Füllinsdorf

Auf der Flur Chrüzen beim Gallenrain steht heute ein stattlicher Bauernhof, der Chrüzenhof. Hier irgendwo könnte einst eine Sankt Gallus-Kapelle gestanden haben. (2014)
Weder schriftliche noch archäologische Zeugnisse belegen die Existenz einer Sankt Gallus-Kapelle in Füllinsdorf. Nur die Flurnamen geben uns gewisse Anhaltspunkte. Blick vom Chrüzenhof über den Gallenrain Richtung Füllinsdorf. (2014)
Blick vom Gallenrain über den Chrüzenhof Richtung Frenkendorf. Die in der Reformation zum neuen Bekenntnis übergetretene Bevölkerung von Füllinsdorf besuchte die Predigt seit dem 17. Jahrhundert in Frenkendorf. (2014)
1861 beschloss die Einwohnergemeinde von Füllinsdorf, einen eigenen Friedhof anzulegen. Bald darauf konnte auch eine kleine Friedhofskapelle gebaut werden. An ihrem einstigen Standort steht seit 1975/76 eine neue, geräumige Kirche. (2014)
Innenraum der 1975/76 errichteten evangelisch-reformierten Kirche von Füllinsdorf. (2014)
An der Kirche erinnert eine Gedenktafel an die »hochherzige Spende«, welche ihren Bau ermöglichte. (2014)
Füllinsdorf verdankt sein Gotteshaus der großzügigen Stiftung des Ortsbürgers Otto Louis Meyer-Schneider, dem die Errichtung einer »Dorfkirche im hergebrachten Sinne« vorschwebte. (2014)
Als nachahmenswerte Kirchenbauten nannte Meyer in seinem Testament unter anderen die evangelisch-reformierte Schlosskirche von Spiez, … (2017)
… die evangelisch-reformierte Kirche von Lützelflüh, … (2016)
… die evangelisch-reformierte Kirche von Wyningen, … (2016)
… die evangelisch-reformierte Kirche von Münsingen. (2016)

Am 11. Mai 825 schenkte der Alemanne Uppert dem Kloster St.Gallen den dritten Teil seinen Besitzes in Füllinsdorf und Munzach im unteren Ergolztal. Einen Teil dieser Güter hatte er von seinen Eltern geerbt, den anderen selbst erworben. Uppert knüpfte seine Schenkung an die Bedingung, dass er und seine allfälligen Nachkommen die Güter lebenslänglich weiternutzen dürfen. Für dieses Nutzungsrecht versprach Uppert dem Kloster jährlich am Gallustag einen Zins abzuliefern, entweder den Naturalertrag einer bestimmten Ackerfläche oder aber vier Denare ›in bar‹. Nach dem Tod Upperts und seiner Erben sollten die Güter in Füllinsdorf und Munzach definitiv an das Kloster St.Gallen zurückfallen.

Die Urkunde aus dem Jahr 825, die heute im Stiftsarchiv St.Gallen aufbewahrt wird, ist der älteste urkundliche Beleg für die Existenz von Füllinsdorf. Der Ortsname wird in der lateinisch geschriebenen Urkunde als Firinisvilla wiedergegeben. Die Geschichte von Füllinsdorf beginnt freilich nicht erst im Frühmittelalter. Neben stein- und bronzezeitlichen Funden hat die Archäologie auf dem Gemeindegebiet insbesondere auch römische Bauwerke ausgegraben, beispielsweise eine Wasserleitung, die den bedeutenden Römerort Augusta Raurica (Kaiseraugst) versorgte.

Das in der St.Galler Urkunde von 825 ebenfalls erwähnte Munzach existiert heute nicht mehr. Es wurde bereits im Mittelalter aufgegeben. Die uralte, über einer römischen Villa errichtete Sankt Laurentius-Kirche von Munzach war jedoch noch bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts Pfarrkirche von Füllisdorf sowie dem auf der gegenüberliegenden Seite des Ergolztals gelegenen Frenkendorf. 1618/19 wurde die Frenkendorfer Kapelle zur (evanelisch-reformierten) Gemeindekirche ausgebaut und das Munzacher Gotteshaus 1765 abgebrochen.

