Maria-Thann

Einer alten Legende nach soll Sankt Gallus persönlich in Maria-Thann missioniert haben. (2015)
Patronin der Pfarr- und Wallfahrtskirche von Maria-Thann ist Unsere Liebe Frau. Ihr Patrozinium wird am 15. August (Mariä Himmelfahrt) gefeiert. Ehemals könnte allerdings auch Sankt Gallus Patron gewesen sein. (2013)
Die Kirche von Maria-Thann wurde 1685–1688 barockisiert und in der Folge reich ausgeschmückt. Heute gilt sie als eine der stilreinsten und reichhaltigsten Sakralräume des Westallgäus. (2013)
Maria-Thann liegt nicht weit entfernt vom Bodensee, im einstigen Einflussgebiet des Klosters St.Gallen. Diese Verbindung könnte auch die große Verehrung erklären, die Sankt Gallus hier stets genoss. (2013)
Diese Barockskulptur des heiligen Gallus (um 1725) stammt wohl vom Wangener Bildhauer Christoph Krimmer. (2013)
Noch eine zweite Sankt Gallus-Statue ziert das Gotteshaus von Maria-Thann. Der Bodenseeheilige könnte einst Patron der Kirche gewesen sein. (2013)
Das Pfarrhaus von Maria-Thann wurde nach einer Feuersbrunst im Jahr 1680 neu gebaut. Es bildet ein schönes Ensemble mit der barocken Pfarr- und Wallfahrtskirche. (2013)
Im Jahr 1718 ersetzte der heutige Nordturm mit seinem Zwiebeldach einen älteren Turm, der auf der Südseite der Kirche stand. (2013)

Maria-Thann ist ein kleines Dorf im bayerischen Landkreis Lindau (Bodensee). Gemäß einem Nachtrag im mittelalterlichen Jahrzeitbuch der örtlichen Pfarrkirche soll Sankt Gallus hier persönlich missioniert haben. Dabei habe er den Heiden Gog, seine Ehefrau Ala sowie ihren Sohn Mecate bekehrt und getauft. Die Eltern hätten den Sohn dem Heiligen anvertraut, damit er ihn im Christentum unterweise. Mecate sei später als Priester nach Thann zurückgekehrt. Seine Eltern hätten im Ort die erste Kirche gestiftet, nachdem sie die Gottesmutter im Traum dazu aufgefordert habe. Der heilige Bischof Gebhard von Konstanz habe diese Kirche der Jungfrau Maria geweiht, nachdem sie auch ihm im Traum erschienen sei.

Die Notiz, die uns die Entstehungslegende der Thanner Kirche überliefert, stammt wahrscheinlich aus dem frühen 16. Jahrhundert. Damals entwickelte sich in Thann eine bedeutende Marienwallfahrt, und man hatte wohl das Bedürfnis, den Gnadenort auch ›historisch‹ zu ergründen. Vielleicht stützte sich die Geschichte auf eine mündliche Tradition. Völlig unrealistisch erscheint sie jedenfalls nicht. Maria-Thann liegt nur rund 20 Kilometer von Bregenz entfernt. Da ist es durchaus denkbar, dass die Thanner Bevölkerung während des Bregenzer Aufenthalts von Columban und seinen Gefährten mit dem heiligen Gallus in Kontakt kam.

Die Erinnerung an den irischen Glaubensboten beruht aber möglicherweise auch darauf, dass die Thanner Kirche einst den heiligen Gallus zum Patron hatte. Schon die Legende legt einen Patrozinienwechsel nahe, wenn sie berichtet, dass (erst) der heilige Bischof Gebhard von Konstanz († 995) die Kirche der Gottesmutter geweiht habe. Bevor die Thanner Kirche die heilige Maria zur (Haupt-) Patronin erhielt, könnte Sankt Gallus diese Stellung eingenommen haben. Jedenfalls erscheint er noch 1465 bei einer Hochaltarweihe als Nebenpatron von Maria (zusammen mit Martin, Margareta und Luzia). Das bischöfliche Visitationsprotokoll von 1594 nennt dann allerdings nur noch Maria als Patronin der Kirche.

Im Jahr 1581 wird erstmals eine offenbar schon recht bedeutende Wallfahrt in die Thanner Kirche fassbar. Wir lesen im Visitationsprotokoll: man gehet vil daselbichin wallfahrten. Verehrt und um Hilfe angerufen wurde die Gottesmutter Maria. Umstritten ist, ob das ursprüngliche Gnadenbild von Thann eine Pietà oder eine Schutzmantelmadonna war. Das heutige Gnadenbild, eine barocke Pietà (Maria mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoss), entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts.

In der Barockzeit erlebte die Thanner Wallfahrt ihr goldenes Zeitalter. In der Fastenzeit fanden jeden Samstag feierliche Wallfahrtsgottesdienste statt, die einen solchen Zulauf hatten, dass Priester aus den Nachbarpfarreien sowie Patres aus dem Kapuzinerkloster von Wangen im Allgäu im Beichtstuhl aushelfen mussten. Insgesamt 17 Pfarreiwallfahrten führten nach Thann. Alleine am Festtag der Wetterheiligen Johannes und Paulus (26. Juni) zogen zehn Pfarreien in die Marienkirche: Hörbranz, Hohenweiler, Niederstaufen, Hergensweiler, Opfenbach, Lindenberg, Heimenkirch, Gestratz, Eglofs und Wohmbrechts.

In der Neuzeit erhielt das Dorf Thann den Zusatz ›Maria‹. Im Jahr 1865 wurde die Gemeinde sogar amtlich in ›Maria-Thann‹ umbenannt. Dies vermochte freilich nicht zu verhindern, dass die Zahl der Wallfahrten allmählich abnahm. Erloschen ist sie allerdings nie. Auch heute noch zieht es viele Menschen in die Pfarr- und Wallfahrtskirche von Maria-Thann. Das barocke Juwel lässt die Glaubensfreude früherer Zeiten eindrücklich nachempfinden und vermittelt auch dem heutigen Besucher noch ein Gefühl von Geborgenheit und fröhlicher Dazugehörigkeit.


Panorama
 
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Literatur

Beck, Otto, Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria-Thann, München/Regensburg 1993.

Dorn, Ludwig, Zur Geschichte der Pfarrei Maria-Thann, in: Westallgäuer Heimatblätter 8/20 (1957), [2]-[3].

Dorn, Ludwig, Die Vereinödung in der Pfarrei Maria Thann, in: Westallgäuer Heimatblätter 10/1 (1961), S. 3–4.

Dorn, Ludwig, Die Wallfahrt Maria-Thann im Allgäu im Lichte der Geschichte, in: Westallgäuer Heimatblätter 10/2 (1961), S. 5–6.

Dorn, Ludwig, Die Pfarrei Maria-Thann und ihre Beziehungen zum Kloster St.Gallen, in: Westallgäuer Heimatblätter 10/16 (1963), S. 61–62.

Haid, Wendelin, Liber decimationis cleri Constanciensis pro Papa de anno 1275, in: Freiburger Diözesanarchiv 1 (1865), S. 1–303.

Jensch, Rainer, Stadtchronik Wangen im Allgäu, Lindenberg i. A. 2015.

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Stand: Dezember 2017