Breitenbach (Bas-Rhin)

Vielleicht stand in Breitenbach schon im Hochmittelalter eine Sankt Gallus-Kirche. Das heutige Gotteshaus stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. (2013)
Die reiche Innenausstattung der Breitenbacher Sankt Gallus-Kirche ist weitgehend ursprünglich und stammt aus der Zeit um 1900. Die figürlichen Arbeiten lieferte die Münchner »Kunstanstalt für kirchliche Arbeiten«, die Malereien stammen vom Colmarer Künstler Jean Weyh. (2013)
Unter den zahlreichen Heiligenmedaillons an der Decke des Kirchenschiffs nimmt jenes von Sankt Gallus eine zentrale Stellung ein. (2013)
Das mittlere Chorfenster zeigt den Kirchenpatron Gallus, der sich vom Bären Holz bringen lässt und dabei vom Diakon Hiltibod beobachtet wird. (2013)
Prozessionsfahne der Sankt Gallus-Pfarrei von Breitenbach. (2013)
Südfassade der Sankt Gallus-Kirche von Breitenbach. Die Stützmauer unterhalb der Kirche wurde im Jahr 1895 errichtet. (2013)
Blick auf die Sankt Gallus-Kirche von Breitenbach. Das Dorf liegt eingebettet in die waldreiche Vogesenlandschaft. (2016)

Die Gemeinde Breitenbach im Val de Villé/Weilertal gehört zum französischen Département Bas-Rhin, also zum Unterelsass. Wohl schon im 11. Jahrhundert hatte das nahe gelegene Benediktinerkloster Honcourt/Hugshofen hier Besitzungen. Erstmals schriftlich erwähnt wird Breitenbach jedoch in einer Urkunde für die damals neu gegründete Propstei der Augustiner Chorherren in Ittenwiller/Ittenweiler im Jahr 1115/1137. Die Propstei erhielt in Breitenbach fünf Mansen sowie den vierten Teil der Kirche geschenkt.

Der Mitbesitz an der Breitenbacher Kirche führte im 14. Jahrhundert zu einem längeren Streit mit dem Kloster Hugshofen. Dieses beanspruchte das Patronatsrecht der Kirche für sich, Ittenweiler bestand jedoch auf einem Viertel desselben. 1341 sprach der Straßburger Bischof Berthold II. von Buchegg in einem Vergleich das Patronatsrecht ganz den Benediktinern von Hugshofen zu. Diese übten es fortan unangefochten aus – bis ihr Kloster in der Reformationszeit unterging. Die Bewohner von Breitenbach hatten sich im Jahr 1525 am Aufstand der Talleute gegen das Kloster Hugshofen beteiligt, weshalb sie nach der Niederschlagung des ›Bauernkriegs‹ empfindlich gebüßt wurden. Der Abt und die Mönche des Klosters Hugshofen, die geflüchtet waren, kehrten nicht mehr ins Weilertal zurück.

Im Jahr 1599 kaufte das Kanonissenstift Andlau die Domäne des ehemaligen Klosters Hugshofen. Am 9. September 1616 erhielt es die kirchliche Bestätigung der Rechtsnachfolge, und wenig später verkauften die habsburgischen Landesherren auch die Hugshofener Vogtei an Andlau. Damit hatten die Kanonissen sämtliche Rechte, Güter und Einnahmen – aber auch alle Pflichten des ehemaligen Klosters Hugshofen übernommen. Jetzt waren die Äbtissinnen von Andlau Patronats- und Zehntherrinnen von Breitenbach und blieben es bis in die Zeit der Französischen Revolution.

Der Dreißigjährige Krieg hinterließ ein zerstörtes und weitgehend entvölkertes Weilertal, das erst allmählich wieder aufblühte. An größere Investitionen war im 17. Jahrhundert noch nicht zu denken. In einem Dokument von 1665 erfahren wir, dass die Kirche von Breitenbach alt und in so schlechtem Zustand war, das die Bevölkerung jedes Jahr Reparaturen vornehmen musste. Der Unterhalt der Kirche war offenbar weitgehend Sache der Gemeinde, die Patronatsherrin – die Äbtissin von Andlau – hatte nur für den Unterhalt des Chors aufzukommen. 1666 wird erstmals der Patron der Breitenbacher Kirche erwähnt, der heilige Gallus. Trotz dieser relativ späten Ersterwähnung könnte sein Patrozinium durchaus ursprünglich sein und vom einstigen Benediktinerkloster Hugshofen herrühren.

Im Jahr 1693 wurde Breitenbach in den Rang einer selbständigen Pfarrei erhoben; ein untrügliches Zeichen dafür, dass es mit der Region aufwärts ging. Eine größere bauliche Anpassung der Kirche erfolgte allerdings erst im Jahr 1769, als die Gemeinde das Kirchenschiff vergrößerte und einen neuen Eingangsturm errichtete. Der romanische Chor der Kirche blieb bestehen; die Äbtissin von Andlau als Patronatsherrin der Kirche erachtete eine Erneuerung für unnötig. Kein Wunder, denn sie selber hätte den Um- beziehungsweise Neubau bezahlen müssen, wozu sie damals kaum in der Lage gewesen wäre. Wir dürfen ihr aber kein Unrecht antun, denn sie hatte wohl recht: Der romanische Chor war nach 1769 zweifellos der bauhistorisch wertvollste Teil der Breitenbacher Kirche. Bei der Lektüre der einschlägigen Publikationen erhält man sogar fast den Eindruck, als trauerten die Breitenbacher diesem altehrwürdigen Chor bis heute nach.