Schon seit dem Frühmittelalter gab es wohl auch in Füllinsdorf eine Kapelle. Ihr Urheber dürfte das Kloster St.Gallen und ihr Patron der heilige Gallus gewesen sein. Anlass für den Bau des Gotteshauses könnte die Schenkung des Uppert gegeben haben. Allerdings muss die Sankt Gallus-Kapelle von Füllinsdorf schon vor der Reformation wieder abgegangen sein. Vielleicht wurde sie 1356 beim großen Erdbeben von Basel zerstört und danach nicht mehr wieder aufgebaut. Damals übte das Kloster St.Gallen in Füllinsdorf bereits keinen Einfluss mehr aus; wichtigster Machtträger war jetzt der Bischof von Basel, in dessen Herrschaftsgebiet nach dem Erdbeben noch bedeutendere Kirchen auf eine Sanierung warteten als die Kapelle von Füllinsdorf.

Die mutmaßliche Füllinsdorfer Kapelle wird nie in einer schriftlichen Quelle erwähnt. Auch archäologisch ließ sich das Gotteshaus bisher nicht nachweisen. Den einzigen Hinweis darauf, dass in Füllinsdorf einst eine Sankt Gallus-Kapelle gestanden haben könnte, liefert uns die Namenforschung. In Füllinsdorf gibt es bis heute den Flurnamen Gallenrain, der entweder als ›Abhang im Besitz des Klosters St.Gallen‹ oder aber als ›Abhang bei der Sankt Gallus-Kapelle‹ gedeutet wird. Für die erste Interpretation spricht die Tatsache, dass das Kloster St.Gallen in Füllinsdorf seit 825 nachweislich Güter besaß, nämlich jene aus der schon erwähnten Schenkung des Uppert. Die zweite Auslegung wird durch den unmittelbar an den Gallenrain anschließenden Flurnamen Chrüzen (Kreuz) gestützt. Früher gab es die Tradition, anstelle einer abgegangenen Kirche oder Kapelle ein Feldkreuz zu errichten. Und so könnte denn der Flurname Chrüzen auf ein Feldkreuz bzw. den einstigen Standort der Sankt Gallus-Kapelle hinweisen. Möglicherweise sind sogar beide Interpretationen zutreffend, denn wenn das Kloster St.Gallen in Füllinsdorf tatsächlich ein Gotteshaus errichtet hat, so wird dieses auf den klösterlichen Eigengütern zu suchen sein: beim Gallenrain.

Vielleicht hat die fromme Schenkung des Uppert aus dem Jahr 825 den Anstoß zum Bau des ersten Gotteshauses von Füllinsdorf gegeben. Genau 1150 Jahre später war es dann erneut der großzügigen Stiftung einer wohlhabenden Privatperson zu verdanken, dass in Füllinsdorf eine neue – die heutige – Dorfkirche errichtet werden konnte. Der 1972 in Muri bei Bern verstorbene Füllinsdorfer Bürger Louis Otto Meyer-Schneider hatte der Bürgergemeinde testamentarisch den größten Teil seines Erbes vermacht. Eine beträchtliche Summe, mit der 1975 der Bau einer neuen Kirche in Angriff genommen und ein Jahr später glücklich vollendet werden konnte.

Der Stifter hatte in einem Nachtrag zu seinem Testament folgendes bestimmt: »Der Kirchenbaufonds darf nur für den Bau einer Dorfkirche im hergebrachten Sinne verwendet werden wie z.B. Schlosskirche Spiez BE, Saanen BE, Münsingen BE, Lützelflüh BE, Wynigen BE, Twann BE, keinesfalls für einen der sogenannten Betonklötze, wie sie im Lande herum entstehen und welche meines Erachtens den Namen Kirche nicht verdienen.« Ob das umgesetzte Projekt des Architekturbüros Mangold und Erb der Intention des Stifters entspricht, muss der Betrachter selber entscheiden.

Literatur

Erhart, Peter; Kuratli Hüeblin, Jakob; Oberholzer, Paul, 1400xGallus, St.Gallen 2012.

Erhart, Peter; Wagner, Rafael, Beziehungen der frühmittelalterlichen Abtei St.Gallen zum Augstgau, in: helvetia archaeologica 48/190 (2017), S. 38–69.

Heyer, Hans-Rudolf, Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel Landschaft. Band II. Der Bezirk Liestal, Unter Berücksichtigung eines Manuskriptes von Ernst Stockmeyer †, Basel 1974 (Die Kunstdenkmäler der Schweiz 62).

Kleiber, Urs; Brennwald-Braun, Nelly (Hg.), Heimatkunde von Füllinsdorf, Füllinsdorf 1993.

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

Stiftung für Orts- und Flurnamen-Forschung Baselland (Hg.), Füllinsdorf. Ortsgeschichte und Ortsname – Flurnamen der Gemeinde, Pratteln 2003.

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Stand: Dezember 2017