Kölliken

Die evangelisch-reformierte Kirche von Kölliken im Schweizer Kanton Aargau hatte einst Sankt Gallus als (Mit-) Patron. Das heutige Gotteshaus geht im Kern auf einen Neubau aus dem Jahr 1507 zurück. (2017)
Urheber des Kölliker Sankt Gallus-Patrozinium war vermutlich das Kloster St.Gallen, das die Grundherrschaft Kölliken im Jahr 920 von seinem Abt Salomo geerbt hatte und wohl schon bald darauf eine Kirche im Ort errichtete. (2017)
Der spätmittelalterliche Käsbissenturm der Kölliker Kirche wurde 1865 ersetzt und erhielt 1920 seine heutige Form. (2017)
Wer die evangelisch-reformierte Kirche von Kölliken besichtigen möchte, kann den Schlüssel beim Coiffeur Messer (oder beim Pfarrer, wenn er daheim ist) erfragen. (2013)
Innenansicht der evangelisch-reformierten Kirche von Kölliken. (2017)
Seit 1964 gibt es in Kölliken auch wieder eine katholische Kirche. Sie wurde vom Aarauer Architetkturbüro Geiser & Schmiedlin geplant. (2013)
Die katholische Kirche Kölliken ist im schlichten Stil der 1960er-Jahre gehalten. Sie ist der Mutter Gottes geweiht, die schon im Mittelalter Mitpatronin der Kölliker Kirche war. (2013)
Das Gemeindewappen von Kölliken, eine Bärentatze, die nach einem ganzen Baum greift, erinnert auf subtile Weise an die sanktgallische Vergangenheit des Dorfs. (2013)

Das Dorf Kölliken im Aargau wurde 1528 reformiert. Seine Pfarrkirche hat seither keinen Heiligenpatron mehr. Wir kennen aber noch die vorreformatorischen Kirchenheiligen von Kölliken: Sankt Blasius, die Gottesmutter Maria, Sankt Johannes und Sankt Gallus. Letzterer erinnert an die enge Verbindung, die einst zwischen Kölliken und dem Kloster St.Gallen bestand.

Die älteste datierte Erwähnung von Kölliken (Cholinchofe) stammt aus dem Jahr 864. Damals bestätigte König Ludwig der Deutsche seinem Getreuen Notkar dessen Besitz in Kölliken. Die Bestätigungsurkunde wird heute im Stiftsarchiv St.Gallen gehütet. Sie gelangte wohl zu Beginn des 10. Jahrhunderts dorthin, als die Kölliker Grundherrschaft – und damit auch der Besitz des Notkar – an das Kloster St.Gallen überging.

Den Übergang Köllikens an das Kloster St.Gallen beschreibt Ekkehart IV. in seinen Casus Sancti Galli. In Kapitel 25 erzählt er, wie König Arnulf von Kärnten seinem treuen Anhänger Salomo das im Aargau gelegene Dorf Kölliken (villam in Ararispago, Cholinchoven dictam) schenkte. Salomo (III.) war gleichzeitig Bischof von Konstanz und Abt von St.Gallen. Der König hatte ihm diese beiden Ämter im Jahr 890 kurz nacheinander verschafft. Salomo, so berichtet Ekkehart, sei zwar gebeten worden, Kölliken an Konstanz weiterzugeben, doch habe es dieser vorgezogen, den Ort »seinem Gallus« zu schenken. Die Übertragung an das Kloster St.Gallen habe Salomo im Hinblick auf sein Seelenheil auf dem Sterbebett vollzogen (Casus Sancti Galli, Kapitel 27).

