Habartice u Krupky (Ebersdorf)

Von Habartice/Ebersdorf im böhmischen Erzgebirge sind nur Trümmer übrig geblieben. Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Dorf geschleift. (2014)
Nach dem Wegzug der deutschsprachigen Bevölkerung fand sich niemand mehr, der in dieser rauen Umgebung eine Dorfgemeinschaft führen wollte. (2014)
Über der Wüstung von Habartice/Ebersdorf breitet sich ein Wald aus, der die letzten Narben in der Landschaft verdecken soll. (2014)
Im Vordergrund der Wald, in dem sich die Ruinen der einstigen Sankt Gallus-Kirche von Habartice/Ebersdorf verstecken. Dahinter der Mückenberg (Komáří hůrka), ein beliebtes Ausflugsziel mit überwältigender Aussicht. (2014)
Ebersdorf/Habartice lag an der alten Dresden-Teplitzer Poststraße, die über den Geiersberger Pass führte. Die günstige Verkehrslage verband den Ort mit der großen Welt. (2014)
In Krisenzeiten war Ebersdorf/Habartice Durchgangsort für Kriegstruppen. Das war die Kehrseite der guten Verkehrslage. Im Jahr 1813, vor der Schlacht bei Kulm (Chlumec), soll sich Napoleon persönlich in Ebersdorf aufgehalten haben. (2014)
Heute lässt sich die Gegend auf dem Erzgebirgskamm schön erwandern oder mit dem Fahrrad erkunden. Es ist ein faszinierendes Stück Landschaft mit einer erinnerungswürdigen Geschichte. (2014)
Nur ein einziges größeres Gebäude des alten Habartice/Ebersdorf wurde nicht abgerissen: Die 1938 von der Tschechoslowakischen Republik errichtete Zollkaserne, die im Zweiten Weltkrieg als Lagerhaus der Hitlerjugend diente. Heute ist auch sie dem Verfall preisgegeben. (2014)
Blick von Westen auf das einstige Habartice/Ebersdorf. Rechts die Zollkaserne von 1938. Etwas nordöstlich (links) von ihr stand einst die Sankt Gallus-Kirche. (2014)
Und so sah es hier früher einmal aus. (Bild bereitgestellt von Miloš Bešta auf der großartigen Website zanikleobce.cz von Pavel Beran)
1843 lebten in Ebersdorf/Habartice noch 1226 Personen in 203 Häusern. Die Volkszählung von 1900 ergab 958 Einwohner. 1942 gab es immer noch 203 Häuser, in denen jetzt 743 Menschen lebten. (Bild bereitgestellt von Miloš Bešta auf der großartigen Website zanikleobce.cz von Pavel Beran)
Die einstige Sankt Gallus-Kirche von Habartice/Ebersdorf. Sie wurde 1783 im Barockstil errichtet und im Januar 1949 gesprengt. (Bild bereitgestellt von Miloš Bešta auf der großartigen Website zanikleobce.cz von Pavel Beran)

Habartice/Ebersdorf wurde im 13. Jahrhundert von fränkischen Siedlern gegründet. Der Ort auf dem rauen böhmischen Erzgebirgskamm wird 1363 erstmals als Eberhartsdorf erwähnt, benannt wohl nach dem Anführer der deutschen Einwanderer. Im Jahr 1374 begegnet uns die Namensform Habartivilla und 1392 Eberzdorff. Habartice ist der tschechische Name für Ebersdorf.

Ebersdorf entstand im Rahmen des planmäßigen Landausbaus im damals noch dicht bewaldeten Nordböhmen. Es war (wie zum Beispiel auch Nieder Seifersdorf) ein Waldhufendorf, in dem jedem Siedler ein Waldstück zur Rodung und Bebauung zugewiesen wurde. Die einzelnen Grundstücke (Hufen) waren so groß, dass ihre Erträge eine Familie ernähren konnten. Die Wohn- und Wirtschaftsbauten wurden entlang einer Straße angelegt, wodurch typische Reihendörfer entstanden. Der Land- und Waldbesitz der einzelnen Siedlerfamilien schloss sich unmittelbar hinter ihren Gehöften in langen, schmalen Parzellen an.

