Ichtratzheim

Die Sankt Gallus-Kirche von Ichtratzheim wurde im Jahr 1835 von Grund auf neu errichtet. Die in den 1630er Jahren errichtete Vorgängerkirche war für die wachsende Gemeinde zu klein geworden. (2017)
Rechts neben der Kirche stehen noch heute Haus und Hof, die Franz Joseph Sprauel zu Beginn des 19. Jahrhunderts anstelle des Ichtratzheimer Schlosses baute. (2017)
Zwischen der Sankt Gallus-Kirche und dem Flüsschen Scheer befindet sich der Friedhof von Ichtratzheim. (2017)
Die Innenausstattung der Ichtratzheimer Sankt Gallus-Kirche ist noch weitgehend ursprünglich und entstammt dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts. (2016)
Die seitlichen Wände des Chors sind mit Bildern aus dem Alten und Neuen Testament geschmückt. Die Ostwand zeigt den Kirchenpatron Gallus in einer Predigtszene. (2016)

Ichtratzheim im Elsass wird 1140 in einer Güterbestätigung von Papst Innozenz II. für das Kloster Moyenmoutier/Mittelmünster erstmals schriftlich erwähnt. Auch die Klöster Sankt Elisabeth (Straßburg), Eschau und das mit St.Gallen verbrüderte Erstein hatten hier Güter. Letzteres verkaufte 1336 seinen Ichtratzheimer Besitz – insgesamt 45 Parzellen – an das Kanonikerstift Jung-Sankt Peter in Straßburg. In der Verkaufsurkunde vom 20. Februar 1336 ist beiläufig auch die Kirche von Ichtratzheim erwähnt; eine der verkauften Parzellen befand sich nämlich bi der Kirchen an dem Wasser. Das Patrozinium dieses Gotteshauses, das wohl schon damals an seinem heutigen Platz nahe dem Flüsschen Scheer stand, geht aus der Urkunde allerdings nicht hervor.

Es ist  gut möglich, dass die Ichtratzheimer Kirche bzw. Kapelle schon damals – im Mittelalter – dem heiligen Gallus geweiht war. Als der Erzpriester des Ruralkapitels Benfeld und der Pfarrer von Fegersheim im Auftrag des Straßburger Bischofs die Kapelle am 30. April 1626 visitierten, nennen sie jedenfalls Sankt Gallus als Patron. Die Kapelle muss damals schon ziemlich alt gewesen sein. Laut Visitationsbericht war ihr Schiff vollständig aus Holz gebaut. Es war ein Bretterverschlag ohne richtige Fenster, nur mit einigen Löchern, die an Schießscharten erinnerten. Durch die Bretterwände schlüpften oft Schlangen in die Kirche, und unter dem schadhaften Dach wohnten Fledermäuse, die sich immer wieder über das Öl der Kirchenlichter hermachten. Der Chor war ein Fachwerkbau und hatte ein Fenster. Der Zustand der alten Kapelle war so schlecht, dass sie abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden musste.

Im Bericht zur Visitation von 1626 erfahren wir darüber hinaus, dass Ichtratzheim nie eine eigene Pfarrei gewesen war, sondern kirchlich zum benachbarten Hipsheim gehörte. In der dortigen Sankt Ludan-Kirche wurden die Kinder von Ichtratzheim getauft, auf ihrem Friedhof die Toten bestattet. Den Sonntagsgottesdienst besuchten die Ichtratzheimer ebenfalls in der Sankt Ludan-Kirche; deren Pfarrer kam aber zweimal im Monat nach Ichtratzheim, um hier eine Werktagsmesse zu zelebrieren. Neben dem Hauptaltar gab es in der Sankt Gallus Kapelle auch einen Nebenaltar, der im Kirchenschiff stand und der heiligen Katharina geweiht war.

Die Visitation vom 30. April 1626, die unvermittelt ein helles Licht auf die zuvor kaum in Erscheinung getretene Kapelle von Ichtratzheim wirft, stand im Zusammenhang mit einem Herrschaftswechsel, der die Geschichte von Ichtratzheim bis in die Zeit der Französischen Revolution prägen sollte. 1624 hatte der Straßburger Bischof Leopold V. von Österreich-Tirol die Herrschaft über Ichtratzheim seinem Vertrauten Ascanio Albertini übertragen. Albertini, ein italienischer Oberst im Dienste des Bischofs, hatte sich zuvor um die Befestigung von Benfeld verdient gemacht.

Ascanio Albertini ließ 1631 in Ichtratzheim anstelle der alten Burg ein neues Renaissance-Schloss (ein schönes Schlössel) errichten. Gleichzeitig wurde die alte, baufällige Sankt Gallus-Kapelle abgebrochen und durch ein neues Gotteshaus ersetzt, das wiederum Sankt Gallus als Patron erhielt. Über hundert Arbeiter sollen auf der Großbaustelle in Ichtratzheim beschäftigt gewesen sein. Dennoch konnte Ascanio Albertini nie in sein neues Anwesen einziehen. Seit 1632 kontrollierten die evangelischen Schweden die Region. Das von Albertini befestigte Städtchen Benfeld war nach 66-tägiger Belagerung schließlich doch gefallen und diente nun als schwedische Kommandozentrale. Albertini starb 1639 in Landau. Sein Sohn Johann Friedrich war der erste Albertini, der das neue Schloss in Ichtratzheim bewohnte. In der Folge benannte sich die Familie nach ihrem neuen Sitz: von Ichtersheim bzw. ab dem 18. Jahrhundert: von Ichtratzheim.

