirche verschaffte Äbtissin Ursula Laubig im Jahr 1564 ihrem Bruder Valentin die Pfarrstelle von Nieder Seifersdorf. Beide Geschwister neigten der lutherischen Lehre zu. Der Bruder setzte in seiner Gemeinde die Reformation durch, während seine Schwester 1583 wegen ihrer evangelischen Gesinnung vom Prager Erzbischof des Amtes enthoben wurde.

Mit ihrer starken Kirchhofmauer und dem massiv gebauten, vierzig Meter hohen Turm hat die Kirche von Nieder Seifersdorf den Charakter einer Wehrkirche. Hier suchte die Bevölkerung in Krisenzeiten Zuflucht. Die unsicheren Zeiten des Mittelalters, die Hussitenkriege und der Dreißigjährige Krieg mögen Anlass für die Befestigung des Kirchenbezirks gegeben haben. Keinen Schutz bot die Wehranlage allerdings gegen die Pest, die in den Jahren 1631/32 besonders furchtbar wütete. Damals sollen viele Tote in ihren Gärten begraben worden sein, weil man sich nicht getraute, sie auf den Kirchhof zu bringen. Gleichzeitig mit der Pest tobte der Dreißigjährige Krieg. Möglich, dass man den gut befestigten Kirchenbezirk lieber als sicheren Zufluchtsort für die Lebenden nutzte denn als Ruhestätte für Pestopfer.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg setzte an der Kirche Sankt Gallus und Ursula eine rege Bautätigkeit ein. Als engagierte Bauherrin des evangelischen Gotteshauses erwies sich die Äbtissin von Marienthal, die nicht nur einen neuen Taufstein, sondern auch einen neuen Altar stiftete und – zum Zeichen ihrer Herrschaft – mit ihrem Wappen schmücken ließ. Die Kirche erhielt eine prachtvolle barocke Innenausstattung, die Empore eine beeindruckende Bebilderung mit 52 biblischen Motiven.

1945 wurden Dach und Fenster der Kirche zerstört und der Kirchturm schwer beschädigt. Wichtige Arbeiten zur Erhaltung des Gotteshauses wurden auch während der DDR-Zeit geleistet; die Bevölkerung engagierte sich. Nach der Wende wurde bald eine Sanierung nötig, da die Kirche stark von Feuchtigkeit angegriffen war. 1998 errichtete die Kirchgemeinde eine Stiftung, um eine umfassende Restaurierung der Wehrkirche Sankt Gallus und Ursula realisieren zu können. Der Aufwand hat sich gelohnt. Das Gotteshaus erstrahlt heute wieder in seiner ganzen Würde. Die Kombination von wehrhaftem Äußeren und kunstvollem, lebensfrohem Inneren macht die Nieder Seifersdorfer Kirche zu einem faszinierenden Denkmal, das viel von der bewegten Geschichte der Region zu erzählen weiß. Ein Besuch lohnt sich. Die Kirche ist tagsüber geöffnet.


Literatur