Als Verwaltungszentrum der weit entfernt gelegenen Grundherrschaft errichtete das Kloster St.Gallen in Kölliken einen Kehlhof. Schon bald dürfte auch die erste Steinkirche entstanden sein: Archäologische Grabungen haben Fundamentreste aus dem 10. Jahrhundert zu Tage gefördert. Wie an etlichen anderen Orten, so hat das Kloster offenbar auch in Kölliken die seelsorgerische Verantwortung für die Bevölkerung übernommen und neue Pfarreistrukturen aufgebaut. Die Kölliker Pfarrkirche hatte wohl von Anfang an Sankt Gallus als Patron. Er vermochte die Verbindung der lokalen Bevölkerung zum Kloster St.Gallen emotional zu festigen, und außerdem hatte Abtbischof Salomo die Grundherrschaft Kölliken ja ausdrücklich »seinem Gallus« geschenkt. Ob auch die im Spätmittelalter genannten Heiligen Maria, Blasius und Johannes schon zu den ursprünglichen Kirchenpatronen von Kölliken gehörten, lässt sich nicht beantworten.

Das Kloster St.Gallen blieb bis im Spätmittelalter Grundherr in Kölliken. Seine kirchlichen Rechte verkaufte es 1345 an das Johanniterhaus Biberstein, das aber 1535 von den reformierten Bernern zum Verkauf seiner Besitzungen gezwungen wurde. Damit gelangte der Kirchensatz von Kölliken an die Stadt Bern. Diese hatte im 15. Jahrhundert – in Auseinandersetzung mit Solothurn – bereits die weltlichen Rechte über Kölliken an sich gebracht und beherrschte das Dorf fortan bis zum Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft (1798). Seit 1803 gehört Kölliken zum damals neu geschaffenen Kanton Aargau.

Die im 10. Jahrhundert vom Kloster St.Gallen errichtete Pfarrkirche von Kölliken war im 12., 14. und 15. Jahrhundert erweitert worden. Um 1500 scheint dieser Bau den Ansprüchen der Gemeinde dann allerdings nicht mehr genügt zu haben. 1502 forderte der Berner Rat den Schultheißen zu Biberstein auf, einen Kirchenneubau zu befördern. 1507 erlaubte er den Köllikern, in der weiteren Umgebung Geld für das Bauvorhaben zu sammeln. Wenn wir einer (verschollenen) Inschrift glauben wollen, die 1684 bei Erneuerungsarbeiten in der Kölliker Kirche angebracht wurde, dann wurde das alte Gotteshaus schon 1507 abgebrochen und wieder neu errichtet. Dieser spätgotische Bau blieb bis 1865/67 weitgehend unverändert erhalten, dann wurde zunächst der Turmhelm markant verändert und 1920 auch das Kirchenschiff erweitert. Eine umfassende Renovierung im Jahr 1978 wurde von archäologischen Grabungen begleitet, die viel Licht in die Geschichte der Kirche von Kölliken brachten.


Panorama
 
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Literatur

Erhart, Peter, Beziehungen der Abtei St.Gallen zum Oberaargau, in: Jahrbuch des Oberaargaus 53 (2010), S. 149–176.

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Haid, Wendelin, Liber decimationis cleri Constanciensis pro Papa de anno 1275, in: Freiburger Diözesanarchiv 1 (1865), S. 1–303.

Hecker, Clemens, Die Kirchenpatrozinien des Archidiakonats Aargau im Mittelalter, Freiburg i. Ü. 1946 (Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte Beiheft 2).

Nüscheler, Arnold, Die Argauischen Gotteshäuser in den Dekanaten Hochdorf, Mellingen, Arau und Willisau, Bistums Konstanz, in: Argovia 28 (1900), S. 1–66.

Oberholzer, Paul, Vom Eigenkirchenwesen zum Patronatsrecht. Leutkirchen des Klosters St.Gallen im Früh- und Hochmittelalter, St.Gallen 2002 (St.Galler Kultur und Geschichte 33).

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

Stettler, Michael, Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. Band I. Die Bezirke Aarau, Kulm, Zofingen, Basel 1948 (Die Kunstdenkmäler der Schweiz 21).

Widmer-Dean, Markus, Kölliken. Geschichte eines Dorfes, Kölliken 1998.

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Stand: Dezember 2017