Aber die alte Sankt Gallus-Kirche von Breitenbach ist nicht mehr. Sie wurde 1891/92 durch einen Neubau ersetzt. Die Planungsarbeiten hatten schon 1874 begonnen, doch musste die Gemeinde lange auf die obrigkeitliche Bewilligung warten. Die Finanzierung erwies sich als schwierig und erfolgte weitgehend aus außerordentlichen Holzverkäufen aus dem stattlichen Gemeindewald von Breitenbach, die jedoch ebenfalls von der Obrigkeit bewilligt werden mussten. Darüber hinaus erklärten sich die zwölf wohlhabendsten Familien von Breitenbach dazu bereit, während zehn Jahren zehn Prozent mehr Steuern an die Gemeinde zu entrichten, um so den Kirchenbau zu ermöglichen!

Zwei Projekte wurden zunächst ins Auge gefasst: eine Vergrößerung der bestehenden Kirche oder aber ein kompletter Neubau. Bei der ersten Variante wäre der Eingangsturm von 1769 stehen geblieben, was ihr im Dorf einige Sympathie einbrachte. Als jedoch im April 1889 ein an den Kirchhof angrenzendes Gebäude niederbrannte und die Gemeinde das frei gewordene Grundstück erhielt, stand nun ein schöner Bauplatz für einen großzügigen Neubau zur Verfügung. So beauftragte der Kirchenrat den Architekten P. Heinrich, Gemeindebaumeister von Barr, mit der Planung einer neuen Pfarrkirche.

Am 8. Juni 1891 begann der Abbruch der alten Sankt Gallus-Kirche von Breitenbach, und am 16. August erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Gotteshaus. Die Bauarbeiten verliefen nicht ohne tragische Zwischenfälle. Im Herbst 1891 versuchte sich ein italienischer Bauarbeiter am Kirchenportal zu erhängen, konnte jedoch gerade noch vom Strick geschnitten und gerettet werden. Wenige Wochen später stürzte ein Arbeiter – ebenfalls ein Italiener – vom Baugerüst im Chor der Kirche und verunfallte tödlich. Der 26-jährige hinterließ in der Heimat eine Frau und ein neugeborenes Kind, das er im bevorstehenden Weihnachtsurlaub zum ersten Mal gesehen hätte.

Trotzdem: Die Bauarbeiten kamen erfreulich schnell voran, auch weil die Bevölkerung nach Möglichkeit mithalf. Bereits am 18. Dezember 1892 konnte die neue Pfarrkirche Sankt Gallus von Breitenbach benediziert werden. Ihre reiche Innendekoration erhielt die Kirche in den Jahren vor und nach 1900. Das figürliche Programm stammt aus der Mayer’schen Hofkunstanstalt in München (»Kunstanstalt für kirchliche Arbeiten«). Die Ausmalung erfolgte 1907 durch den Colmarer Künstler Jean Weyh. Zwischen 1987 und 1992 erfuhr die Kirche eine gründliche Innenrestaurierung.


Panorama
 
Dieser Inhalt benötigt HTML5/CSS3, WebGL, oder Adobe Flash Player Version 9 oder höher.
Literatur

Barth, Médard, Handbuch der elsässischen Kirchen im Mittelalter, in: Archives de l’Eglise d’Alsace NS XI-XIII (1960-1963).

Billing, Jules, Die Heiligen der Diözese Strassburg, Colmar 1957.

Comité du Centenaire de l’église St Gall de Breitenbach (Hg.), Eglise Saint Gall. Breitenbach, Vall de Villé, Breitenbach 1992.

Hirschfell, Georges, Aperçu historique de Breitenbach jusqu’au XIXème siecle, in: Comité du Centenaire de l’église St Gall de Breitenbach (Hg.), Eglise Saint Gall. Breitenbach. Vall de Villé, Breitenbach 1992, S. 15–26.

Nartz, Theodore, Le Val de Villé. Recherches historiques, Strasbourg 1887.

Siffer, Jean Louis; Wantz, Raymond, L’Eglise de Breitenbach, in: Comité du Centenaire de l’église St Gall de Breitenbach (Hg.), Eglise Saint Gall. Breitenbach. Vall de Villé, Breitenbach 1992, S. 39–63.

Staerkle, Paul, Von den Sankt Gallus-Patrozinien, in: Bischöfliches Ordinariat und Katholischer Administrationsrat St.Gallen (Hg.), Sankt Gallus Gedenkbuch. Zur Erinnerung an die Dreizehnhundert-Jahr-Feier vom Tode des heiligen Gallus am 16. Oktober 1951, St.Gallen 1952, S. 48–74.

Statistisches Bureau des Ministeriums für Elsass-Lothringen (Hg.), Das Reichsland Elsass-Lothringen. Landes- und Ortsbeschreibung, Dritter Theil, Ortsbeschreibung, Strassburg 1901-1903.

Stintzi, Paul, Von den St.Gallus-Patrozinien, in: Archives de l’Eglise d’Alsace 22 (1955), S. 22.

Kennen Sie noch weitere Literatur zu dieser Kirche? Helfen Sie mit, indem Sie uns diese mitteilen. Vielen Dank!

Stand: Dezember 2017