Bühl am Alpsee

Der Kirchenbezirk von Bühl am Alpsee besteht aus vier Gotteshäusern. Im Vordergrund ist die Loreto-Gnadenkapelle mit der westlich (im Bild rechts) angebauten Sankt Anna-Kapelle zu sehen, im Hintergrund die Kirche Sankt Stephan, die auf dem Gewölbe der Heilig-Grab-Kapelle steht. (2015)
Die alte Sankt Gallus-Kapelle von Bühl am Alpsee wurde 1665 zugunsten einer Loretokapelle abgebrochen. Diese entwickelte sich schnell zu einem beliebten regionalen Wallfahrtsort. (2015)
Der Zugang zum Loreto-Heiligtum erfolgt heute durch die Sankt Anna-Kapelle, die 1716 erbaut wurde. (2015)
Bühl am Alpsee wurde 1957 zur Pfarrei erhoben. Die Kirche des heiligen Stephan war zuvor (1953) um ein Joch nach Westen (im Bild links) verlängert worden. (2015)
Im Zuge des Umbaus von 1953 wurde der Chorbogen erweitert und die barocke Ausstattung der Sankt Stephans-Kapelle ausgeräumt. (2015)
Unterhalb der Stephanskirche befindet sich die Heilig-Grab-Kapelle. (2015)
In der Heilig-Grab-Kapelle ist die Grabkammer Jesu nachempfunden. (2016)
Zwei Soldaten bewachen den Eingang des Grabs. (2016)
Bühl am Alpsee zieht auch heute noch viele Menschen an, allerdings weniger wegen seiner Wallfahrt als wegen der schönen Natur und den vielen Freizeitangeboten. (2016)

Bühl am Alpsee ist heute ein Ortsteil von Immenstadt im Allgäu. Auf einer sanften Anhöhe zwischen dem Großen und dem Kleinen Alpsee steht ein ganzes Ensemble von Gotteshäusern, das seinen Ursprung in der Barockzeit hat. In dieser glaubensfrohen Epoche etablierten sich viele lokale Wallfahrten, die gegenüber den fernen Pilgerzielen wie Rom, Loreto, Santiago oder Jerusalem rasch an Bedeutung gewannen.

So auch in Bühl am Alpsee. Der damalige Landesherr, Hugo Graf von Königsegg-Rothenfels, erwirkte 1665 beim Konstanzer Bischof die Erlaubnis, die alte Bühler Kapelle abzureißen und auf dem Kirchhügel ein Loreto-Heiligtum zu errichten. Die Idee dazu hatte sein Sohn, Reichshofrat Leopold Wilhelm Graf von Königsegg-Rothenfels. Dieser soll sich bei einer Bootsfahrt auf dem Alpsee an die Casa Santa erinnert haben, das Haus der Heiligen Familie von Nazareth im italienischen Loreto, das damals (wie heute) ein vielbesuchtes Pilgerziel war. Seit dem 17. Jahrhundert entstanden nördlich der Alpen zahlreiche Kopien des Heiligen Hauses von Loreto, mit denen man sich das ferne Pilgerziel quasi vor die Haustür holte. Insbesondere die Habsburger, an deren Hof Leopold Wilhelm Graf von Königsegg-Rothenfels tätig war, förderten die lokale Loreto-Wallfahrt. Einerseits stärkten sie damit im Zuge der ›Gegenreformation‹ die katholische Wallfahrtstradition, andererseits stellten lokale Wallfahrten in einer immer stärker ökonomisierten Welt sicher, dass die Pilgerströme kontrollierbar blieben, die wichtigen Arbeitskräfte nicht zu lange abwesend waren und das Geld im eigenen Land blieb.

Die Grafen von Königsegg-Rothenfels ließen es in Bühl mit der Nachbildung der Casa Santa nicht bewenden. Sie holten gleich noch das Ziel einer weiteren bedeutenden Fernwallfahrt an den Alpsee und errichteten dicht neben der Loreto-Kapelle auch eine Heilig-Grab-Kapelle, in der die Grabkammer Jesu von Jerusalem nachempfunden ist. Über dem Gewölbe dieser Heilig-Grab-Kapelle entstand schließlich noch ein drittes, dem Erzmärtyrer Stephan geweihtes Gotteshaus. Am 9. Mai 1670 weihte der Konstanzer Weibischof Franz Sigismund die drei Kirchen. Die Bühler Wallfahrt erfreute sich schon bald großer Beliebtheit. Aus den reichlichen Opfergaben konnte der Kirchenbezirk bereits 1716 um ein viertes Gotteshaus erweitert werden. Westlich an das Loreto-Heiligtum wurde eine Sankt Anna-Kapelle mit zwei Altären angebaut.

An das ursprüngliche, 1665 abgebrochene Gotteshaus von Bühl am Alpsee erinnert heute noch das Patrozinium der Sankt Stephans-Kirche, die am 1. Juli 1957 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Sankt Stephan war zusammen mit der heiligen Ursula Nebenpatron der alten Bühler Kirche. Ihr Hauptpatron war Sankt Gallus. Wer die Bühler Sankt Gallus-Kapelle gegründet hat ist ebenso unklar wie die Zeit ihrer Entstehung. In der Literatur werden das Kloster St.Gallen oder die Udalrichinger als mögliche Urheber genannt, wobei das Patrozinium in einem Zusammenhang mit dem Otmarspatrozinium von Rauhenzell stehen könnte, einem Ort, der am 23. September 860 erstmals in einer St.Galler Urkunde aufscheint und heute wie Bühl am Alpsee zu Immenstadt im Allgäu gehört.

Die Bühler Sankt Gallus-Kapelle erscheint 1402 erstmals in der schriftlichen Überlieferung. 1472 stiftete hier Hans von Laubenberg von Altlaubenberg und Rauhenzell eine Kaplaneipfründe, die bis zum Abbruch der Galluskapelle im Jahr 1665 bestand. Bühl am Alpsee gehörte damals zur Pfarrei Immenstadt, deren Patronatsherr Hans von Laubenberg war. Die Stiftung der Bühler Kaplanei erfolgte zur Sühnung eines Totschlags, den Hans von Laubenberg zusammen mit anderen verübt hatte. Dass beim Neubau der Bühler Kirchen im 17. Jahrhundert der heilige Gallus nicht mehr als Patron berücksichtigt wurde, mag auf den geschwundenen Einfluss des Klosters St.Gallen im Allgäu hinweisen. Es zeigt aber auch, dass die – von der katholischen Obrigkeit geförderte – barocke Volksfrömmigkeit offen war für neue Kirchentitel.


Panorama Pfarrkirche
 
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Panorama Loretokapelle
 
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Literatur

Hundsnurscher, Franz, Die Investiturprotokolle der Diözese Konstanz aus dem 16. Jahrhundert, Stuttgart 2008-2010.

Sahner, Wilhelm; Schnell, Hugo, Bühl am Alpsee, München/Zürich 1974 (Schnell, Kunstführer 614).

Schnell, Werner, Bühl. St. Stephan mit Heilig-Grab-Kirche, Wallfartskirche Maria Loreto, Regensburg 2006 (Schnell, Kunstführer 614).

Stadt Immenstadt, Kirchen Kapellen. Immenstadt, Stein, Missen-Wilhams, Wandern, Nachdenken und Natur geniessen, Immenstadt 2012.

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Stand: Dezember 2017