In der Zeit des Holländischen Kriegs (1672–1678) mussten die Bewohner der unbefestigten Dörfer der Region wiederholt fliehen. Der Krieg führte von 1674 bis 1678 zu erheblichen Ernteausfällen. Im Oktober 1678 waren französische Truppen in Ichtratzheim einquartiert. Nach Kriegsende musste die Sankt Gallus-Kapelle gründlich renoviert werden: Dach und Turm waren abgedeckt, die sechs Kirchenfenster sowie die zwei runden Fenster der Sakristei waren herausgeschlagen, Kirchenschmuck und Kirchenschatz waren verschwunden. Auch das Holztäfer, die Türe der Sakristei sowie die Kirchenbänke mussten erneuert werden, ebenso die Uhr, die die Uhrzeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des Chors anzeigte. Die Reparaturarbeiten beliefen sich auf 300 Florin.

Hannibal Albertini, der letzte Schlossherr von Ichtzratzheim, verließ in der Revolutionszeit das Dorf, um sich auf dem Anwesen seiner Frau im badischen Ettenheim niederzulassen. Am 25. September 1790 vermietete er das Ichtratzheimer Schloss mit allem Zugehör an Schultheiß Franz Anton Sprauel. 1802 entschloss er sich, seinen Besitz in Ichtratzheim ganz zu veräußern, und zwar an den damaligen Bürgermeister Franz Joseph Sprauel, der ihm für Schloss oder wohnbare Behausung, Scheuer, Stallungen, Hof, Hofstatt, Gebäude und darumstoßende Obst- und Pflanzgärten 16‘000 Franc, zahlbar in vier Jahresraten, bot. Weil größere Renovierungsarbeiten anstanden, entschied sich der neue Eigentümer Sprauel für einen Abriss des Schlosses. An seiner Stelle und unter Verwendung des vorhandenen Baumaterials errichtete Sprauel ein schönes neues Wohnhaus und einen großen Gutshof, die noch heute neben der Sankt Gallus-Kirche von Ichtratzheim stehen.

Im Jahr 1803 bewilligte der Erste Konsul Bonaparte den Bewohnern von Ichtratzheim großzügig die Errichtung einer eigenen Pfarrei. Die Freude währte allerdings nur kurz. Denn um seine Kriege finanzieren zu können, entzog der gleiche Bonaparte der Kirche schon ein Jahr später die materielle Grundlage für den Unterhalt eines Pfarrers. Ichtratzheim wurde eine Filiale von Fegersheim und erst 1844 wieder unabhängig.

Inzwischen war die Einwohnerzahl von Ichtratzheim gewachsen. Die 1631 von Ascanio Albertini errichtete Sankt Gallus-Kapelle war zu klein geworden, weshalb der Gemeinderat 1829 eine Vergrößerung beschloss. Die veranschlagten Kosten sollten durch einen außerordentlichen Verkauf von Holz aus dem Gemeindewald gedeckt werden, wozu König Karl X. Philipp am 3. Februar 1830 seine Zustimmung gab. Statt der geplanten Vergrößerung entschloss man sich dann allerdings im Jahr 1833 doch für einen Neubau, der 1835 ausgeführt wurde.

Am 21. Mai 1923 erhielt die Ichtratzheimer Sankt Gallus-Kirche drei neue Glocken. Am 24. Mai 1944 wurden die beiden größeren wieder abgenommen, um ihre Bronze für die deutsche Kriegsindustrie zu gewinnen. Sie wurden nach Straßburg gebracht, um von dort mit der Eisenbahn nach Hamburg transportiert zu werden. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen die Ichtratzheimer Glocken, zusammen mit etwa dreißig weiteren Kirchenglocken, auf dem Bahnhof Strasbourg-Cronenbourg wieder zum Vorschein. Von dort wurden sie im Triumphzug in das befreite Ichtratzheim zurückgebracht.


Panorama
 
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Literatur

Barth, Médard, Handbuch der elsässischen Kirchen im Mittelalter, in: Archives de l’Eglise d’Alsace NS XI-XIII (1960-1963).

Bass, Joseph, Ichtratzheim. De 1140 à nos jours, [Ichtratzheim] [1996].

Billing, Jules, Die Heiligen der Diözese Strassburg, Colmar 1957.

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Ichtersheim, Franz Ruprecht von, Gantz neue Elsaßische Topographia […], Regensburg 1710.

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

Statistisches Bureau des Ministeriums für Elsass-Lothringen (Hg.), Das Reichsland Elsass-Lothringen. Landes- und Ortsbeschreibung, Dritter Theil, Ortsbeschreibung, Strassburg 1901-1903.

Stintzi, Paul, Von den St.Gallus-Patrozinien, in: Archives de l’Eglise d’Alsace 22 (1955), S. 22.

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Stand: Dezember 2017