Unter den neu gegründeten Siedlungen in der Umgebung nahm Ebersdorf eine besondere Rolle ein. Denn hier wurde eine Kirche errichtet. Die Pfarrer von Ebersdorf hatten in einem weitläufigen Sprengel die Seelsorge sicherzustellen. Im 16. Jahrhundert wurde die Region vorübergehend evangelisch, im 17. Jahrhundert wieder katholisch. In Ebersdorf setzten Jesuiten aus dem nahe gelegenen Mariaschein (Bohosudov) die Gegenreformation durch.

Im Dreißigjährigen Krieg verödeten mehr als die Hälfte der Höfe von Ebersdorf. Krieg, Hunger und Seuchen forderten ihren schrecklichen Tribut. Ebersdorf hatte mehrmals durchreisende Truppen auszuhalten: sächsische, schwedische, kaiserliche. Denn das Dorf lag an der Passstraße über den Geiersberg, einem Übergang zwischen Sachsen und Böhmen. Die Pfarrei Ebersdorf verwaiste in der Kriegsnot. Die Seelsorge wurde zwischenzeitlich von Kulm (Chlumec) aus aufrechterhalten.

Im Jahr 1783 wurde die alte Kirche von Ebersdorf abgerissen. Es entstand ein neues Gotteshaus im barocken Stil, das – in der Tradition der alten Kirche – dem heiligen Gallus geweiht wurde. 1800 entstand auch ein neues Pfarrhaus. Angeblich soll hier im Jahr 1813 Napoleon Bonaparte abgestiegen sein, bevor er vom Kirchturm von Nollendorf aus die Niederlage seines Generals Vandamme in der Schlacht von Kulm beobachtet habe.

Im Jahr 1900 lebten in Ebersdorf 954 ›Deutsche‹ und vier ›Tschechen‹. Auch nach dem Ende der Habsburgermonarchie und der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918 blieb Ebersdorf – jetzt offiziell Habartice – ein ›deutsches‹ Dorf. Das Leben auf dem Erzgebirgskamm war hart. Die meisten Einwohner arbeiteten in der Landwirtschaft, jedoch mit bescheidenem Ertrag. Viele Frauen waren in Heimarbeit mit Flechten und Strohhutnähen beschäftigt, während die Männer im Winter auswärts Arbeit suchten. Die Einwohnerzahl von Ebersdorf/Habartice nahm bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte die Bevölkerung von Habartice/Ebersdorf das traurige Schicksal von Millionen deutschsprachigen Bewohnern Mittel- und Osteuropas. Sie wurde aus ihrer Heimat vertrieben. Sieben Jahrhunderte nach der Urbarmachung des böhmischen Erzgebirgskamms wurde dieses raue Land wieder aufgegeben. Das ganze Dorf wurde geschleift, über zweihundert Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Auch die Kirche des heiligen Gallus wurde zerstört – im Januar 1949.


Literatur

Hrdina, Jan, Svatohavelský kult ve středověkých Čechách. Zpráva o stavu výzkumu, in: Martin Musilek (Hg.), Havelské Mesto pražské ve stredoveku: historie, archeologie, stavební historie, Prag 2012, S. 100–135.

Hrdina, Jan, Der heilige Gallus – seine Patrozinien und seine Verehrung im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Böhmen, in: Franziska Schnoor, Karl Schmuki, Ernst Tremp, Peter Erhart, Jakob Kuratli Hüeblin (Hg.), Gallus und seine Zeit. Leben, Wirken, Nachleben, St.Gallen 2015, S. 321–339.

Kennen Sie noch weitere Literatur zu dieser Kirche? Helfen Sie mit, indem Sie uns diese mitteilen. Vielen Dank!

Stand: Dezember 2017